»Gott liebt es nicht nur, unsere Geschichten zu hören, er liebt es,
seine eigene zu erzählen. Und, schlicht und einfach, wir sind die Geschichte, die Gott erzählt. Unsere Leben sind die Worte, die aus seinem Mund kommen.
Diese Einsicht hat die religiöse Phantasie immer angefeuert und sie weigert sich, rationalisiert oder abgetan zu werden. Die Überzeugung,
dass wir die Geschichte Gottes sind, setzt Urimpulse frei und aus einer Mischung aus Trotzigkeit, Dankbarkeit und Nachahmung erwidern wir das Kompliment. 
Wir erzählen die Geschichten Gottes.« – John Shea, Stories of God

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In deine Liebe berge ich mich ein

Kürzlich gab es einen Morgen, an dem in mir am Ende des Betens ein tröstlicher Gedanke aufstieg: »In deine Liebe berge ich mich ein.« Ich weiß nicht, wo er herkam oder ob ich ihn schon einmal gelesen oder gehört hatte. Aber er war so klar in mir, so bestärkend und ermutigend, dass ich sanft und leicht in den Tag gehen konnte.

Ist nicht in uns allen eine große Sehnsucht nach Geborgenheit, danach sich bergen zu können in Liebe? Diese Liebe ist uns geschenkt, doch in Zeiten, in denen ich von einer Aufgabe zur nächsten eile, ohne innezuhalten, spüre ich sie meist nicht, denn ich bin so damit beschäftigt, alles zu regeln, Fäden in der Hand zu halten, mich zu kümmern und zu sorgen. Kein Wunder also, wenn ich in solchen Zeiten irgendwann das Geborgensein vermisse. Denn um dies zu erspüren, brauchen wir die Begegnung mit dem Geheimnis Gottes, der die Liebe ist, wir brauchen Zeit und Raum!

Reinhold Stecher, der langjährige Bischof von Innsbruck, schrieb einmal über das Beten, das uns ja genau dies ermöglichen will, nämlich Zeit und Raum für Gott zu haben:

 

»Das Beten ist das Handy mit Sendebereich in die Ewigkeit, das ich immer bei mir trage. Im Gebet versuche ich, meine kleine Geige mit dem großen Orchester des Heilswillens Gottes abzustimmen. Das Beten wird auch immer wieder Antworten bekommen. Wer es beharrlich übt, erlebt das, auch wenn die Antworten Gottes nicht immer dieselben sind, die wir erwarten. Aber es gibt so etwas wie einen geheimen Segen, der da und dort auftaucht, manchmal in überwältigender und überraschender Form. Man wird mit Lösungen konfrontiert, sie man nicht erwartet hat, mit Wendungen, an die man nicht gedacht hat. Probleme lösen sich, an denen man halb verzweifelt ist. Es kommt Hilfe, mit der man nie rechnen konnte - und manchmal zieht ein Friede ins Herz, den man lange umsonst gesucht hat.«

 

Mir kommt ein Gespräch mit einem Mann in den Sinn, in dem er nicht vom Beten sprach, aber von schweren Zeiten seines Lebens und wie er sie durchschritten ist. Am Ende sagte er, dass er sein Leben liebe, dass über allem ein großer Plan stehe und wir alle gesegnet seien. Dieser Friede ist in der Stille seines Herzens gewachsen. Seine Worte und sein Gesicht zeigten mir, was es bedeutet, in der Liebe Gottes geborgen zu sein.

 

Rosemarie Monnerjahn                                  

Vallendar, 15. September 2022