»Gott liebt es nicht nur, unsere Geschichten zu hören, er liebt es,
seine eigene zu erzählen. Und, schlicht und einfach, wir sind die Geschichte, die Gott erzählt. Unsere Leben sind die Worte, die aus seinem Mund kommen.
Diese Einsicht hat die religiöse Phantasie immer angefeuert und sie weigert sich, rationalisiert oder abgetan zu werden. Die Überzeugung,
dass wir die Geschichte Gottes sind, setzt Urimpulse frei und aus einer Mischung aus Trotzigkeit, Dankbarkeit und Nachahmung erwidern wir das Kompliment. 
Wir erzählen die Geschichten Gottes.« – John Shea, Stories of God

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Die Wüste stirbt an Oasen: Wider die Resignation

Einladungen annehmen

QUELLE: THOMAS HECK ©WWW.DIE-BIBEL-LEBT.DE

Advent lehrt uns sehr viel über die Bedeutung der Vorbereitung für Wüstenwanderer. An diesem Sonntag wendet sich der Fokus auf die Bedeutung des doppelschneidigen Mysteriums der Einladung. In den Lesungen herrscht eine unterschwellige Erwartung an Gott und sein Kommen, diese Vorahnung auf das Kommen des Messias. Aber wo das Kommen eines anderen in unserem Leben Erwartungen weckt, da gibt es auch eine Herausforderung. Werden wir den, der in unser Leben kommt, auch einladen? Oder werden wir uns von Gott einladen lassen, an seinem Leben teilzuhaben? Die Antwort auf diese Fragen ist weder selbstverständlich noch automatisch. Wir alle haben schon Einladungen bekommen, zu Geburtstagen, Festen, Hochzeiten und einer Menge anderer Anlässe. Unsere Reaktionen auf diese Einladungen decken ein weites Spektrum ab, von Freude bis zur Verzweiflung, von Glück bis zur Resignation. Manchmal wollen wir die Einladung annehmen und andere Male wünschten wir uns, dass wir absagen könnten, fühlen uns jedoch verpflichtet anzunehmen, was wir dann auch widerwillig tun.

 

Die erwartete Reaktion der Gläubigen auf das Kommen Gottes ist es, eine Einladung auszusprechen an den, der kommen wird. Maranatha: Komm, Herr Jesus. Diese Seite des Advents wird betont. Aber in den Geschichten Gottes und in den Geschichten des Glaubens ist die Einladung eine Praxis, die auf Gegenseitigkeit beruht. In der Einladung sollten Gott und seine Menschen sich aufeinander zubewegen, um die Mitte des Lebens miteinander zu teilen. Die Kehrseite ist unterentwickelt in unserem geistlichen Leben, nämlich zu lernen, wie wir eine Einladung annehmen sollten von dem, der kommen wird. Es ist ziemlich ironisch, dass wir diese Seite vernachlässigen, denn Weihnachten besteht fast zur Gänze aus Geschichten, in der wir die Einladungen Gottes annehmen sollten. Maria wird von Gabriel eingeladen, die Mutter des Herrn zu werden. Hirten werden von Engelchören eingeladen, Josef wird durch vier Träume eingeladen zu einer Beziehung, einer Umstellung, einer Rückkehr und einer Schutzmaßnahme. Die Sterndeuter nehmen die Einladung eines wandernden Sternes an und später nehmen sie die Einladung des von Gott gegebenen Traumes an, auf anderen Wegen nach Hause zu gehen. Die Weihnachtserzählung erinnert unerbittlich daran, dass, obwohl niemand ihn eingeladen hat, Gott trotzdem aufgetaucht ist. Und das erste, was er tut, ist uns einzuladen, mit ihm die Mitte des Lebens zu teilen. Erst bei Simeon und Anna begegnen wir zwei Menschen, die mit Großherzigkeit, Sehnsucht und Beharrlichkeit Gott eine Einladung aussprachen.

