Einführung

Ein Lied für die Wallfahrt. Ich erhebe meine Augen zu den Bergen: Woher kommt mir Hilfe? Meine Hilfe kommt vom Herrn, der Himmel und Erde erschaffen hat. Er lässt deinen Fuß nicht wanken; dein Hüter schlummert nicht ein.  Siehe, er schlummert nicht ein und schläft nicht, der Hüter Israels. Der Herr ist dein Hüter, der Herr gibt dir Schatten zu deiner Rechten. Bei Tag wird dir die Sonne nicht schaden noch der Mond in der Nacht. Der Herr behütet dich vor allem Bösen, er behütet dein Leben. Der Herr behütet dein Gehen und dein Kommen von nun an bis in Ewigkeit.

 

In Psalm 121 wird das Wort »shamar« sechsmal in acht Versen gebraucht. Das Wort ist vielschichtig und bedeutet, etwas oder jemanden zu behüten, zu schützen, zu achten (oder in Ehren zu halten).

Gebeutelt von der Krise des Corona-Virus sehnen sich viele Menschen danach, behütet, geschützt und beachtet zu werden. Diesen Wunsch greifen wir auf in dem Titel »Bleiben Sie behütet«. Und nicht nur als etwas, was wir gerne für uns hätten, sondern als etwas, dem wir bereit sind zu dienen. 1908 organisierte sich in Palästina eine Gruppe unter dem Namen »HaSchomer«. Diese Gruppe schützte ihre Nachbarn als Wächter oder Behüter der jüdischen Siedlungen, die damals neu gegründet worden waren. Sie haben sie achtsam bewahrt und beschützt vor den Angriffen derer, die das Land nicht mit ihnen teilen wollten.

Schon in den ersten Tagen dieser Krise hörten wir Geschichten von Hamsterkäufen und Corona-Parties. In einigen Menschen herrscht der Impuls, »jeder für sich« und »rette sich, wer sich retten kann«. Als Menschen des Glaubens, als Menschen Gottes, müssen wir ein Zeichen dagegen setzen. »Bleiben Sie behütet!« soll unser Ruf werden in dieser Zeit. Schützen wir einander, achten wir aufeinander. Dazu sollen unsere Impulse dienen.

In Gen 4,9 wird erzählt: »Da sprach der HERR zu Kain: Wo ist Abel, dein Bruder? Er entgegnete: Ich weiß es nicht. Bin ich der Hüter (shamar) meines Bruders?« Unsere Antwort sollte sein, dass wir »HaSchomer« füreinander sein wollen.

 

Bleiben Sie behütet!

Vallendar, den 21.März 2020

Erik Riechers SAC

Rosemarie Monnerjahn

 

Nächster Abschnitt

»Kampf um Zärtlichkeit« I

 

Von allen Geschichten, die wir während der Corona-Krise hörten und erzählten, wette ich, dass die wenigsten Liebesgeschichten sind.

»Die Liebe ist langmütig, die Liebe ist gütig. … Sie erträgt alles, glaubt alles, hofft alles, hält allem stand.« - so schreibt Paulus im 1.Korintherbrief und viele Paare wählen diese Lesung für ihre Hochzeit und sind geneigt zu glauben, dass hier genau ihre Liebe beschrieben wird. Eine solche Liebe aber reift und wird geschmiedet im Leben und ob sie ein Meisterstück wird, zeigt sich viel, viel später als am Tag der Trauung.

In Berlin wurde in diesem Frühjahr eine 65-jährige Liebesgeschichte weitergeschrieben und ich bin dem ZEIT-Magazin dankbar, dass ich diese Geschichte lesen durfte.  

Mercedes und Hans blicken auf erfüllte und lebensvolle Jahrzehnte zurück, in beruflicher Hinsicht und auch privat. Über 6 Jahrzehnte konnten sie miteinander ihr Leben in Deutschland und nach der Pensionierung auch in Spanien gestalten. Hans hatte als Romanist über 30 Jahre einen Lehrstuhl in Saarbrücken inne; Mercedes, deren Intelligenz und Liebe zu Überraschungen er bis heute so liebt, baute kleine Schulen auf für Kinder spanischer Gastarbeiter.

