»Gott liebt es nicht nur, unsere Geschichten zu hören, er liebt es,
seine eigene zu erzählen. Und, schlicht und einfach, wir sind die Geschichte, die Gott erzählt. Unsere Leben sind die Worte, die aus seinem Mund kommen.
Diese Einsicht hat die religiöse Phantasie immer angefeuert und sie weigert sich, rationalisiert oder abgetan zu werden. Die Überzeugung,
dass wir die Geschichte Gottes sind, setzt Urimpulse frei und aus einer Mischung aus Trotzigkeit, Dankbarkeit und Nachahmung erwidern wir das Kompliment. 
Wir erzählen die Geschichten Gottes.« – John Shea, Stories of God

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Erwachen zum Ich

 

Oh, wie froh bin ich, endlich reden zu können, erst jetzt, da ich schon in die Jahre gekommen bin! Warum konnte ich es so lange nicht?! Wenn ich sprach, schaute ich meist nach unten. Wer wollte mich schon hören!

Nun aber lasst mich ein wenig erzählen:

Ich war der ewig ersehnte Sohn meiner alt gewordenen Eltern. Mein Vater war eine mächtige Erscheinung, kraftvoll noch im Alter; geschickt sorgte er für uns und alles, was zu uns gehörte. Ich schaute auf zu ihm, er machte alles gut und richtig. Einmal allerdings bekam ich fürchterliche Angst, vor ihm – ich verstand ihn nicht, überhaupt nicht – aber darüber kann ich nicht sprechen, niemals!

Wisst ihr, wir sind Nomaden. Unsere Bedeutung wächst mit der Größe unserer Herden, aber auch die Herausforderungen wachsen. Je mehr Tiere, desto mehr Weideland, desto mehr Wasserbedarf. Da kommt es immer wieder zu Konflikten – wir sind ja nicht allein unterwegs! Mein Vater hat das alles immer gut hinbekommen. Ich bin sein Erbe und seit er zu seinen Vätern ging, bemühte ich mich, in seinem Sinn und in seinen Fußstapfen zu wandeln.

Ich blieb mit all meinem Besitz da, wo ich mich auskannte und ich verwaltete mein Erbe gut. Schließlich hatte ich von meinem Vater gelernt, mit der Natur umzugehen; ich wusste, wo die Brunnen sind und kannte die Menschen. Mein Vater hatte viele Probleme und Konflikte gemeistert – so würde ich es auch tun. Und, was meint ihr? Es gelang mir sogar, Ackerland zu gewinnen, die Saat ging auf und so konnte ich die Herden vergrößern. »Wohlhabend« nannte man mich, aber zunehmend mit neidischem Unterton – als wenn ich das nicht gemerkt hätte! Schließlich wurde es mir ins Gesicht gesagt: »Zieh von uns fort; denn du bist uns viel zu mächtig geworden!«

Übel hatten sie mir mitgespielt: alle Brunnen, die noch mein Vater gefunden und aufgegraben hatte und die mir so vertraut waren, hatten sie zugeschüttet. Also grub ich sie mit meinen Knechten wieder auf, gab ihnen die alten Namen, damit wir uns wieder orientieren konnten. So sollten sie bleibend in den Landkarten unseres Gedächtnisses stehen. Jedoch - es war ermüdend. Ich fühlte mich klein. Meine Knechte suchten im Tal nach weiteren Quellen, aber  jedes Mal, wenn sie frisches Wasser gefunden hatten, gab es Zank und Streit mit den Hirten in der Umgebung. Es zermürbte mich. Ich tat alles, um ein guter und erfolgreicher Nachfolger meines Vaters zu sein. Warum wurde ich nicht respektiert? Ich hatte das Gefühl, mich im Kreis zu drehen und immer weniger Luft zum Atmen zu haben. Tief verschüttete Erinnerungen drangen an die Oberfläche, als Kind hatte ich mich schon einmal ähnlich gefühlt, festgebunden und mit einer Angst erfüllt, die mich stumm werden ließ. Damals hatte der Himmel mich befreit – und jetzt? Ich schaute an mir herunter, ich richtete mich auf, ich blickte über dieses so vertraute Tal. »Ich bin ein Mann, kein Kind!« Mit kräftiger Stimme rief ich meine Leute herbei und ordnete an, alles zum Aufbruch vorzubereiten. »Wir verlassen dieses Tal«, sagte ich ihnen, »wir suchen neue Weidegründe.« An ihren Gesichtern sah ich die Erleichterung, sie sahen mir in die Augen und ich konnte ihnen in die Augen sehen. Bald brachen wir auf.

Nun stehe ich hier auf weitem Land. Wir haben Wasser gefunden und ich selbst gab diesem unserem Brunnen einen passenden Namen: »Weite«. Ich kann wieder atmen, ich spüre Zuversicht in mir. Noch mehr: ich glaube, dass ich zum ersten Mal mich selbst wirklich wahrnehme, nicht mehr als Kind, nein, als Mann! Und ich denke bei mir: »Jetzt hat uns der HERR weiten Raum verschafft und wir sind im Land fruchtbar geworden.« Endlich!

Ach Vater, warst du nicht einst aufgebrochen aus allem, was dir vertraut war? Aus deinem Land, von deiner Verwandtschaft, aus deinem Vaterhaus? Du hast alles weit hinter dir gelassen. Ich habe nun immerhin meinen ersten Schritt in die Weite gewagt. Möge er - möge ich - gesegnet sein!

 

Rosemarie Monnerjahn

Vallendar, 10. September 2020