 

Einladungen sind wunderbar. Sie drücken unsere Sehnsucht danach aus, dass jemand zu uns kommen sollte, bei uns bleiben sollte und präsent sein sollte. Diese Sehnsucht wurzelt in der Tatsache, dass der Eingeladene unserem Leben etwas hinzufügt, dass wir durch ihn größere Fülle erfahren. Sollte der Eingeladene nicht kommen können oder wollen, dann spüren wir, dass uns etwas fehlt. Wir spüren, dass wir unvollendet bleiben.

 

Aber eine Einladung ist auch immer ein Risiko. Wir treten in eine neue Beziehung ein, ohne zu wissen, wo sie uns hinführen wird. Welche Herausforderungen stehen mir jetzt bevor? Welche Änderungen werden nötig sein, um die Beziehung möglich zu machen? Vielleicht wird diese Person uns herausfordern und uns bewegen, alte Verhältnisse neu zu überdenken. Manchmal sind die Menschen, die wir einladen, weit komplexer und verblüffender als wir uns das vorstellten.

 

Alles, was ich sagte, trifft allerdings auch auf Gott zu. Die Einladung Gottes drückt eine wahre Sehnsucht nach uns aus, dass wir zu ihm kommen und bei ihm bleiben sollten. Wir fügen dem Leben Gottes etwas hinzu, wonach er sich sehnt, und wenn wir nicht kommen können oder wollen, fehlt Gott etwas. Seine Einladung wird von allen Risiken begleitet, die wir kennen, wenn wir andere einladen. Manchmal sind die Menschen, die wir einladen, weit komplexer und verblüffender als wir uns das vorstellten.

 

Einladungen auszusprechen und anzunehmen ist für uns schwieriger als für Gott, weil wir Angst haben vor der Radikalität der Begegnung, während Gott sie schätzt und genießt. Wir ziehen sichere Mittelmäßigkeit der unsicheren Radikalität vor. Einer der großen Bilder dieser Radikalität ist die Wüste. Sie ist der Ort, wo das Leben auf den wesentlichen Kern reduziert wird. Von jeder Ablenkung befreit, werden wir gezwungen, uns mit den radikalen (Wurzel) Fragen des Lebens, des Glaubens und der Beziehung auseinanderzusetzen. Die Wüste stirbt an Oasen, aber nicht ein für alle Mal. Es gibt immer mehr Wüste. An den Oasen werden wir konfrontiert mit der radikalen Frage, ob wir die Einladung annehmen werden, auf die Fülle des Lebens weiterhin zuzugehen, von einem Hoffnungszeichen zum nächsten, von einer Oase zur anderen. Oder werden wir uns mit weniger als Fülle abgeben und uns niederlassen an einer Oase? Es ist unsere ewige Versuchung, das Vorübergehende in das Permanente zu verwandeln, die erfrischende Oase in unseren permanenten Wohnsitz zu verwandeln.

 

Sollten wir dieser Versuchung nachgeben, warum dann einen einladen, der »stärker ist« als wir? Wir sind schwer versucht zu glauben, dass wir schon alles haben, was wir brauchen. Wohin wir uns auch wenden, sehen wir, womit wir unser Leben füllen. Unsere Kassen und Brieftaschen sind voll. Unsere Garderoben und Häuser sind voll. Die Terminkalender sind voll. Unsere Köpfe sind voll von Nachrichten und Modeerscheinungen. Wer braucht noch eine Einladung Gottes? Wird uns irgendetwas wirklich fehlen, wenn er nicht kommt? Kann es sein, dass wir unsere eigene, billige Variante der Fülle erschaffen haben? Sehnen wir uns nach etwas, größer als uns selbst, oder ist es möglich, dass wir ganz und gar zufrieden sind mit unserer engen, kleinen Welt? Die Frage scheint uns undenkbar, aber sie ist es nicht: Haben wir unsere eigene Erlösung erschaffen?

