Der Gast sei willkommen

Als Menschen sich ihre Vergangenheit mit Geschichten erzählten,

ihre Gegenwart durch Geschichten erklärten,

und die Zukunft mit Geschichten voraussagten,

wurde der beste Platz am Feuer freigehalten

für den Geschichtenerzähler.

 

Als William Butler Yeats tatkräftig daran arbeitete, die keltische Kultur und Erzählung in seiner Heimat wieder zu beleben, mahnte er, »wenn die Vorstellungskraft verarmt ist, wird eine wesentliche Stimme – manche würden sagen die einzige Stimme – für die Erwachung einer weisen Hoffnung und eines haltbaren Glaubens und eine verständnisvolle, fürsorgliche Liebe« gebrochen oder fällt ins Schweigen. Diese Einsicht geht mir immer sehr nahe, denn wenn eine Erzählstimme Hoffnung, Glaube und Liebe wecken kann, dann ist das Erzählen zugleich ein Werk  der Barmherzigkeit. In der Tat, eine Welt ohne Erzähler ist eine erbarmungslose Welt, weil eine wesentliche Stimme zu Tode geschwiegen wird.

 

Die Erzähler sind barmherzig, wenn sie uns Geschichten erzählen, die das wieder erwecken und beleben, was im spröden Alltagstrott untergeht. Fragen wir uns einfach, wo noch über Wesentliches gesprochen wird. Als der kanadische Schriftsteller Yann Martel die Weltreligionen recherchierte für seinen Roman »Leben mit Tiger«, fühlte er sich täglich zur Messe in einer kleinen Kirche in der Innenstadt gezogen. Als er danach befragt wurde, sagte er: »Wo kannst du sonst noch hingehen und Erzählungen hören zu den wichtigsten Fragen des Lebens? Tod, Leben, Schicksal, Versöhnung, Liebe, Heilung, Zukunft und noch so viel mehr; darüber erzählen sie jeden Tag eine Geschichte.«

 

Die Warnung von William Butler Yeats ist die Plage unserer Zeit geworden. Wo sind die Stimmen, die eine weise Hoffnung wecken inmitten so viele Hassprediger und Manipulierer? Wo sind die Stimmen, die einen haltbaren Glauben erwecken inmitten so vieler schnöder Händler, die Oberflächliches und Bedeutungsloses verkaufen, um die allgemeine Betäubung aufrecht zu erhalten? Wo sind die Stimmen, die eine verständnisvolle, fürsorgliche Liebe in uns wach rufen, inmitten so vieler herzloser Pragmatiker und ihrem Gelaber der Gleichgültigkeit?

 

Diese Stimmen gibt es: in den Erzählern. Es gibt sie immer noch, diese Menschen, die barmherzig sind und uns eine Geschichte erzählen. William Butler Yeats ermutigt sie über seine Generation hinaus. »Lasst uns aufbrechen als Erzähler der Geschichten und jede Beute ergreifen, nach der das Herz sich sehnt und keine Angst haben.«

 

»Be merciful and tell us a story.« (Sei barmherzig und erzähle uns eine Geschichte). Wenn Sie wieder Bekanntschaft machen wollen mit unseren uralten Sehnsüchten, dann sind diese Abende ein Zufluchtsort, wie die Zelte der Nomaden in der Wüste. Hier erhalten Sie einen Überraschungs-imbiss für den Hunger und etwas für den Durst, während wir uns um gute Geschichten sammeln. Es wird ihrem Herzen gut tun, denn zu jedem, der den Raum unserer Erzählgemeinschaft betritt, sagen wir: Der Gast sei willkommen.  

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Der Gast sei willkommen 2017

Ein Grund, warum Religion in der modernen Welt überlebt hat trotz vier Jahrhunderte der Säkularisation, liegt darin, dass sie drei Fragen beantwortet, die sich jeder besinnliche Mensch irgendwann im Laufe seines Lebens stellt: Wer bin ich? Warum bin ich hier? Wie soll ich dann leben?

Diese Fragen können von den vier großen Institutionen des modernen Lebens nicht beantwortet werden: die Wissenschaft, die Technologie, die Marktwirtschaft und der liberal-demokratische Staat. Die Wissenschaft erklärt uns wie, aber nicht warum. Die Technologie gibt uns Macht, kann uns aber nicht sagen, wie wir diese Macht einsetzen sollten. Der Markt gibt uns Optionen, sagt uns aber nicht, welche wir wählen sollten. Der liberal-demokratischer Staat hält sich schon aus Prinzip zurück, irgendeine bestimmte Lebensweise gutzuheißen. Das Ergebnis ist, dass die zeitgenössische Kultur uns eine Reihe von Möglichkeiten anbietet, uns aber nicht sagt, wer wir sind, warum wir hier sind und wie wir leben sollten.

Dafür brauchen wir eine Geschichte. Denn wie Sue Monk Kidd es treffend sagt: “Geschichten müssen erzählt werden, sonst sterben sie, und wenn sie sterben, können wir uns nicht mehr erinnern, wer wir sind oder warum wir hier sind”.

»Der Gast sei willkommen« bietet Erzählabende, weil Menschen Geschichten brauchen gegen Orientierungslosigkeit, Sprachlosigkeit und Vergesslichkeit. Dafür brauchen wir eine Geschichte. Dafür haben wir eine Geschichte.

Nebenbei gibt es Tee, Kaffee und einen Überraschungsimbiss. So wird etwas für den Hunger, für  den Durst und für die Sehnsucht angeboten.

Fr 27.01. Gott schuf das Volumen, der Teufel die Oberfläche:
»Gehen, ging, gegangen« von Jenny Erpenbeck
Fr 03.03. Wir sehen die Welt nicht wie sie ist, sondern wie wir sind: »Ein Frühling in Jerusalem« von Wolfgang Büscher
Fr 17.03. »Failte« - Willkommen
Ein Abend mit irischen Weisen und Erzählungen zu Ehren des hl. Patrick
Fr 27.10. Zum Hüter des Vaters werden: (Die zweifache Behütung) »Die sieben guten Jahre: Mein Leben als Vater und Sohn« von Etgar Keret
Fr 24.11. Eine Liebe, die Welten öffnet: »Alles Licht, das wir nicht sehen« von Anthony Doerr

jeweils von 19.30–21.00 Uhr im Saal St. Marien, Vallendar | Leitung: Rosemarie Monnerjahn und Erik Riechers SAC