»Gott liebt es nicht nur, unsere Geschichten zu hören, er liebt es,
seine eigene zu erzählen. Und, schlicht und einfach, wir sind die Geschichte, die Gott erzählt. Unsere Leben sind die Worte, die aus seinem Mund kommen.
Diese Einsicht hat die religiöse Phantasie immer angefeuert und sie weigert sich, rationalisiert oder abgetan zu werden. Die Überzeugung,
dass wir die Geschichte Gottes sind, setzt Urimpulse frei und aus einer Mischung aus Trotzigkeit, Dankbarkeit und Nachahmung erwidern wir das Kompliment. 
Wir erzählen die Geschichten Gottes.« – John Shea, Stories of God

Nächster Abschnitt

The Story Exchange

In ihrem Buch »Die Bienenhüterin« sagt Sue Monk Kidd einen bezeichnenden Satz über Geschichten. »Geschichten müssen erzählt werden oder sie sterben, und wenn sie sterben, können wir uns nicht erinnern, wer wir sind oder warum wir hier sind.« Für jeden blühenden Geschichtenerzähler braucht man jedoch einen Geschichten-Hörer. Wo werden die Geschichtenerzähler die Geschichtenhörer finden und treffen?

 

Jedes Jahr, wenn Canada Day (1. Juli) näher rückt, gehe ich zu meinem Bücherregal und ziehe eines der Bücher von Stuart McLean heraus. Er ist eine Legende des Geschichtenerzählens in meiner Heimat. Ab dem Jahr 1994 begann er im nationalen Radio Geschichten über Dave, den Besitzer eines Plattenladens namens »The Vinyl Café«, und die skurrilen Charaktere in seiner Familie und unter seinen Freunden zu erzählen. Er tat dies bis zu seinem frühen Tod an Krebs im Jahr 2017. Eine Million Hörer weltweit schalteten sich jede Woche ein, um die neueste Geschichte zu hören. Später nahm Stuart McLean diese Geschichten mit auf Tournee und reiste durch Kanada und die Vereinigten Staaten, um vor ausverkauftem Publikum persönlich die Geschichten zu erzählen. Die Geschichten wurden nach und nach in einer Reihe von Büchern veröffentlicht und viele Alben wurden ebenfalls veröffentlicht.

 

Jedoch, das Buch, das ich jedes Jahr herausziehe, trägt  den Titel »Time now for the Vinyl Café Story Exchange«. (Zeit für die Vinyl Cafe Geschichten Börse). Im Jahr 2004 begann McLean Hörer einzuladen, ihm ihre eigenen Geschichten zu senden. Jede Woche wählten er und seine Produzentin, Jess Milton, einige aus und McLean las sie in der Sendung vor. Die Regel für diese Geschichten war einfach. »Sie müssen wahr sein. Und sie müssen kurz sein. Aber danach müssen sie überhaupt nichts mehr sein. Danach liegt es an Ihnen.« Und die Leute haben ihm Geschichten geschickt. Tausende von Geschichten pro Jahr.

 

Ein Geschichtenerzähler begegnete seinen Geschichtenhörern und sie wurden wiederum zu Geschichtenerzählern. Wie Jess Milton sagte: »Das ist es, was wir von den Leuten wollten. Sie sollten einen Moment beschreiben, den sie erlebt, gesehen oder gehört hatten. Wir sagten, es könnte ein Moment der Freundlichkeit oder Grausamkeit, der Traurigkeit oder Frivolität sein, ein Moment, auf den sie stolz waren oder über den sie sich schämten. Es musste nicht einmal um sie gehen. Es könnte sich um jemanden handeln, den sie kannten, oder um jemanden, den sie überhaupt nicht kannten. Etwas, das sie zum Lächeln oder Weinen brachte. Glücklich oder traurig. Ein Foto des Lebens, aber mit Worten aufgenommen anstatt mit Film “.

 

In meinem jährlichen Ritual zum Gedenken an Canada Day bin ich voller warmer Erinnerungen, tiefer Dankbarkeit und nicht geringer Sehnsucht nach der Story Exchange (der Geschichten Börse). Und ich bin voller Fragen. Wohin gehen die eine Million Hörer jetzt, um eine gut erzählte Geschichte zu hören? Haben sie die Reihen der narrativen Obdachlosen erweitert? Haben sie einen neuen Treffpunkt gefunden, um neue Geschichten zu achten und zu ehren? Und wo erzählen sie anderen ihre Geschichten? Jedes Jahr wurden Tausende von Geschichten eingereicht, aber wenn es Tausende von Geschichten gab, dann bedeutete das, dass es Tausende von Geschichtenerzählern gab. Wo sind sie alle hingegangen? Haben sie ein neues Zuhause gefunden? Oder sind ihre Stimmen verstummt?

 

Sue Monk Kidd hat Recht. »Geschichten müssen erzählt werden oder sie sterben, und wenn sie sterben, können wir uns nicht erinnern, wer wir sind oder warum wir hier sind.« Im Namen aller in der Zunft der Geschichtenerzähler, von Scheherazade bis Stuart McLean, frage ich: Wo ist heute unsere Story Exchange (Geschichten Börse)?

 

Erik Riechers SAC

Vallendar, den 2. Juli 2020