»Gott liebt es nicht nur, unsere Geschichten zu hören, er liebt es,
seine eigene zu erzählen. Und, schlicht und einfach, wir sind die Geschichte, die Gott erzählt. Unsere Leben sind die Worte, die aus seinem Mund kommen.
Diese Einsicht hat die religiöse Phantasie immer angefeuert und sie weigert sich, rationalisiert oder abgetan zu werden. Die Überzeugung,
dass wir die Geschichte Gottes sind, setzt Urimpulse frei und aus einer Mischung aus Trotzigkeit, Dankbarkeit und Nachahmung erwidern wir das Kompliment. 
Wir erzählen die Geschichten Gottes.« – John Shea, Stories of God

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Die Brunnen sind überall

QUELLE: r. monnerjahn 2017, Görlitz

Wenn biblische Erzählungen uns zu einem Brunnen führen, dann um dem Hörer ein Signal zu senden. Denn an Brunnen werden Menschen auf die Probe gestellt. Ein Brunnen ist der Prüfstein des menschlichen Herzens.

 

Für Nomaden in Wüstenlandschaften liegt es nahe, dass Brunnen eine solche Bedeutung haben, denn Wasser ist nicht überall in Fülle zu finden und doch unabdingbar für das Leben. Sie brauchen Wasser, um ihren Durst zu stillen, um zu kochen oder zu waschen. Sie brauchen Wasser aber auch, um ihre Herden am Leben zu erhalten, die Tiere, die ihren Lebensunterhalt darstellen. Darum ist Wasser so begehrt. Wenn das Wasser dann auch rar ist und nicht leicht zugänglich, wird es kostbarer und teurer in den Augen derer, die es suchen. Und das Wasser gewinnt noch einmal an Bedeutung und Wert, wenn viele andere es auch brauchen und wollen. In der Marktwirtschaft nennt man das »Supply and Demand«.

 

Das ist aber auch der Grund, warum der Brunnen zum Ort wird, wo das Menschenherz geprüft wird. Wo Begierde und Not sich zeigen, wird das Herz geprüft.  Wie gehen wir mit anderen um, wenn es um das Lebensnotwendige für uns geht? Wie benehmen wir uns, wenn es um unsere Interessen geht, aber auch viele andere ihre Interessen und Nöte haben und anmelden? Fragen steigen in uns hoch in solchen »Brunnen«- Situationen. Bekommen wir unseren Anteil, oder kommen wir zu kurz? Bekommen wir Zugang zu dem, was wir brauchen und wollen? Werden unsere Nöte berücksichtigt? Werden wir warten müssen, während andere zuerst dran kommen, oder müssen wir immer zuerst unsere Interessen sichern und alle anderen können warten?

 

Die biblischen Szenen am Brunnen stellen immer eine penetrante Frage an uns: Haben wir panische Herzen? Das panische Herz entsteht überall dort, wo wir glauben, dass es nicht Brot und Leben und Wasser genug für alle gibt. Und die Brunnen-Situationen des Lebens erzeugen solche panischen Herzen mit außergewöhnlicher Leichtigkeit.

 

In Genesis 24, 11-14 kommt der Diener Abrahams auf seiner Brautsuche für Isaak zu einem Brunnen vor der Stadt Nahor. Er wartet dort und betet: »Siehe, ich stehe an der Quelle und die Töchter der Stadtbewohner werden herauskommen, um Wasser zu schöpfen. Das Mädchen, zu dem ich dann sage: Reich mir doch deinen Krug zum Trinken! Und das antwortet: Trink nur, auch deine Kamele will ich tränken!, sie soll es sein, die du für deinen Knecht Isaak bestimmt hast. Daran werde ich erkennen, dass du meinem Herrn Huld erweist.« Rebekka wird genau das tun und damit dem Diener offenbaren, was für ein Herz in dieser Frau ist. Sie hat kein panisches Herz und darum ist sie in der Lage, anderen zu dienen, auch vor ihrem Eigeninteresse.

 

Eine Generation später wird Rebekkas Sohn Jakob an einem Brunnen stehen, wo er die unsterbliche Geliebte seines Lebens finden wird, seine verehrte Rahel (Gen 29,1-10). Obwohl ein Stein auf der Brunnenöffnung liegt und alle Hirten warten müssen, bis alle Herden sich eingefunden haben, wälzt er den Stein von der Brunnenöffnung, als Rahel mit ihren Herden kommt, und er tränkt ihre Herden. Damit zeigt er eine unkonventionelle Hilfsbereitschaft, die nicht nur nach Plan und Regel abläuft. Und Rahel bekommt eine Offenbarung über das Herz dieses Mannes.

 

Mose setzt sich an einem Brunnen für die sieben Töchter des Priesters von Midian ein. Sie wollen die Herden ihres Vaters tränken, aber die anderen Hirten verdrängen sie. Mose greift ein und verschafft ihnen Zugang zum Brunnen. (Exodus 2, 15-17). Damit offenbart Mose ein Herz, das Partei ergreift für die Schwächeren, auch wenn er persönlich keinen Vorteil davon hat.

 

Wir haben unsere eigenen Brunnen, an denen unsere Herzen geprüft werden. Überall dort, wo wir mit unseren Interessen, Nöten und unserer Lust auf Menschen treffen, die auch ihre Interessen, Nöte und Lust haben, gibt es eine Brunnen-begegnung. Ich stehe am Brunnen, wenn ich beim Ein- und Ausstiegen eines Zuges bin und sehe, wie oft Menschen sich gnadenlos nach vorne schieben oder vordrängeln um einzusteigen,  bevor andere Passagiere ausgestiegen sind. Aber ich erlebe auch Menschen, die warten, die anderen Menschen den Raum und die Zeit gönnen, die sie brauchen. Hier werden Menschenherzen geprüft.

 

Ich stehe am Brunnen, wenn ich in einer Kirche zum Konzert  gehe und die eiskalte Rücksichtslosigkeit gegenüber Menschen erlebe, die langsamer oder gebrechlicher sind. Hauptsache, sie kommen hinein und haben ihren Platz. Aber ich erlebe auch Menschen, die ihre Hilfe anbieten oder sogar Platz machen und räumen, damit andere Raum bekommen. Hier werden Menschenherzen geprüft.

 

Ich stehe am Brunnen, wenn ich an einer Treppe stehe und keiner bereit ist, einem alten Mann zu helfen, seine Last (den Koffer) zu tragen, sondern sich noch genervt an ihm vorbei drängeln. Ich stehe am Brunnen, wenn ein junger Mann sich an mich und einer alte Dame vorbeischiebt und dann jubelt, dass er den letzten Sitzplatz in der S-Bahn ergattert hat. Aber ich erlebe auch freundliche Menschen, die sich Zeit nehmen, um Lasten abzunehmen und galant genug sind, ihre müden Knochen zu heben, um älteren Knochen einen Ruheplatz anzubieten. Hier werden Menschenherzen geprüft.

 

Die Brunnen sind überall. Denn wo Menschen und ihre Interessen zusammen-kommen, prüft Gott ihre Herzen an den Orten ihrer Begegnung. Und an diesen Brunnen werden wir entdecken, was wir wirklich glauben, wer wir wirklich sind, aus welchem Holz wir tatsächlich geschnitzt sind. Die Brunnen sind überall, und im Wasser dieser Brunnen wird unser wahres Gesicht gespiegelt.

Was wollen wir sehen in der Spiegelung?  Was für Menschen wollen wir sein?

 

Erik Riechers SAC

Vallendar, den 18. Januar 2018