Einführung

Ein Lied für die Wallfahrt. Ich erhebe meine Augen zu den Bergen: Woher kommt mir Hilfe? Meine Hilfe kommt vom Herrn, der Himmel und Erde erschaffen hat. Er lässt deinen Fuß nicht wanken; dein Hüter schlummert nicht ein.  Siehe, er schlummert nicht ein und schläft nicht, der Hüter Israels. Der Herr ist dein Hüter, der Herr gibt dir Schatten zu deiner Rechten. Bei Tag wird dir die Sonne nicht schaden noch der Mond in der Nacht. Der Herr behütet dich vor allem Bösen, er behütet dein Leben. Der Herr behütet dein Gehen und dein Kommen von nun an bis in Ewigkeit.

 

In Psalm 121 wird das Wort »shamar« sechsmal in acht Versen gebraucht. Das Wort ist vielschichtig und bedeutet, etwas oder jemanden zu behüten, zu schützen, zu achten (oder in Ehren zu halten).

Gebeutelt von der Krise des Corona-Virus sehnen sich viele Menschen danach, behütet, geschützt und beachtet zu werden. Diesen Wunsch greifen wir auf in dem Titel »Bleiben Sie behütet«. Und nicht nur als etwas, was wir gerne für uns hätten, sondern als etwas, dem wir bereit sind zu dienen. 1908 organisierte sich in Palästina eine Gruppe unter dem Namen »HaSchomer«. Diese Gruppe schützte ihre Nachbarn als Wächter oder Behüter der jüdischen Siedlungen, die damals neu gegründet worden waren. Sie haben sie achtsam bewahrt und beschützt vor den Angriffen derer, die das Land nicht mit ihnen teilen wollten.

Schon in den ersten Tagen dieser Krise hörten wir Geschichten von Hamsterkäufen und Corona-Parties. In einigen Menschen herrscht der Impuls, »jeder für sich« und »rette sich, wer sich retten kann«. Als Menschen des Glaubens, als Menschen Gottes, müssen wir ein Zeichen dagegen setzen. »Bleiben Sie behütet!« soll unser Ruf werden in dieser Zeit. Schützen wir einander, achten wir aufeinander. Dazu sollen unsere Impulse dienen.

In Gen 4,9 wird erzählt: »Da sprach der HERR zu Kain: Wo ist Abel, dein Bruder? Er entgegnete: Ich weiß es nicht. Bin ich der Hüter (shamar) meines Bruders?« Unsere Antwort sollte sein, dass wir »HaSchomer« füreinander sein wollen.

 

Bleiben Sie behütet!

Vallendar, den 21.März 2020

Erik Riechers SAC

Rosemarie Monnerjahn

 

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Gebet als Kern des Lebens

 

Vor einigen Tagen ging es in einem Radiobeitrag darum, wie stark unsere derzeitige Krise unsere Kinder betrifft; denn ihr Alltag ist ja nicht nur sehr eingeschränkt, sie spüren oft existentiell, doch unausgesprochen die Unsicherheiten der Erwachsenen und brauchen unsere Hilfe in ihren Ängsten und Nöten. Sich Zeit nehmen, hinhören, mit ihnen reden wurde im Beitrag genannt, auch Rituale finden und leben – und dann das Beten, sich einem Höheren anvertrauen, gemeinsam Gebete formulieren!  Wer hätte noch vor Wochen in unserer säkularen Welt einen solchen Rat im Rundfunk erwartet?

Mich erfüllte dies mit stiller Freude und ein Gedanke von Mahatma Gandhi kam mir in den Sinn: »Das Gebet ist die Seele und das wahre Wesen der Religion. Darum muss das Gebet der Kern des Lebens eines jeden Menschen sein, denn kein Mensch kann ohne Religion leben.«

Seit Jahrzehnten leben immer mehr Menschen in der egozentrischen, überheblichen und sehr innerweltlichen Vorstellung, ohne Religion leben zu können. Doch vielleicht wird es zum Segen dieses Jahres, dass wir Menschen wieder eine Ahnung davon bekommen und uns ergreifen lassen dürfen »von dem, was uns unbedingt angeht« (Paul Tillich). Wir erkennen mehr denn je die Verwobenheit miteinander und kommen der Verwobenheit mit Gott, dem Urgrund und Ziel allen Lebens, wieder auf die Spur. Wir erinnern uns des Betens zu diesem Gott und beginnen, die Beziehung (wieder) zu pflegen zu IHM, der alles trägt und hält. 

Wir wissen nicht, was morgen ist oder nach den Sommerferien – doch wir wussten es nie!

Wird aber das Gebet zum Kern unseres Lebens, dann können wir unsere Nöte Gott ans Herz legen, aber auch den Dank für alles, was uns geschenkt wurde und täglich neu wird. Und auch heute können wir mit den alten Worten des Psalms 36 sprechen:

HERR, deine Liebe reicht, so weit der Himmel ist, deine Treue bis zu den Wolken.

Deine Gerechtigkeit steht wie die Berge Gottes, deine Urteile sind tief wie die Urflut. Du rettest Menschen und Tiere, HERR.

Wie köstlich ist deine Liebe, Gott! Menschen bergen sich im Schatten deiner Flügel.

Sie laben sich am Reichtum deines Hauses; du tränkst sie mit dem Strom deiner Wonnen.

Denn bei DIR ist die Quelle des Lebens, in deinem Licht schauen wir das Licht.

 

Rosemarie Monnerjahn, 3. April 2020

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Das Herz des Abenteurers IV

 

Diese Krisenzeit der Pandemie tut, was alle Krisenzeiten tun: sie zeigen uns, was für ein Herz in uns pocht. Haben wir das Herz des Abenteurers, das Verantwortung für das Leben übernehmen will? Oder schlägt in uns das Herz des Touristen, das andere braucht, um die Verantwortung für das Leben zu übernehmen? Dafür haben wir eine Geschichte.

In Lk 18, 9-14 geht es um einen Pharisäer und einen Zöllner. Interessanterweise hat aber der Zöllner das Herz des Abenteurers, denn in seiner Bitte um Erbarmen will er Verantwortung für sein Leben übernehmen. Der Pharisäer dagegen hat das klassische Herz eines Touristen. Er braucht andere, um sich groß und stark zu fühlen, und damit übernehmen sie die Verantwortung dafür, wie er sich fühlt und wie er lebt.

Wie geht das? Im Pharisäer haben wir einen Menschen, der zutiefst überzeugt  ist von seiner Gerechtigkeit. Er setzt auf das, was er aus sich bewirkt hat. Aber richtig gefährlich wird er erst durch die Kopplung dieser Überzeugung mit der Verachtung anderer.

Oberflächlich betrachtet sprechen beide (Pharisäer wie Zöllner) mit Gott. Oberflächlich betrachtet geht es um Gebet. Aber wirklich nur auf der Oberfläche. Denn der Pharisäer setzt sich nicht mit Gott auseinander, sondern mit dem Zöllner. Gott ist nur der Zuhörer, die Audienz. Er soll lediglich hören, wie viel besser der Pharisäer abschneidet als der Zöllner.

Der Pharisäer bedient sich einer uralten Taktik des Touristenherzens. Wenn ich nicht wirklich besser, stärker, größer werden will, dann werde ich eben nur mich als besser, stärker und größer darstellen. Um das zu bewerkstelligen, wähle ich mir einen schwächeren Gegner. Hier legen wir die Messlatte zu niedrig an.

Und mit wem setzt sich der Pharisäer auseinander? Er vergleicht sich mit Räubern, Betrügern, Ehebrechern und dem Zöllner. Leichte Beute. Das Herz eines Touristen braucht den anderen, um die Verantwortung für ein authentisches Leben zu meiden. Das läuft unter dem Motto:  Ich mag zwar nicht vollkommen sein, aber besser als diese Typen bin ich auf jeden Fall.

Dagegen setzt sich der Zöllner mit Gott auseinander. Er hebt seine Augen nicht auf, aber er hebt das Gespräch auf die höhere Ebene. »Gott sei mir gnädig!« Du sei mir gnädig. Ein »Ich« und »Du«, in dem der Zöllner anschaut, was zwischen ihm und Gott läuft. Der Zöllner wählt sich ein stärkeres Gegenüber, um stärker zu werden. Hier  ist das Herz des Abenteurers. Es ist wie beim Sport. Wenn der Sportler stärker werden will, muss er einen stärkeren Trainingspartner aussuchen, der ihn herausfordert, der ihn zwingt, mehr herauszuholen und besser zu werden. Wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht!

Aber wenn ich immer einen schwächeren Partner aussuche, kann ich immer gewinnen, aber mich nicht bessern. Wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt.

