»Gott liebt es nicht nur, unsere Geschichten zu hören, er liebt es,
seine eigene zu erzählen. Und, schlicht und einfach, wir sind die Geschichte, die Gott erzählt. Unsere Leben sind die Worte, die aus seinem Mund kommen.
Diese Einsicht hat die religiöse Phantasie immer angefeuert und sie weigert sich, rationalisiert oder abgetan zu werden. Die Überzeugung,
dass wir die Geschichte Gottes sind, setzt Urimpulse frei und aus einer Mischung aus Trotzigkeit, Dankbarkeit und Nachahmung erwidern wir das Kompliment. 
Wir erzählen die Geschichten Gottes.« – John Shea, Stories of God

Nächster Abschnitt

»Wacht auf, Harfe und Leier!«

Adventlich singen

QUELLE: CHERRY LAITHANG @ WWW.UNSLPASH.COM

»Oma, ist schon Abend?«, fragt in diesen Wochen immer wieder am Nachmittag meine dreijährige Enkelin. Während ich versuche, den Unterschied der Tagesdauer zwischen Sommer und Winter zu erklären, denke ich bei mir: Ja, die Nacht ist lang und sie wird derzeit noch täglich länger.

In einer langen »Nacht-Zeit« lebte der Jesuit Friedrich von Spee. In seiner Zeit tobte der 30-jährige Krieg, auch der Wahn der Hexenverfolgung, was schwer auf ihm lastete. Und immer wieder raffte die Pest viele Menschen dahin.

Ihm war sehr bewusst – und Menschen aller Zeiten kennen es -, was schon Jesaja aussprach: »Das Volk, das im Dunkel lebt, . . . die im Land der Finsternis wohnen, . . .« (Jes 9). Martin Buber übersetzt es so: »Das Volk, die in Finsternis gehen . . . die Siedler im Totenschattenlande«. Welche Dunkelheiten umhüllten und umhüllen Menschen aller Zeiten: die Dunkelheit persönlicher Schicksalsschläge, Orientierungslosigkeit, Krankheiten, Epidemien; die Dunkelheit von Unrecht und Grausamkeiten, von Krieg und Unterdrückung, von Hunger und Vertriebensein. Wie düster wird der Blick, wenn Lebensgrundlagen drohen verloren zu gehen!

Friedrich von Spee zeigt uns einen Weg, wie wir durch solche Zeiten gehen können, ohne uns von der Schwere beherrschen und vielleicht sogar lähmen zu lassen. Er schreibt Lieder, ja er singt!

Eines seiner bekanntesten Lieder ist ein vielgesungenes Adventslied:

O Heiland, reiß die Himmel auf,
Herab, herab, vom Himmel lauf!
Reiß ab vom Himmel Tor und Tür,
Reiß ab, wo Schloss und Riegel für!

O Gott, ein'n Tau vom Himmel gieß,
im Tau herab, o Heiland, fließ!
ihr Wolken, brecht und regnet aus
den König über Jakobs Haus!

Friedrich von Spee erfährt so große, umfassende Finsternis, dass nur ein Aufreißen des Himmels Rettung bringen kann. Es braucht göttliche Macht und Kraft, um Schlösser abzureißen und endlich wieder einen Lichtschimmer sichtbar zu machen. Die Zeit drängt, die Not ist groß, der Retter soll sich eilen, laufen. Es braucht auch die Zartheit Gottes, den »Tau«, der Lebenselixier schenkt. Doch in diesen Nöten darf er nicht tröpfeln, nein, er muss fließen und den Retter eilends mitbringen. Spee hat die Bitte und Vision, dass die düsteren Wolken aufbrechen und der Regen die Rettung ergießen möge, den wahren König seines Volkes.

Sein großes Anliegen und seine begründete Hoffnung macht er zu einem Lied - kein Lied zur Ablenkung oder um die Stimmung ein wenig aufzuheitern. Dieses Lied ist an Gott gerichtet; es leugnet nicht die Wirklichkeit, aber es erzählt von Hoffnung und Visionen, die sich gründen auf Erfahrungen des Volkes Gottes aus uralter Zeit. Nie geht es darum, hier auf Erden angesichts aller Schwere die Hände in den Schoß zu legen oder nur zu protestieren. Nein, das Singen gibt Kraft zum Durchhalten und Weitergehen. Spee selbst starb 1635 mit 44 Jahren bei der Pflege von Pestkranken.

Er hat uns einen Schatz und eine Weisheit hinterlassen: Singt im Dunkel, damit ihr den Mut nicht verliert! Singt von dem, was euch trägt, damit ihr die Hoffnung nicht verliert! Geht mit Gott, singt laut und lange, frohlockend und flehend, weinend und suchend!

Können wir heute in unserem überhellen, blinkenden Advent noch so singen? Üben wir es und üben wir, adventlich zu leben, um dann mit Jesaja zu erfahren: »Das Volk, das in der Finsternis ging, sah ein helles Licht; über denen, die im Land des Todesschattens wohnten, strahlte ein Licht auf.«  (Jes 9, 1)

 

Rosemarie Monnerjahn

Vallendar, den 6. Dezember 2019