»Gott liebt es nicht nur, unsere Geschichten zu hören, er liebt es,
seine eigene zu erzählen. Und, schlicht und einfach, wir sind die Geschichte, die Gott erzählt. Unsere Leben sind die Worte, die aus seinem Mund kommen.
Diese Einsicht hat die religiöse Phantasie immer angefeuert und sie weigert sich, rationalisiert oder abgetan zu werden. Die Überzeugung,
dass wir die Geschichte Gottes sind, setzt Urimpulse frei und aus einer Mischung aus Trotzigkeit, Dankbarkeit und Nachahmung erwidern wir das Kompliment. 
Wir erzählen die Geschichten Gottes.« – John Shea, Stories of God

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Die Kunst der sanften Ehrfurcht

Ich bin mir sicher, dass wir alle schon den schönen und unverfänglichen Satz gehört haben: »Jeder macht Fehler.« Jedoch wäre die wahre Frage, wie wir reagieren, wenn wir entdecken, dass wir selbst den Fehler verursacht haben. Oft ist dies eine Zeit der Beschuldigung, manchmal von anderen, die uns Vorwürfe machen und anklagen, aber auch oft auch von innen her, wenn wir uns selbst beschimpfen und geißeln wegen des Fehlers, der uns unterlaufen ist. Es gehört zur großen Kunst des geistlichen Lebens, mit Fehlern gnädig umzugehen, unseren eigenen und denen der anderen. Leider scheint sie auch eine aussterbende Kunst zu sein.

 

Aber nicht ganz. Vor kurzem habe ich ein wunderbares Beispiel gefunden von dieser gnädigen Art, mit Fehlern umzugehen, als ich Recherchen machte über die Kunst und die Erzählung der St. John’s Bibel, der ersten handgeschriebenen und hand- illustrierten Bibel seit 500 Jahren. Die Kalligraphin, die an Markus 3 arbeitete, hatte gerade die Seite fertiggestellt, auf der das Gleichnis vom Sämann und der Saat erzählt wird. Zu ihrer großen Bestürzung bemerkte sie, dass sie eine Zeile übersprungen hatte. Aber das geschah nicht bei einem modernen Computer, auf dem »Entfernen« und »Einfügen« selbstverständlich sind. Weil die Seiten aus Pergament sind, jede Seite von Hand gemacht in einem Prozess, der mehr als einen Tag dauert, schaffen Korrekturen große Probleme. Wenn es sich nur um einen falschen Buchstaben handelt, kann er mit einem Skalpell entfernt werden. Aber wenn eine ganze Zeile fehlt, muss die ganze Seite neu geschrieben werden. Eine ganze Seite sauber zu kratzen beschädigt fast immer das Pergament. Und eine Seite der Bibel mit der Hand kalligraphisch zu schreiben, braucht 7 bis 10 Stunden. Das bereitete große Kopfschmerzen.

 

Aber die Kalligraphen und die Illustratoren fanden eine schöne, leichtherzige und humorvolle Art, mit dem Fehler umzugehen. Erst schrieb die Kalligraphin die übersprungene Zeile unten auf der Seite und rahmte sie dann mit einem Banner ein. Dann wurde ein Seil gemalt und in den Mund eines Vogels gelegt, der hinaufflog zu der Stelle, wo die Zeile im Text fehlt. Wenn wir genau hinschauen, dann zeigt sein Schnabel auf den Platz, in den die Zeile der Schrift hineingefügt werden muss.

 

Wenn Menschen diese Seite der St. John’s Bibel besichtigen, ist ihre Reaktion unverzüglich und universal: sie lachen. Sie erfreuen sich an der kreativen Art, wie die Künstler mit ihrem Fehler umgegangen sind. Das geschieht mehr als einmal im Text, mit solch kreativen Einfällen wie eine Biene, die eine Zeile des Textes über einen Flaschenzug an die richtige Stelle zieht, oder ein Lemur, der seinen Schwanz gebraucht, um ein Stück des Textes zu positionieren.

 

Das ist die hohe Kunst, mit unseren Fehlern zu leben und zu arbeiten. Jesus war darin ein Meister. Die Frau, die beim Ehebruch ertappt wurde, bekommt keine Vorlesung noch wird sie gescholten, beschimpft oder gedemütigt. Es reicht ein leichtes, »Geh, und sündige nicht mehr«. Als Jesus bemerkt, dass seine eigene Reaktion auf die kanaanitische Frau zu scharf war, schlägt er nicht auf seine Brust, sondern bewundert ihren Glauben, laut, öffentlich und mit ganzen Herzen. Er kannte den Weg der schönen, leichtherzigen und humorvollen Korrektur und es erfreute die Menschen zu sehen, wie er mit ihren und seinen Fehlern umging.

 

Stellen wir uns vor, wie viel freudenreicher und sanfter das Leben wäre, wenn wir die heilige Kunst des Lebens und des Liebens mit Gott und einander wiederentdecken würden. Die Kelten glaubten, dass jeder Tag wie ein unbeschriebenes Blatt Pergament ist. Was würde geschehen, wenn wir unsere Tage wie ein Blatt dieses Pergamentes behandeln würden, in Anerkennung seines seltenen Wertes und seiner Kostbarkeit? Dann wären wir nicht bereit, den Tag zu zerstören, indem wir ihn sauber kratzen, nur um einen Fehler zu beseitigen. Dann könnten wir die Fehler und Versehen auf dem Pergament unseres Lebens mit derselben Kreativität und demselben Humor behandeln und damit sicherstellen, dass die Korrekturen, die wir machen müssen, nicht alles zerstören, was davor geschehen ist. Am Ende hätten wir immer noch einen Tag übrig, der auch ein Kunstwerk Gottes ist.

 

Das nenne ich die Kunst der sanften Ehrfurcht. Es ist dieses wunderbare, leichtherzige und erfreuliche Talent, einen Fehler zu berichtigen im Lichte der Erkenntnis, dass alle Tage unseres Lebens die seltene und zerbrechliche Schönheit von handgefertigtem Pergament besitzen. Wenn wir eine sanfte Ehrfurcht vor der zerbrechlichen Schönheit unseres Lebens haben, dann werden wir die Fehler korrigieren, ohne unserem Leben ernsthaften Schaden zuzufügen. Eine wahrhaft hohe Kunst. Vielleicht könnten wir dazu beitragen, dass sie keine aussterbende Kunst wird.

 

Erik Riechers SAC

Vallendar, den 17. August 2017