Finde dein Zuhause!
BILDQUELLE: ROSEMARIE MONNERJAHN, CNOC SUAIN 2014
Manchmal werden wir Zeugen einer unscheinbar wirkenden Begebenheit und spüren im Nachklang, dass es alles andere als dies war, sondern ein »Edelstein«, ein besonderes Medaillon, das sich uns dauerhaft aufs Herz legt.
So ging es mir, als ich in einem Café ein munteres Gespräch mithörte zwischen einem etwa 10-jährigen Mädchen und seinem Großvater. Sie erzählte ihm von einer Geschichte, die sie in der Schule gelesen hatten. Es ging um Gruppenzwang und Ausgrenzung, um eine Mutprobe und viel Druck. Der Großvater hörte in Ruhe zu. Dann sagte er: »Wir wissen oft tief in uns, was gut für uns ist. Dann ist es besonders wichtig, gut auf dich selbst zu hören. Kennst du das? Manchmal spürst du tief in dir genau, was jetzt richtig ist, aber du traust dich nicht. Oder manchmal hast du dich für etwas entschieden, was sich als falsch herausstellte und dann sagst du dir, dass du das eigentlich schon vorher irgendwie gefühlt hast.« Das Mädchen blickte auf, hielt inne, schwieg – und genau dieses Innehalten sprach laut zu mir und erzählte vom Beginn aller Innerlichkeit. Denn genau da, wenn wir schweigend anhalten, nehmen wir den Türgriff in die Hand und können so unsere Tür nach innen öffnen. Dann können wir den heiligen Raum in uns betreten und uns ein wenig dort niederlassen. Je öfter wir dort eintreten, desto mehr können wir bei uns selbst heimisch werden. Und dort begegnen wir dem großen Geheimnis, das wir Gott nennen. Je mehr wir bei ihm in uns zu Hause sind, umso besser kennen wir seine Stimme. Sie lockt und ruft uns immer zu mehr Leben, echtem Leben, das wächst und reift in uns und durch uns.
Aber oft hören wir nichts, weil wir gar nicht mehr bei uns selbst zu Hause sind. Wir finden die Tür dorthin nicht und oftmals suchen wir sie noch nicht einmal. Was zieht nicht alles unsere Aufmerksamkeit auf sich, führt uns überall hin, doch weit von uns weg! Werde ich wirklich ICH, wenn ich an 1000 Orten war, die man gesehen haben muss? Oder Dinge kaufe, weil man sie heute haben muss? Oder mit einer Gruppe mitlaufe, weil man es von mir erwartet oder es sich cool anfühlt?
Von existentieller Bedeutung aber sind diese Fragen: Wo bin ich? und vor allem: Wer bin ich? Nichts weniger als mein Leben hängt daran. Um sie zu beantworten, muss ich durch die Tür in meine innere Kammer gelangen und dort verweilen. Hier, in dem Raum, den Gott in mir bewohnt, finde ich meine Lebensspur – Ruhe und Klarheit, wenn ich erschöpft oder verwirrt bin, Impulse, wenn ich unsicher bin, Mut, wenn ich mich nicht traue. Wagen wir den Weg nach innen!
Denn wenn wir die Innerlichkeit nicht mehr pflegen, wenn wir die Stimme unserer Seele nicht mehr hören, verlieren wir den Draht zu unserem wahren Ich. Wir glauben zu wissen, was uns gut tut, weil man es so handhabt, wir orientieren uns daran, was uns äußerlich etwas bringt, wir entscheiden uns für etwas, weil es leicht und angenehm ist. Und schließlich haben wir uns weit davon entfernt zu ahnen, dass wir tief in uns Gottes Stimme vernehmen können, die uns dorthin begleiten will, wo unser je ureigener Weg und unser Potential liegen. Matthäus schenkt uns in seinem Evangelium ein Beispiel: Alles Wesentliche für sein Leben und das der ihm Anvertrauten hört Josef in der Stille. Er hört es, bedenkt es und handelt danach.
Darum bin ich diesem Großvater im Namen seines Enkelkindes so dankbar. Er zeigte ihm den Weg und das Mädchen hielt inne und wurde still.
Danach plauderte sie weiter über andere Dinge. Bald verließen die beiden das Café und ahnten nicht, wie sich ihre Unterhaltung in mir eingenistet hatte – die Offenheit, die Nachdenklichkeit und die Weisheit.
Rosemarie Monnerjahn
Vallendar, 18. Juni 2026