Darum geht es: Gott zum Gegenüber, zum Partner zu nehmen. Sich mit Gott auseinanderzusetzen. Gotthard Fuchs war vor Jahren bei  uns zu Gast und sprach über die Wüstenväter. Diese Wüstenväter waren immer bedacht, sich nicht mit den Sünden anderer zu beschäftigen, (mit den ebenso schwachen wie sie), sondern mit ihrer eigenen Beziehung zu Gott.

Auch diese Krisenzeit tut das mit uns. Sie öffnet uns für eine wichtigere, wenn unangenehmere Frage: Was ist mit mir los? Anstatt zu prahlen mit »Zwei Mal in der Woche faste ich!« kann die Frage gestellt werden: »Und habe ich danach immer noch Zuviel?«

Was ist mit den anderen 5 Tagen in der Woche? Stopfe ich mir dann alles rein, dessen ich mich an den zwei Tagen enthalten habe? Wenn ich zwei Tage lang nichts esse, gebe ich es den Armen, oder horte ich es für mich für nachher? Denken wir nur an Masken, Toilettenpapier, und Medikamente.

Macht mich das Fasten leer für das Wesentliche, oder füllt es mich mit prahlerischer Selbstgefälligkeit, die mehr Platz in mir aufnimmt als es je 6 Mahlzeiten könnten? Wenn ich schon auf vieles verzichten muss in diesen Tagen der Isolation, macht es mich weitherziger, oder schrumpft der Horizont meiner Sorge zu der Breite meiner Schulterblätter?

Das sind die Fragen, die hochkommen, wenn wir uns mit Gott auseinandersetzen und Verantwortung für unser Leben übernehmen wollen.

Den zehnten Teil gebe ich dem Tempel. Aber was mache ich mit den 90%, die ich behalte? 90% von Überfluss ist immer noch Zuviel!   Kann ich mich von etwas über den vorgeschriebenen 10% trennen? Werde ich mich streng an die Vorschriften dieser Tage halten, oder bin ich bereit auch mehr zu tun, mehr zu geben als das, was vorgegeben wird? Nicht einmal in einer Zeit, in der so viele unsere Mitbürger erkranken und sogar sterben, haben wir es geschafft, Menschenleben über Wirtschaftsfragen zu stellen.

Das sind die Fragen, die hochkommen, wenn wir uns mit Gott auseinandersetzen und Verantwortung für unser Leben übernehmen wollen.

Jeder Mensch kann einen Ringkampf mit einem Kleinkind gewinnen. Aber wir sollten es wie Jakob machen und mit Gott ringen, und zwar durch lange, dunkle Stunden bis das Licht zurückgekehrt.  Das ist ein Kampf, der sich lohnt, der uns stärkt, der uns aufbaut und Lebensunterweisung mit sich bringt.

Wir können es mit dem Zöllner halten und den abenteuerlichen Weg der Lebensmehrung gehen: Dann können wir beten: Herr, hilf mir großzügiger zu werden. Herr, hilf mir gerechter zu werden. Herr, hilf mir liebender zu werden. Das ist die Sprache des Herzens des Abenteurers, das Verantwortung für das Leben übernehmen willJeder Vergleich ist diabolisch. Deutschland mit Italien, unser Gesundheitssystem mit denen in anderen Ländern zu vergleichen kann genau zu der Haltung führen, die wir im Pharisäer erkennen. Wir sind privilegiert, die Stunde in diesem Land mit seinen Mitteln zu durchstehen. Jedoch muss Privileg uns nicht überheblich machen. Wir können auch fragen, welche Verantwortung für das Leben der Welt diese Privilegien mit sich bringen. Flüchtlinge, Kriegsopfer, Frauen, die in Zeiten der Corona  an steigender häuslicher Gewalt leiden, Obdachlose, die keinen Ort haben, an dem sie Quarantäne leben könnten, afrikanische Brüder und Schwestern, die auf den Virus warten ohne die grundlegendste medizinische Versorgung: Sie sitzen alle hinten im Tempel. Diese Krisenzeit kann uns nicht zwingen, sie zu beachten und ihnen zu helfen. Jedoch kann diese Krisenzeit uns auch nicht zwingen, die Haltung einzunehmen, die sagt: »Gott, ich danke dir, dass ich nicht wie die anderen Menschen bin«. Diese Krisenzeit wird lediglich zeigen, welches Herz in uns pocht.

Erik Riechers SAC

Vallendar, den 02. April 2020

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Du bist, was ich bin, und ich bin, was Du bist

 

Sind wir in diesen herausfordernden und für uns alle ungewöhnlichen Zeiten damit beschäftigt, uns nur um uns selbst zu sorgen, das Möglichste herauszuholen, soweit es geht und ohne Rücksicht? Sind wir Menschen, die emsig und oft eisig nur ihre eigenen Kammern zu füllen trachten?

 

Oder können wir uns beschränken, gerade weil der andere es braucht, der andere, der genau so ist wie ich – ein Mensch, voller Wert und Würde? Der andere, der vielleicht schwach ist, alt, angeschlagen? Kann ich verzichten, damit er leben kann? Kann ich Distanz wahren, um ihn und andere zu schützen?

 

Ich lade Sie ein, Leben neu zu sehen mit den Augen eines Mannes, der in der kurzen Spanne seines Lebens viel rang und litt: Vincent van Gogh. Hier seine Worte:

 

Lass uns ruhig weitergehen,

jeder auf seinem Weg,  

auf das Licht zu, »sursum corda«,      

als Menschen, die wissen,

dass wir sind, was andere sind,

und dass andere sind, was wir sind,

und dass es gut ist, einander zu lieben.

 

»Empor die Herzen!« fordert er auf, »sursum corda«, denn das Licht ist da, es zieht uns empor und gibt uns die Orientierung. Dorthin kann jeder auf seinem ureigenen Weg gehen, in Ruhe, nicht in Panik, authentisch, nicht kopierend und vom Vergleichen getrieben und vor allem mit strahlender  Perspektive für alle, nicht ins Verderben.  

Gemeinsam gehen wir als Menschen, die wissen, dass sie von derselben Art sind, eine Menschenfamilie, die gut unterwegs ist, wenn sie liebend unterwegs ist. »Wo ist dein Bruder?«, wird Kain gefragt. Üben wir, auf den anderen, der neben uns auf seinem Weg zieht, liebevoll zu achten und ihn anzunehmen als das, was wir sind.  

 

Rosemarie Monnerjahn, 1. April 2020

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Das Herz des Abenteurers III

 

Für eine Krise, die gerade ein paar Wochen anhält, irritiert es mich zunehmend, dass jeder zu wissen scheint, was diese Stunde für uns bedeutet. Es gibt Zeitungsartikel dazu ohne Ende. In Sitzungen wird schon die Strategie der Zukunft beschrieben: für die Kirche, die Liturgie, die Gesellschaft, die Wirtschaft. Und nach jeder Diagnose gibt es sofort ein Rezept für alles, was wir nachher ändern müssen. Hellseherei hat gerade Hochkonjunktur.

Ich hege gegenüber allen Prognosen dieser Art eine gesunde und tiefe Skepsis. Hierin sehe ich den Konflikt zwischen dem Herz des Abenteurers und dem Herz des Touristen.

Das Herz des Abenteurers ist das Herz, das Lust hat, das Neue auszukundschaften.

Das Herz des Touristen ist das Herz, das befreit werden möchte von den Bürden des Alltags.

Ich gebe offen zu, ich weiß nicht, was die Zukunft von uns verlangen wird und habe keine Patentrezepte als Lösung für alles, was uns konfrontieren wird während oder nach der Krise. Aber ich bin gerne bereit, es auszukundschaften.

In Mk 10, 32-45  steht ein interessanter Satz von zwei Jüngern.  »Meister, wir wollen, dass du für uns tust, worum wir dich bitten.« Die Lehrlinge in dieser Geschichte sind Jakobus und Johannes. Wenn wir die Frage stellen, warum sie diese Bitte an Jesus richten, dann werden wir schnell auf die Antwort stoßen, dass sie nur ihre Eigeninteressen im Sinn haben.

Die Antwort ist nicht falsch. In der Tat, sie meinen, dass sie ihren Eigeninteressen dienen durch diese Bitte und dass sie sich selbst einen Gefallen tun, wenn sie Jesus dazu bringen können zu tun, was sie wollen. Hier schlägt das Herz eines Touristen, ein Herz, das befreit werden möchte von den Bürden des Alltags. Dann definieren wir schon die Lösungen, die uns einfallen, bevor wir die Tiefe der Stunde überhaupt angeschaut und durchlebt haben. Wie kennt man die Lösungen für ein Abenteuer, das wir gar nicht zu Ende durchlebt haben?

Sich Jesus als Lehrling anzuschließen fängt immer mit einer Grundübung an: Du musst dich fragen: Hast du das Herz des Abenteurers? Das Herz, das Lust hat, das Neue auszukundschaften?