Nun wohnen sie seit einiger Zeit in einer Seniorenanlage in Steglitz. Vor zwei Jahren erkrankte Mercedes als Folge eines Sturzes dementiell, glücklicherweise eher leicht, doch musste sie aus der gemeinsamen Wohnung umziehen in ein Zimmer der Pflegeabteilung.

In ihrer großen Liebe, die nichts an Faszination füreinander eingebüßt hatte, seit sie sich vor 65 Jahren in Madrid  als Studenten kennenlernten, vermochten sie auch diese Lage mit Leben zu füllen. Jeden Morgen und jeden Abend kam Hans für zwei Stunden zu seiner geliebten Frau und er sprach davon, dass auf diese Weise eine Art ehelicher Gemeinschaft entstand, die er vorher nicht gekannt hatte. »Er las ihr Bücher vor, auch ihre eigenen, sie hörten Musik, er liebkoste und wusch sie. . . . Kraft schöpfte er aus ihrem abendlichen Ritual: Wenn sie ein angstlösendes Mittel bekommen hatte, dann saß er an ihrem Bett, hielt ihre Hände, während sie sich entspannte und müde und müder wurde und, kurz bevor sie einschlief, den immer gleichen Satz sagte: `Ich bin glücklich, dass ich euch habe.‘ Sie meinte ihren Mann und ihren Sohn.« *

Doch dann im März wurde dies abrupt beendet.  Der 86-Jährige durfte Corona bedingt nicht mehr zu seiner Frau, die nur 30 Meter Luftlinie von ihm entfernt lebt. Bald wandte er sich an die Presse, denn er war in großer Sorge und erhielt im Heim keine Hilfe. In ihren Telefonaten nämlich stellte er zunehmend fest, dass es Mercedes schlechter ging. Wie könnte sie leben ohne seine Nähe? Niemand könnte ihr das geben, was Hans ihr gibt.

Bis Mitte April durfte er seine Frau schließlich dreimal sehen. »Sehen, aber nicht berühren. Das ist ein himmelweiter Unterschied für ihn – und wohl auch für sie. Um diesen himmelweiten Unterschied, um das Berühren, wird in den nächsten Wochen ein Kampf entbrennen. Ein Kampf um das Recht auf Zärtlichkeit.«* Kein Wunder, fanden doch die Treffen in einem großen, vorbereiteten Saal statt, mit Mundschutz und 2 Meter Abstand, anfangs noch mit einem Pfleger dabei – wie bei einem Besuch im Gefängnis. Beim ersten Treffen rief Mercedes aus: »Was ist denn das für ein beschissenes Treffen?« Geschwächt wie sie war - sie brachte es auf den Punkt. Ja, sie konnten sich endlich wieder sehen, aber was war das im Vergleich zu dem, was sie brauchten!

Hans träumte nun davon, ihr abendliches Ritual wiederzugewinnen und war seit Mitte April, als die Fallzahlen langsam zurückgingen, voller Hoffnung, dass dies nicht mehr fern sei. Zuversichtlich schrieb er am 20. April eine E-Mail an den Geschäftsführer: »Ich schreibe Ihnen heute einfach mal einen Traum auf. … Ich darf wieder in das Zimmer meiner Frau. … Wenn meine Frau dann im Bett liegt, bleibe ich noch bei ihr, bis sie eingeschlafen ist, so wie ich es eineinhalb Jahre lang gemacht habe. Sie sagt dann sogar wieder: ‚Ich bin glücklich.‘«

*ZEIT-Magazin vom 2. Juli 2020

(Fortsetzung am 15. Juli)

 

Rosemarie Monnerjahn, 13. Juli 2020

 

 

15. Sonntag A 2020

 

Das Wort kehrt nicht leer zu mir zurück

 

Wenn mein alter Lehrer eine neue Vorlesungsreihe begann, dann stellte er uns ein biblisches Wort im Raum. Das Wort hörten wir gerade in der ersten Lesung.

 

»Das Wort, das meinen Mund verlässt, kehrt nicht leer zu mir zurück,

sondern bewirkt, was ich will,

und erreicht all das, wozu ich es ausgesandt habe.«  (Jes 55, 11)

 

Danach stellte er die erste große Frage unserer Ausbildung als narrative Theologen. »Meine Damen und Herren. Wenn das Wort Gottes nie zu ihm zurückkehrt, bis es das bewirkt, wozu er es ausgesandt hat, dann stellt sich die Frage: Was genau sollte dieses Wort bewirken?« Dann waren wir dran.

