»Gott liebt es nicht nur, unsere Geschichten zu hören, er liebt es,
seine eigene zu erzählen. Und, schlicht und einfach, wir sind die Geschichte, die Gott erzählt. Unsere Leben sind die Worte, die aus seinem Mund kommen.
Diese Einsicht hat die religiöse Phantasie immer angefeuert und sie weigert sich, rationalisiert oder abgetan zu werden. Die Überzeugung,
dass wir die Geschichte Gottes sind, setzt Urimpulse frei und aus einer Mischung aus Trotzigkeit, Dankbarkeit und Nachahmung erwidern wir das Kompliment. 
Wir erzählen die Geschichten Gottes.« – John Shea, Stories of God

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Einander anerkennen und würdigen

QUELLE: ben white © UNSPLASH.com

Vor einigen Tagen wurde ich aufmerksam auf einen kurzen Film, der bei einem Smartphone-Festival den 2. Preis belegt hat: »Today I acknowledge« heißt er – Heute erkenne ich an. Ganz schlicht spricht die junge Filmemacherin am Siegestor in München Passanten an und bittet die, die sich darauf einlassen, einander etwas Anerkennendes zu sagen. So erkennt eine Frau an, dass ihre Mutter ihr solch eine unendliche Liebe geschenkt hat, woraufhin die alte Dame anerkennend würdigt, was die Tochter meistert in ihrem Leben. Eine junge Frau erkennt die Ehrlichkeit und Offenheit ihres Freundes an; ein junger Mann spricht von der großen Loyalität seines Kameraden.* 

 

Die jeweiligen Paare schauen einander an, halten inne, der Hörende schweigt und bedenkt das Gehörte, immer sind beide tief bewegt, nehmen sich anschließend in die Arme, ja sie kosten diesen Augenblick des Anerkennens aus. Am Ende bekennen sie dem Zuschauer, dass sie dies sehr selten oder noch nie einander gesagt haben.  Kennen wir das nicht zu gut? Warum sprechen wir darüber nicht voreinander? Ist es uns nicht bewusst? Ist es selbstverständlich? Oder scheuen wir uns und ist es uns peinlich, so persönlich zu werden?

 

Dabei sehnen wir uns doch alle nach solcher Anerkennung und solchen Worten. Dieser kleine Film zeigt wunderbar,  was geschieht, wenn wir wirklich angeschaut werden und den anderen anschauen und wenn wir einander ausdrücklich anerkennen, was wir in ihnen sehen und wertschätzen. Das erfordert auch, uns die richtigen Worte zu überlegen und sie aussprechen. Die Sehnsucht nach dieser Anerkennung liegt so tief in uns, weil wir in Liebe und für die Liebe geschaffen sind.

 

In der Weisheit der biblischen Schöpfungserzählungen ist all das grundgelegt: Gott will den Menschen, er liebt den Menschen, hat Freude an ihm, schenkt seinem Leben Sinn, Wert und Würde. Jesaja spricht davon, dass unsere Namen in Gottes Hand geschrieben sind. Immer wieder ist es Gott, der nach seinen Menschen schaut. Saras Sklavin Hager, die sich wertlos und gedemütigt fühlt von ihrer Herrin und lebensmüde in die Wüste flieht, erfährt genau dies an einem Brunnen. »Der Herr hat auf dich gehört in deinem Leid«, sagt ihr ein Engel und spricht ihr ihre ganz eigene Verheißung zu. Daraufhin gibt sie dem Herrn den Namen El-Roï - Gott schaut auf mich.

 

Gott liebt und würdigt den Menschen so, dass er selbst in das Leben der Menschen hinabsteigt und es mit uns trägt. »Das ist doch gerade das Andere und Große unseres Glaubens«, sagte kürzlich eine Frau zu mir, die Schweres trägt; »wir haben keinen fernen Gott, anzubeten, doch distanziert von unserem Leben. Wir haben einen leidenden Gott, einen mitleidenden Gott, der unsere Schmerzen nicht nur kennt, sondern durchleidet.« Sie wehrte sich damit gegen allzu Seichtes, das auch in kirchlichen Kreisen sich oft breitmacht. »Wo bleibt die Würdigung des Dunklen in meinem Leben, wenn alles so schnell schön geredet wird?« Ihr ist existentiell wichtig, dass Gott das ganze Leben seiner Menschen anerkennt und würdigt – dies darf nicht weich gespült werden.

 

Wir Christen sollten es uns immer wieder gesagt sein lassen: Du wirst wohlwollend angeschaut. Du bist geliebt mit all dem, was gerade und genau dich ausmacht. Du bist geschaffen mit deiner Würde. Das gibt uns den Grund, auf dem wir stehen.

 

Das ganze Magnifikat erzählt davon, dass Gott seine Menschen anschaut und würdigt. Dies setzt in Maria einen mächtigen Lobpreis frei, eine Würdigung all dessen, was der Herr seinen Menschen Gutes erwiesen hat und erweist.

 

Sich anschauen lassen und gewürdigt werden führt zum Anschauen und Wertschätzen des anderen.

 

Die Menschen am Siegestor in München jedenfalls gingen sichtlich verwandelt weiter.

 

 * www.vimeo.com/215283613

 

Rosemarie Monnerjahn

Vallendar, den 16. Mai 2019