»Gott liebt es nicht nur, unsere Geschichten zu hören, er liebt es,
seine eigene zu erzählen. Und, schlicht und einfach, wir sind die Geschichte, die Gott erzählt. Unsere Leben sind die Worte, die aus seinem Mund kommen.
Diese Einsicht hat die religiöse Phantasie immer angefeuert und sie weigert sich, rationalisiert oder abgetan zu werden. Die Überzeugung,
dass wir die Geschichte Gottes sind, setzt Urimpulse frei und aus einer Mischung aus Trotzigkeit, Dankbarkeit und Nachahmung erwidern wir das Kompliment. 
Wir erzählen die Geschichten Gottes.« – John Shea, Stories of God

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Die Söhne und Töchter der Maskerade

QUELLENANGABE: FOTOGRAFIERENDE © UNSPLASH.COM

Joanna spürte, wie ein Teil der Last von ihrem schweren Herzen abfiel. Als Mitglied der Gilde der Geschichtenerzähler war sie nach Guildhall zurückgekehrt, um den Rat ihres alten Lehrers einzuholen. Das majestätische Gebäude, das auf einer Landzunge mit Blick auf einen breiten, sanft fließenden Fluss thronte, gab ihr ein Gefühl der Ruhe. Es war ein Nachhausekommen für sie. Auf diesem Gelände hatte sie viel von ihrem Talent entdeckt, aber noch viel wichtiger, ihr ganzes Herz. Die sieben Brunnen, die in den weitläufigen und großzügigen Gärten verteilt lagen, waren ihre Lieblingsplätze zum Lesen und Lernen und Lauschen gewesen.

Die Bibliothek von Guildhall war ein Juwel in einem Juwel. Die 32 Wände des Lesesaals bildeten einen großen Kreis. Er ragte zu einer gewölbten Decke hinauf. Jede Wand war mit hölzernen Bücherregalen aus feinstem weißem Kiefernholz verkleidet.  Jeder Quadratzentimeter des Raumes war mit kunstvollen Schnitzereien der Flora und Fauna, den Charakteren der unzähligen Geschichten, die hier untergebracht waren, verziert: die Regale, Tische und Stühle, die Wände und Fensterrahmen, der Stein und das Holz. Der gesamte Raum war eine Geschichte für sich.

Sie entdeckte ihren Lehrer recht schnell, der von Stapeln von Manuskripten und Büchern umgeben war und sich in die Tiefe der Geschichten verlor, die er las. Ab und zu fuhr er sich mit seinen tintenverschmierten Fingern geistesabwesend durch seinen grauen Bart. Sie ging zu seinem Tisch und nahm Platz. Er schaute auf und lächelte. Seine Worte der Begrüßung waren warm und einladend, aber sie waren nur Wiederholungen des Willkommens, das sie bereits in seinem Lächeln gesehen hatte.

Wie viele, die ein aufmerksames Herz gefunden haben, schüttete sie leicht ihre Geschichte des Kummers aus. So erzählte sie ihm die beunruhigende Geschichte ihrer Begegnung mit einer Frau, die sie erst manipuliert und dann verraten hatte. Joanna hatte sie herzlich willkommen geheißen, sich Zeit für die Begegnung genommen und war während des Gesprächs freundlich, offen und vertrauensvoll gewesen. Aber jede Gnade, die sie angeboten hatte, war später verdreht und gegen sie verwendet worden. Sie fühlte sich verraten und, was noch schlimmer war, irgendwie verlegen. Es tat ihr weh. Es schmerzte sie. Es hatte ihr Vertrauen in ihr Urteilsvermögen über den wahren Charakter anderer erschüttert.

