»Gott liebt es nicht nur, unsere Geschichten zu hören, er liebt es,
seine eigene zu erzählen. Und, schlicht und einfach, wir sind die Geschichte, die Gott erzählt. Unsere Leben sind die Worte, die aus seinem Mund kommen.
Diese Einsicht hat die religiöse Phantasie immer angefeuert und sie weigert sich, rationalisiert oder abgetan zu werden. Die Überzeugung,
dass wir die Geschichte Gottes sind, setzt Urimpulse frei und aus einer Mischung aus Trotzigkeit, Dankbarkeit und Nachahmung erwidern wir das Kompliment. 
Wir erzählen die Geschichten Gottes.« – John Shea, Stories of God

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Der Gletscherhahnenfuß

 

In seinem Buch »Der Gletscherhahnenfuß: Hoffnung und Ermutigung durch eine kleine Blume« beschreibt Reinhold Stecher, warum diese unscheinbare Bergblume ihm am Liebsten unter der Alpenflora ist. »Sie hat weder das strahlende Leuchten des Edelweißes noch das tiefe Blau des Enzians noch das flammende Rot der Alpenrose. Aber der Gletscherhahnenfuß demonstriert eine Vitalität, von der wir alle ein wenig mitbekommen sollten.« (S. 11)

Der Autor sieht diese Blume als »ein bewundernswerter Überlebenskünstler«. In Berghöhen, wo andere Bergblumen nicht überleben können, blüht und gedeiht er. Eisige und harte Winter, tiefe Schneedecken, Gewitter und Hagel kann er bewältigen.

Sein Geheimnis? »Auch wenn das Großklima sehr ungünstig und rau ist, nützen Extrempflanzen wie der Gletscherhahnenfuss ein Kleinklima aus, das sich bei intensiver Sonnenbestrahlung in unmittelbarer Bodennähe zwischen Geröll und in feinen Felsrissen und Steinen entfaltet und das – im engsten Bereich – geradezu tropische Wärmewerte entwickeln kann. Diese winzige Zone hoher Temperaturen nützt unser Gletscherhahnenfuß. Darum kann er auch in abgekürzten Sommertagen zum Blühen kommen. Das Großklima kriegt ihn nicht unter. Er ist ein unentwegter Trotzdemblüher im Kleinklima.« (S.11)

Das Großklima in der Welt, in der Gesellschaft und in der Kirche ist oft rau und ungemütlich. Sei es Terrorismus auf den Marktplätzen, das Ertrinken von Asylsuchenden auf dem Mittelmeer, die Horrorszenarien in Flüchtlingslagern wie Moria, Missbrauchsskandalen in der Kirche oder die verheerenden Wirkungen der Pandemie in der ganzen Welt, wir fühlen uns sehr oft bedroht und hilflos ausgeliefert.

Dann folgt die Resignation. Ich sehe es zu genüge in diesen Tagen. Weil es schwieriger geworden ist, das Leben zu gestalten im Lockdown, ziehen sich manche Menschen völlig aus dem Leben zurück. Ich spreche hier nicht von Menschen, die im direkten Kontakt mit anderen vorsichtig und zurückhaltend sind, sondern von Menschen, die jede Form von Hilfe, jede Möglichkeit und Chance, die das Leben zu bieten hat, selbst inmitten einer tiefen Krise ablehnen. Ganz gleich, was ihnen angeboten wird, ganz gleich, was ihnen vorgeschlagen wird, sie legen ein Veto ein und lehnen alles als unzureichend ab. Sie scheinen nur leben zu können, wenn die Bedingungen optimal sind.

Welche Antwort sollten wir dieser Resignation entgegensetzen? Reinhold Stecher lässt den Gletscherhahnenfuß selbst zu Wort kommen. Und so übergebe ich das letzte Wort meines Impulses an eine Bergblume.

»Nein, du musst in die widrige Welt hineinblühen. Der Wind, dem ich ausgesetzt bin, ist auch kein Blumenstreichler. Aber ich erhasche meinen Anteil Licht und Sonne – und ich nütze ein Kleinklima in meiner unmittelbaren Umgebung und ergreife die Lebenschance, die sich bietet, und besiege damit den kalten Hauch der Höhen. Mich hat noch keine Klimaschwankung kleingekriegt.« (S. 14)

 

Erik Riechers SAC

Vallendar, den 19. November 2020