»Gott liebt es nicht nur, unsere Geschichten zu hören, er liebt es,
seine eigene zu erzählen. Und, schlicht und einfach, wir sind die Geschichte, die Gott erzählt. Unsere Leben sind die Worte, die aus seinem Mund kommen.
Diese Einsicht hat die religiöse Phantasie immer angefeuert und sie weigert sich, rationalisiert oder abgetan zu werden. Die Überzeugung,
dass wir die Geschichte Gottes sind, setzt Urimpulse frei und aus einer Mischung aus Trotzigkeit, Dankbarkeit und Nachahmung erwidern wir das Kompliment.
Wir erzählen die Geschichten Gottes.« – John Shea, Stories of God

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Ein Lied, das uns durch den Sommer trägt I

Läute die Glocken, die noch klingen können

BILDQUELLE: ROSEMARIE MONNERJAHN

Ich vermute, dass bei den meisten Menschen, wenn sie an den Sommer denken, ganz persönliche Erinnerungen wach werden. Überwiegend werden diese Erinnerungen warm, angenehm und tröstlich sein. Ich wünsch Ihnen auch nicht weniger, aber darin liegt auch eine große Gefahr. Wir assoziieren die Jahreszeit mit einer Welt die noch intakt ist, wo alles in Ordnung ist, die Familie gefestigt und das Leben vollendet. Aber gerade im Sommererfahren wir auch Stress, sei es bei den Urlaubsreisen oder in der Familiendynamik. Der Sommer ist eine Zeit der hohen Erwartungen und zugleich der tiefen Enttäuschung, besonders wenn dass wir uns in dieser Zeit versprochen haben nicht zustande kommt.

Wenn ich einen Vorschlag machen sollte für ein Lied, das uns durch den Sommer tragen könnte, dann würde ich »Anthem« wählen, ein Lied von meinem Landsmann Leonard Cohen. Im Refrain des Liedes heißt es:

Ring the bells that still can ring                                         Läute die Glocken, die noch klingen können

Forget your perfect offering                                              Vergiss dein vollkommenes Opfer

There is a crack in everything                                           Es gibt in allem einen Riss

That’s how the light gets in                                               So kommt das Licht herein

 

Läute die Glocken, die noch klingen können.

Diese erste Lektion der Geschichte zeigt uns, wie Gott handelt, wenn das Leben unvollendet und unvollkommen ist: Mache es wie Gott!  Was heißt das? Wie Gott zu handeln heißt, mit dem zu arbeiten, was du hast. Wie Gott zu handeln bedeutet, mit der Realität, die mir gegeben ist zu arbeiten, anstatt mich zu beschweren über die Bedingungen, die gegeben sind. Es ist einer der Grundlehren des geistlichen Lebens und fließt direkt aus dem Herzen der biblischen Geschichte. Verfluche die Leere nicht, sondern suche die Fülle.

Vor kurzem hielt ich einen Kurs und einige Teilnehmer beschwerten sich über die Ergebnisse. Sie waren nicht mit mir unzufrieden, sondern mit sich selbst. Sie waren unglücklich über ihre mangelnde Teilnahme und wie wenig sie danach aus den Erfahrungen des Wochenendes gelernt hatten. Sie waren entmutigt von ihrer mangelnden Offenheit und sogar von ihrer Sturheit und ihrem Widerstand zu den Prozessen. Irgendwann fiel das Wort »suboptimal«, eine interessante Art, eine Erfahrung zu beschreiben, die, in der Tat, weniger als perfekt war.

Das ist für jeden von uns keine ungewöhnliche Erfahrung. Oft ist das Leben nicht optimal, alles andere als perfekt. Und oft sind wir unzufrieden damit, wie wir mit dem Leben umgegangen sind, als die Umstände nicht perfekt waren. Und genau auf diese Situation bezieht sich das Evangelium. Es gibt Geschichten von Schafen, die sich verirren, von verlorenen Münzen und von Söhnen, die im Schweinestall landen. Das Flehen einer Witwe stößt auf taube Ohren, Jünger, die gerne helfen und heilen möchten, sind dazu nicht in der Lage, und selbst Jesu erster Versuch, einen Blinden zu heilen, führt nicht sofort zum Erfolg. Alles, was Menschen tun, ist nicht optimal. In allem steckt ein Riss. Es spielt keine Rolle, wie gut wir etwas tun. Im Nachhinein können wir uns immer eine Verbesserung, einen besseren Weg, eine größere Leistung vorstellen.

Oder nehmen wir die Geschichte der berühmtesten Geburt in Bethlehem. In dieser Geschichte von Gott wird uns eine Nacht gezeigt, in der alles suboptimal ist. Die Unterkunft für die Geburt eines Kindes ist unterdurchschnittlich und würde keinerlei Bauvorschriften erfüllen. Medizinische Hilfe gibt es nicht, nicht einmal eine Hebamme, die helfen könnte. Der Zeitpunkt ist furchtbar. Kein roter Teppich, kein Empfangskomitee, kein Interesse, kein Mitleid. Das sind kaum ideale Bedingungen. Das Leben ist in dieser Nacht völlig unvollkommen und unvollständig.

Und wie reagiert Gott auf diese suboptimalen Bedingungen? Gott arbeitet mit der Situation, die er vor sich hat. Wenn Gott auf optimale Bedingungen gewartet hätte, gäbe es bis heute kein Kind und kein Fest. Mache es wie Gott! »Läute die Glocken, die noch klingen können«. Das Leben mag zwar unvollkommen sein, aber die Unfähigkeit zu handeln bringt es zum Stillstand. Es gehört zu den schönsten und erfrischenden Offenbarung Gottes, dass es ganz und gar möglich ist, etwas oder jemanden zu lieben, der unvollkommen ist, und immer noch in der Lage zu sein, das Leben zu formen, zu gestalten und zu prägen.

 

Erik Riechers SAC

Vallendar, 9. Juli 2026