»Gott liebt es nicht nur, unsere Geschichten zu hören, er liebt es,
seine eigene zu erzählen. Und, schlicht und einfach, wir sind die Geschichte, die Gott erzählt. Unsere Leben sind die Worte, die aus seinem Mund kommen.
Diese Einsicht hat die religiöse Phantasie immer angefeuert und sie weigert sich, rationalisiert oder abgetan zu werden. Die Überzeugung,
dass wir die Geschichte Gottes sind, setzt Urimpulse frei und aus einer Mischung aus Trotzigkeit, Dankbarkeit und Nachahmung erwidern wir das Kompliment. 
Wir erzählen die Geschichten Gottes.« – John Shea, Stories of God

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Impuls zu Himmelfahrt

Nicht verwaist zurück bleiben

Eine alte Frau starb hochbetagt mit über 90 Jahren. Sie war eine Matriarchin, hinterließ viele Kinder und noch mehr Enkelkinder. Sie alle waren gut miteinander verbunden, oft im Gespräch, viel zueinander und miteinander unterwegs. Aus dem Mund der jüngsten Tochter war damals zu hören: »Nun haben wir eine ganze Welt begraben.«  Wer könnte uns jetzt Anteil geben an Erfahrungen von vor unserer Zeit? Wer sieht die Welt so, wie diese Mutter und Großmutter sie gesehen hat? Wer schenkt uns jetzt die Hilfe, die Weisheit und Tiefe, die nur sie bisher geben konnte?

 

Jeder von uns ist irgendwann verwaist. Vielleicht ängstigen wir uns davor, wenn dieser Augenblick naht. Vielleicht wünschen wir uns, den Gehenden festhalten zu können. Vielleicht fühlen wir uns noch viel zu jung und unreif, um ohne ihn das Leben meistern zu können.
Dann verstehen wir Elischa, den Jünger des großen Propheten Elija. Als der Altgewordenen weiß, dass der Herr ihn in den Himmel aufnehmen wird, will er den Jüngeren schonen und sagt zu ihm: » Bleib hier; denn der Herr hat mich nach Bet-El gesandt.« ( siehe 2 Kön 2)  Doch Elischa will und kann es nicht: »So wahr der Herr lebt und so wahr du lebst: Ich verlasse dich nicht.«  Sogar als die anderen Jünger zu ihm kommen und ihm klar machen wollen: »Weißt du, dass der Herr heute deinen Meister über dein Haupt hinweg aufnehmen wird?«, entgegnet er: »Auch ich weiß es. Seid still!«  Dreimal wiederholt sich dies. Wie schwer ist es, einen Lehrer, Vater, einen Menschen, dem ich mich anvertraute, der mir Weisung und Führung schenkte, loszulassen! Wir wissen genau, dass es kommen wird, und doch können wir den Gedanken daran nicht ertragen und sind überzeugt davon, nie das zu vermögen, was der »Große« vermochte zu tun.

 

Am Jordan angekommen »nahm Elija seinen Mantel, rollte ihn zusammen und schlug mit ihm auf das Wasser. Dieses teilte sich nach beiden Seiten und sie schritten trockenen Fußes hindurch.

 

Als sie drüben angekommen waren, sagte Elija zu Elischa: Sprich eine Bitte aus, die ich dir erfüllen soll, bevor ich von dir weggenommen werde. Elischa antwortete: Möchten mir doch zwei Anteile deines Geistes zufallen.« Nun ist endgültig der Augenblick da – beide Männer wissen es und beide gehen weise damit um. Solch eine Stunde kennen wir, in der wir nicht mehr darum herum reden, ausweichen oder wie ein Kind betteln, dass es nicht geschehen möge. Zwei Anteile des Erbes zu erhalten heißt nach jüdischem Gesetz, die Stellung eines Erstgeborenen zu bekommen. Erstgeborener zu sein ist nicht leicht und so antwortet Elija: »Du hast etwas Schweres erbeten. Wenn du siehst, wie ich von dir weggenommen werde, wird es dir zuteil werden. Sonst aber wird es nicht geschehen.« Diese Bitte kann Elischa nur erfüllt werden, wenn er sich dem Weggang seines Meisters stellt – welch eine Herausforderung, ist dies doch genau das, was er nicht will! So wird er Zeuge: »Während sie miteinander gingen und redeten, erschien ein feuriger Wagen mit feurigen Pferden und trennte beide voneinander. Elija fuhr im Wirbelsturm zum Himmel empor.« Elischa muss diese Trennung miterleben. Es erschüttert ihn bis ins Mark, er schreit heraus, was Elija für ihn und das Volk war, er zerreißt seine Kleider. Er musste und konnte es sehen und aushalten, wie und wohin sein großer Meister ging. Nur so wird er Erbe: auf dem Rückweg über den Jordan wird er wie Elija mit dessen zusammengerolltem Mantel das Wasser teilen und alle anderen Jünger werden erkennen, dass auf ihm, Elischa, der Geist Elijas ruht. Nun ist Elischa in den Mantel Elijas, der ihm einst bei seiner Berufung zu groß war, hineingewachsen.

 

 

Das ist der Weg, wahrhaft Erbe zu werden.

Das ist der Weg, das Erbe würdigend selbst groß zu werden.

 

Darum sagt Jesus zu seinen Jüngern: Wenn ich nicht fortgehe, wird der Beistand nicht zu euch kommen; gehe ich aber, so werde ich ihn euch senden. (Joh 16, 7)

Rosemarie Monnerjahn
24. Mai 2017, Vallendar