»Gott liebt es nicht nur, unsere Geschichten zu hören, er liebt es,
seine eigene zu erzählen. Und, schlicht und einfach, wir sind die Geschichte, die Gott erzählt. Unsere Leben sind die Worte, die aus seinem Mund kommen.
Diese Einsicht hat die religiöse Phantasie immer angefeuert und sie weigert sich, rationalisiert oder abgetan zu werden. Die Überzeugung,
dass wir die Geschichte Gottes sind, setzt Urimpulse frei und aus einer Mischung aus Trotzigkeit, Dankbarkeit und Nachahmung erwidern wir das Kompliment.
Wir erzählen die Geschichten Gottes.« – John Shea, Stories of God

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Die Welt ist voll von magischen Dingen

 

»Die Welt ist voll von magischen Dingen, die geduldig darauf warten, dass unsere Sinne schärfer werden.«

– William Butler Yeats

Doch selbst wenn die Welt voller magischer Dinge ist, schärfen diese nicht automatisch unsere Sinne, erweitern unseren Horizont oder lassen unsere Herzen höherschlagen. Magische Momente des Lebens haben immer etwas mit Verwandlung zu tun, mit der Veränderung der Welt, wie wir sie kennen, mit der Umgestaltung des gewohnten Ablaufs und mit der Schaffung von etwas Neuem, das uns zuvor unbekannt war.

Erst vor einer Woche spazierte ich in Howth, nördlich von Dublin, umgeben von der atemberaubenden Schönheit des blühenden Stechginsters, der verspielten Fröhlichkeit des Windes und dem majestätischen Rauschen der Brandung. Meine Begleiter blieben stehen, staunten und genossen den Anblick immer wieder aufs Neue. Doch wir begegneten auch Menschen, die mit der Geschwindigkeit und kalten Gleichgültigkeit der Autos, die unsere Autobahnen hinunterrasen, über den Klippenweg rasten. Die Welt ist voller magischer Dinge. So hat Gott sie geschaffen. Aber sie müssen uns nicht verzaubern.

Die biblischen Geschichten sind auch voll von magischen Momenten. Es ist immer ein magischer Moment, wenn Gott uns etwas zeigt oder uns etwas sagt, das unsere überlieferte Interpretation des Lebens in Frage stellt. Die Herausforderung der geerbten Auslegungen hat auch immer etwas mit Verwandlung zu tun, mit der Veränderung der Welt, wie wir sie kannten, mit der Umgestaltung des gewohnten Ablaufs und mit der Schaffung von etwas Neuem, das uns zuvor unbekannt war.

Im zehnten Kapitel der Apostelgeschichte gibt es eine Erzählung, wo Petrus erst eine Vision hat, die seine geerbten Auslegungen von rein und unrein auf den Kopf stellt. »Was Gott für rein erklärt, nenne du nicht unrein!« (Apg 10, 15) Das ist ein magischer Moment für ihn, der seine Sinne schärfer macht für die Frage, wer vielleicht noch alles zum Volk gehört, von dem er bisher keine Ahnung hatte.

Dann wird er zum Haus des Kornelius gerufen und geführt. Obwohl Kornelius und sein Haus Römer und damit Heiden sind, kommt der Geist Gottes auf sie herab. Das ist den gläubig gewordenen Juden etwas befremdlich, denn »sie konnten nicht fassen, dass auch auf die Heiden die Gabe des Heiligen Geistes ausgegossen wurde.« (Apg 10, 45) Petrus erkennt das sofort, denn er versteht hier seinen Traum über rein und unrein und wendet seine Geist-gewobene Erkenntnis direkt an: »Kann jemand denen das Wasser zur Taufe verweigern, die ebenso wie wir den Heiligen Geist empfangen haben? Und er ordnete an, sie im Namen Jesu Christi zu taufen.« (Apg 10, 47-48) Auch das ist ein magischer Augenblick, und zwar für die gesamte Kirche.

»Die Welt ist voll von magischen Dingen, die geduldig darauf warten, dass unsere Sinne schärfer werden.« Wenn die magischen Dinge die Welt, wie wir sie kannten und wahrnehmen, verwandeln, dann werden unsere Sinne herausgefordert. Darum gibt es auch dieses geduldige Warten des Zitats. Denn schon im nächsten Kapitel wird erzählt, wie Petrus nach Jerusalem zurückkehrt und dort die Taufe des Kornelius und seines Hauses rechtfertigen muss. (Apg 11, 1-18). Petrus kommt zurück und hat keine Chance, das Neue, das gerade Erlebte zu genießen, es zu feiern, es auszukosten. Sofort kommt die nächste Auseinandersetzung, die nächste Aufgabe.

Und dann die Vorwürfe. »Als nun Petrus nach Jerusalem hinaufkam, hielten ihm die gläubig gewordenen Juden vor: Du bist bei Unbeschnittenen eingekehrt und hast mit ihnen gegessen.« (Apg 11, 2-3)

Warum mit Vorwürfen anfangen? Warum nicht erst Fragen stellen, sich erkundigen über das, was geschah und was ablief? Warum nicht zuerst die Frage stellen, was das zu bedeuten hat, anstatt ihm gleich mit Vorurteil zu begegnen als etwas Schlechtes? Und warum kein Vorschuss an Vertrauen für Petrus? Hier fehlt gänzlich das geduldige Warten darauf, dass auch diese Erfahrung unsere Sinne schärfer werden lassen für die Welt, wie Gott sich sie vorstellt.

Beachten wir aber die Haltung des Petrus. Er steht Rede und Antwort. Er spricht alles an, Schritt für Schritt, eins nach dem anderen, ohne etwas zu überspringen. Er verheimlicht nicht, wo er war (Joppe), mit wem er zusammen war (Kornelius), oder was er getan hat (taufen).

Er spricht auch offen von seiner persönlichen Vision, die ihn sehr herausgefordert hat, die seine eigenen Überzeugungen in Frage stellte, und mit der er ringen musste. Er öffnet der Gemeinde den Raum und die Zeit, die sie brauchen, bis sie wahrnehmen können, was Gott vor ihren Augen und in ihrer Mitte vollbracht hat. Allerdings lässt er diese Atmosphäre des Mistrauens nicht bestimmen, worüber er redet, lässt nicht zu, dass sie ihn ablenkt von seinem Herzensanliegen. Er spricht von dem, was seins ist.

Und so endet dann die Geschichte: »Als sie das hörten, beruhigten sie sich, priesen Gott und sagten: Gott hat also auch den Heiden die Umkehr zum Leben geschenkt.«  (Apg 11, 18) W. B. Yeats hatte recht. »Die Welt ist voll von magischen Dingen, die geduldig darauf warten, dass unsere Sinne schärfer werden.« Manchmal findet man diese magischen Dinge in der Natur, manchmal in den Menschen und manchmal in den großen biblischen Geschichten über Gott.

 

Erik Riechers SAC

Grafschaft, den 7. Mai 2026