»Gott liebt es nicht nur, unsere Geschichten zu hören, er liebt es,
seine eigene zu erzählen. Und, schlicht und einfach, wir sind die Geschichte, die Gott erzählt. Unsere Leben sind die Worte, die aus seinem Mund kommen.
Diese Einsicht hat die religiöse Phantasie immer angefeuert und sie weigert sich, rationalisiert oder abgetan zu werden. Die Überzeugung,
dass wir die Geschichte Gottes sind, setzt Urimpulse frei und aus einer Mischung aus Trotzigkeit, Dankbarkeit und Nachahmung erwidern wir das Kompliment. 
Wir erzählen die Geschichten Gottes.« – John Shea, Stories of God

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Ehre deine Geschichte

QUELLE: www.unsplash.com

Leg frei, wer und was wir wirklich sind – unsere Bitte in diesem heiligen Frühling!

 

Denn wir sind die Geschichten Gottes. Das Abenteuer unseres Lebens dürfen und sollen wir darum ernst nehmen. Unsere Geschichte ernst zu nehmen bedeutet, dass wir sie ins Wort nehmen. »Ein Mensch zu sein bedeutet, dass wir eine Geschichte zu erzählen haben.« *

 

Zu unserer Geschichte gehören schmerzhafte Erfahrungen. Wenn wir sie erzählen, teilen wir diesen Schmerz und geben dem Hörer die Möglichkeit, Anteil zu nehmen. Unser Gesicht frei legen heißt ja gerade auch, unsere Erfahrungen ernst zu nehmen; Tränen, Wunden, Schmerzen gehören dazu. Sie totzuschweigen macht krank, seelisch und oft auch körperlich. Dabei zeigt die Erfahrung: »Jedes Leid kann getragen werden, wenn darüber eine Geschichte erzählt werden kann.« *

 

Zu unserer Geschichte gehören Freude, schöne Erfahrungen, Beglückendes. Wenn wir sie erzählen, verlängern wir diese Freude, ja wir freuen uns jedes Mal neu. Gehen wir einen schwierigen Weg und brauchen wir einen langen Atem, ist dies besonders wichtig. Ich kannte ein Ehepaar, das durch lange Zeiten der Krebsnachsorge ging. Jedes Mal, wenn die Kontrolle Grund zur Freude gab, gingen sie miteinander in ein Restaurant und genossen froh und dankbar ein gutes Essen miteinander. So feierten sie ihre Freude und wenn ihre Tochter es mir erzählte, freute ich mich an beidem mit.

 

Zu unserer Geschichte gehören vielfältige Erfahrungen. Wir erzählen sie einander und weiter, damit wir sie nicht vergessen, damit sie auch in Zukunft nicht vergessen werden. Wir alle leben von dem »Gedenke!«, »Erinnere dich!« früherer Generationen. Geschichtsvergessenheit wird über kurz oder lang gefährlich.

 

In den Brunnentagen dieses Jahres geht es darum, den langen Atem zu behalten, wenn das Leben von uns Abenteuerliches in seiner ganzen Spannbreite abverlangt. Unsere Geschichte ist immer eingebettet und Teil der großen Geschichte Gottes mit seinen Menschen. Wenn wir sie nicht wertschätzen und würdigen, sondern sie einschließen, beiseitelegen oder überspielen mit dem, was »man« für wichtig hält, droht ein ganzer Kosmos verloren zu gehen. Wir drohen dann zu Menschen zu werden, die vielleicht äußerlich über lange Strecken scheinbar perfekt funktionieren. Aber unsere Augen werden leer, unser Mund plappert nur noch, wir drohen uns selbst zu verlieren.  

 

Gott liebt unsere Geschichte und nimmt sie ernst. Wir sollten dies auch – ohne sie zu beschönigen, ohne Episoden wegzulassen.

 

Und ist es nicht lebensmehrend, an den Erfahrungen, Schmerzen und Freuden der anderen teilzuhaben und so als Gefährten miteinander durchs Leben zu gehen?

 

                                                                       * Isak Dinesen

                       

Rosemarie Monnerjahn

Vallendar, den 21. März 2019