L'Chaim vom 9. November 2018

 

Die größte Gefahr, der jede Zivilisation ins Auge schaut, ist, wenn sie an kollektiver Amnesie leidet. Wir vergessen, wie kleine Anfänge zu wahrhaft furchtbaren Endungen führen. Eintausend Jahre jüdische Geschichte in Europa haben gewisse Worte dem menschlichen Vokabular hinzugefügt: Zwangskonvertierung, Inquisition, Vertreibung, Ghetto, Pogrom, Holocaust. Wenn erst einmal Hass unbehelligt bleibt, ist der Weg zur Tragödie kurz.

(Jonathan Sacks)

QUELLE: bz-Berlin vom 4.11.2018

L'Chaim vom 12. Oktober 2018

 

Die Erde ist randvoll mit Himmel – und in jedem gewöhnlichen Dornbusch brennt Gott.

Aber nur jene, die sehen können, ziehen ihre Schuhe aus.

Die anderen sitzen drum herum und pflücken Brombeeren.

                      (Elizabeth Barrett Browning)

L'Chaim vom 1. Oktober 2018

 

kathedrale III

 

den säulen

an denen unsere blicke emporwandern

sind sie eingemeißelt

die

gestammelten

geweinten

geschrieenen

klagelieder

der alten

            der steinhaut

            an denen unsere blicke

            aufsteigen

            sind sie eingeschrieben

            die gesungenen

            gelachten

            getanzten

            hymnen

            der alten

der atem all derer

die vor uns hier

mit nichts als ihrem leben

heiligt

diesen raum

         Burga Gripekoven, Treibsand, 2014

 

L'Chaim vom 13. September 2018

 

Wahre Menschlichkeit ist köstlicher als alle Schönheit dieser Erde.

     Johann Heinrich Pestalozzi, 1746-1827

L'Chaim vom 18. April 2018

 

Mein Gott, mein Gott,

lass niemals enden:

den Sand und das Meer,

das Rauschen des Wassers,

das Glänzen des Himmels

und das Gebet der Menschen.

           Aus dem Gedicht von Hannah Szenes:

                 Ein Spaziergang nach Caesarea

 

          




 

L'Chaim vom 22. März 2018

 

Wenn die Sterne in tausend Jahren nur in einer einzigen Nacht erschienen, wie würden die Menschen glauben und bezeugen und durch viele Generationen die Erinnerung an die Gottesstadt bewahren, die sie erblicken durften! Aber diese Boten der Schönheit erscheinen jede Nacht und erleuchten das Universum mit ihrem mahnenden Lächeln.

Ralph Waldo Emerson,
Nature, 1836

 

L'Chaim vom 20. Februar 2018

 

draußen zuhause                                                          

der gemeinschaft der frohbotinnen                                      

 

I

pass dich nicht an

wage zu gehen

wenn du

gehst

 

nimm nichts mit

außer einem

bissen brot

einem schluck

wein

 

und

einer handvoll

versöhnung

 

aus: Wilhelm Bruners, »ZUHAUSE IN ZWEI ZELTEN«, S. 42

 

L'Chaim vom 4. Februar 2018

»Die Kunst kann Menschen bewegen und ändern auf subtile Weise, denn, wie die Liebe, spricht sie durch und zu dem Herzen.«

                                  Martin Luther King Jr. in einem Brief an Sammy Davis Jr., vom 20. Dez. 1960

 

L'Chaim vom 9. Januar 2018

Wie leicht ist mir, mit Dir zu leben, o Herr!

Wie leicht ist mir, an Dich zu glauben!

Wenn mein Verstand sich dem Zweifel öffnet oder kraftlos wird,

wenn die Klügsten unter den Klugen

nicht über den heutigen Abend hinaussehen

und nicht wissen, was morgen getan werden muss –

gibst Du mir Klarheit und Zuversicht,

dass es Dich gibt

und dass Du Sorge tragen wirst,

dass nicht alle Wege des Guten verschlossen sein werden.

Auf der Höhe meines irdischen Ruhmes

blicke ich mit Verwunderung zurück, auf jenen Weg

durch die Hoffnungslosigkeit – hierher,

von wo aus auch ich der Menschheit

einen Abglanz Deiner Strahlen schicken konnte.

Und wie viel Zeit auch nötig sein wird,

um Deine Strahlen widerzuspiegeln,

Du wirst sie mir geben.

Und was ich nicht mehr schaffen werde, heißt –

dass Du es Anderen vorbestimmt hast.

 

Gebet von Alexander Solschenizyn, entstanden zwischen 1958 und 1963.

[zitiert nach: Alexander Solschenizyn, Was geschieht mit der Seele in der Nacht. Kurzerzählungen. Herbig, 2006]

L'Chaim vom 20. Dezember 2017

 

Wir kommen weit her

liebes Kind

und müssen weit gehen

keine Angst

alle sind bei dir

die vor dir waren

Deine Mutter,

Dein Vater

und alle, die vor ihnen waren

weit weit zurück

alle sind bei dir

keine Angst

wir kommen weit her

und müssen weit gehen

mein Kind.

 

Dein Großvater

8. Mai 1985   

Heinrich Böll (1917-1985)

L'Chaim vom 20. September 2017

 

Ich liebe das Septembergelb,

den Morgentau auf Spinnenfäden,

das Blatt, das nichts

am Baum mehr hält,

der kurzen Tage stummes Reden.

