»Gott liebt es nicht nur, unsere Geschichten zu hören, er liebt es,
seine eigene zu erzählen. Und, schlicht und einfach, wir sind die Geschichte, die Gott erzählt. Unsere Leben sind die Worte, die aus seinem Mund kommen.
Diese Einsicht hat die religiöse Phantasie immer angefeuert und sie weigert sich, rationalisiert oder abgetan zu werden. Die Überzeugung,
dass wir die Geschichte Gottes sind, setzt Urimpulse frei und aus einer Mischung aus Trotzigkeit, Dankbarkeit und Nachahmung erwidern wir das Kompliment. 
Wir erzählen die Geschichten Gottes.« – John Shea, Stories of God

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Von der Aufgabe,

ganz hier zu sein

QUELLE: Monnerjahn 2019

Paul Cézanne verbrachte den größten Teil seines Lebens in seiner Geburtsstadt Aix-en-Provence. Er galt als eigenwillig; das Gefühl, anders zu sein als alle anderen, zieht sich durch sein ganzes Leben und so war die Einsamkeit immer ein Thema für ihn und für die, die von ihm erzählten und schrieben.

 

Über viele Jahre wurde das Gebirge Montagne Sainte Victoire zu einem immer wichtigeren Thema seiner Malerei. Es faszinierte ihn derart, dass er ein Haus oberhalb der Stadt kaufte und dort sein Atelier einrichtete. Von hier ging er oft noch ein Stück bergauf,  um das Gebirge östlich der Stadt besser in den Blick nehmen und malen zu können. Dutzende Male wanderte er ins Kalksteingebirge hinauf. Malen bedeutete ihm, die Natur genau zu beobachten, sich offen mit ihr auseinanderzusetzen und immer tiefere Einsichten über das Wirkliche zu gewinnen, »Konstruktionen und Harmonien parallel zur Natur« (aus »Gespräche mit Cézanne«, 1998) zu finden. Das war bedeutender für ihn als etwas rein Ästhetisches zu schaffen.

 

So entstehen über 60 Gemälde in Öl und Aquarell mit dem Motiv des Mont Sainte Victoire. Unermüdlich gibt er sich dem genauen Schauen und malenden Ausdruck hin bis hin zu fast schon kubistisch anmutenden Bildern.

Ja, er wurde nie fertig, immer war das Licht anders, ging sein Blick tiefer, nahm er Neues wahr: mit großer Passion war er im Hier der stets neuen Betrachtung, gab sich ihr hin, schöpfte daraus und verlieh ihm Ausdruck mit seiner Kunst.

 

Oberflächlich betrachtet ist das Gebirge stets dasselbe und der Himmel in der Provence meist blau.

 

Oberflächlich betrachtet stehen wir oft vor Situationen, Begegnungen, Dingen und Tagen, die uns so altbekannt oder klar erfasst vorkommen, dass wir schnell darüber hinweg gehen. Wir sind so vielen Eindrücke ausgeliefert, dass wir sprunghaft werden und nicht mehr verweilen können. Wir wollen schnell fertig werden mit Gehörtem, mit Geschautem, auch im Umgang mit Beziehungen, dass wir gar nicht mehr wissen, wie das geht: ins Hier und Jetzt zu versinken. Da wir es nicht mehr üben, sind wir manches Mal erschüttert, wenn es uns in ganz besonderen Augenblicken oder Zeiten gar nicht mehr gelingt.

 

Cézanne wollte zum Kern des Geschauten vordringen. Das Gebirge zu sehen, zu malen und dann weiterzugehen, war nie seins. Er konnte sich nicht nur einmal für Stunden dem Objekt widmen, sondern er tat dies immer und immer wieder. Er fand selten Worte für das Entdeckte, sondern versuchte es in seiner »Sprache« auszudrücken.

 

Das, was uns umgibt oder begegnet, was uns vor Augen tritt oder einfach das Hier und Jetzt eines ganz normalen Tages ist, können wir annehmen als Geschenk, als Herausforderung, als Aufgabe – widmen wir uns ihm, lernen wir das Leben in seiner Tiefe und Weite kennen, Schritt für Schritt, unermüdlich, nie fertig.

  

 

Rosemarie Monnerjahn

Vallendar, den 27. Juni 2019