»Gott liebt es nicht nur, unsere Geschichten zu hören, er liebt es,
seine eigene zu erzählen. Und, schlicht und einfach, wir sind die Geschichte, die Gott erzählt. Unsere Leben sind die Worte, die aus seinem Mund kommen.
Diese Einsicht hat die religiöse Phantasie immer angefeuert und sie weigert sich, rationalisiert oder abgetan zu werden. Die Überzeugung,
dass wir die Geschichte Gottes sind, setzt Urimpulse frei und aus einer Mischung aus Trotzigkeit, Dankbarkeit und Nachahmung erwidern wir das Kompliment. 
Wir erzählen die Geschichten Gottes.« – John Shea, Stories of God

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Dem Wunder Hand und Herz öffnen

Leere Augen, abwesende Gesichter begegnen uns mal hier, mal dort und oft gehen wir selbst so unsere Wege. Wir alle sind immer wieder müde, abgelenkt, ausgelaugt oder einfach nur fern mit unseren Gedanken.

Doch gilt stets das großartige kleine Gedicht von Hilde Domin:

 

»Nicht müde werden

sondern dem Wunder

leise

wie einem Vogel

die Hand hinhalten«

 

Denn es ist eine große Gefahr für uns, je älter wir werden und je beladener wir uns fühlen, dass wir blind werden für das Schöne und Wunderbare, das vor uns liegt und uns geschenkt wird. Ich kannte eine alte Dame, die nur noch selten verreiste, doch die Natur ihrer nahen Umgebung mit so offenen Augen wahrnahm und aufnahm, dass sie mit Jubel auf den Lippen von einem Spaziergang nach Hause kommen konnte. Bis kurz vor ihrem Tod hielt sie täglich dem Wunder ihre offene Hand entgegen und nahm das Heilige wahr.

Aber das ist keineswegs selbstverständlich und muss nicht so sein:

 

Ich kenne Menschen, die aufbrechen zu wunderbaren Zielen nah oder fern, doch dort gefangen bleiben in ihren Themen, sie pflegen und wiederholen, reden und reden, wenn schweigendes Schauen und Eintauchen angebracht wäre. Ihre Hände sind schon gefüllt und halten fest statt sie offen und leer dem Wunder entgegenzuhalten. Andere wiederum können trotz tiefen Leids Trost und sogar Glück erfahren, wenn sie eintauchen in einen Sonnenuntergang am Meer oder die Schönheit der Bergwelt, die Lebendigkeit von Vogelgezwitscher am Morgen aufsaugen oder Kinderlachen am Mittag.

 

Rachel Naomi Remen, eine amerikanische Professorin für Integrative Medizin, ist zeit ihres Lebens geprägt von den Geschichten ihres Großvaters, eines Rabbiners, dessen Weisheit und Liebe sich tief in ihre Seele eingebrannt haben. So schreibt sie: »Tage vergehen und Jahre verschwinden, und wir wandeln blind umher unter Wundern. Herr, erfülle unsere Augen mit Sehen und unseren Geist mit Wissen. Lass es Momente geben, in denen Deine Gegenwart die Dunkelheit, in der wir wandeln, wie ein Blitz erhellt. Hilf uns zu sehen, wohin wir auch schauen, dass der Dornbusch brennt, ohne zu verbrennen. und wir, von Gott angerührte Erde, werden nach dem Heiligen ausgreifen und voller Ehrfurcht ausrufen: ‚Wie ist doch dieser Ort erfüllt von Staunenswertem, und wir wussten es nicht.`«

 

Ja, der Dornbusch kann überall brennen, doch liegt es an uns, die Schuhe auszuziehen und dem Heiligen zu begegnen.

 

 

Rosemarie Monnerjahn

Vallendar, 4. Oktober 2018