»Gott liebt es nicht nur, unsere Geschichten zu hören, er liebt es,
seine eigene zu erzählen. Und, schlicht und einfach, wir sind die Geschichte, die Gott erzählt. Unsere Leben sind die Worte, die aus seinem Mund kommen.
Diese Einsicht hat die religiöse Phantasie immer angefeuert und sie weigert sich, rationalisiert oder abgetan zu werden. Die Überzeugung,
dass wir die Geschichte Gottes sind, setzt Urimpulse frei und aus einer Mischung aus Trotzigkeit, Dankbarkeit und Nachahmung erwidern wir das Kompliment. 
Wir erzählen die Geschichten Gottes.« – John Shea, Stories of God

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Sänger der Sehnsucht

Mit Dank an Jesaja

Quellenangabe: R. Stecher-Kalender 2018

Ich singe mit Sehnsucht von meinem Gott,

der mich mehr vermisst als ich ihn.

Er lässt meine Herzenswüste mit Hoffnungsschimmern blühen

und meine ausgetrocknete Seele überrascht er mit unerwarteten Oasen.

Seine Zärtlichkeit nimmt die Säuglinge an die Hand,

damit sie auf weichen Knien erste Trippelschritte wagen dürfen,

und seine Milde nimmt meinen zitternden Arm, um meine wackligen Knie zu stützen,

damit ich die letzten Schritte noch schaffe.

Die kleinen Hände, die sicherer werden wollen, stärkt er,

die Hand meines Alters, die mal sicherer war, streichelt er, bis sie sich wieder beruhigt.

 

Ich singe von der sanften Stärke meines Gottes,

der mich durch ein Kind leitete,

zu dem heiligen Berg eines Kindertheaters,

wo junge Augen sich weiteten vor Staunen,

ein blonder Kopf sich neigte vor Bewunderung,

ein junges Mädchen eine Stunde lang auf dem Stuhl kniete,

weil ihre Augen die Herrlichkeit aufsaugten.

Und mein Kopf neigte sich,

denn hier erstrahlte in der Finsternis des Theaters ein helles Licht,

und das Land meines Herzens war erfüllt von der Erkenntnis des Herrn.

 

Die Hand einer Fremden reichte mir eine kleine Tasse Kaffee,

die ich bekam, ohne Geld, ohne Bezahlung.

Liebevoll bereitet von der Hand einer Flüchtenden,

hob sie mich in Beheimatung in Räume, die mir gehören.

Wunderbar ist mein Gott, der jede Träne wegwischt,

aber auch Tränen weben kann aus Zeit, Aroma, Hingabe

und dem scheuen Verlangen, wahre Dankbarkeit zu zeigen.

 

Ich singe mit Sehnsucht von meinem Gott,

dem keine Imbissbuden reichen,

sondern der Tische deckt,

dem Billigware nicht genügt,

sondern der nur feinste Speisen und edelste Weine auftischt,

den mein Heißhunger nicht kaltlässt,

den es schmerzt, wenn ich Leben vergeude

für das, was kein Leben trägt.

Mein Gott feilscht nicht mit mir um den Preis.

Meine Kreditwürdigkeit belächelt er,

denn sie kann mir keine Reservierung ergattern.

Schmunzelnd zeigt er mir, dass mein Name auf der Gästeliste steht,

die er auf seiner Hand geschrieben hat.

 

Er hielt schon unsere Mütter und Vater in seinen Armen.

Bis heute vergisst er niemals unsere Namen, während er uns wiegt

und Schlummerlieder durch unsere Alpträume summt,

während er uns an sein Herz schmiegt.

Und so wurde ich als sein Kind geboren.

Und so habe ich ihm einen Sohn geschenkt.

 

Erik Riechers SAC

Vallendar, den 16. Januar 2020