»Gott liebt es nicht nur, unsere Geschichten zu hören, er liebt es,
seine eigene zu erzählen. Und, schlicht und einfach, wir sind die Geschichte, die Gott erzählt. Unsere Leben sind die Worte, die aus seinem Mund kommen.
Diese Einsicht hat die religiöse Phantasie immer angefeuert und sie weigert sich, rationalisiert oder abgetan zu werden. Die Überzeugung,
dass wir die Geschichte Gottes sind, setzt Urimpulse frei und aus einer Mischung aus Trotzigkeit, Dankbarkeit und Nachahmung erwidern wir das Kompliment. 
Wir erzählen die Geschichten Gottes.« – John Shea, Stories of God

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Nimm die Geschichten ernst III

Eine Episode ist noch keine Geschichte

Kurz nach Weihnachten 2016 war ich im Zug, als ich einen Mann bemerkte, der mir gegenüber saß und immer wieder das Buch anschaute, das ich gerade las. Schließlich sprach er mich an und erzählte mir, dass seine Frau ihm das gleiche Buch zu Weihnachten geschenkt hatte, dass er es zu lesen begonnen hatte, aber noch nicht sehr weit gekommen wäre. Kurz vor der Ankunft habe ich das Buch zu Ende gelesen und schloss es. Er schaute hoch und fragte mich: »Können Sie mir einfach sagen, wie es endet?« Spontan antwortete ich: »Wenn Sie nur wissen wollen, wie das Buch endet, sind Sie der Geschichte nicht würdig.«

Ich habe dem Mann diese Antwort mit einem Lächeln gegeben, aber es war mir todernst. Die Geschichten ernst zu nehmen, unsere eigenen sowie die Erzählungen Gottes, erfordert von uns, dass wir lernen, jeden Vorfall, jede Phase und jeden Schritt, jedes Ereignis und jede Bewegung als bedeutend zu sehen. Wir dürfen nichts überspringen in der Geschichte unseres Lebens aus demselben Grund, warum wir nichts überspringen in den Erzählungen Gottes: in dem Augenblick, wo wir das tun, können wir weder die Geschichte, die wir hören, noch die, die wir leben, tief und stimmig auslegen.

Ich habe diese Lektion von meinem geliebten Lehrer gelernt. Wenn ein Mensch auf einen bestimmten Vorfall seines Lebens fixiert war, zum Nachteil von allem anderen, was in seinem Leben ablief, sagte er: »Eine Episode ist noch keine Geschichte«. Wenn die Person sich dann weiterhin auf dieses Vorkommnis fixierte, nahm er ein altes Buch und bat die Person bis zum nächsten Gespräch, das Buch zu lesen und zusammenzufassen. Dann riss er ein Kapitel heraus und überreichte es seinem Gegenüber, behielt aber den Rest des Buches für sich. Zwangsläufig würde sein Gesprächspartner zu ihm sagen: »Sie können nicht erwarten, dass ich das Buch zusammenfasse, wenn Sie mir nur ein Kapitel davon geben!« Darauf antwortete er: »Das überrascht mich, denn während unseres Gespräches behaupten Sie, dass Sie genau das tun können. Sie haben eine Episode Ihres Lebens herausgerissen und bestehen darauf, dass es die ganze Geschichte Ihres Lebens ist. Auf einem Teil Ihres Lebens herumzureiten und zu fixieren ergibt noch keine Geschichte und erzählt auch keine Geschichte.«

Eine Episode ist noch keine Geschichte. Eine Geschichte ist eine Langstrecken-Erfahrung. Eine Geschichte ist eine lange Reise und, wie bei allen langen Reisen, beinhaltet sie viele Episoden, viele Erfahrungen, viele Ereignisse und viele Proben. Keine einzige Episode fasst eine Geschichte zusammen. Das ist auch wahr für unsere persönlichen Geschichten mit Gott. Wir können so fixiert sein auf eine bestimmte Erfahrung, dass wir alle anderen Teile der Geschichte, die Gott in unser Leben webt, ignorieren. Wir werden so besessen von einem Versagen, einer Sünde, einem Augenblick der Gebrochenheit, einer Zeit der Trauer, und dann erzählen wir davon, als ob es keine Erfolge, keine Gnade, keine Augenblicke des Heils und keine Zeiten der Freude gäbe. Indem wir das tun, erzählen wir eine Geschichte, die es eigentlich nicht gibt, denn unsere Leben sind reicher und komplexer als nur eine Episode, egal wie schmerzhaft oder wichtig sie auch sein mag.

Während des Zweiten Weltkriegs initiierte der amerikanische Rundfunksprecher Paul Harvey eine Serie mit dem Titel »The Rest of the Story« (Der Rest der Geschichte). Er erzählte eine Geschichte, in der den Hörern wenig bekannte oder längst vergessene Fakten gegeben wurden. Ganz am Ende der Geschichte enthüllte er eine überraschende Tatsache, meistens den Namen einer berühmten Person, von der die Geschichte handelte. Die Sendung endete mit dem bekannten Satz: »And now you know the rest of the story.« (Und jetzt kennen Sie den Rest der Geschichte). Paul Harvey war ein beliebter Erzähler und wenn Menschen gefragt wurden, was sie am meisten an seinen Geschichten liebten, dann sprachen sie immer von der überraschenden Wende am Ende der Geschichte. Bis zum Ende konnte man nie sicher sein, wie die Geschichte ausgehen würde und wovon es handelte. Er hielt sie in Spannung bis zum Ende. Er bezauberte zwei Generationen von Radiozuhörern, indem er uns beigebracht hat, dass eine Episode keine Geschichte ist. Wir waren immer auf der falschen Fährte, bis wir den Rest der Geschichte kannten.

Der Urheber dieser Erzählart ist Gott. Was lässt uns glauben, dass wir unsere Geschichten treu und stimmig auslegen können ohne den Rest der Geschichte?  Unsere eigenen Geschichten, von Gott erzählt und vom Geist gewoben, sind voller überraschenden Windungen und Verrenkungen und wir werden weder uns selbst noch den anderen gerecht, wenn wir unser Leben auf eine Episode reduzieren. Lasst uns die Grazie und den Stil zurückerobern, in der die ganze Geschichte erzählt wird, ohne sie abzubrechen, bevor wir vor Gott und seinen geliebten Menschen sagen können: »Und jetzt kennt ihr den Rest der Geschichte.«

Erik Riechers SAC

Edmonton, Alberta, Kanada, den 09. August 2018