»Gott liebt es nicht nur, unsere Geschichten zu hören, er liebt es,
seine eigene zu erzählen. Und, schlicht und einfach, wir sind die Geschichte, die Gott erzählt. Unsere Leben sind die Worte, die aus seinem Mund kommen.
Diese Einsicht hat die religiöse Phantasie immer angefeuert und sie weigert sich, rationalisiert oder abgetan zu werden. Die Überzeugung,
dass wir die Geschichte Gottes sind, setzt Urimpulse frei und aus einer Mischung aus Trotzigkeit, Dankbarkeit und Nachahmung erwidern wir das Kompliment. 
Wir erzählen die Geschichten Gottes.« – John Shea, Stories of God

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Die Mitte des Lebens teilen

QUELLE: E.Riechers

Vor kurzem sagte eine Frau zu mir: »Ich will Gott zur Mitte meines Lebens machen«. Das klingt sehr gut, aber ich  konnte es ihr nicht empfehlen. Denn obwohl wir diesen Satz oft wiederholen, müssten wir eine kritische Frage der biblischen Erzählung an uns heranlassen: Wäre das im Sinne Gottes?

Es gibt zwei große Gefahren, wenn wir die Mitte des Lebens gestalten wollen. Die eine Gefahr kennen wir sehr gut und nennen wir sehr klar: Der Mensch macht sich selbst zur Mitte des Lebens und verdrängt Gott. Die Konsequenzen sind uns alle gut bekannt und wir bekommen sie täglich zu spüren. Da wir weder die Weisheit noch die Ressourcen besitzen, um die Aufgabe Gottes auszuleben, stiften wir Unheil. Ich persönlich glaube nicht, auch wenn ich mit Gott hadere, dass die Welt besser aussähe, wenn ich allein das Sagen hätte. Alter und Erfahrung lassen so viel Überheblichkeit gar nicht mehr zu.

Die andere Gefahr ist heimtückischer. Hier sagen wir: »Ich will Gott zur Mitte meines Lebens machen«. Diese Haltung wird oft als Korrektur der ersten Gefahr gedacht. Und darin liegt das Problem. Diese Haltung ist nicht eine Antwort auf das Wort Gottes und seine biblischen Erzählungen, sondern eine Reaktion gegen die erste Haltung.

Aber diese Haltung ist so gefährlich wie die erste. In Markus 2, 1-12 zeigt uns der Erzähler die Gefahr. »Und es versammelten sich so viele Menschen, dass nicht einmal mehr vor der Tür Platz war; und er verkündete ihnen das Wort.  Da brachte man einen Gelähmten zu ihm, von vier Männern getragen. Weil sie ihn aber wegen der vielen Leute nicht bis zu Jesus bringen konnten, deckten sie dort, wo Jesus war, das Dach ab, schlugen die Decke durch und ließen den Gelähmten auf seiner Liege durch die Öffnung hinab.« (Mk 2, 2-4)  Die Menschen wissen, dass Jesus im Haus ist und alle versammeln sich um das Haus, um seinen Worten zu lauschen. Vier Freunde tragen einen weiteren Freund auf der Bahre, um ihn zu Jesus zu bringen, aber die Menge macht keinen Platz und zwingt sie, auf das Dach zu steigen. Markus zeigt uns hier ein Bild, in dem Gott allein die Mitte bildet. Die Konsequenz ist, dass der Mensch dadurch verdrängt wird. Niemand hat einen Blick für den Gelähmten oder für seine besorgten Freunde. Die verheerenden Konsequenzen dieser Szene kennen wir auch: Menschen werden ignoriert durch die Fixierung auf Gott allein. Wenn Gott allein zählt und ausschließlich die Mitte des Lebens bildet, macht die Begegnung mit ihm uns blind für seine Herzensanliegen. Und sein größtes Herzensanliegen, das einzige, wofür er bereit war zu sterben, sind wir, seine Menschen,

Das Herzensanliegen Gottes war es nie, die Mitte unseres Lebens zu sein, sondern die Mitte des Lebens mit uns zu teilen. In der Wüste wollte Gott in der Mitte des Lagers wohnen, in einem Zelt. Das genügte ihm ganz und gar. Dort fühlte sich Gott wohl, dort wo er die Mitte des Lebens mit uns teilen durfte. Als David Gott einen Tempel bauen will, gibt er eine klare Antwort: »Du willst mir ein Haus bauen, damit ich darin wohne?  Seit dem Tag, als ich die Israeliten aus Ägypten heraufgeführt habe, habe ich bis heute nie in einem Haus gewohnt, sondern bin in einer Zeltwohnung umhergezogen. Habe ich in der Zeit, als ich bei den Israeliten von Ort zu Ort zog, jemals zu einem der Stämme Israels, die ich als Hirten über mein Volk Israel eingesetzt hatte, ein Wort gesagt und sie gefragt: Warum habt ihr mir kein Haus aus Zedernholz gebaut?« (2  Sam 7, 5-7).

Könige wollten Gott ein Haus bauen, hoch auf einem Berg einen Tempel errichten. Sie wollten ihn allein in die Mitte stellen. Gott hat sich dagegen heftig, aber erfolglos gewährt. Und schon waren die Propheten im Geschäft, denn sie mussten ständig die Warnung erheben, dass der Gott des Tempels der Gott des Alltags war. Opfer wurden ihm gebracht, aber Gott wollte Gerechtigkeit, Güte, Dienstbereitschaft, Liebe, Barmherzigkeit und Versöhnung. Diese Dinge geschehen aber nicht im Tempel. Sie sind in der Mitte des Lebens beheimatet und sonst nirgendwo. Im Johannes-Prolog wird übersetzt: »Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt«. Wörtlich übersetzt heißt es: »Und das Wort ist Fleisch geworden, und hat in unserer Mitte gezeltet«. Bis heute will er sein Zelt aufschlagen mitten unter seinem Volk. Alles, was uns Menschen ausmacht, alles, was wir erleben und erfahren, alles, was wir durchmachen und durchleiden, will Gott teilen. Das ist und bleibt die Kernaussage der Menschwerdung Jesu.

Kehren wir zu Markus 2 zurück. Sobald die Freunde das Dach abdecken und ihren Freund herunterlassen, teilt Jesus die Mitte des Lebens mit einem verwundeten Menschen. Und sofort geschieht Heilung: Lähmung wird geheilt, ein Mensch kommt wieder in Bewegung und Lebensmöglichkeiten öffnen sich, wo vorher keine waren.

Wir haben einen Gott, der nie zufrieden ist, bevor wir die Mitte des Lebens mit ihm teilen. Wir haben ihm Tempel gebaut und Tabernakel geweiht. Wir haben ihn auf den Podest erhoben, herrlich, erhaben, aber fern von seinen geliebten Menschen. Wir sprechen über unseren Gott mit Worten, die zwar erhaben, aber sehr oft auch lebensfern sind. Wir waren fast immer bereit, Gott die Mitte des Lebens zu überlassen, aber selten ihm das zu geben, was er eigentlich von uns will: die Mitte des Lebens mit ihm zu teilen.

Erik Riechers SAC

Vallendar, den 15.06.2018