Wie fangen alle Berufungsgeschichten an?  Menschen sind fasziniert von der Lebensart Jesu, denn sie ist  ganz anders ist als das, was sie kennen. Sie fühlen sich angezogen von seiner Macht, die ganz anders ist als das, was sie gewohnt sind. In Jesus spüren und erleben sie Kraft- und Lebensquellen, die ein Leben ermöglichen. Quellen, an die sie gerne herankämen und woraus sie schöpfen möchten. 

Die Bedingung dafür ist das Herz des Abenteurers: Das Herz, das Lust hat, das Neue auszukundschaften. Sich mit dem Herzen eines Abenteurers an Jesus anzuschließen bedeutet:

  1. Wir erinnern uns an die faszinierenden Begegnungen mit ihm, an die Orte und die Zeiten, die die ursprüngliche Faszination in uns geweckt haben.
  2. Wir denken darüber nach. Wir überlegen uns, was da passiert ist, was es in uns weckt, mit uns tut und von uns heute abverlangen könnte.
  3. Wir reden darüber. Wer nicht darüber spricht, ist nicht fasziniert im Sinne der Sehnsucht. Wir müssen nicht schon Lösungen haben, Reformpakete schmieden und die Erneuerung aller Dinge beschließen.
  4. Wir probieren die Weisheit und die Tauglichkeit der faszinierenden Haltung, Ansicht oder Handlung Jesu aus. Wir üben, sammeln Erfahrungen, wagen neues Leben und neue Lebenswege. Wir üben nicht, was wir schon können, sondern das, was wir gern könnten.
  5. Wir versuchen im Allgemeinen, dass die Lebensweise Jesu ein Teil von uns wird. Wir nehmen uns Zeit, diese neuen Erfahrungen, die wir mit ihm machen, in unser Leben zu integrieren.
  6. Wir nehmen auch die Kritik wahr, die in der Lebensart Jesu enthalten ist: über die Art, wie wir uns gerade benehmen, wie wir die Dinge sehen und wie wir handeln. Denn eine Kritik wird in uns wach, weil das, was uns an Jesus fasziniert, nicht das ist, was wir schon in unserer Haltung, Ansicht oder Handlung kennen. Darum wollen wir nicht direkt zur Zukunftsreform, denn hier merken wir, so schmerzlich es auch sei, dass wir ein Teil des Problems sind. Wenn wir das nicht beachten und ernstnehmen, dann meinen wir, dass nur andere Mächte und andere Menschen das Problem sind. 
  7. Wir nehmen das Angebot Jesu an, etwas Neues zu versuchen, auszuprobieren und zu wagen über das Alte, Bekannte und Familiäre hinaus.                                                               

 

»Meister, wir wollen, dass du für uns tust, worum wir dich bitten.« In einer Krise setzt diese Bitte voraus, dass wir schon Meister sind und die Erkenntnis haben darüber, was die Lage bedeutet und wie sie zu bewältigen ist. Sollten wir tatsächlich das von uns glauben und es auch können, dann brauchen wir doch keinen Meister, der uns führt, begleitet und lehrt. Aber ist das wahr? Papst Franziskus, ausgehend von Mk 4,35-41 schreibt mahnende, tiefgehende Worte zu dieser Einstellung während dieser Pandemie:

Der Sturm legt unsere Verwundbarkeit bloß und deckt jene falschen und unnötigen Gewissheiten auf, auf die wir bei unseren Plänen, Projekten, Gewohnheiten und Prioritäten gebaut haben. Er macht sichtbar, wie wir die Dinge vernachlässigt und aufgegeben haben, die unser Leben und unsere Gemeinschaft nähren, erhalten und stark machen. Der Sturm entlarvt all unsere Vorhaben, was die Seele unserer Völker ernährt hat, »wegzupacken« und zu vergessen; all die Betäubungsversuche mit scheinbar »heilbringenden» Angewohnheiten, die jedoch nicht in der Lage sind, sich auf unsere Wurzeln zu berufen und die Erinnerung unserer älteren Generation wachzurufen, und uns so der Immunität berauben, die notwendig ist, um den Schwierigkeiten zu trotzen.

Mit dem Sturm sind auch die stereotypen Masken gefallen, mit denen wir unser »Ego« in ständiger Sorge um unser eigenes Image verkleidet haben; und es wurde wieder einmal jene (gesegnete) gemeinsame Zugehörigkeit offenbar, der wir uns nicht entziehen können, dass wir nämlich alle Brüder und Schwestern sind.

»Warum habt ihr solche Angst? Habt ihr noch keinen Glauben?« Herr, dein Wort heute Abend trifft und betrifft uns alle. In unserer Welt, die du noch mehr liebst als wir, sind wir mit voller Geschwindigkeit weitergerast und hatten dabei das Gefühl, stark zu sein und alles zu vermögen. In unserer Gewinnsucht haben wir uns ganz von den materiellen Dingen in Anspruch nehmen und von der Eile betäuben lassen. Wir haben vor deinen Mahnrufen nicht angehalten, wir haben uns von Kriegen und weltweiter Ungerechtigkeit nicht aufrütteln lassen, wir haben nicht auf den Schrei der Armen und unseres schwer kranken Planeten gehört. Wir haben unerschrocken weitergemacht in der Meinung, dass wir in einer kranken Welt immer gesund bleiben würden. Jetzt, auf dem stürmischen Meer, bitten wir dich: »Wach auf, Herr!«

 

Ich, für mein Teil, werde die Propheten der Zukunft nicht beachten. Ich folge mit dem Herz des Abenteurers dem Herrn, der  zuerst die Krise, den Sturm, mit uns durchlebt und davon spricht, was diese Stunde  von uns verlangt, bevor er sagt, was die zukünftigen Stunden von uns verlangen könnten.

 

Erik Riechers SAC, Vallendar, 31. März 2020

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Ein Rat - aktueller denn je

 

Vor vielen Jahren gab mir eine Bekannte den Tipp zu einem Vortragsabend über Israel. Sie wusste, dass mich dieses Land faszinierte, vor allem, da ich kurz zuvor zum ersten Mal dort gewesen war.

Im Saal herrschte eine andächtige Atmosphäre, als der Referent eintraf. Nach liebevollen und würdigenden Begrüßungsworten der Gastgeber begann sein Vortrag. Doch dies war kein Vortrag über die Schönheiten und Eigenheiten des Landes. Hier sprach ein Mann, der seit über 1o Jahren im Herzen Jerusalems lebte, von den Erfahrungen und Bewegtheiten seiner Seele – in einer Lyrik, die mich zunehmend fesselte: Willi Bruners. Seinen »Rat« vergaß ich nie mehr; oft habe ich ihn zitiert; schwere Zeiten meines Lebens hätte ich ohne ihn nicht gut überstanden; gute Zeiten bekommen durch ihn dankbare Tiefe. Gerade heute lege ich Ihnen seine Weisheit ans Herz:

 

Rat

Verabschiede die Nacht

mit dem Sonnenhymnus

auch bei Nebel

 

hol dir die ersten

Informationen aus den

Liedern Davids

 

dann höre die

Nachrichten und lies

die Zeitung

beachte die Reihenfolge

wenn du die Kraft

behalten willst

die Verhältnisse zu ändern

 

bete gegen das

fünfsternige Nichts

das dir aus jedem

Kanal entgegentönt

                                                     Wilhelm Bruners

 

Mögen wir uns täglich zuerst in den Grund hinein beten, auf dem wir stehen – dann vermögen wir uns dem zu stellen, was von außen auf uns zukommt - »beachte die Reihenfolge«!

 

Rosemarie Monnerjahn, 30. März 2020

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5. Fastensonntag: »Hierher, raus!«

 

Gebet

Gott aller Zeiten,

Wir bitten, wir weinen, wir warten, wir sterben, wir hoffen, wir leben,

wir machen weiter, wir richten uns wieder auf, wir versuchen zu verstehen,

wir missverstehen, wir lernen, wir fragen wieder, wir warten auf Erkenntnis.

In alle dem, möge Gebet uns ein Gefährte sein, nicht eine Qual.

Mögen wir im Gebet den Trost finden, der uns durch alles hindurch trägt.

Wissend, dass manches sich ändert

und manches gleich bleibt.

Amen.

Pádraig Ó Tuama

 

Evangelium: Johannes 11, 1-45

 

Die Ungeduld und die Sehnsucht treiben uns immer wieder zu fragen, wann diese Krise zu Ende gehen wird. Der große Erzähler Johannes versteckt eine Lebensunterweisung in seinem Evangelium, die sich mit einer weiterführenden Frage beschäftigt.  Wie werden wir leben, wenn die Krise vorbei ist?

In Johannes 11 lässt Jesus den Stein vom Grab seines Freundes Lazarus wegrollen.  Aber dann müssen wir sehr genau hinhören, wie er mit seinem Vater spricht.

