»Gott liebt es nicht nur, unsere Geschichten zu hören, er liebt es,
seine eigene zu erzählen. Und, schlicht und einfach, wir sind die Geschichte, die Gott erzählt. Unsere Leben sind die Worte, die aus seinem Mund kommen.
Diese Einsicht hat die religiöse Phantasie immer angefeuert und sie weigert sich, rationalisiert oder abgetan zu werden. Die Überzeugung,
dass wir die Geschichte Gottes sind, setzt Urimpulse frei und aus einer Mischung aus Trotzigkeit, Dankbarkeit und Nachahmung erwidern wir das Kompliment. 
Wir erzählen die Geschichten Gottes.« – John Shea, Stories of God

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Wann greifen wir zu den Steinen?

Es gibt drei Steinigungsszenen im Johannesevangelium.

Die bekannteste Szene ist mit der Frau die beim Ehebruch ertappt wird. In Johannes 8,7 heißt es:

»Als sie hartnäckig weiterfragten, richtete er sich auf und sagte zu ihnen: Wer von euch ohne Sünde ist, werfe als Erster einen Stein auf sie. «

Die zweite Szene ist in Johannes 8, 58-59. »Jesus erwiderte ihnen: Amen, amen, ich sage euch: Noch ehe Abraham wurde, bin ich. Da hoben sie Steine auf, um sie auf ihn zu werfen. Jesus aber verbarg sich und verließ den Tempel. «

Und die dritte Szene befindet sich in Johannes 10, 30-33. »Mein Vater, der sie mir gab, ist größer als alle und niemand kann sie der Hand meines Vaters entreißen. Ich und der Vater sind eins. Da hoben die Juden wiederum Steine auf, um ihn zu steinigen. Jesus hielt ihnen entgegen: Viele gute Werke habe ich im Auftrag des Vaters vor euren Augen getan. Für welches dieser Werke wollt ihr mich steinigen? Die Juden antworteten ihm: Wir steinigen dich nicht wegen eines guten Werkes, sondern wegen Gotteslästerung; denn du bist nur ein Mensch und machst dich selbst zu Gott. «

Eigentlich sind wir für Steinigungen nicht geschaffen, noch sind wir dazu berufen. Am Anfang hat Gott uns mit Lebensatem vollströmen lassen. Das was in Gott ist, fließt aus ihm heraus und in uns hinein. Damit ist das was in Gott an Lebensatem steckt auch in uns gegenwärtig und wirksam.

Allerdings, wenn wir aus diesem Lebensatem Gottes die Welt gestalten wollen, dann müssen wir eine Gefahr erkennen und eine Frage beantworten. Wann greifen wir zu den Steinen?

Um das Gesetz auszuführen? Um Botschaften zum Schweigen zu bringen die wir nicht hören wollen? Um Argumente zu gewinnen, Konflikte zu beenden oder unserer Weltanschauung aufrecht zu erhalten?

In diesen Fällen, und in vielen anderen, greifen wir zu den Steinen als eine schlichte, rohe und gewalttätige Antwort auf schwierige und komplexe Situationen. Aber müssen Steine unsere Antwort auf solche Ereignisse und Erfahrungen sein?
Jesus wählt Lebensatem als seine Antwort. In Wort und Tat nimmt er was in sich ist (Lebensatem) und versucht es in den Menschen um sich hinein zu legen, ja, hinein zu atmen. Jede Geschichte die er erzählt, jede Frage die er sich stellt, jeden Menschen den er sich zuwendet, jede Gebrechlichkeit die er heilt: nie greift Jesus zu den Steinen, weder physische, noch verbale.

Heute fliegen die Steine wieder. Erst flogen die verbalen Steine, die schweren, hasserfüllten, feindlichen und verletzenden Worte die wir aus unserem Inneresten geholt haben, genau aus dem inneren Raum den Gott ursprünglich mit seinem Lebensatem vollströmen ließ. Und dann flogen die physischen Steine, die wir aus der Schöpfung geholt haben, genau aus dem Raum den wir mit diesem Lebensatem Gottes gestalten sollten. Diese Steine werden auf das Fleisch unserer Brüder und Schwestern geworfen, und gegen ihr Hab und Gut geschleudert. Diese Steine hageln herab auf die Fahrzeuge die sie in Sicherhit bringen wollen und prellen gegen die Häuser in der sie Geborgenheit und Beheimatung suchen.

Seit der Reichskristallnacht vor 79 Jahren haben sich die Scherben, die Gebäuden, die Opfer und die Gründe für den steinwerfenden Hass geändert. Die Steine, aber, sind dieselben geblieben. Wann greifen wir zu den Steinen? Bis wir die Frage ehrlich anschauen und beantworten, werden wir eine zweite Frage gar nicht stellen können. Sind Steine wirklich eine würdige Antwort für ein Volk, das Gott hat vollströmen lassen mit Lebensatem?

Erik Riechers SAC
Vallendar, den 09. November 2017