Ihr Lehrer wartete, bis die Erzählung beendet war. Dann sagte er. »Ah, meine Freundin, das ist eine Geschichte, die so alt ist wie die Zeit. Die Söhne und Töchter der Maskerade bevölkern unsere Geschichten, seit wir sie zu erzählen begonnen haben, denn sie wandeln immer unter uns. Wenn sie in einer Geschichte auftauchen, bringen sie Feuer, Intrigen und Aufregung mit sich, aber es ist nie so angenehm, ihnen im wirklichen Leben zu begegnen. Sie hinterlassen fast immer Narben auf den Seelen, die sie verwüsten, und das Selbstvertrauen gedeiht nicht, wo ihr Schatten fällt. Die einzige Möglichkeit, sie zu bekämpfen, besteht darin, nicht zu einem von ihnen zu werden. Das ist nicht so einfach, wie du vielleicht erwartest. Sicherlich hast du seitdem schon einmal den Drang verspürt, deine eigene Maske aufzusetzen, deine Gefühle und wahren Absichten zu verbergen. Du wirst sagen, dass dies natürlich alles im Namen des Selbstschutzes geschieht. Doch schon ist ihr Gift am Werk und drängt dich dazu, mehr wie sie zu werden, während du in Wirklichkeit weniger wirst als du bist. Der einzige Weg, sich ihnen nicht anzuschließen, besteht darin, zum Herzen dessen vorzudringen, was sie wirklich sind, den Schleier der Geheimhaltung zu durchschneiden, in den sie ihr wahres Selbst hüllen.«

Er lehnte sich zurück und sah seinen ehemaligen Schützling offen und arglos an.

»Meine Freundin, die Söhne und Töchter der Maskerade tragen Masken, um nach außen hin eine Illusion dessen zu projizieren, was in ihrer inneren Welt nicht existiert. Ihre Welt ist aus Schall und Rauch geschmiedet. Der Gott der Schöpfung hat nie eine Maske gemacht. Er schuf den schönsten Teil des Körpers, das menschliche Gesicht. Jeder Teil davon hilft uns, unsere Geschichten zu erzählen: die Augen, die sich zusammenkneifen oder weiten, der Mund, der sich zusammenzieht und schmollt, die Stirn, die sich in Falten legt und dann wieder geglättet wird, oder die Nase, die zuckt oder ihre Nasenlöcher blähen lässt. Das Gesicht ist der Ort der Begegnung. Es ist ein privilegierter Ort des Geschichtenerzählens.

Die Söhne und Töchter der Maskerade trauen sich also nicht an die Orte des wahren Erzählens. Sie setzen Masken auf, um eine klinische Distanz auszustrahlen, die sie nicht fühlen, um eine Stärke zu projizieren, die nicht durch ihre Adern fließt, und um eine Illusion der Unbesiegbarkeit zu beschwören, die verzweifelt ihre Angst vor allem realen Leben und jeder Begegnung überdecken soll. Manche werden sie sogar tragen, um bei anderen Angst oder Schrecken hervorzurufen.

Sie werden dich nur ihre Augen sehen lassen, aber niemals irgendeinen Teil ihres Gesichts enthüllen, der wirklich kommunikativ ist und uns helfen würde zu interpretieren, was ihre Augen wirklich sagen.«

Damit erhob sich der ältere Geschichtenerzähler steif von seinem Stuhl und gab Joanna ein Zeichen, ihm zu folgen. Er führte sie in die hinterste Nische und zog eine große Doppeltür auf. Dort, auf einem riesigen Mahagonitisch, lag das »Gute Buch«, das kostbarste Gut der Gilde der Geschichtenerzähler. Diese Bibel war aus dem reinsten, klarsten Glas gefertigt. Die Worte waren Seite für Seite in die feinsten, zarten Glasscheiben geätzt.

Ihr Lehrer blätterte vorsichtig die Seiten um. Die großen Kunsthandwerker, die es geschaffen hatten, hatten dafür gesorgt, dass gerade die Zartheit und Zerbrechlichkeit jeder Seite den Leser dazu bringen würde, sich mehr Zeit zu nehmen, aufmerksamer zu sein für jede Bewegung und Begegnung mit den Geschichten. Schon die Herstellung des »Guten Buches« war eine Geschichte für sich.

