»Gott liebt es nicht nur, unsere Geschichten zu hören, er liebt es,
seine eigene zu erzählen. Und, schlicht und einfach, wir sind die Geschichte, die Gott erzählt. Unsere Leben sind die Worte, die aus seinem Mund kommen.
Diese Einsicht hat die religiöse Phantasie immer angefeuert und sie weigert sich, rationalisiert oder abgetan zu werden. Die Überzeugung,
dass wir die Geschichte Gottes sind, setzt Urimpulse frei und aus einer Mischung aus Trotzigkeit, Dankbarkeit und Nachahmung erwidern wir das Kompliment. 
Wir erzählen die Geschichten Gottes.« – John Shea, Stories of God

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»Es ist ein Wunder«

Wandlung der Wahrnehmung

Immer früher macht sich in diesen Wochen nachmittags die Dunkelheit breit, immer länger warten wir am Morgen auf das Licht.

 

Zwiespältig ist uns da oft zumute. Wir sehnen uns nach der Leichtigkeit der hellen Feierabende, spüren aber auch, dass uns ruhige, zurückgezogene Abende gut tun. Wir haben Sorge vor schweren, manchmal depressiven Stunden, gerade im November, dem Monat des Totengedenkens. Doch nun stehen uns Zeiten und Räume zur Verfügung für Dinge, die in der Geschäftigkeit sommerlicher Tage zu kurz kommen. So können wir etwa Erfahrungen und Erlebtes nachklingen lassen und die ruhigere Zeit bewusst innerlich pflegen.

 

In mir wirkt das Wort einer jungen Frau, die Lebensbedrohliches durchstanden hat und sich langsam wieder in ihr Leben zurückarbeitet. »Es ist ein Wunder«, sagt sie, auf sich selbst blickend. Hinein gezwungen in eine schwierige Zeit ihres Lebens gewinnt sie einen ganz neuen Blick – nicht depressiv oder jammernd oder auf Defizite blickend, sondern auf die Kraft, die sie in sich spürt, auf das Leben, das sich Bahn bricht. Ihre Wahrnehmung hat sich gewandelt.

 

Das führt mich zu einem Gedicht von Kurt Marti:

 

»es ist ein wunder«

 

es ist ein wunder

was ist ein wunder?

 

gezeugt zu werden

zu zeugen

 

geboren zu werden

zu gebären

 

gelebt zu werden

zu leben

 

geschaffen zu werden

zu schaffen

 

geträumt zu werden

zu träumen

 

geliebt zu werden

zu lieben

 

gebraucht zu werden

zu brauchen

 

gedacht zu werden

zu denken

 

gefühlt zu werden

zu fühlen

 

gestorben zu werden

zu sterben

 

es ist ein wunder

ist ein wunder?

 

es ist

            aus: Kurt Marti: Leichenreden, 2004            

 

 

Könnte es sein, dass die dunkle Jahreszeit zu Unrecht schlecht geredet wird und nicht selten zu »Fluchten« verführt?

 

Oder wäre es möglich, dass diese dunkle Zeit unsere jährliche große Chance ist, in die Tiefe zu steigen und Schätze zu heben? Wir könnten dann erkennen, was wirklich »ist«.

 

Rosemarie Monnerjahn

Vallendar, den 7. November 2019