»Gott liebt es nicht nur, unsere Geschichten zu hören, er liebt es,
seine eigene zu erzählen. Und, schlicht und einfach, wir sind die Geschichte, die Gott erzählt. Unsere Leben sind die Worte, die aus seinem Mund kommen.
Diese Einsicht hat die religiöse Phantasie immer angefeuert und sie weigert sich, rationalisiert oder abgetan zu werden. Die Überzeugung,
dass wir die Geschichte Gottes sind, setzt Urimpulse frei und aus einer Mischung aus Trotzigkeit, Dankbarkeit und Nachahmung erwidern wir das Kompliment. 
Wir erzählen die Geschichten Gottes.« – John Shea, Stories of God

Nächster Abschnitt

Auf dem Weg zum Haus des Vaters II:

Starre nicht auf das, was noch kommen wird

»Euer Herz lasse sich nicht verwirren. Glaubt an Gott, und glaubt an mich!

Im Haus meines Vaters gibt es viele Wohnungen. Wenn es nicht so wäre, hätte ich euch dann gesagt: Ich gehe, um einen Platz für euch vorzubereiten?

Wenn ich gegangen bin und einen Platz für euch vorbereitet habe, komme ich wieder und werde euch zu mir holen, damit auch ihr dort seid, wo ich bin. Und wohin ich gehe - den Weg dorthin kennt ihr. 

Thomas sagte zu ihm: Herr, wir wissen nicht, wohin du gehst. Wie sollen wir dann den Weg kennen?

 Jesus sagte zu ihm: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater außer durch mich. Wenn ihr mich erkannt habt, werdet ihr auch meinen Vater erkennen. Schon jetzt kennt ihr ihn und habt ihn gesehen.«

                                                                                                                                            Joh 14, 1-7

Die lähmende Faszination von Welten, die wir noch nicht gestalten können.

 

Wenn wir im Glauben  zu sehr auf das Bild des Hauses fixiert sind auf Kosten des Weges, dann wird diese Fixierung zu einer lähmenden Faszination führen.

Dann reden und denken wir nur noch über eine Zukunft, die wohl besser sein wird als unsere Gegenwart. Wie schön, wohltuend, geräumig, befreiend, entlastend und ruhig es sein wird, wenn wir endlich ankommen. Auch das lenkt uns vom Weg ab, der meistens schwierig, anstrengend, belastend und herausfordernd ist. Was aber am meisten übersehen wird, ist, dass die lähmende Faszination von der zukünftigen Welt uns die Freude und den Genuss des Lebens kosten kann.

 

Es ist wie bei der ersten Kanadareise meines Bruders mit seinen kleinen Kindern: 5000 km von West nach Ost, über 5 Tage. Kaum 100 km nach Beginn der Reise kam die furchterregende Frage zum ersten Mal aus dem Hintersitz: »Sind wir schon da?«  Am fünften Tag saß mein Bruder hinter dem Steuer, verbissen, getrieben, nur noch das Ziel vor Augen. Dort wird er alles finden, was in seinem Wagen fehlt: Freude, Entlastung, Befreiung, Entspannung, Wohlsein und Geborgenheit. Während er zähneknirschend hinter dem Steuer sitzt, wird alles, was das Leben lebenswürdig macht, in eine verheißungsvolle Zukunft verlagert.

 

Aber die Freude des Weges (des Lebens) geht verloren. (Geschweige jeglicher Genuss!). Und dann kam er an: Doch was fand er? Nicht das gelobte Land, das Haus, das Raum für Leben und Freude hat. Nein: er fand, dass er nur seinen Groll, Ärger, Ungeduld und Frust an einen anderen Ort versetzt hatte, 5000 km östlich von seinem Ausgangspunkt. Das verwirrte sein Herz. Und genau davor will uns Jesus bewahren.

 

Es gibt eine Freude des Weges und nicht nur der Ankunft.

Es gibt eine Freude des Schaffens und nicht nur des Ergebnisses.

Es gibt eine Freude des Engagements und nicht nur des Fertigseins.

Es gibt eine Freude der Kreativität und nicht nur des Endproduktes.

Und, obwohl wir es selten sagen, es gibt eine Freude des Lebens und nicht nur des ewigen Lebens.

 

Denn die Sehnsucht nach ewigem Leben in Fülle ist gut, nur wenn wir merken: den Weg dorthin kennt ihr.

 

Auf dem Weg

  •    lernt, die Gerechtigkeit zu lieben.
  •    genießt alles, was mit Liebe zu tun hat.
  •    schätzt die Beziehung hoch.
  •    entdeckt die Freude der Barmherzigkeit.
  •    macht gute Erfahrung mit dem Dienen.
  •    spürt die tiefe Genugtuung des Tröstens.
  •    kostet die Freude des Teilens in vollen Zügen aus.

 

Sollte allerdings das alles auf dem Weg des Lebens nicht unser Ding sein, dann werden bei der Ankunft im Haus des Vaters unsere Herzen verwirrt sein. Denn das Haus des Vaters wird uns wie eine Hölle erscheinen. Zwar eine Hölle mit viel Platz, aber nichts desto weniger, eine Hölle.

 

Denn diese Wohnungen sind eben so geräumig und weit, weil sie Platz bereiten für Gerechtigkeit, Liebe, Beziehung, Barmherzigkeit, Dienen, Trösten und Teilen, und zwar in und mit Gott. Gott sorgt dafür, dass er und sie viel Raum bekommen, auf dem Weg und am Ziel. Wir brauchen uns allerdings nur Sorgen zu machen, dass er und sie viel Raum bekommen auf unserem Weg, in unserem Leben.

 

Interessanterweise identifiziert sich Jesus mit dem Bild des Weges, sieht seine Sendung als Weg, Wahrheit und Leben. Er ist der geliebte Sohn, der uns diesen Weg zeigt, mitgeht und begleitet. Wenn es schon ein Haus voll Glorie ist, dann nur weil es ein Haus voller Leben ist.

 

Huub Oosterhuis schrieb den wunderschönen Text »Am Ende aller Tage«. Aber er schrieb auch den Text »Auf der Erde sollst du wohnen«. Nur wer beides in richtiger Proportion und in der richtigen Reihenfolge beachtet, wird davor bewahrt, völlig verwirrt durchs Leben zu ziehen. Also: »Euer Herz lasse sich nicht verwirren«.

 

Erik Riechers SAC

Vallendar, den 26. April 2018