 

Die Radikalität des Einladens rüttelt an unserer Selbstzufriedenheit und Sattheit. Es gibt keine Ausreden, keinen Ausweg, wenn wir einmal Gott in unser Leben eingeladen haben oder wir seine Einladung annehmen, die Mitte des Lebens mit ihm zu teilen. Lukas führt uns zu diesem Christus in seinem Evangelium. Er überzeugt uns, einen klaren, nüchternen Blick auf den zu werfen, der kommen möchte. Jesus wird von unserem Geld und unserem Reichtum nicht beeindruckt sein, aber von der Mildtätigkeit, die wir üben. Was wir besitzen, wird ihn nicht interessieren, aber was wir verschenken, schon. Der kommende Messias wird nicht von der gerissenen Fähigkeit der Zöllner, die Erfolgsleiter zu besteigen, imponiert sein, aber von ihrer Bereitschaft, gewissenhaft ehrlich zu sein in ihrer Behandlung der anderen. Soldaten werden mit ihrer Macht und Stärke bei dem Herrn nicht Eindruck machen, aber er wird beeindruckt sein von ihrer Willigkeit, die Schwachen zu schützen und den Unterdrückten Güte zu zeigen.

 

Lukas ist ein entschlossener Lehrer in seinem Evangelium. Wir sollten keinen Zweifel haben, dass die Begegnung mit Jesus unsere Illusionen von Sicherheit und Erfüllung auflösen wird. Einladung ist immer verbunden mit der Erkenntnis einer gewissen Leere. Konfrontiert mit der Sehnsucht nach Präsenz, die in jeder Einladung gewoben ist, erkennen wir plötzlich die hohlen, bedeutungslosen und hilflosen Schatten unseres Lebens genau dort, wo diese Präsenz nicht gehegt und gepflegt wird. Rastlos und radikal herausgefordert wird uns plötzlich bewusst, was der wahre Preis ist für die Begegnung mit dem Herrn, der uns dann einlädt, die Mitte des Lebens mit ihm zu teilen.

 

Advent ruft uns dazu auf, Menschen der Einladung zu werden. Wir könnten Jesus einladen zu kommen und die Mauern unserer kleinen, engen Welt niederzureißen. Oder wir könnten seine Einladung annehmen, Menschen zu werden, die lieber hungernd nach großen Hoffnungen leben als vollgestopft von Banalitäten. Die Einladung Gottes an uns sowie unsere Einladung an ihn ist die tiefe spirituelle Herausforderung, uns nicht abzugeben mit den billigen Ersatzmitteln von Macht, Prestige, Besitz und Status. Eine adventliche Spiritualität will das wahrhaft Echte! Menschen der Einladung erwarten mehr als das, was sie sich selbst geben können. Warum sonst jemand einladen? Wie bei Gott, werden ihre Erwartungen über diese Zeit, diese Gesellschaft und über die gängigen, gegenwärtigen Vorstellungen hinausgehen. Unsere Hoffnung, wie die Gottes, übersteigt die Enge unserer eigenen Nöte und umarmt alle Völker, alle Orte und alle Welt.

 

Wir durchqueren die Wüste, weil wir zu einem guten, weiten Land eingeladen sind. Wir laden Gott ein, jeden Schritt dieser Reise mit uns zu gehen. Gott lädt uns ein, Halt zu machen an den Oasen, und dann weiterziehen bis zur nächsten. Die Radikalität der Einladung wird uns immer herausrufen, vorwärts rufen, weiter rufen. Nur so können wir wider die Resignation leben. Einladung zerschmettert die Macht der Hoffnungslosigkeit und des Unglaubens, die uns ummanteln, denn sie führt uns zu der Begegnung, in der wir die Mitte des Lebens mit Gott teilen. Das geschieht immer zuerst an Oasen, nicht im Gelobten Land. Darum stirbt die Wüste an Oasen, bis zum heutigen Tag.

 

Erik Riechers SAC

Vallendar, den 15. Dezember 2018