»Vater, ich danke dir, dass du mich erhört hast. Ich wusste, dass du mich immer erhörst; aber wegen der Menge, die um mich herumsteht, habe ich es gesagt, damit sie glauben, dass du mich gesandt hast.«

Merken wir genau seine Worte! Ich danke dir, dass du mich erhört hast. Das ist die Vergangenheitsform! Das heißt, wenn Gott ihn schon erhört hat, dass Lazarus schon wach ist. Er lebt! Aber, obwohl der Stein weggerollt ist, kommt er nicht aus dem Grab heraus.

Also muss Jesus fast Wort für Wort das sagen, was Gott Noah in der Arche mal sagen musste. Bei Noah geschieht das, nachdem er zwei Monate lang in der Arche hockt, obwohl die Erde schon trocken ist und er seinem Auftrag nachgehen sollte, die Erde neu zu bevölkern und zu gestalten. Worauf wartet Noah noch? Er hat Angst, seinen Schutzraum (die Arche) zu verlassen und wieder aufzugeben. Gott muss zu ihm sagen: Auf, raus! (vgl. Gen 8)

Jesus muss dieser Angst in Lazarus entgegentreten. »Lazarus, deuro (hierher) exo (raus)!«

Er muss Lazarus herausbefehlen. Immerhin, wie würde ein Toter den Befehl Jesu hören und beachten? Jesus weiß, dass Lazarus sein Leben zurückbekommen hat (»ich danke dir, dass du mich erhört hast!«), aber er weiß auch, dass Lazarus sich nicht ins Leben zurück traut. Dazu braucht er zwei Hilfen.

Erst braucht er eine Stimme, die ihn ins Leben zurück ruft. Er braucht die Gottesstimme der Ermutigung. Sonst bleibt er im Grab wie Noah in seiner Arche.

Und zweitens braucht er eine Befreiung von alten Erfahrungen, die ihn noch von der Rückkehr ins Leben zurückhalten. »Da kam der Verstorbene heraus; seine Füße und Hände waren mit Binden umwickelt und sein Gesicht war mit einem Schweißtuch verhüllt. Jesus sagte zu ihnen: Löst ihm die Binden und lasst ihn weggehen!«

Die Ängste des Lazarus kennen auch wir. Wenn etwas uns Sicherheit und Schutz gibt, wenn es uns geborgen und gesichert fühlen lässt, dann wollen wir es nicht wieder loslassen. Sei es eine Beziehung, sei es eine gute Erfahrung oder sei es eine bewiesene Lebensweise; wenn sie uns gute Dienste erwiesen haben, wenn wir uns daran gewöhnt haben, dann werden wir sie nicht ohne weiteres wieder loslassen. Dann verkriechen wir uns und nisten uns ein.

Das Problem für Lazarus und für uns ist, dass eine Übergangslösung keine Dauerlösung werden darf. Wir dürfen nicht ein Grab zu unserer Wohnstätte machen. Wir dürfen nicht unsere Zurückgezogenheit, Isolierung und gesellschaftliche Distanzierung in der Zeit von Corona zu einem Lebensstil umwandeln. Was wir gerade tun, um Leben und Leute zu schützen, ist eine Übergangslösung. Sie soll das Leben vor der Bedrohung und vor dem Untergang unserer Mitmenschen bewahren. Aber sie ist kein Ersatz für das, was wir nachher leben müssen und mit Leben erfüllen müssen, über dieses Grab hinaus. Keine Schutzräume des Lebens sind dafür gedacht, dass wir uns darin verstecken. Lazarus versteckte sich im Grab vor Angst, was im Leben auf ihn wartet und von ihm verlangt wird. Wir haben unsere Angst vor Leben nach Corona, vor den Veränderungen und der Verantwortung, die damit verbunden sind. Wir werden manchmal versucht, seine Formen des Rückzugs und der Isolierung weiter zu führen, um uns sicher zu fühlen.

Aber die Aufgabe eines Lebens liegt nicht in einem Grab. Sie liegt draußen in der Welt. Alles Leben, das Jesus rettet und herausruft, wird dem Leben der Welt geschenkt, denn auch die Welt wartet auf neues Leben, eine Wiedergeburt und einen Neubeginn.

Darum brauchen auch wir diese zweifache Hilfe unseres Gottes. Wir brauchen eine Stimme Gottes, die größer ist als unsere Stimme. Wir brauchen eine Stimme Gottes, die größer ist als unsere Ängste, die bereit ist, uns zu sagen, was wir nicht unbedingt hören wollen. Denn die Stimme Gottes ist nie ein Echo unserer kleinen Herzen. Diese Gottesstimme spiegelt nicht unsere Panik und unsere Ängste wieder. Sie spricht mit Autorität, mit der Stimme des Autors des Lebens und der Welt. »Hierher, raus« (deuro exo) ist ein Befehl und keine Empfehlung. Gott nimmt unsere Ängste ernst, aber er ist kein Diener dieser Ängste.

Und wir brauchen eine Befreiung. Alte Gewohnheiten haben es an sich, dass sie nichts unversucht lassen, uns wieder einzuholen, festzuhalten und zurückzuholen. Fragen wir nur das Volk Israel. Kaum hat Pharao sie ziehen lassen, dann ändert er seine Meinung und schickt seine Streitkräfte, um seine Sklaven einzuholen, festzuhalten und zurückzuholen.

Das Alte lässt uns nie einfach los.

Das erzählt auch Johannes. Lazarus kommt nicht nur zaghaft aus dem Grabe, sondern von Altem gefesselt.

»Da kam der Verstorbene heraus; seine Füße und Hände waren mit Binden umwickelt, und sein Gesicht war mit einem Schweißtuch verhüllt. Jesus sagte zu ihnen: Löst ihm die Binden, und lasst ihn weggehen!«

Die Hände sind die Metapher für unsere Handlungskraft. Sie sind noch gebunden und unsere Handlungskraft kann noch nicht eingesetzt werden. Da brauchen wir einen Gott, der auch Fesseln löst, denn ohne Handlungskraft können wir das Leben der Welt nicht gestalten.

Die Füße sind die Metapher für die Richtungen, die wir einschlagen. Füße setzen Orientierung in Bewegung um. Auch hier brauchen wir die Hilfe unseres Gottes, denn wir träumen in der Quarantäne über alles, was wir danach tun wollen, aber sobald wir heraustreten, werden wir dafür verantwortlich sein, diese Vorsätze konkret ins Leben umzusetzen.

Ein Schweißtuch verhüllt sein Gesicht und lässt seine Augen nicht sehen. Die Augen aber sind die Metapher für unsere Sichtweise, die Art und Weise, wie wir auf die Welt schauen und sie wahrnehmen. Auch hier werden wir eine Befreiung Gottes brauchen, denn Krisen verschleiern unseren Blick. Nur weil sie vorbei sind, heißt es nicht, dass wir wieder klar sehen. In Gegenteil führen Krisen sehr oft dazu, dass wir die neuen Chancen durch den Filter unserer alten Ängste sehen. So können wir keine neue Zeit mit Leben und Heil erfüllen. 

Wir brauchen die Stimme Gottes, durch sein Wort und durch seine Boten. Aber diese Stimme, die Lazarus herausruft, stellt eine Frage an uns: Werden wir auf sie hören und achten? Denn Jesus ruft aus dem Grab heraus, aber er zerrt uns nicht heraus. Gott wird schon dafür sorgen, dass wir ins Leben gerufen werden. Ob und wie wir nach der Krise leben werden, liegt in unserer Hand.

 

Meditation: Deuro exo (Hierher, raus)

Lazarus, hierher, raus!

Dein Leben wartet auf dich.

Es kann nicht in Todeskammern gestaltet werden.

 

Lazarus, hierher, raus!

Martha und Maria, deine Schwestern warten auf dich.

Ihre Tränen brauchen deine sanften Finger.

Darum binde ich auch deine Hände frei.

 

Lazarus, hierher, raus!

Die Menschen, die trauerten, als sie dachten, du seist tot, warten auf dich.

Sie sehnen sich danach, dass du wieder auf sie zugehst.

Darum habe ich auch deine Füße entfesselt.

 

Lazarus, hierher, raus!

Die Welt wartet auf dich.

Mit deinem Tod ist etwas von der Herrlichkeit Gottes aus ihr gegangen.

Sei ein Mensch des gelebten Lebens, denn so kehrt die Herrlichkeit Gottes in die Welt zurück.

Ich habe das Schweißtuch entfernen lassen. Du zeige dein Gesicht.

 

Lazarus, hierher, raus!

Ich wohne weder vor noch in Gräbern.

Ich besuche sie nur, um Leben herauszurufen.

Ich warte auf dich.

Ich habe nämlich vor deinem Grab um dich geweint.

Deine Lebendigkeit wird jetzt mein Trost sein.

