Aus dem Herzen erblühen
Die Fastenzeit, unser heiliger Frühling, schreitet voran und immer mehr wird die Natur um uns herum zu einem wunderbaren Bild dessen, was in uns geschehen will.
Die meisten Blumen, die gerade wie durch Zauberhand die dunkle Wintererde vergessen machen, wachsen aus Zwiebeln. In jeder Zwiebel steckt alles, was die Pflanze braucht, was sie ausmacht, was sie zu der je einzigartigen Blume macht. Es ist alles da – in ihrem Inneren. Und nun, in diesen Tagen und Wochen, geschieht der Durchbruch. Was verborgen war, wird sichtbar. Was unscheinbar aussah, entfaltet sich allmählich in Farbe und Schönheit. Alles geschieht aus dem Inneren, dem Herzen der Zwiebel. Es fließt gewissermaßen aus ihr heraus und ist nicht aufzuhalten. Die Zwiebel arbeitet sich nicht an einem zu leistenden Programm ab, sondern sie lässt es geschehen, dieses Wunder des Leben und der Schönheit.
So wird sie das, was sie schon immer war: eine rote Tulpe, eine gelb-leuchtende Narzisse, ein violetter Krokus. Und kein Schneeglöckchen glaubt, wenn es sich nur genug anstrenge, könne es vielleicht eine Hyazinthe werden.
Darum liebe ich das Bild vom »heiligen Frühling«: er lädt mich ein zu entdecken, was in meinem Herzen verborgen ist und zuzulassen, dass es Raum gewinnt, mir Zeit zu geben, dass es wachsen darf und mich zu freuen, wenn es durchbricht. Dann kann das, was genuin das Meine ist, zur Schönheit erblühen.
Wir sind groß geworden mit den Fastenübungen des Verzichts, der Kreuzwegandachten, der strengen Pflichten. Vieles verdunkelte unsere Herzen wie altes Winterlaub. Oft spürten wir Druck und fühlten uns ungenügend. Dabei dient doch diese Zeit des Umkehrens der Erneuerung unserer Beziehung zu Gott, den Menschen und uns selbst. Sie dient dem Leben. Sie will unser Herz heilen und zum Fließen, ja Überfließen bringen. Dann kann die Farbenpracht der Frühblüher zum Bild für unsere je eigene Schönheit werden. Sie will aus unseren Herzen fließen, damit wir als »ganze« Menschen, als die, die wir von Gott her sind, in das große Geheimnis von Tod und Auferweckung Jesu eintreten. Dann können wir geschehen lassen, dass auch in uns Ostern wird. Leben in Fülle ist in unseren Herzen angelegt.
Ich denke heute an Josef von Nazareth – ein wahrer »Herzensmensch«. Sein Leben erblühte da, wo es hingepflanzt wurde, indem er fließen ließ, was in ihm aufbrach. Er war empfänglich für seine Träume und brachte zum Leben das, was er empfangen hatte. Er war ganz präsent. Sein Wirken strömte aus seinem Herzen. Wenn ich das Wenige betrachte, was wir von ihm wissen, so kann ich staunend sagen: Es war gut und mehr noch, es war schön.
Gott sehnt sich nach unseren Herzen. Dies ernst zu nehmen führt in uns zum heiligen Frühling.
Der große Begleiter und Erzieher Franz von Sales kann uns mit seiner Sanftheit vielleicht helfen, zum Blühen durchzubrechen:
»Wenn Dein Herz wandert oder leidet, bring es behutsam an seinen Platz zurück und versetze es sanft in die Gegenwart Deines Herrn. Und selbst, wenn Du nichts getan hast in Deinem ganzen Leben, außer Dein Herz zurückzubringen und wieder in die Gegenwart unseres Gottes zu versetzen, obwohl es jedes Mal wieder fortlief, nachdem Du es zurückgeholt hattest, dann hast Du Dein Leben wohl erfüllt.«
Rosemarie Monnerjahn
Vallendar, 19. März 2026