»Gott liebt es nicht nur, unsere Geschichten zu hören, er liebt es,
seine eigene zu erzählen. Und, schlicht und einfach, wir sind die Geschichte, die Gott erzählt. Unsere Leben sind die Worte, die aus seinem Mund kommen.
Diese Einsicht hat die religiöse Phantasie immer angefeuert und sie weigert sich, rationalisiert oder abgetan zu werden. Die Überzeugung,
dass wir die Geschichte Gottes sind, setzt Urimpulse frei und aus einer Mischung aus Trotzigkeit, Dankbarkeit und Nachahmung erwidern wir das Kompliment. 
Wir erzählen die Geschichten Gottes.« – John Shea, Stories of God

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»Wundersame Stille«

QUELLENANGABE: aaron burden @ WWW.UNSPLASH.COM

Auffallend ist in diesen Tagen der Drang, ja die Lust so vieler Menschen, hinaus in die helle Vorfrühlingswelt zu gehen. Bilder erster Blüten und neuer Lebenszeichen werden geteilt. So viel Staunen und Freude ist spürbar am Leben der Natur, das sich wieder Bahn bricht.

»An Wundern ist niemals Mangel auf dieser Welt, sondern nur daran, Wunder sehen zu können«, ist für den Fotografen Vincent Munier ein wesentlicher Grundgedanke, den ihm seine Mutter früh mitgab. Kürzlich entdeckte ich den herausragenden Tierfotografen in einer Reportage. Außergewöhnlich beeindruckend sind seine Bilder, ob von Tieren in seiner Heimat, den Vogesen oder aus dem Bergland Asturiens oder dem Norden Kanadas. Doch wachrüttelnd und weise ist das, was der eher scheue Mann ausspricht. Immer hört man den großen Respekt vor den Tieren; es ist ihr Zuhause, in das er sich hineinbegibt, das er aber nie stören will. Er wartet auf Auerhühner in Lothringen mit derselben Geduld und Leidenschaft wie auf Wölfe im Polargebiet. Er nimmt sich viel Zeit, sich hineinzuversetzen in die Lebensweise der Tiere und so an ihrem Leben für eine gewisse Zeit teilzunehmen. Die Anstrengungen und Herausforderungen, die das mit sich bringt, nimmt er auf sich. Es gibt keine Garantie, dass sie hervorkommen, sagt er, es gibt nur die Hoffnung, ein Tier zu sehen. So ist das Fernglas sein Hauptinstrument und das wartende und andächtige Aushalten der Stille seine Stärke - im tiefen Vertrauen auf den Augenblick.

Auf die Frage nach seinem beruflichen Werdegang erzählte er davon, dass es eine frühe Zeit gab, in der er gedrängt wurde, sich anderen Fotografenkreisen anzuschließen. Doch merkte er schnell, dass deren Anliegen oft hauptsächlich mit dem Vermarkten zu tun hatten und mit der Frage, was gewünscht wird und sich gut verkaufen lässt. »Zum Glück bin ich mir treu geblieben«, sagt er, dem Rummel und Getriebe sehr fern sind. Seine Treue zu sich selbst kann ihn heute sagen lassen: »Die Technik steht im Dienste der Magie. Wichtig ist, sie besonnen anzuwenden. Manchmal mache ich einfach kein Foto, um das, was sich um mich herum abspielt nicht zu stören und wirklich nur den Moment zu genießen. Ich suche weder Ästhetik noch Stil, sondern eine wirklich natürliche Annäherung an das Tier in seinem Lebensraum. Man ist nicht da, um die Federn eines Vogels zu zählen. Etwas unscharf, schemenhafte Schatten, verstohlen, weit entfernt: das Wahre und Angedeutete. Ich mag die Idee, nicht alles zu enthüllen, damit ein Bild jedem Einzelnen eine eigene Geschichte erzählt.«

Faszinierend, wie hier ein Mensch ganz authentisch lebt, was in ihm ist und nichts, was außerhalb von ihm ist, manipulieren oder verbiegen muss. Seine Bilder sind Zeugnisse dessen, was er sagt, seine Zufriedenheit dessen, was er lebt - im stillen Einklang mit der Welt und in Respekt vor dem Leben aller, auch der Betrachter. So wird Munier immer wieder zum Boten wahrer Schönheit.

Ein Gedanke des Jesuiten Henri Boulad möge dies vertiefen: »Denn am tiefsten Grund ist das Leben wundersame Stille, und sein Geheimnis ist so überwältigend, wie es seine Schönheit ist. Lautlos tritt alles Wachstum, das biologische wie das geistige, aus einem Herzen hervor, dem die Welt gehört.« (aus: H. Boulad, Die tausend Gesichter des Geistes)

 

Rosemarie Monnerjahn

Vallendar, 25. Februar 2021