Um uns zu helfen, erzählte er uns gerne eine kleine Anekdote aus dem Leben von Martha Graham (weltberühmte amerikanische Tänzerin und Choreographin). Nach einer Vorstellung empfing sie die Presse. Die Reporter überschütteten sie mit Lob und fanden nicht genügend Superlative, um ihren Tanz zu beschreiben. Dann fragte sie ein Reporter: »Können Sie uns den Tanz erklären?« Ihre Antwort kam sofort. »Sei nicht töricht, Liebling. Wenn ich ihn erklären könnte, dann hätte ich ihn nicht getanzt.«

Auch dieser Tipp hat uns damals nicht besonders geholfen. Das Problem war einfach. Wir gingen davon aus, wie die meisten Menschen es tun, dass das Wort nur eine wirkliche Absicht hat, nämlich, uns zum Verständnis zu führen. Es sollte uns aufklären, weise machen und Einsicht schenken. Manchmal stimmt es auch. Manchmal geht uns ein Licht auf, uns wird etwas klar und wir verstehen uns selbst, die anderen, das Leben und sogar die Welt etwas besser.

Manchmal. Aber nicht immer. Manchmal hören wir das Wort, und uns ist gar nichts klar. Im Gegenteil: wir sind frustriert und genervt, weil die Erzählung nicht deutlich zu verstehen ist, weil die Gleichnisse uns keine Offenbarung schenken und die ganze Bibel erscheint uns wie ein Buch mit sieben Siegeln. Wenn es der Zweck Gottes war, sein Wort zu senden nur um uns aufzuklären, dann hat er den Mund zu voll genommen. Denn jeder von uns weiß, dass das Wort doch sehr oft zu ihm zurückkehrt, ohne Aufklärung in uns bewirkt zu haben.

Immer wieder erleben wir die verwirrende Komplexität der biblischen Geschichten und können sie nicht zähmen. Wir erzählen von einem Gott, der mit Abraham und Mose verhandelt, dann erzählen wir von einem Gott, der bei Hiob kein bisschen nachgibt. Der Gott, der für Elija eine leise Stimme ist, ist ein Wirbelwind für Hiob. Der liebende Vater bricht nicht ein in den Tod seines Sohnes. Und innerlich schreien wir: Unlogisch! Und wir stolpern über uns selbst, möglichst schnell die Logik herzustellen. Aber die Logik ist die allerletzte und geringste Leidenschaft Gottes.

Das Wort, das aus seinem Mund kommt, ist nicht primär ein Wort der Verständigung, sondern ein Wort wider das Vergessen. Er sendet sein Wort aus, und es kehrt nicht zu ihm zurück, bis wir an das erinnert werden, was Gott nicht der Vergessenheit überlassen will. Das Wort, uns gegeben, erinnert uns an vieles, was wir einfach schnell vergessen würden.

In analytischer Sprache ist die Sachlage oft klar und deutlich. Erklärungen und genaue Instruktionen können wir mehr oder minder leicht verstehen. Aber solche Worte, so beliebt und begehrt wie sie sind, haben noch ein anderes Merkmal, ein Merkmal, das wir fast immer verschweigen. Sie sind alle außergewöhnlich leicht zu vergessen.

Die überwiegende Mehrzahl der Wörter Gottes dagegen sind Erzählungen. Sie sind selten eindeutig, sind meistens vielschichtig und verlangen oft viel Zeit und Raum, um sie auszulegen.

Aber ob wir sie verstehen oder nicht, wir vergessen sie nicht. In dieser ersten Vorlesung sagte John oft zu uns: »Wenn Jesus ein Buch über das geistliche Leben geschrieben hätte, dann hätten wir schon längst alles darin vergessen. Darum hat er uns Geschichten erzählt, damit wir sie nicht vergessen.«

Die Worte (Erzählungen) Gottes sorgen dafür, dass wir die Armen, die Unterdrückten und die Gebrochenen nicht vergessen. Ohne das Wort Gottes hätten sie keine großen Chancen. Wir reden oft über Armut, aber Gottes Wort erinnert uns an die Armen und gibt ihnen einen Namen und ein Gesicht. Wir reden von systemischer Unterdrückung, aber Gottes Wort erinnert uns an die Unterdrückten.

