»Gott liebt es nicht nur, unsere Geschichten zu hören, er liebt es,
seine eigene zu erzählen. Und, schlicht und einfach, wir sind die Geschichte, die Gott erzählt. Unsere Leben sind die Worte, die aus seinem Mund kommen.
Diese Einsicht hat die religiöse Phantasie immer angefeuert und sie weigert sich, rationalisiert oder abgetan zu werden. Die Überzeugung,
dass wir die Geschichte Gottes sind, setzt Urimpulse frei und aus einer Mischung aus Trotzigkeit, Dankbarkeit und Nachahmung erwidern wir das Kompliment. 
Wir erzählen die Geschichten Gottes.« – John Shea, Stories of God

Nächster Abschnitt

Leben in Fülle - Von Gott gewollt

Vor einigen Jahren erfuhr eine junge Familie in meiner Nähe, dass ihre Freunde in London einen kleinen Jungen bekommen haben, Noah. Das war an einem Sonntag. Am Montag kam die Nachricht, dass Noah ein Down Syndrom-Kind ist. Das erschütterte die Freunde in Deutschland sehr und sie versuchten, den Kontakt zu halten. So erfuhren sie Tage später, dass wohl die Trisomie-21 zu 99% in der 12. Schwangerschaftswoche diagnostiziert worden war, fälschlicherweise wurde aber eingetragen: ». . . zu 99% keine Trisomie-21«. Die junge Mutter ist nun sehr erbittert und klagt: »Damals war es noch nicht Noah für uns und wir hätten uns dagegen entscheiden können.«

Das ging den jungen Leuten in Deutschland nicht aus dem Sinn. Sie haben selbst ein kleines Kind und sie sorgten sich sehr, dass die Mutter Noah nicht annehmen könnte. Und so schrieben sie nach London: »Vielleicht hat Gott es so gewollt, damit Noah lebt, weil es ein ganz besonders Kind ist.«

Und jedes Mal, wenn in den Tagen und Wochen danach ein Foto aus London kam, antworteten die Freunde aus Deutschland, wie schön das Baby ist.

 

Welch unglaubliche Spannung! Auf der einen Seite die Traurigkeit, das Entsetzen und die Bitterkeit mit dem Vorwurf: Hätten wir dies gewusst, hätten wir uns davon befreien können. Auf der anderen Seite das Mitfühlen, die Sorge und das tiefe Vertrauen, dass alles Sinn hat und dass Gottes Pläne für unser Leben weitaus mehr an Fülle und Reichtum bereithalten als wir es ahnen und uns je selbst zutrauen würden.

 

Solche Zeiten fordern uns enorm heraus. Alles wird durcheinander gewirbelt, was wir planten und uns vorstellten. Und wir können nicht mehr hinter diese Stunde zurück. »Hätte ich doch. . . !« hilft uns nicht.

 

Wollen wir nicht ertrinken in Resignation und Bitterkeit, müssen wir uns aufmachen auf den Weg durch gänzlich Unbekanntes. Es wird langsam gehen, stockend, manchmal strauchelnd. Aber es wird auch Stunden und Tage geben, in denen wir staunen über Schönes, Gelungenes, über unsere Kraft und Kreativität. Tränen werden fließen und Mutlosigkeit uns überwältigen, aber es sind auch Gefährten an unserer Seite, die dann mehr sehen als wir und uns erinnern an das Schöne und Gute, das da ist.

 

Kürzlich traf ich die jungen Leute und fragte sie nach ihren Freunden in London: »Oh, wir haben weiter Verbindung! Es geht ihnen gut. Inzwischen haben sie noch eine kleine Tochter. Sie sind glücklich. Noah entwickelt sich – etwas langsamer natürlich. Und im Sommer wollen sie heiraten. Wir sind eingeladen!« Und lachend gingen sie weiter.

 

 

Rosemarie Monnerjahn

Vallendar, den 10. Januar 2019