»Gott liebt es nicht nur, unsere Geschichten zu hören, er liebt es,
seine eigene zu erzählen. Und, schlicht und einfach, wir sind die Geschichte, die Gott erzählt. Unsere Leben sind die Worte, die aus seinem Mund kommen.
Diese Einsicht hat die religiöse Phantasie immer angefeuert und sie weigert sich, rationalisiert oder abgetan zu werden. Die Überzeugung,
dass wir die Geschichte Gottes sind, setzt Urimpulse frei und aus einer Mischung aus Trotzigkeit, Dankbarkeit und Nachahmung erwidern wir das Kompliment.
Wir erzählen die Geschichten Gottes.« – John Shea, Stories of God

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Steig ein! Nimm teil!

 

Dieser Imperativ klingt wie die Werbung zu einer Vereinsfahrt. Es könnte auch die Ermunterung eines Freundes an einen zögerlichen Menschen sein. Er will nicht, dass sein Freund abseits steht, dass er ein Zuschauer bleibt. Er möchte ihn als Teilnehmer – mittendrin.

In diesen Tagen der beginnenden Fastenzeit höre ich mehr. Denn ich höre es auch als Einladung Jesu. Und die möchte ich nicht vorschnell abhaken, sondern ich will innehalten, achtsam sein und darüber nachdenken.

Wenn ich dies nämlich höre als seine Aufforderung, denke ich an einen Mann in der Bibel, der ein Mensch unserer Tage sein könnte. Er will alles richtig machen und in jeder Beziehung alles auf der sicheren Seite haben. Er weiß, was er gegenüber seinen Mitmenschen zu tun hat, er hält sich an die Regeln, er scheint alles im Griff zu haben und nun will er das auch für das ewige Leben hinbekommen:

Als sich Jesus wieder auf den Weg machte, lief ein Mann auf ihn zu, fiel vor ihm auf die Knie und fragte ihn: Guter Meister, was muss ich tun, um das ewige Leben zu erben? Jesus antwortete: Warum nennst du mich gut? Niemand ist gut außer der eine Gott. Du kennst doch die Gebote: Du sollst nicht töten, du sollst nicht die Ehe brechen, du sollst nicht stehlen, du sollst nicht falsch aussagen, du sollst keinen Raub begehen; ehre deinen Vater und deine Mutter! Er erwiderte ihm: Meister, alle diese Gebote habe ich von Jugend an befolgt. Da sah ihn Jesus an, gewann ihn lieb und sagte: Eines fehlt dir noch: Geh, verkaufe, was du hast, gib es den Armen und du wirst einen Schatz im Himmel haben; dann komm und folge mir nach! Der Mann aber war betrübt, als er das hörte, und ging traurig weg; denn er hatte ein großes Vermögen.  (Mk 10, 17-22)

Jesus lädt ihn ein, seine Überlebens-Strategien zu verlassen und ins echte Leben einzusteigen. Wahres Leben nämlich kann er nicht besitzen, sondern daran gilt es teilzunehmen.

Kennen wir das? Unser Fokus liegt meist auf gutem Leben und damit meinen wir zu einem großen Teil sicheres Leben im Sinne von abgesichert und planbar. Es bedeutet, genug auf der sicheren Seite zu haben, um unsere Bedürfnisse und Wünsche zu befriedigen und auch Unwägbarkeiten problemlos gestalten zu können. Dabei werden wir mehr als satt, haben mehr Kleidung als wir brauchen, haben oft mehr Wohnraum als nötig und reisen gern mehr als uns und der Umwelt gut tut. Auch Beziehungen, Freundschaften, Zugehörigkeiten hüten wir nicht selten eifersüchtig wie einen Besitz. Wir laufen Gefahr, so wie der Mann, der Jesus befragte, auch mit dem ewigen Leben umzugehen: »Wenn ich alles richtig mache, gehört es mir!«

Was also will Jesus für uns? Er lockt uns, jetzt ins wahre Leben einzusteigen, statt unsere Besitztümer zu verwalten. Er lädt uns ein, heute ins echte Leben hineinzugehen, auch wenn der Boden uns unsicher erscheint. Er sieht in uns so viel ungelebtes Potential. Er will uns schmackhaft machen, nicht länger ängstlich festzuhalten, sondern staunend Neues zu entdecken dort, wo wir es nie vermutet hätten. Wir würden Neues wagen, neue Begleiter wahrnehmen, vertraute Beziehungen neu beleben, Zutrauen lernen, Freundschaft und Liebe finden, die uns nicht gehören, sondern die wir gemeinsam gestalten und in denen wir leben. Wir könnten einschwingen in den Tanz des Lebens. Tanzen ist ein wunderbares Bild für das Leben. Wenn ich tanze, bewege ich mich in einem Rhythmus, in den ich hineingefunden habe. Je mehr ich übe, desto mehr Freude macht das Tanzen. Ich gleite dahin und kann es genießen. Andere tanzen mit und auf jeden kommt es an. Es gibt schnelle Passagen und langsame, Drehungen, Sprünge und manchmal auch Stürze. Mal ziehen uns die anderen mit, mal helfen wir jemandem auf. Der Tanz lebt nur, wenn wir weiter tanzen. Wir besitzen ihn nicht, wir nehmen teil an ihm.

Dazu lädt Jesus den Mann liebevoll ein. Er legt ihm ans Herz: »Steig ein und nimm teil am Leben! Löse dich von deinem Besitz, von der Haltung des Habens! Dann können andere leben und du wirst frei, auch endlich zu leben. Du wirst eine Ahnung bekommen vom wahren Leben, das bleibt. Du wirst den Schatz in dir kennenlernen, der ewig ist.«

Ich sehe den Mann mit hängenden Schultern und blasser Miene in seine Welt zurückgehen. Ich ahne seine Traurigkeit und seine inneren Rechtfertigungen.

Doch so muss es für ihn nicht sein und auch nicht für uns:

»Wenn sich die Hand dir entgegenstreckt zum Neubeginn, wenn du selbst einen neuen Anfang wagst, wenn du in seiner Kraft plötzlich Mauern überspringst, als ob sie nicht mehr wären, wenn du eine neue Geste der Hoffnung findest, ein neues Wort, das vom Leben singt« *, dann spring auf, steig‘ ein und nimm teil!

Dann wird Ostern! Dorthin sind wir unterwegs.

* Christl Fink, Stecher-Kalender 2025

 

Rosemarie Monnerjahn

Vallendar, 19. Februar 2026

 

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