»Gott liebt es nicht nur, unsere Geschichten zu hören, er liebt es,
seine eigene zu erzählen. Und, schlicht und einfach, wir sind die Geschichte, die Gott erzählt. Unsere Leben sind die Worte, die aus seinem Mund kommen.
Diese Einsicht hat die religiöse Phantasie immer angefeuert und sie weigert sich, rationalisiert oder abgetan zu werden. Die Überzeugung,
dass wir die Geschichte Gottes sind, setzt Urimpulse frei und aus einer Mischung aus Trotzigkeit, Dankbarkeit und Nachahmung erwidern wir das Kompliment. 
Wir erzählen die Geschichten Gottes.« – John Shea, Stories of God

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»In uns kreist das Leben, das uns Gott gegeben«

Kennen Sie das, wenn sich plötzlich etwas zusammenfügt, von dem Sie zuvor nichts ahnten?

Wenn sich vor Ihnen die Schönheit der Schöpfung auftut, wie ein Kunstwerk eines alten Meisters?

Die Erde erschließt sich in diesen Momenten als pur, gut und wunderschön, ohne die Gewaltigkeit zu verlieren. Es ist, als ob mir jemand die alte Ordnung wieder neu ans Herz legt und ich gleichzeitig schon darin aufgehoben bin. Momente, in denen wir uns im Einklang mit der Schöpfung wieder finden, denn es verliert sich so schnell im Lärm der Welt. Ich glaube, diese Momente nennt man Glück und von diesem Glück durfte ich in der vergangenen Woche unzählig viel schöpfen.

Langsam kamen wir auf einer uns unbekannten Insel an der Ostsee an. Mitgebracht hatten wir neben dem üblichen Gepäck auch die je eigenen alltäglichen Sorgen, doch wer wären wir, wenn nicht auch die Sorgen und Nöte unserer Zeit dabei gewesen wären? All dies wollte ich auf dem Festland lassen, für kurze Zeit, doch wem gelingt dies schon ganz?

Aufatmen wollten wir, ausruhen, dem Himmel, dem Meer unsere Seelen hinhalten. Alles, was uns lähmt, klein macht und unsere Welt verdunkelt, dem Wind überlassen und uns den Gezeiten hingeben. Wir brachten auch unsere große Freude und unsere Dankbarkeit mit, denn unser Leben hat viel Gutes. Diese Reise war uns ein großes Geschenk. Die Freude teilten wir jetzt schon und nannten es Glück. Es stellte sich ein stilles, vergnügtes Gleichmaß ein, wie nach alt bekannter Weise fand sich, erstaunlich schnell, ein Rhythmus für den Körper und eine Heimat für die Seele.

Wir ließen uns ein in diese pure, schlichte Schönheit der Natur, die sich uns jeden Tag in neuen Bildern die Schöpfung erschloss.

Jeder Morgen war für mich wie ein Neubeginn und wir ließen uns sanft treiben. Es war wundersam einfach und gut. Wie gut war es, nicht alleine zu sein! Doch es gibt nicht viele, mit denen ich dies teilen kann.

Es war mir, als blickte ich mit den Augen einer Liebhaberin des Lebens auf alles und gleichzeitig war ich mitten drin, nicht losgelöst von alledem. Ich war hell wach und sog es förmlich auf mit allen Sinnen:

Die sanften Hügel, die goldenen Weizenfelder, Wälder, die wie Kathedralen die Wege säumten, Dünen, Sand, der herrliche Gesang der Vögel, Möwen, die ihre Kreise zogen, Düfte von Holunder und Lindenblüten;

dazu das Meer mit seiner prächtigen Weite, Kraft von wogenden Wellen und manchmal sanftem berührendem Gleichmaß; die Farben von blau, grau, grün und goldenem Glitzern - es war immer da.

Der Wind war da, der alles bewegt, manchmal mit Kraft, manchmal leise;

die Sonne, die alles ins Licht bringt, damit die Farben entstehen, wie am Abend die Sonne scheinbar das Meer berührt, um darin zu versinken, um dann am Morgen wieder auf zu gehen.

Ein Himmel breitete sich über uns, so blau, dann so farbig, wie von Künstlerhand, hell und dunkel, mal voll trotziger Wolken oder nur ein zart weißer Schleier.

Jeden Abend, berührt und bewegt vom strahlenden Licht der längsten Tage, betteten wir unseren Dank und unsere Bitte um Segen ein.

Die Bilder sind unseren Seelen so nah.

Dieses Glück will ich halten, bewahren und schützen, möge es doch bleiben, möglichst lang! Doch wie soll dies gelingen? Keiner kann dies allein.

Wer will nicht verwoben mit dieser Urkraft der Schöpfung sein?

In uns kreist das Leben,

dass uns Gott gegeben,

kreist als Stirb und Werde

dieser Erde.

 

Ruhig leuchten Felder,

dunkel stehn die Wälder:

Ohn sie kann’s kein Leben

für uns geben.

 

Vögel in den Höhen,

Fische in den Seen:

Ohn sie kann’s kein Leben

für uns geben.

 

Gottes Kreaturen

füllen Hügel, Fluren:

Ohn sie kann’s kein Leben

für uns geben.

 

Schön im Stirb und Werde

kreist die Mutter Erde,

trägt, was ihr gegeben:

Gottes Leben.

 

(Kurt Marti erhielt 1985 von den deutschen Gesangsbuchgremien die Anfrage, ein «ökologisches Kirchenlied» zu schaffen. Entstanden ist ein bemerkenswertes und außergewöhnliches modernes Kirchenlied. Die Melodie von Friedemann Gottschick nimmt die Thematik in genialer Form auf.)

 

Sylvia Ditt

Koblenz, 30. Juni 2022