»Gott liebt es nicht nur, unsere Geschichten zu hören, er liebt es,
seine eigene zu erzählen. Und, schlicht und einfach, wir sind die Geschichte, die Gott erzählt. Unsere Leben sind die Worte, die aus seinem Mund kommen.
Diese Einsicht hat die religiöse Phantasie immer angefeuert und sie weigert sich, rationalisiert oder abgetan zu werden. Die Überzeugung,
dass wir die Geschichte Gottes sind, setzt Urimpulse frei und aus einer Mischung aus Trotzigkeit, Dankbarkeit und Nachahmung erwidern wir das Kompliment.
Wir erzählen die Geschichten Gottes.« – John Shea, Stories of God

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Entwurzelt

BILDQUELLE: ROSEMARIE MONNERJAHN

 

Ein Mädchen, das seit der Trennung seiner Eltern bei seinem Vater lebte, der gerade die Beziehung zu einer Freundin ausbaute und vertiefte, saß einmal weinend bei seinen Großeltern, des dauernden Pendelns überdrüssig: »Ich weiß gar nicht mehr, wo ich hingehöre – nach Neuwied, nach Köln oder zu euch!«

Wir brauchen ein stabiles Wurzelwerk in der Tiefe, damit wir uns in die Weite dehnen und bewegen können. Die vielen entwurzelten Bäume nach einem Tornado, der kürzlich meine Heimat durchzog, machen mir das wieder sehr deutlich. Die besten Chancen, solch eine gewaltige Kraft zu überstehen, haben gesunde Bäume mit tiefen Pfahlwurzeln. Sie werden vom Sturm in die Horizontale gebogen, verlieren Zweige, doch werden sie nicht herausgerissen und können sich am Ende wieder aufrichten. Anders ist es für die Bäume, deren Wurzeln zwar weit ausgebreitet sind, aber kurz und nur im flachen Boden verankert. Sie können den Baum im Sturm nicht halten. Wenn Trockenheit hinzu kommt und sie vielleicht schon länger keinen Kontakt zum tiefer liegenden Wasser hatten, ist das Risiko noch größer.

So ist es mit uns Menschen.

Wir sind existentiell darauf angewiesen, uns gut und tief einzuwurzeln, damit wir die Stürme des Lebens überstehen können. Jedes Menschenkind ist darauf angewiesen, sich im Boden stabilen Urvertrauens einzunisten in der sicheren Geborgenheit derer, zu denen es gehört, die da sind, es nähren, halten und begleiten. Das alles braucht viel Zeit, freie Räume und Beständigkeit. Wie ein Baum braucht das Kind gute Nahrung, Wasser, Licht und Luft, um in die Tiefe und Höhe zu wachsen, und in allem uneingeschränkte Liebe. Es scheint so natürlich und einfach, und doch sind so viele Menschen entwurzelt. Liegt es an zu »leichter« Kost, allzeit verfügbar, schnell sättigend, doch nicht lebensspendend? Nährt der Boden nicht mehr? Mühen wir uns nicht, unsere Wurzeln in die Tiefe zu treiben?

In diesen Tagen werden in den Medien viele Geschichten gezeigt und erzählt von Dolly Parton, der Country- und Pop-Sängerin aus Tennessee, die ein Vermögen investierte in Wohltätigkeit und deren Tod Millionen Menschen betrauern. Ich glaube, das offene Geheimnis ihres außergewöhnlichen Lebens ist, dass sie trotz ihres unglaublichen Erfolges mit ihren Wurzeln tief verankert blieb in ihren Bergen von Tennessee. Sie sang liebevoll davon in ihren Liedern, sie behielt immer die Verbindung, pflegte sie und zeigte sie der Welt. Und nicht nur das: Sie hob  dabei immer heraus, was sie groß werden ließ: ihre Verwurzelung im Glauben. Von Gott zu kommen und zu ihm unterwegs zu sein, in jedem Menschen das göttliche Licht zu suchen und zu finden, das Gebet nie abreißen zu lassen – das ließ sie groß von sich denken, dadurch konnte sie sich stets nach kreativen Möglichkeiten, nach weiterem Wachstum ausstrecken.

Sie war ein Mensch, den Psalm 1 glücklich preist, ein Mensch, der »Gefallen hat an der Weisung des HERRN, bei Tag und bei Nacht über seine Weisung nachsinnt. Er ist wie ein Baum, gepflanzt an Bächen voll Wasser, der zur rechten Zeit seine Frucht bringt und dessen Blätter nicht welken. Alles, was er tut, es wird ihm gelingen«.

Werden wir solche Menschen! Die Welt braucht sie. Mögen wir aus der Kraft unserer Wurzeln anderen helfen, in die Tiefe zu wachsen, um wahrhaft leben zu können. Mögen Kinder wie das Mädchen damals bei uns Beständigkeit erfahren und etwas von der Quelle, aus der wir schöpfen. Vielleicht können wir füreinander der Boden werden, der Halt und Nahrung schenkt. Vielleicht können wir da, wo wir stehen, der drohenden Entwurzelung unserer Menschen entgegen wirken. Vielleicht werden wir zur Heimat und schenken Zugehörigkeit.

 

Rosemarie Monnerjahn

Vallendar, 3. September 2026