Der Krähe Ruf,

das Stoppelfeld –

mehr, als des Frühlings

Drang und Hast,

ist es der Herbst,

der zu mir passt.

                    Alexander Smith (1829-1867)

L'Chaim vom 4. September 2017

Ganz wie eine Mutter mit ihrem Leben

ihr Kind, das einzige,  vor Leid bewahrt,

so lass unendlich in dir wachsen

die Liebe zu jedem Geschöpf.

 

Lass deine Liebe strömen in das All hinaus,

so hoch, so tief, so weit es ist,

 

Liebe ohne Grenzen, ohne Hass und ohne Groll.

Wenn du dann stehst oder gehst, sitzest oder liegst,

solang du wach bist,

strebe danach unbeirrt;

dein Leben wird den Himmel auf die Erde holen.

 

Eknath Easwaran

L'Chaim vom 25. Juli 2017

»Worte sind die mächtigste Droge, welche die Menschheit benutzt.«   Rudyard Kipling

Rudyard Kipling

 

L'Chaim vom 18. Juli 2017

Wenn du vernünftig bist, erweise dich als Schale, nicht als Kanal,
der fast gleichzeitig empfängt und weitergibt,
während jene wartet, bis sie gefüllt ist.  . . .
Ich möchte nicht reich werden, wenn du dabei leer wirst.
Wenn du nämlich mit dir selber schlecht umgehst,
wem bist du dann gut?
Wenn du kannst, hilf mir aus deiner Fülle;
wenn nicht, schone dich. 

(aus einem Brief von Bernhard v. Clairveaux)

L'Chaim vom 5. Juli 2017

Darum üben wir die alte Kunst und das ehrwürdige Handwerk des Erzählens der Geschichten Gottes. Wir, die Truppe von Barden und Webern der Geschichten, handhaben die Worte des Glaubens und der Ermächtigung für und mit unserem Volk, entschlossen, niemals in unserer Resolution zu wanken, damit wir nie freiwillig oder törichterweise unseren Kontakt zu dieser Macht loslassen. Denn tief in unseren Seelen, an der dünnen Stelle, wissen wir, dass diese Macht Seinen Namen trägt. Es ist so nah wie wir kommen werden, um unsere Fingerspitzen über das Gesicht Gottes streichen zu lassen.  

Erik Riechers SAC

L'Chaim vom 30. März 2017

In einer Zeit wo viele Urteile gefällt werden und so viele Vorurteile Menschen abschrieben und abschieben, heute ein Wort des Lebens von John Shea. "Natürlich spricht Gott seine Urteile aus. Aber alle Urteile Gottes suchen unsere Möglichkeiten, nicht unsere Beschämung. Und das ist der entscheidende Unterschied zwischen die Urteile Gottes und die Urteile der Menschen".

L'Chaim vom 06. März 2017

„Nichts ist bemitleidenswerter als ein junger Mensch, der zynisch ist, denn er hat sich vom Nichts-Wisser zum An-Nichts-Glauber entwickelt.“ Maya Angelou

L'Chaim vom 21. Februar 2017

In einer Welt die zunehmend die Gewinner bewundert und alle andere als "Verlierer" verachtet, schenke ich uns heute ein warmes Wort der Weisheit. "Als ich jung war, bewunderte ich schlaue Menschen. Jetzt wo ich alt bin, bewundere ich liebevolle Menschen." Abraham Joshua Heschel

L'Chaim vom 14. Februar 2017

„Sie sind so jung, so vor allem Anfang, und ich möchte Sie, so gut ich es kann, bitten, lieber Herr, Geduld zu haben gegen alles Ungelöste in Ihrem Herzen und zu versuchen, die Fragen selbst liebzuhaben wie verschlossene Stuben und wie Bücher, die in einer sehr fremden Sprache geschrieben sind. Forschen Sie jetzt nicht nach den Antworten, die Ihnen nicht gegeben werden können, weil Sie sie nicht leben könnten. Und es handelt sich darum, alles zu leben. Leben Sie jetzt die Fragen. Vielleicht leben Sie dann allmählich, ohne es zu merken, eines fernen Tages in die Antwort hinein.“
Rainer Maria Rilke

L'Chaim vom 30. Januar 2017

Während zu viele Politiker eine hässliche Sprache der Ablehnung und des Ausschlusses gegenüber Ausländer und Fremde gebrauchen, und die USA (ein Land der Einwanderer) alle Grenzen schließen vor denen die sie fürchten, findet unsere Gott warme, schöne Worte für die Wanderer und Fremden dieser Erde.

"Den Fremden sollst du weder unterdrücken noch bedrängen, denn Fremde seid ihr im Land Ägypten gewesen." (Exodus 22,20)

"Wie ein Einheimischer unter euch soll euch der Fremde sein, der bei euch als Fremder wohnt; du sollst ihn lieben wie dich selbst. Denn Fremde seid ihr im Land Ägypten gewesen. Ich bin der HERR, euer Gott." (Leviticus 19,34)

"Auch ihr sollt den Fremden lieben; denn Fremde seid ihr im Land Ägypten gewesen." (Deuteronomium 10,19)