  

ERIK RIECHERS SAC

Vallendar, den 29. März 2020

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»Wegführerinnen der Seele«

 

Die frühchristlichen Wüstenväter, die sich einzeln als Eremiten oder in kleinen Gruppen zu Gebet und Askese in die Wüsten Ägyptens und Syriens zurückgezogen hatten, waren aufgrund ihres unabgelenkten klaren Blicks in die Tiefe schon zu Lebzeiten gefragte, ja anziehende Ratgeber und viele ihrer Worte sind bis heute nicht nur bewahrt, sondern bedeutsam.

So ist von Abbas Poimen dieser Gedanke überliefert:

»Sich bewahren, auf sich achten und die Unterscheidungsgabe: Diese drei Tugenden sind die Wegführerinnen der Seele.«

Wie sehnen wir uns alle doch gerade derzeit danach, geführt zu werden durch all das, was auf unserem Weg auf uns einströmt.

Abbas Poimen nennt drei Wegführerinnen unserer Seele. »Sich bewahren« setzt voraus, dass ich mich, mein Inneres, überhaupt wahrnehme. Ganz bei mir zu sein und nicht dauernd im Äußerlichen – dahin lasse ich mich führen, um mich nicht zu verlieren, sondern zu bewahren.

»auf sich achten«, die zweite Wegführerin der Seele, will uns achtsam machen auf das, was sich in uns regt, nicht, um uns hin und her reißen zu lassen von Emotionen, sondern um sie wahrzunehmen, zu bedenken und zu deuten.

Die »Unterscheidungsgabe« schließlich hilft uns, Impulse, die uns zwar einiges versprechen mögen, aber nicht zu Heil und Leben führen, von jenen zu unterscheiden, die mehr Tiefe und lebendige Fülle bereithalten. Nur diese kommen von Gott.

Tugenden sind keine Billigware; sie wollen geübt werden – jeden Tag und gerade jetzt!

 

Rosemarie Monnerjahn, 28. März 2020

 

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Das Herz des Abenteurers II

 

Ich werde immer wieder gefragt, ob ich nicht eine Geschichte hätte für eine schwierige Situation. Und danach werde ich dann gefragt, warum die Geschichte nicht funktioniert hat. Selbstverständlich gehen die Menschen davon aus, dass das Problem bei der Geschichte liegt: sie ist zu schwierig, komplex oder unübersichtlich.

 

Dann muss ich eine Grundlehre der Auslegung aller Geschichten zitieren: der Text schweigt, bis der Leser erscheint.

 

Diese Regel gilt allerdings für alle Geschichten, denen wir Menschen begegnen, seien es die Geschichten, die wir lesen und hören oder die Geschichten, die wir leben und mitgestalten. Denn die Geschichten Gottes und die Geschichten des Lebens setzen etwas voraus: das Herz des Abenteurers muss erscheinen, um sie auszulegen und zu leben.

 

Und so kommen wir zum zweiten Merkmal, das einen Abenteurer von einem Tourist unterscheidet:

 

Das Herz des Abenteurers ist das Herz, das Wege durch das unbekannte Land sucht. Das Herz des Touristen ist das Herz, das vorgeschriebene, gewohnte  Wege geht.

 

Die gegenwärtige neue, ungewohnte und unerwartete Geschichte der Erkrankung, der Einschränkung und des chaotischen Wandels unseres Lebensstils prüft unsere Herzen. Wir können uns beschweren, dass sie schwierig, komplex, unübersichtlich ist, wie Studenten vor einer biblischen Erzählung: dann haben wir das Herz des Touristen. Wir wollen den vorgeschriebenen Weg gehen. Das bedeutet, wir wollen jemanden, der uns diesen Augenblick erklärt, ihn verständlich macht und alles kurz und bündig zusammenfasst. Wir können uns zurücklehnen und uns lediglich merken, was sie uns gesagt haben.

 

Alle Geschichten, auch unsere Corona-Geschichte, gehen nie davon aus, dass sie uns eine Erklärung schulden. Sie gehen immer davon aus, dass der Hörer, Leser oder Empfänger um Führung und Begleitung bittet. Darum setzen sie das Herz des Abenteuers voraus. Touristen kommen zu einer Geschichte lediglich für die Unterhaltung. Abenteurer kommen zu einer Geschichte, weil sie den Pfad zum Leben suchen.

 

Diese Geschichte von Corona, Quarantäne, Distanzierung und Angst, die wir gerade durchleben, hat eine tiefere Bedeutung, aber ihre Inhalte und Bedeutungen sind noch verborgen. Wie bei jeder biblischen Erzählung wird diese Geschichte erst anfangen, uns Orientierung zu schenken, wenn sie von uns Aufmerksamkeit gewidmet bekommt. Überall wird berichtet, welche Wirkung die Ausgangsbeschränkungen und gesellschaftlichen Einschränkungen auf die Menschen haben. Aber diese gegenwärtige Geschichte wird erst anfangen, eine Heilswirkung zu haben, wenn wir auslegen, was diese Wirkungen bedeuten. Deutung ist die ganze Kunst. Und Deutung ist die Kunst eines Abenteurers. Das Herz des Abenteurers ist das Herz, das Wege durch das unbekannte Land sucht. Der Tourist deutet nicht, sondern erwartet Lösungen und Erklärungen. Das Herz des Touristen ist das Herz, das vorgeschriebene, gewohnte  Wege geht.

 

Das Verhältnis zwischen der Corona-Geschichte und wie wir sie gestalten und erleben, ist keine einfache Beziehung. In der Realität spricht eine Geschichte nur, wenn ein Hörer dazu kommt. Eine Geschichte wird lebendig und fängt an zu reden nur von dem Augenblick an, wo wir bereit sind zuzuhören. Wieviel diese Corona-Geschichte erzählt, steht in direkter Proportion dazu, wie gut wir zuhören. Ich habe Studenten seit 30 Jahren gesagt, dass ihre Handlungen beim Lesen und Deuten wesentlich sind, wenn eine Geschichte ihre Wirkung entfallen soll. Wir müssen eine Geschichte wahrnehmen, aufnehmen, mitnehmen. Auch in dieser Stunde gilt die Regel. Wir müssen die Realitäten und Veränderungen wahrnehmen, sie deuten, um zu verstehen, was diese Stunde von uns verlangt, und Verbindungen knüpfen zu unserem Leben, unserem Verhalten und unseren Handlungen.

 

Aber die Deutung ist die ganze Kunst, und sie ist und bleibt die Kunst eines Abenteurers. Was wir gerade erleben und erleiden, ist keine unterhaltsame Geschichte, aber sie könnte uns neue ungesehene Horizonte, unbegangene Wege und unversuchte Möglichkeiten eröffnen. Dafür brauchen wir das Herz des Abenteurers, denn es sucht die Wege ins unentdeckte Land.

 

Erik Riechers SAC, 27. März 2020

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Im Vertrauen

 

Inzwischen läuten am Abend überall die Glocken und laden uns ein, eine brennende Kerze ins Fenster zu stellen und über konfessionelle Grenzen hinweg uns betend miteinander zu verbinden. Wer sich darauf einlässt, kann die Gemeinschaft der Betenden spüren in der gemeinsamen Verankerung in Gott, der alles trägt und hält und dessen Nähe wir uns anvertrauen können:

 

»Gott, du bist uns nah, jetzt, hier, in diesem Moment und zu aller Zeit.

Gott, mit dir wollen wir gehen, gib du uns den Impuls.

Bei dir wollen wir ruhen, gib du uns den Atem.

Bei dir ist Proviant, begleite uns.

Bleib uns vertraut, und werde uns neu.« *

 

Rosemarie Monnerjahn, 26. März 2020

           *Manfred Büsing aus: Lectio divina, Bd. 22, 2020

 

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Stille – nicht Fluch, sondern Segen

In diesen Tagen und Wochen des sehr zurückgenommenen Lebens, das wir alle führen, um einander zu schützen vor der weiteren Ausbreitung des Virus, halte ich immer wieder inne und nehme die Stille wahr. Der Luftraum ist ruhig, auf der Straße gibt es keinen Durchgangsverkehr zu Schule und Sportveranstaltungen. Nichts stört, wenn ich spazieren gehe. Diese Ruhe macht mich nicht unruhig oder nervös, nein, ich schätze sie als ein Geschenk und genieße sie sogar.

Und ich halte inne mit dem, was Roger Willemsen zur Ruhe schrieb:

»Wenn alle lärmenden Bewegungen, alle Überlagerungen von Empfindungen, Wahrnehmungen, Impulsen durch Geräusche zurückweichen, tritt die Ruhe der Betrachtung ein.

