»Gott liebt es nicht nur, unsere Geschichten zu hören, er liebt es,
seine eigene zu erzählen. Und, schlicht und einfach, wir sind die Geschichte, die Gott erzählt. Unsere Leben sind die Worte, die aus seinem Mund kommen.
Diese Einsicht hat die religiöse Phantasie immer angefeuert und sie weigert sich, rationalisiert oder abgetan zu werden. Die Überzeugung,
dass wir die Geschichte Gottes sind, setzt Urimpulse frei und aus einer Mischung aus Trotzigkeit, Dankbarkeit und Nachahmung erwidern wir das Kompliment. 
Wir erzählen die Geschichten Gottes.« – John Shea, Stories of God

Nächster Abschnitt

Der Weg über die Steppe hinaus

Spiritualität für Abenteurer 1

                                                                       Exodus 3

Mose weidete die Schafe und Ziegen seines Schwiegervaters Jitro, des Priesters von Midian. Eines Tages trieb er das Vieh über die Steppe hinaus und kam zum Gottesberg Horeb. Dort erschien ihm der Engel des Herrn in einer Flamme, die aus einem Dornbusch emporschlug. Er schaute hin: Da brannte der Dornbusch und verbrannte doch nicht. Mose sagte: Ich will dorthin gehen und mir die außergewöhnliche Erscheinung ansehen. Warum verbrennt denn der Dornbusch nicht?  Als der Herr sah, dass Mose näher kam, um sich das anzusehen, rief Gott ihm aus dem Dornbusch zu: Mose, Mose! Er antwortete: Hier bin ich. Der Herr sagte: Komm nicht näher heran! Leg deine Schuhe ab; denn der Ort, wo du stehst, ist heiliger Boden. Dann fuhr er fort: Ich bin der Gott deines Vaters, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs. Da verhüllte Mose sein Gesicht; denn er fürchtete sich, Gott anzuschauen.  Der Herr sprach: Ich habe das Elend meines Volkes in Ägypten gesehen und ihre laute Klage über ihre Antreiber habe ich gehört. Ich kenne ihr Leid. Ich bin herabgestiegen, um sie der Hand der Ägypter zu entreißen und aus jenem Land hinaufzuführen in ein schönes, weites Land, in ein Land, in dem Milch und Honig fließen, in das Gebiet der Kanaaniter, Hetiter, Amoriter, Perisiter, Hiwiter und Jebusiter. Jetzt ist die laute Klage der Israeliten zu mir gedrungen und ich habe auch gesehen, wie die Ägypter sie unterdrücken. Und jetzt geh! Ich sende dich zum Pharao. Führe mein Volk, die Israeliten, aus Ägypten heraus!

 

 

Dieser Text ist bekannt als eine Berufungsgeschichte. Das ist er auch. Aber gleichzeitig ist er auch eine Geschichte über die Wege, die abenteuerliche Menschen mit Gott gehen.

 

Wir müssen zuerst den Kontext dieser Erzählung anschauen. Nach Exodus gab es drei Abschnitte im Leben des Mose: 40 Jahre war er in Ägypten. 40 Jahre verweilte er in Midian. 40 Jahre war er auf dem Weg der Befreiung.

 

In diesem Text befinden wir uns an dem Übergang vom zweiten zum dritten Abschnitt. Also, hier ist eine Geschichte, die uns Wege aufzeichnet, wie ein Mensch aus den mittleren Jahren in die reifen Jahre kommt. Hier haben wir es mit einer Reifungsgeschichte zu tun.

 

Und in dieser Erzählung werden uns drei Grenzen aufgezeichnet, die wir überqueren müssen, um ans Ziel des Lebens zu kommen.

 

Der Weg über die Steppe hinaus.

 

Die erste Grenze ist die zwischen Midian und dem Dornbusch. Im Text heißt es, dass Mose über die Steppe hinausgeht. Midian ist der Ort, wo Mose das Familiäre wieder gefunden hat, nachdem er alles Familiäre verloren hatte nach der Flucht aus Ägypten. Hier hat er sich ein neues Leben aufgebaut. Hier ist der Ort, wo alles bequem, geregelt und geordnet ist.

 

Das kennen wir auch, persönlich sowie als Gemeinschaft. Wir kennen Orte, die uns Heimat bedeuten, Orte, wo wir Leben aufgebaut haben und wo wir uns schon gut auskennen. Bedenken wir nur die schmerzhafte Erfahrung, wenn wir Wohnungen, Arbeitsplätze oder andere Lebensverhältnisse auflösen müssen, nachdem wir so viel Zeit und Kraft investiert hatten, um dort Leben aufzubauen. Es hat uns einiges gekostet, hierher zu kommen und das Leben hier zu gestalten.

 

Wie für Mose bedeuten diese Orte uns sehr viel. Wie er kennen wir hier unsere Verantwortung, unsere Rolle und unseren Platz im Leben. In Midian gibt es eigentlich sehr viel, was Mose am Ort bindet, was ihn auch zurückhält. Frau, Kinder, Familienbeziehungen, Lebensunterhalt, Sicherheit bedeuten ihm sehr viel, denn er kam in dieses Land, wie wir früher an unsere Lebensorte kamen, nämlich ohne irgendetwas.

 

Die Frage bleibt: Was bewegt Mose eigentlich, über die Steppe hinaus zugehen? Was wird uns bewegen? Denn hier stehen wir erst vor der ersten von drei Grenzen.

 

Die Antwort ist schlicht, wenn nicht gerade einfach. Nach dieser ersten Grenzüberschreitung kommt es zu einer Gottesbegegnung. Was Mose über die Steppe hinaus treibt ist eine tiefe, intakte Sehnsucht nach Lebensmehrung. Er hat viel und trotzdem sehnt er sich nach mehr, nach anderem.

 

Und in dieser neuen Welt ändern sich die Spielregeln. Schuhe ab! Warum? Weil das die Art und Weise des Gehens und des Benehmens ändert. Wenn wir barfuß gehen, gehen wir langsamer. Wenn wir barfuß gehen, dann treten wir vorsichtiger auf, denn jetzt sind auch wir verletzbar. Wir gehen aufmerksamer, schauen genau hin, wo wir hintreten. Wir trampeln nicht durchs Leben mit der Gleichgültigkeit und Unachtsamkeit, die beschuhte Menschen sich leicht erlauben können. Das ist ein Bild von wachsender Ehrfurcht vor dem Leben und vor dem Geheimnis Gottes. Und das ist ein Bild der Kultur des Abenteurers. Aber hier kommen wir nicht hin, diese Erfahrungen werden wir nicht machen, wenn wir zu Hause bleiben. Dort ist es bequemer, aber dort werden wir dieses überraschende Leben unseres Gottes nicht spüren.

 

Die Fortsetzung folgt.

 

Erik Riechers SAC

Vallendar, den 08. August 2019