Ein Lied, das uns durch den Sommer trägt II
Vergiss dein vollkommenes Opfer
BILDQUELLE: ROSEMARIE MONNERJAHN
In dem Lied Leonard Cohens, das ich als einen Begleiter durch den Sommer vorschlage, steht der Satz »Vergiss dein vollkommenes Opfer«.
Kehren wir noch einmal zurück zu der Stelle im Lukasevangelium, wo der Engel erschien und den Hirten auf dem Felde seine Botschaft verkündete. Hier erinnert uns der Bote Gottes, dass Gott uns eine mächtige Herausforderung stellt.
»Da trat der Engel des Herrn zu ihnen, und der Glanz des Herrn umstrahlte sie. Sie fürchteten sich sehr.«
Wenn wir nicht sicher sind, wo die Herausforderung in dieser Botschaft liegt, müssen wir kurz innehalten. Wenn wir weit weg sind von der Erfahrung Gottes, wenn wir sie in dem stillen Luxus von Meditation oder theologischer Studien betrachten, fühlen wir uns überwiegend eingehüllt in dem Trost der Spekulation. Aber wenn wir die Herausforderung Gottes hautnah erleben, dann erschrecken wir, zucken zurück aus Furcht und erheben sofort unseren ersten Einwand: Wir sind die falsche Wahl, weil wir zu unvollkommen sind. Wie oft haben wir erfahren, wie der Ruf Gottes konkret und erfahrbar wird, wenn wir aufgerufen werden, etwas Neues zu wagen oder eine neue Stelle, Position oder Rolle anzutreten? Was machen wir sofort? Wir zählen unsere Unvollkommenheiten auf. (Ich bin zu jung, zu unerfahren, zu beschäftigt, zu wenig ausgebildet, zu schwach, usw.)
Wenn wir der Größe Gottes begegnen, ziehen wir uns zurück, weil wir uns sofort mit unserem vollkommenen Opfer beschäftigen. Dann sagen wir: Ich bin nicht gut genug, nicht vorbereitet, nicht geeignet. Dann sagt Gott: »Aber du bist eingeladen. Vergiss dein vollkommenes Opfer. Ich suche deine Bereitschaft, mit dem Leben umzugehen, besonders deinem Leben, so wie es ist.« Wir sind berufen, authentische Menschen zu sein. Leider wurde uns oft die Chance genommen, unser authentisches Menschsein zu entfalten und entwickeln, weil wir zu beschäftigt waren, einem sauberen und antiseptischen Leben nachzujagen.
Vor langer Zeit hörte ich eine Geschichte von John Shea, die ich seitdem hunderte von Male weitererzählt habe. Ich denke daran, wenn mein eigener Perfektionismus mich hindert, authentisch zu leben. Ich erzähle es immer wieder für Menschen, deren Perfektionismus sie hindert, authentische Menschen zu sein. William Sloan Coffin, ein berühmter protestantischer Pastor und Friedensaktivist, hatte sich gerade scheiden lassen und kehrte aus Kalifornien nach New York zurück. Sein Freund, der berühmte Rabbiner Abraham Joshua Heschel, holte ihn am Flughafen ab. Der Rabbi sagte zu William Sloan Coffin: »Du hättest mich anrufen sollen!« Und Sloan Coffin sagte: »Ich hatte viele Freunde in Kalifornien. Ich musste dich nicht anrufen. Viele Menschen unterstützen mich und trösteten mich während dieser Scheidung.« Heschel sagte: »Du hättest mich anrufen sollen!« Sloan Coffin erwiderte: »Du verstehst nicht. Ich hatte viele Menschen um mich. Was hättest du getan, wenn ich dich angerufen hätte?« Heschel antwortete: »Ich hätte dir von meinem Vater erzählt, der größte Rabbiner in ganz Ost-Europa. Auch er ließ sich scheiden.« Und Heschel begann zu weinen. Dann sagte er: »Ach, ihr Christen. Die Vollkommenheit wird euch noch töten!« Und dann fuhr er fort: »Außerdem schenkte mir jemand eine Flasche Cognac. Und gerade jetzt steht sie ungeöffnet auf meinem Zimmer.«
Das Zeichen des authentisch Menschlichen ist nicht die Vollkommenheit. In meinem Leben habe ich viele Zeloten der Vollkommenheit getroffen und ertragen. Man kann sie an ihren Früchten erkennen. Ein Merkmal aller solcher Zeloten ist, dass sie keine Geschichten haben, die sie teilen und erzählen können. Was sie in sich tragen, sind Gebote und dünn verkleidete Verurteilungen. Sie haben keine Geschichten, weil Geschichten keine Vollkommenheit in sich tragen, beinhalten oder vermitteln. Geschichten tragen authentisches Leben in sich, mit all seinen Ungereimtheiten und Freuden, mit all seinem Potential und seinen Fallen. Ich habe nie einen dieser seelenlosen Zeloten getroffen, dem ich meine Seele, geschweige die Seele eines anderen Menschen, anvertrauen würde. Aber ich hätte liebend gerne mit Abraham Joschua Heschel Cognac getrunken in Stunden der Wunde und des Leidens.
Und so sollte auch unser Sommer aussehen. Wir träumen viel zu oft, wie wir dieses Jahr »perfekten« Sommer gestalten oder den »perfekten« Urlaub machen werden. Dann kommen die Verspätungen, Planänderungen, Staus, Unwetter und Hitzewellen, und die Enttäuschungen, die unsere Mitreisenden auslösen. Wir sollten lieber die Sommerzeit gebrauchen, um authentisch Menschen zu sein. Authentisch menschlich zu sein heißt, dass wir es zulassen, dass die Ängste und Leidenschaften, die Hoffnungen und das Versagen des Lebens in unseren Leben und Herzen zuhause sind und bei der Suche nach Gott, Leben, Liebe und Licht willkommen sind. Es bedeutet, dass wir unsere Einschränkungen, unsere Begrenztheit und Fehlbarkeit annehmen genauso wie Errungenschaften, das Auskundschaften und den Erfolg. Bethlehem, der Ort, den die Hirten aufsuchen sollten, ist der Ort, wo Menschen gerade wegen ihrer Risse willkommen geheißen werden. Bethlehem ist der Ort, wo alles, was in uns angeschlagen ist, umarmt wird.
Darin liegt die Vollkommenheit der Liebe unseres Gottes, nämlich, dass keine Unvollkommenheit ihn vom Leben und Lieben abhalten kann. Keine Unvollkommenheit in seinen Menschen hat ihn je davon abgehalten, uns zu lieben und mit uns zu leben. Wenn er unsere Risse nicht willkommen heißen wollte oder könnte, wären wir alle, auf ewig, verloren.
Wehe uns, wenn unsere Suche nach dem vollkommenen Opfer (dem perfekten Sommer, dem perfekten Urlaub) es nicht mehr zulässt, diese Geschichte Gottes zu erzählen. Dann sind wir nicht mehr in Bethlehem, denn Bethlehem ist der Ort, wo die Einladung an die Schwachen und Verwundeten ging. Hier ist der Ort, wo die Engel die erste Version von Leonard Cohens Lied sangen: Vergiss dein vollkommenes Opfer, und geh nach Bethlehem. Dieser Rat ist heute so gut wie damals.
Erik Riechers SAC
Vallendar, 23. Juli 2026