Die Natur wird häufig so erfahren, selten die Stadt. Die Waldesruhe, der Frieden über dem See, das Schweigen der Nacht, sie alle assoziieren Friede, den Fortfall des Hochtourigen, Geschäftigen, Flüchtigen, auch Belanglosen. Es tritt Kontemplation ein, reines Bei-sich-Sein. Auch im sozialen Leben aber ereignet sich Stille nicht nur, sie besetzt eigene Funktionen: In der »Schweigeminute«, der stillen Trauer, der Denkpause, in der Betrachtung des Firmaments, in den Schweigeräumen der Kirchen, Krypten, Tempel, im Schweigegelübde der Kartäuser, der Eremiten, der tibetanischen Schweigemönche, in der »stillen Zeit« zwischen Weihnachten und Silvester. Es gibt, wo Bescheidenheit oder selbst Demut einsetzen, ein Klein-Werden, das dem Leise-Werden entspricht und oft der Pietät, dem Glauben, der Selbstversenkung vorbehalten ist. Auch wohnt den stillen Augenblicken des alltäglichen Lebens oft eine eigene Magie inne, so der Stille vor dem Kuss, der Stille des Einvernehmens in einem Blick, der Stille des Gebets, . . .

Von den bleibenden Momenten eines Lebens wird oft gesagt, dass sie »atemlos« waren, dass alle Bewegung in ihnen zum Stillstand kam, dass sie sich in völligem Schweigen ereigneten.« *

 

Können wir schätzen und würdigen, was diese Zeit uns schenkt? Eine ungewohnte Ruhe, deren Lebendigkeit wir nun »auspacken« und entdecken können.                

 

Rosemarie Monnerjahn, 25. März 2020

*aus: Roger Willemsen, Musik! Über ein Lebensgefühl, 2018

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Das Herz des Abenteurers I

In Hamlet stellt William Shakespeare eine interessante Frage. Wer würde die Lasten des Lebens tragen, stöhnend und schwitzend, wenn sie nicht Angst hätten vor dem Tod und der Zukunft danach? Denn diese Zukunft, die noch in Gottes Hand liegt, ist das unentdeckte Land. Und das unentdeckte Land der Zukunft führt oft dazu, dass wir »die Übel, die wir haben, lieber ertragen, als zu unbekannten fliehn.«

 

Krisenzeiten wie diese prüfen unseren Charakter und unser Herz. Und was sich sehr schnell herausstellt ist, ob wir das Herz des Abenteurers oder das Herz des Touristen zum Projekt des Lebens mitbringen.

 

Diese zwei Lebenseinstellungen werden maßgeblich bestimmen, wie wir uns den Geschichten Gottes annähern. Sie sind zwei Weisen, wie wir das Evangelium hören können: als Abenteurer oder als Tourist.

Noch viel wichtiger, sie werden maßgeblich bestimmen, wie wir das Leben gestalten. Sie sind zwei Weisen, unser Leben zu gestalten: in der Spiritualität des Abenteurers oder des Touristen.

 

Heute schauen wir auf das erste von neun Kennzeichen, die Abenteurer von Touristen unterscheiden.

Das Herz des Abenteurers ist das Herz, das dort hingeht, wo Leben zu finden ist. Das Herz des Touristen ist das Herz, das dort bleibt, wo andere Leben gestaltet haben.

 

Wagen wir zwei biblische Erzählungen. Die erste Geschichte ist im Buch Numeri 13-14. Das Volk Israel steht vor der Grenze des Gelobten Landes und hört den Bericht der Kundschafter. Jetzt merken sie, dass es ihnen doch zu viel Mühe und Anstrengung ist, das Land zu betreten und es zu eigen zu machen. So kehren sie dem unentdeckten Land ihrer Zukunft ihren Rücken und gehen zurück zur Wüste, wo sie weitere 38 Jahre umherirren. Das Herz des Touristen ist das Herz, das dort bleibt, wo andere Leben gestaltet haben.

 

Die zweite Geschichte ist im Buch Josua 1. 38 Jahre später steht die Nachfolger-Generation vor der Grenze zum Gelobten Land. Sie wissen, dass es nicht leicht wird, werden immer wieder aufgerufen, mutig und standhaft zu sein. Aber diesmal betreten sie das Gelobte Land, das unentdeckte Land ihrer Zukunft. Dafür müssen sie kämpfen. Das Herz des Abenteurers ist das Herz, das dort hingeht, wo Leben zu finden ist.

 

Beide Gruppen müssen sich die Frage stellen, die wir uns jetzt stellen vor dem unentdeckten Land unserer Zukunft. Was ist uns eine Zukunft wert?

 

In beiden Geschichten muss das ganze Volk die Entscheidung mittragen und mitgestalten. Wie sie werden auch wir in den Tagen der Unsicherheit mit schweren Fragen konfrontiert.

 

Werden wir für eine verheißungsvolle Zukunft für uns alle arbeiten, auch wenn es uns einen deutlichen Preis abverlangt? Auch wenn sie Schwierigkeiten mit sich bringt? Auch wenn diese Zukunft Mühe, Ringen und Konflikt mit sich bringt? Das Herz des Abenteurers sagt ja dazu, denn das Herz des Abenteurers ist das Herz, das dort hingeht, wo Leben zu finden ist.

 

Oder sind wir nur bereit, von einer verheißungsvollen Zukunft zu sprechen, wenn der Weg für uns vorbereitet und geebnet wurde? Wenn die Probleme im Voraus gelöst sind? Wenn die Hindernisse und Barrieren weggeräumt worden sind? Das ist das Herz des Touristen. Das Herz des Touristen ist das Herz, das dort bleibt, wo andere Leben gestaltet haben.

 

Diese Pandemie hat uns an eine Grenze gebracht. Hier liegt die grundlegende Entscheidung derer, die an der Grenze des unentdeckten Landes der Zukunft stehen.

 

Wie viel ist uns ein authentisches Leben für alle wert? Wie viel Kraft ist es mir wert? Wie viel Mühe ist es mir wert? Wie viel Investition und Hingabe ist es mir wert?

 

Diese Krise ist eine Entscheidungsstunde und Entscheidungen sollten wir gestalten. Aber wenn aus dieser Zeit eine Zukunft für alle entstehen sollte, dann brauchen wir Abenteurer. Touristen sind hier nicht gefragt.

 

Erik Riechers SAC, 24. März 2020

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Üben, was wir noch nicht können

Ein Brief machte mir letzte Woche bewusst, was gerade für uns Christen die große Übung dieser Krise ist. Sie erfordert nämlich von uns ein Einlassen auf das »Exerzitium des Gottvertrauens«.

Üben ist angesagt, Vertrauen üben in unseren Gott!

Doch wir üben ja immer das, was wir schon können: wir müssen alles (richtig) machen, leisten, organisieren, Vorgaben erfüllen, planen und tragen, im Griff behalten, . . . alles hängt von uns ab!

Nun aber machen wir die Erfahrung, wie wenig wir tun können und im Griff haben. Das, was nun von uns gefordert wird, ist Zurückhaltung,  warten, zu Hause bleiben, Beziehungen eher zurückgenommen pflegen, Stille aushalten, zu lassen. Das müssen wir in der Tat richtig üben. Wir üben jedoch nicht im luftleeren Raum. Unser Blick wird frei und sieht den, der immer schon unser Leben trägt. Nie waren wir die Herren unseres Lebens – aber wir lebten so als ob!

Wenn wir uns nun in das »Exerzitium des Gottvertrauens« hineinbegeben, so üben wir bei allem, was wir in dieser Zeit gestalten können, das Leben Gott zu überlassen. Er vertraut uns und traut uns in jeder Lage zu, das Rechte zu tun – trauen wir ihm zu, dass er als der Gott, der seine Menschen liebt, unser Leben immer trägt! Natürlich haben wir das Unsere zu bedenken und zu tun, um Leben zu erhalten und zu schützen, aber wir haben das große Ganze nicht in der Hand.

Wir leben derzeit mehr oder weniger im Quarantäne-Modus. Der Begriff Quarantäne ist abgeleitet vom lateinischen quadraginta, die Zahl 40, im Italienischen heißt quaranta giorni  40 Tage. 

Liturgisch leben wir gerade in der Fastenzeit, ein altes Wort dafür ist Quadragesima. Sie steht seit alters her für 40 Tage Vorbereitungszeit, Umkehr, Verzicht und Üben.

In ein »Exerzitium des Gottvertrauens« einzusteigen heißt für mich, in meiner Verwobenheit mit allen in dieser Fastenzeit auch meine Beziehung zu Gott neu zu betrachten und zu pflegen. Ich kann mich in ihm neu verankern, aus dessen Hand nie jemand fällt. Ich übe das Hören, das betende Hören. Ich übe das Klagen und Aussprechen all dessen, was mich bedrückt. Ich übe das Sehen all dessen, was gut und lebendig ist. Ich übe das Danken.

»Sättige uns am Morgen mit deiner Huld! Dann wollen wir jubeln und uns freuen all unsre Tage.« betet der Psalmist (Ps 90). »Blinde führe ich auf Wegen, die sie nicht kennen, auf unbekannten Pfaden lasse ich sie wandern.« verkündet der Prophet (Jes 42, 16).