Schließlich fand der alte Mann die Geschichte, die er suchte. Sein langer und schlanker Zeigefinger ruhte auf einem Vers, als er sich an Joanna wandte und ihr sagte, sie solle die Worte lesen. »Weh euch, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer, ihr Heuchler! Ihr seid wie getünchte Gräber, die von außen schön aussehen, innen aber voll sind von Knochen der Toten und aller Unreinheit. So erscheint auch ihr von außen den Menschen gerecht, innen aber seid ihr voll Heuchelei und Gesetzlosigkeit.« (Mt 23, 27-28)

Als sie fertig war, lud er sie ein, hinter dem Glasbuch Platz zu nehmen. »Nun blicke durch dieselben Worte in die Welt, meine Freundin, und du wirst mit den Augen Gottes sehen.«

Joanna blickte durch die Glasseite, wobei die geätzten Worte zunächst eine klare Sicht verhinderten. Doch dann begannen die Worte zu wirbeln, bevor sie sich teilten wie das Rote Meer vor einem Volk, das sich nach dem anderen Ufer sehnte.

Plötzlich sah sie eine Frau vorbeigehen, eine Tochter der Maskerade. In dem Moment, als die Frau an der Vorderseite des Buches vorbeiging, sah Joanna sie so, wie sie wirklich war. Zu ihrer Überraschung war die Maske noch da. Das Buch enthüllte nicht das wahre Gesicht der Frau. Was Joanna noch mehr erschreckte, war das, was das Buch wirklich offenbarte, nämlich das echte Herz der Frau. Allein der Anblick erschütterte sie zutiefst, und sie schoss in ihrem Stuhl zurück. Das Herz dieser Frau war ein erbärmlicher Anblick. An der Stelle, wo das tiefe Herz eines Menschen schlagen sollte, war eine verschrumpelte, ausgetrocknete, lederne Schale. Als Joanna sich wieder nach vorne beugte, um dieses Herz genauer zu betrachten, erkannte sie, dass es ausgehöhlt worden war. Dann ging die Frau vorbei, die Worte flossen zurück an ihren Platz und sie sah wieder das Wort Jesu: »Weh euch, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer, ihr Heuchler! Ihr seid wie getünchte Gräber, die von außen schön aussehen, innen aber voll sind von Knochen der Toten und aller Unreinheit. So erscheint auch ihr von außen den Menschen gerecht, innen aber seid ihr voll Heuchelei und Gesetzlosigkeit.« (Mt 23, 27-28)

Mit erschrockenen Augen sah sie ihren Lehrer an, der grimmig, aber beruhigend neben ihr stand.

»Sind alle Söhne und Töchter der Maskerade so?«

»Ja«, antwortete er. »Es ist das dunkelste und älteste Geheimnis der Maske. Um zu wirken, muss sie ihre Kraft aus dem menschlichen Herzen schöpfen. Sie denken, sie verbergen ihr Gesicht, aber in Wirklichkeit saugen sie ihr Herz leer.«

Dann lächelte er sie an. »Es tut mir aufrichtig leid zu hören, wie sehr dir diese Frau Kummer bereitet hat, aber der Grund, warum es schmerzt, ist, weil dein Herz noch da ist. Nun komm und trinke einen Kaffee mit mir. Dann, wenn du das Gelände verlässt, bleib du am Rande der Klippe über dem Fluss stehen und wirf die Masken, die du in dir versteckst, in das Wasser des Flusses. Das ist es nicht wert, meine Freundin. Es ist es nicht wert.«

Mit leuchtenden Augen schaute sie ihren Lehrer an, bevor die Worte aus ihr heraussprudelten. »Ich danke Dir,  ich fühle mich schon besser. Ich bin mit meinem Schmerz gekommen und Du hast mir eine Geschichte gegeben.«

Mit einem verschmitzten Grinsen auf den Lippen antwortete er einfach: »Was denn sonst, meine Freundin, was denn sonst?«

 

Erik Riechers SAC

Vallendar, den 6. Mai 2021