»Gott liebt es nicht nur, unsere Geschichten zu hören, er liebt es,
seine eigene zu erzählen. Und, schlicht und einfach, wir sind die Geschichte, die Gott erzählt. Unsere Leben sind die Worte, die aus seinem Mund kommen.
Diese Einsicht hat die religiöse Phantasie immer angefeuert und sie weigert sich, rationalisiert oder abgetan zu werden. Die Überzeugung,
dass wir die Geschichte Gottes sind, setzt Urimpulse frei und aus einer Mischung aus Trotzigkeit, Dankbarkeit und Nachahmung erwidern wir das Kompliment. 
Wir erzählen die Geschichten Gottes.« – John Shea, Stories of God

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Das Wort Gottes kennen lernen

QUELLE: HENRI J.M.NOUWEN, NIMM SEIN BILD IN DEIN HERZ

Vor Jahren hatte ich die Gelegenheit, den großartigen Erzähler Reuven Gold zu hören. An dem Abend erzählte er, frei und ohne Text, Geschichten der Chassidim. Einer dieser Geschichten hieß einfach »Mordechai« und ich erzähle sie Ihnen weiter, wie ich sie in Erinnerung behalten habe:

Genau in der Mitte eines Dorfes, tief im Herzen Russlands, lebte ein frommes, jüdisches Ehepaar. Und mehr als alles andere im Leben, wollten sie ein Kind. Und weil sie sehr fromm waren, beteten sie und beteten sie und beteten sie immer weiter. Und das, zusammen mit erheblichen anderen Anstrengungen, führte dazu, dass die Frau schwanger wurde. Und als sie schwanger wurde, lachte sie lauter als Sarah lachte, als sie Isaak empfing. Neun Monate später kam ein entzückender kleiner Junge auf die Welt, den sie Mordechai nannten.

Mordechai war die Freude und die Wonne seiner Eltern und es war auch richtig so. Er war die Art von Kind, das von allem in der Welt lernte jedes Mal, wenn er mit ihr in Kontakt trat. Er wuchs in Weisheit und Gnade. Und dann kam der Tag, an dem Mordechai zur Synagoge gehen und das Wort Gottes lernen sollte.

In der Nacht, bevor er zur Synagoge gehen sollte, setzten sich seine Eltern zu ihm. Sie erzählten ihm, wie das Wort Gottes ihn halten würde, in guten sowie in schlechten Zeiten. Mordechai nickte mit dem Kopf als Zeichen, dass er verstanden hatte. Aber am nächsten Tag, nachdem er das Haus verlassen hatte, um zur Synagoge zu gehen, kam er nie dort an. Stattdessen befand er sich im Wald, schwamm in dem See und kletterte hoch in die Baumkronen hinauf. Als er abends nach Hause kam, wusste jeder in der engverbundenen Ortsgemeinschaft von ihrer Schande.

So setzen sich seine Eltern noch einmal zu ihm, sie wischten sich die Stirn und sie erklärten ihm die Bedeutung des Wortes Gottes für sein Leben. Er musste in die Synagoge gehen und das Wort Gottes lernen. Aber am nächsten Tag befand er sich draußen im Wald, schwamm in dem See und kletterte hoch in die Baumkronen hinauf. Und als er in der Nacht nach Hause kam, spürten seine Eltern die Schande, die über ihr Haus kam. Sie wussten nicht, was sie tun sollten.

So riefen sie die Experten für Verhaltensänderung. Und die Experten für Verhaltensänderung kamen und sie änderten Mordechais Verhalten, so dass es kein Verhalten in Mordechai gab, das nicht verändert war. Dennoch befand er sich am nächsten Tag im Wald, schwamm in dem See, und kletterte hoch in die Baumkronen hinauf. Und nachts, als er nach Hause kam, wischten sich seine Eltern die Stirn und wussten nicht, was sie tun sollten.

So riefen sie Psychoanalytiker. Und die Psychoanalytiker kamen und lösten seine Blockaden, damit es keine Blockaden gab, die Mordechai blockieren könnten. Dennoch befand er sich am nächsten Tag im Wald, schwamm in dem See, und kletterte hoch in die Baumkronen hinauf. Und seine Eltern waren außer sich. Sie wussten nicht, was sie tun sollten.

Es war zu dieser Zeit, dass der größte Rabbiner von allen, der Baal Shem Tov, zu ihrem Dorf kam. Und die Eltern dachten, »Ach, vielleicht kann der Rabbi helfen!« Und so brachten sie Mordechai zum Rabbi und legten ihm ihre lange, schmerzhafte Geschichte der Pflichtvergessenheit ihres Sohnes vor. Der Rabbi sagte: »Lasst den Jungen bei mir. Ich werde ihn zur Rede stellen.« Seine Eltern waren erschrocken. Es schmerzte sie zutiefst, dass ihr Sohn Mordechai nicht in die Synagoge ging, um das Wort Gottes zu lernen, aber ihn alleine zu lassen mit diesem Löwen von einem Mann schien ihnen fast zu viel verlangt. Aber sie waren schon so weit gegangen und so ließen sie Mordechai beim Rabbiner.  Der große Rabbiner stand groß im Studierzimmer und schaute hinaus in das Vorzimmer, wo der kleine Mordechai stand. Er rief: »Junge, komm her.« Zitternd trat Mordechai vor. Und dann hob der Baal Shem Tov ihn auf und hielt ihn, schweigend und still, an sein Herzen.

Am nächsten Morgen kamen seine Eltern und nahmen Mordechai nach Hause. Und, siehe da, er ging in die Synagoge und lernte das Wort Gottes. Aber wenn er in der Synagoge fertig war, ging er in den Wald. Und er schwamm im See. Und das Wort Gottes wurde eins mit dem Wort des Sees, das eins wurde mit dem Wort des Mordechai. Und er kletterte in den Baum. Und das Wort Gottes wurde eins mit dem Wort des Baumes, das eins wurde mit dem Wort des Mordechai. Und Mordechai wuchs heran und wurde ein großer Mann. Und Menschen kamen zu ihm, wenn sie einsam waren. Mit ihm fanden sie Gemeinschaft. Und Menschen kamen zu ihm, die keine Auswege hatten, und mit ihm fanden sie einen Ausweg. Und er sagte oft: »Ich habe das erste Mal das Wort Gottes gelernt, als der große Rabbiner, der Baal Shem Tov, mich still und schweigend an sein Herz hielt.«

Es ist eines sich zu beschweren, dass heutzutage Menschen das Wort Gottes nicht kennen. Es ist ganz und gar etwas anderes, ihnen ein Herz und etwas Stille als Orte anzubieten, wo sie das Wort Gottes kennen lernen können. Das Wort Gottes so kennen zu lernen, dass es eins wird mit dem Wort der Schöpfung und mit dem Wort meines Lebens, scheint mir eine außergewöhnlich schöne Art, Bekanntschaft mit dem Ersten Geschichtenerzähler zu schließen. Nur dann werden wir jede Geschichte achten und ehren, die Gott uns erzählen möchte.

 

Erik Riechers SAC

Vallendar, den 12. Oktober 2017