Wir sind nicht allein in dieser Exerzitienzeit. Üben wir mit denen, die vor uns waren und neben uns sind! Füllen wir die Quarantänezeit mit dem tiefen Sinn der Fastenzeit: uns tief zu verankern in der Liebe unseres Gottes!  

Rosemarie Monnerjahn, 23. März 2020

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Sehend sein ist nicht sehend leben

Ein sehr gefrusteter Mann sagte zu mir in diesen Tagen: »Durch diese Krise wird Gott uns noch allen die Augen öffnen!« Meine Frage an ihn war: »Und was dann?« Reicht es wirklich, wenn uns die Augen aufgehen? Denn nur weil wir die Probleme, die Möglichkeiten oder die Realitäten sehen, heißt es längst nicht, dass wir handeln werden, damit wir zum Leben kommen. Fragen wir nur den Mann am Straßenrand zwischen Jericho und Jerusalem. Zweimal wurde er in seiner Not gesehen, einmal von einem Priester und ein zweites Mal von einem Levit. Und zweimal lässt Lukas den erschütternden Satz erklingen: »er sah ihn und ging vorüber.«

 

Heute haben wir die Geschichte eines Menschen, der lernt, was er zu tun hat, nachdem Jesus ihm die Augen geöffnet hat. Und das Erste, was er lernen muss, ist  »Ich« zu sagen. Nicht in der selbstbezogenen Art des Egoisten, sondern als Ausdruck seiner menschlichen Würde. Ohne »Ich« sagen zu können, werden wir den Wert, die Würde und den Sinn unseres Lebens verleugnen, auch nachdem sie von Gott gewürdigt und wiederhergestellt werden.

 

Am Anfang der Geschichte unterhalten sich die Jünger mit Jesus darüber, wer die Schuld an der Blindheit dieses Mannes trägt. Während sie diese höchst persönliche Frage besprechen, reden die Jünger nur über den Blinden, und zwar während er vor ihnen sitzt. Aber sie reden nicht mit ihm, sie sprechen ihn nicht direkt an.

 

Nur Jesus tut das. Und erst dann wird der Blindgeborene heil, erst dann kann er sehen. Denn Jesus erkennt hier eine ewige Gefahr für seine Menschen, nämlich die Tendenz, über andere Menschen zu reden, aber nicht mit ihnen. Alle Heilung, alle Lösungen unserer Probleme und die Chance, wieder Durchblick und Weitblick zurückzugewinnen, fangen damit an, dass wir mit Menschen reden, sie ansprechen und einen Dialog anfangen. In der Anonymität wird keiner heil.

 

Redet miteinander! Das ist aber gar nicht so einfach, besonders  wenn wir es gewohnt sind, über die anderen zu reden. Johannes macht es klar in der nächsten Szene. Nachdem der Mann von seiner Blindheit geheilt ist, fangen die Nachbarn an, über ihn zu reden. Keiner kommt auf die Idee, mit ihm zu sprechen.

 

Das darauffolgende Gespräch bezieht sich dann auf den Urheber seiner Heilung und wo er zu finden sei, aber keiner geht auf den Mann und seine Erfahrung ein. Keiner fragt ihn, wie es ihm dabei geht, was er empfindet, was sich in ihm regt. Und keiner gratuliert ihm zur Heilung. Und das noch bei religiösen Menschen, wo Dankbarkeit für Leben und Heil vorprogrammiert ist. Auch gibt es keinen in Geschichte, der Gott lobt oder dankt für diese Heilung.

 

Während die Nachbarn intensiv über ihn diskutieren, muss er zum ersten Mal sich melden: Ich bin es! Zum ersten Mal muss er seine Stimme finden und erheben. Er muss sich zu Wort melden. Er muss seine Erfahrung selbst deuten und dazu stehen. Auch wir müssen  zu dem stehen, was wir erlebt haben, zu unserer Erfahrung und zu dem, was wir von Gott her sind, und das sehr oft vor der Oberflächlichkeit unserer Mitmenschen. Wenn die Augen uns aufgehen in dieser Zeit der Corona Krise, wird es uns nichts nutzen, wenn wir einfach Mitläufer der panischen Menge werden. Während andere panisch schwätzen, sind wir aufgerufen zu sagen, was wir erleben, erfahren, spüren und fühlen.

 

Dann bringen sie den Blinden zu den Pharisäern. Wieder merken wir dieselbe Tendenz: Sie reden entweder über ihn (»dieser Mensch«) oder über die Sache (die Heilung). Aber sie reden nicht zu und mit dem Mann, der vor ihnen steht. Die Gefahr ist klar: Über die Sache zu reden und es dabei lassen. Die Gefahr ist, dass wir nicht mit den Menschen, die von der Sache betroffen sind, sprechen. Wir reden im Augenblick über einen Virus, die Infektionsraten, die Kurve, Quarantäne, und Toilettenpapier. Aber wir hören wenige persönliche Geschichten von den Menschen, die betroffen sind hinter diesen anonymen Zahlen und Fakten. Von Krankenschwestern, die nach 48 Stunden Dienst kein Gemüse und Obst kaufen können, weil die Gesunden Hamsterkäufe machen. Von Menschen, die ihre verstorbenen Geliebten nicht beerdigen können und keine Orte haben, um zu trauern. Von all jenen Menschen, die von der erzwungenen Ruhe, über die wir uns beschweren, nur träumen können, weil sie ununterbrochen arbeiten müssen, um uns sicher, geschützt und versorgt zu halten.

 

Dann werden die Eltern gerufen. Sie weigern sich, über den blinden Sohn  zu reden. »Er ist alt genug, fragt doch ihn selbst.«  Sie sind zwar motiviert von Angst, aber sie haben ganz recht. Der Sohn muss erwachsen werden und dazu gehört, für sich selbst zu sprechen. Und das tut er auch, immer stärker, immer bewusster, bis er am Ende der Geschichte sagen kann. »Herr, ich glaube.« Es ist die Geschichte eines Mannes, der zu seiner eigene Stimme findet. Er hört auf, das Thema des Gespräches zu sein und wird zum Sprecher, der andere Menschen anspricht. Es ist seine Geschichte.

 

In einer weltweiten Krise der Pandemie fällt es immer häufiger auf, wie schnell verallgemeinernd und vereinnahmend gesprochen wird: was »die Menschen« denken oder fühlen. Unsere Aufgabe ist es, unsere eigene Stimme zu finden in dieser augeneröffnenden Zeit. Wir sind als befreite mündige Menschen in der Lage, selbst zu sprechen über das, was Gott, das Leben und die Krise in uns bewirkt haben. Meine ganz persönliche Geschichte besteht aus deutlich mehr als aus der Angst dieses Augenblickes: In mir sind Erzählungen Gottes und Erfahrungen des Glaubens. In mir sind Geschichten der Heilung und der Freiheit. Gemeinschaft und Sendung sind immer noch meine Geschichte in Zeiten der »social distancing«. Gabriel Garcia Márquez schrieb einen großartigen Roman mit dem Titel »Die Liebe in den Zeiten der Cholera«. Welche Geschichten werden wir erzählen nach unserer Zeit des Corona Virus?

 

Wie der geheilte Mann entdecken wir unsere wahre, tiefste Überzeugung in der Konfrontation. Erst wenn wir mit anderen Menschen, anderen Meinungen und anderen Überzeugungen konfrontiert sind, kommen die Fragen unserer Überzeugung hoch. Sage ich etwas? Was ist mir wichtig genug, ja heilig genug, dass ich meine Meinung sage, anstatt mich im Schweigen zu verstecken? Solche Begegnungen und Gespräche machen Augenblicke der Verwirrung und des Widerstandes durch, wenn ich entdecke, dass andere nicht mein Selbstbild oder meine Meinung teilen oder akzeptieren. Das, jedoch, ist die Aufgabe, wenn ich jemand werden will.

 

Jesus öffnet uns die Augen. Die Stimme müssen wir selbst finden und erheben. Aber es muss nicht so kommen. Hoffentlich wird nicht von uns nachher geschrieben werden: »sie sahen, und gingen vorüber«.

 

 ERIK RIECHERS SAC

Vallendar, den 22. März 2020, 4. Fastensonntag 2020

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Die Kunst des Gespräches - Jesus und die Frau am Brunnen

Die Geschichte der Samariterin am Brunnen ist unter anderem eine Erzählung über die hohe Kunst der Unterhaltung.

