»Gott liebt es nicht nur, unsere Geschichten zu hören, er liebt es,
seine eigene zu erzählen. Und, schlicht und einfach, wir sind die Geschichte, die Gott erzählt. Unsere Leben sind die Worte, die aus seinem Mund kommen.
Diese Einsicht hat die religiöse Phantasie immer angefeuert und sie weigert sich, rationalisiert oder abgetan zu werden. Die Überzeugung,
dass wir die Geschichte Gottes sind, setzt Urimpulse frei und aus einer Mischung aus Trotzigkeit, Dankbarkeit und Nachahmung erwidern wir das Kompliment. 
Wir erzählen die Geschichten Gottes.« – John Shea, Stories of God

Nächster Abschnitt

Nicht ohne Gefährten . . .

QUELLE: r. monnerjahn 2019

In einem Zeitschriftenartikel las ich kürzlich von einer Frau, die an sich beobachtet hatte, wie unglaublich schwer es ihr fiel, um Hilfe zu bitten. Ihre Waschmaschine war kaputt und sie musste die Zeit der Reparatur überbrücken. Sie sprach schließlich sehr zögerlich ihre Nachbarin an. Und?  Für die Nachbarin war es eine Freude zu helfen! Sie tranken Tee miteinander, unterhielten sich, während die Waschmaschine lief. Das wiederholte sich in den nächsten Tagen und sie sind seither verbunden, teilen auch anderes miteinander und fühlen sich bereichert über diese Notlage hinaus.

Warum, so fragte sich die Autorin, fällt es uns so schwer, um Hilfe zu bitten? Warum meinen wir, alles allein bewältigen zu müssen?

Wer im Sommer in den Rocky Mountains wandert, wird immer wieder auf Hinweisschilder treffen, die davor warnen, von dieser Stelle an allein weiter zu gehen, so etwa am Lake Moraine: »Es ist gesetzlich vorgeschrieben, von diesem Punkt an in einer Gruppe von 5 oder mehr zu wandern!« Denn hier sind Bären unterwegs auf Nahrungssuche, oft mit ihren Jungen. Vor einer plaudernden Gruppe halten sie sich eher zurück, ein allein Wandernder kann sie unabsichtlich erschrecken und so provozieren.

Was für Bergtouren im echten Sinn des Wortes gilt, können wir übertragen auf lange, herausfordernder Etappen unterschiedlicher Art in unserem Leben – es ist nicht gut, sie allein zu gehen. Wir brauchen Begleiter, Gefährten, Menschen an unserer Seite.  Es gilt, was Gott schon nach der Erschaffung des Menschen sagt: Es ist nicht gut, dass der Mensch allein bleibt. Und er beschließt: Ich will ihm eine Hilfe machen, die ihm entgegensteht. (Gen 2, 18)

Menschen, die miteinander durch schwere Zeiten unterwegs sind und Herausforderungen bestehen müssen, warten aufeinander, kehren füreinander um, wenn es nötig ist, manchmal wachsen sie über sich hinaus in ihrer Treue und Verlässlichkeit. Manchmal sind sie einfach nur da und halten Wache mit uns. Doch widersetzen sie sich auch, widersprechen, wenn es lebensnotwendig und lebensrettend ist. Wenn vor einer Wandergruppe in den Rocky Mountains ein kleiner Bär auftaucht und einige sich ihm fasziniert nähern, erweist sich der als wahrer Gefährte, der sich nicht mitreißen lässt, sondern dagegen stellt und klar macht, dass die Bärin nicht weit sein wird und sie in Gefahr geraten, wenn diese ihr Junges bedroht fühlt. 

Wir sind als Individuen geschaffen, aber nicht für uns selbst, sondern füreinander. Wir brauchen einander, wir ergänzen einander und wir bereichern einander. Das ist die Realität unseres Menschseins, der sich der Priester und Lyriker Andreas Knapp so anzunähern vermag:

 

annäherung an die wirklichkeit

 

nicht durchblicken

sondern anblicken

 

nicht im griff haben

sondern ergriffen sein

 

nicht bloß verstehen

auch zu dir stehen

 

nicht durchschauen

einfach nur anschauen

 

so werden wir wirklich

wir

 

                            aus: Andreas Knapp, Gedichte auf Leben und Tod, 2016

 

Rosemarie Monnerjahn

Vallendar, den 21. Februar 2019