John O’Donohue schreibt:

 

»Du musst dich fragen, ‘Wann war das letzte Mal, dass du eine großartige Unterhaltung hattest? ‘ Eine Unterhaltung, die nicht nur zwei überkreuzende Monologe war, was in dieser Kultur oft schon als Unterhaltung gilt. Aber wann hattest du eine großartige Unterhaltung, in der du dich selbst dabei ertappt hast Dinge zu sagen, die du überhaupt nicht gewusst hast, dass du sie weißt? Wo du hörtest, wie du von einem Anderen Worte empfangen hast, die zwingend Orte in dir gefunden haben, die du als verloren schon abgeschrieben hattest? Eine Unterhaltung, die euch beiden auf eine andere Ebene gehoben hat und die danach wochenlang in deinen Gedanken sich singend fortgesetzt hat?«

 

I

Worüber will sich die Frau am Brunnen unterhalten? Worum bittet sie?

 

Grundsätzlich will sie über zu wenig sprechen und auch zu wenig erbitten. Sie erwartet zu wenig vom Gespräch, weil sie auch zu wenig vom Leben erwartet. Ihr geht es am Anfang mehr oder minder darum, dass Jesus sie einfach in Ruhe lässt. Das Letzte, was sie gerade gebrauchen kann, ist die lästige Störung dieses Mannes. Sie möchte ein ungestörtes Leben führen. Sie sucht Wasser, nicht eine Begegnung und sicherlich nicht eine Beziehung.

 

Und damit begegnen wir einem klassischen Problem aller Unterhaltung: Wie kommen wir miteinander ins Gespräch, wenn einer nicht mit uns reden möchte?

 

Worüber will die Frau am Brunnen sich unterhalten? Worum bittet sie?

 

Für sie dreht sich die Unterhaltung um sofortige und praktische Ergebnisse. »Herr, gib mir dieses Wasser, damit ich keinen Durst mehr habe und nicht mehr hierher kommen muss, um Wasser zu schöpfen.« Sie ist pragmatisch, will hier und jetzt die Lösung. Ihr geht es erstmals um sofortige Erleichterung, sofortige Befriedigung. Das große Bild hält erstmal keinen Reiz für sie. Die langfristige Perspektive interessiert sie nicht. Die Tatsache, dass der Messias mal kommen wird, ist für sie kein Problem. Das ist eher etwas für die ferne Zukunft und keine unmittelbare Sorge.

 

Auch hier begegnen wir einem klassischen Problem für eine gute Unterhaltung. Wenn es immer nur um sofortige, pragmatische Lösungsthemen geht, dann wird das Gespräch immer oberflächlich bleiben.

 

Im Grunde genommen dreht sich ihr ganzes Leben um die Füllung ihres Kruges. Sie will den Krug füllen und das ist ihre Besessenheit, ihre einzige Sorge, ihr einziges Ziel. Wenn sie diesen Krug füllen kann, mühelos und schnell, dann könnte sie nach Hause gehen und alles wäre gut. Es ist ihre tiefste Überzeugung, dass sie glücklich wäre, wenn der Krug voll wäre, aber die ganze Unterhaltung beweist ja, dass es  nicht stimmt. Sie wird mit einem vollen Krug zurückkehren zu einem Dorf, in dem sie ausgegrenzt und verschmäht wird, zu einer Reihe gescheiterter Beziehungen, die sie nicht erfüllen konnte.

 

Hier erleben wir das schmerzhafte Problem aller guten Unterhaltung, nämlich wenn ein Mensch sein Leben auf ein Thema reduziert, darauf sich fixiert und alles andere als unbedeutend wegfällt.

 

II

Worüber will Jesus sich unterhalten? Was bietet er an?

 

Mehr als die Frau am Jakobsbrunnen will. Für Jesus ist die Unterhaltung ein Angebot der Tiefenlotung.

 

Die Frau aus Samaria will in Ruhe gelassen werden, er bietet ihr eine Begegnung an. Und die Begegnung miteinander ist immer der Geburtsort der Unterhaltung.

 

Seine Gesprächspartnerin will Wasser, um ihren Krug zu füllen, damit sie mit ihrem Alltag weitermachen kann. Jesus aber bietet ihr eine Unterhaltung an, in der er ihr Wasser anbietet, das ihr ein authentisches Leben schenken könnte. Denn die Kunst der großartigen Unterhaltung ist es, auf das wahrhaft Authentische zu schauen und sich nicht mit der Oberfläche zufrieden zu geben.

 

Die Krug-Trägerin will pragmatische Ergebnisse für einen kurzfristigen Gewinn. Jesus bietet ihr eine Unterhaltung an, die ihr langfristigen Sinn anbieten kann. Denn die Kunst der großartigen Unterhaltung setzt auf die Langstrecke und nicht die Abkürzungen des Pragmatismus.

 

Die penetrante Fragestellerin bittet um Linderung eines Durstes, der die Zunge austrocknet und im Hals brennt. Jesus bietet ihr die Linderung eines Durstes, der an anderen Orten als im Mund wütet und der ein ausgedorrtes Herz zurück lässt und nicht nur rissige Lippen. Denn die Kunst der großartigen Unterhaltung möchte die tiefen Regionen berühren, wo Leben schlummert.

 

Die Brunnen-Besucherin  bittet um sofortige Befriedigung. Jesus bietet ihr eine Unterhaltung an, in der es um die Fülle des Lebens geht. Sie lebt auf der falschen Seite des Kommas: »Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben, und es in Fülle haben.« In ihren fünf Ehen suchte sie fünf Mal eine sofortige Befriedigung, und doch bleibt sie zutiefst rastlos, unerfüllt, unbefriedigt und, am Ende, immer wieder alleine zurück. Die Unterhaltung, die Jesus wagt, bietet ihr die Fülle des Lebens an und nicht nur Endergebnisse und fertige Produkte. Denn die Kunst der großartigen Unterhaltung besteht darin, die Sehnsucht eines Menschenherzens nicht mit Unzufriedenheit zu verwechseln.

 

Das Angebot Jesu ist das Angebot der großartigen Unterhaltung mit Gott, der uns eine ganze Welt anbietet über die engen Räume unserer Krüge. In ihrer zwanghaften Besessenheit, diesen Krug zu füllen, hat sie eine Fülle des Sinnvollen verpasst, die ein so kleiner Behälter gar nicht umfassen kann. Was sie und uns glücklich machen und erfüllen kann, passt nicht in die kleinen Krüge, die wir mitgebracht haben, und darum lässt Gott es nicht zu, dass die kleinen Krüge zum alleinigen Thema unserer Unterhaltung werden.

 

 

III

Das Land und seine Menschen sind in Krise. Wie die Frau am Brunnen versuchen wir, irgendwie im Alltag weiterzumachen, so gut es geht. Aber, wenn die Stunde des Brunnens kommt, und sie ist gerade da, worüber werden wir uns unterhalten?

 

Die Kunst der großartigen Unterhaltung mit Gott ist eine Hebammenkunst. Sie hilft uns Menschen, das zurückzuholen, was uns verloren gegangen ist. Sie weckt uns und begleitet uns nach Hause zu der grundlegenden Fülle und Tiefe, für die wir geschaffen worden sind. Die Idee ist es, nicht nur schnelle, oberflächliche Antworten anzubieten. Die Stunde der Krise verlangt mehr von uns als nur die Schifflein der Sehnsucht in einen sicheren, tristen, geschützten Hafen zu führen. Die Kunst der großartigen Unterhaltung mit Gott möchte uns die Tiefen der Möglichkeiten in unseren Herzen und Leben bewusst machen. Sie will die Barrieren abbauen, die uns davon abhalten, das zu sein, was wir von Gott her sind.

 

Worüber werden wir uns unterhalten?

 

Über lebendiges Wasser oder begnügen wir uns mit dem endlosen gesellschaftlichen Geschnatter über verwässertes Leben? 

 

Werden wir uns über die Fragen der Fülle und des Sinnvollen unterhalten oder uns abgeben mit dem panischen Geschwätz des Augenblickes?

 

Können wir uns unterhalten über die Herausforderungen der Stunde und was sie uns abverlangen:

Teilen statt horten.

Schutz für die Schwachen und Gefährdeten statt auf eigenen Rechten zu bestehen.

Eine Konzentration auf das Wesentliche statt das Festhalten von nebensächlichen Ablenkungen.

Solidarität statt Selbstbezogenheit.

Einschränkung anzunehmen, damit auch andere leben können.

Trost und Ermutigung zu vermitteln statt Panik zu schüren.

Hilfsbereitschaft statt Ausbeutung der Situation.

 

Nicht nur Jesus, auch die Frau aus Samaria lebte die Kunst der großartigen Unterhaltung. Sie geht auf jede angebotene Vertiefung ein. Sie verbindet das Neue des Gespräches immer mit ihrer Situation und existentiellen Not. Sie stellt sich, zeigt sich. Sie wagt die Unterhaltung und weicht nicht aus.

 

Möge Jesus so großartige Gesprächspartner in uns finden wie er sie gefunden hat in dieser außergewöhnlichen Frau aus Samaria.

 

Erik Riechers SAC

Vallendar, den 15. März 2020, 3. Fastensonntag 2020