Die Worte über Lazarus und den reichen Mann erinnern uns, dass Bettler vor unseren Türen liegen und wir etwas unternehmen sollten. Jesu Heilung der zehn Aussätzigen erinnert uns, dass ausgestoßene Menschen keine Beheimatung haben, wenn wir ihnen keine Beheimatung anbieten. Die Speisung der Menge, eine so vielschichtige Erzählung, erinnert uns trotzdem schlicht und einfach, dass Menschen Hunger haben.

Für Menschen, die an den Beziehungen in ihrer Familie leiden, lässt dieses Wort uns nicht vergessen, dass Liebe, Geborgenheit und Annahme auch auf andere, unkonventionelle Wege uns gegeben werden können.

Wo wir kinderlos sind, wo wir unfruchtbar sind, wo wir uns leer fühlen und kein Leben in uns spüren, erinnert uns dieses Wort an unerwartete Schwangerschaften und an Leben, das in Menschen wächst, wo es nicht sein sollte und oft nicht einmal sein darf.

Dieses Wort erzählt von einer Frau, die den Saum seines Gewandes berührt, damit wir nicht vergessen, dass es in den Mengen um uns herum Menschen, gibt die innerlich am verbluten sind.

Dass Versöhnung eine Möglichkeit ist;

dass Gerechtigkeit mühsam ist;

dass Selbsterkenntnis uns nicht schaden wird;

dass Fehler nicht das letzte Wort über uns zu sagen haben;

und dass Leben gestaltet, geschützt und vermehrt werden kann, gerade an Orten, wo wir es voreilig abschreiben würden:

daran erinnert uns das Wort Gottes.

Und es kehrt nicht zu ihm zurück, bis wir uns wieder daran erinnern. Gott macht sich weit mehr Sorgen über das, was wir vergessen, als über das, was wir nicht verstehen. Denn was wir nicht verstehen, kann uns nicht wirklich schaden. Aber was wir vergessen, kann uns Lebensfreude und Lebenslust kosten. Wir wissen es alle. Jeder von uns kennt die Liebe. Wir wissen aber nicht, wie sie funktioniert. Und manchmal sind wir sogar überrascht, dass sie funktioniert, dass wir trotz allem doch wirklich geliebt werden. Aber wehe dem Menschen, der vergisst, dass irgendwo auf der Welt ein Herz für ihn schlägt.

 

So möchte ich ihnen eine Geschichte von John Shea erzählen.

In den neunziger Jahren ging John Shea nach Dublin, um Storytelling Workshops zu halten. Die älteste Teilnehmerin war eine Fünfundsiebzigjährige. In einem Kleinkreis erzählte sie eine Geschichte ihrer Kindheit.

 

»Ich war eins von 14 Kindern. Jeden Sonntag spielte sich dasselbe Rituale bei uns ab, und zwar so bedächtig und liebevoll wie das, was der Priester am Altar machte.

Wir hatten nur einen Spiegel im Haus. Meine Mutter stand davor und wir bildeten neben ihr eine Schlange. Dann mussten wir einzeln vor meine Mutter hintreten, und zwar so, dass wir zwischen ihr und den Spiegel standen. Da sorgte sie dafür, dass wir sauber waren, gut angezogen (sie zupfte uns zurecht) und kämmte uns die Haare. Danach durften wir spielen gehen. Wenn alle fertig waren, dann gingen wir gemeinsam drei Meilen zu Fuß zur Kirche.

An einem Sonntag war ich die dritte. Meine Mutter schaute auf und bemerkte, dass meine jüngere Schwester keinen Schnürsenkel im Schuh hatte. Meine Mutter schaute mich an und sagte: ‘Kind, sei so gut, geh in die Küche und hole deiner Schwester einen Schnürsenkel‘.

Aber ich wollte meinen Platz nicht verlieren und bewegte mich keinen Millimeter. Ich trat zwischen meine Mutter und den Spiegel. Meine Mutter sagte nichts. Sie bürstete meine Haare, und dann ging ich spielen.

Etwas später kam ich zurück. Meine kleine Schwester – die ohne den Schnürsenkel – stand zwischen Mutter und dem Spiegel. Meine Mutter bückte sich, nahm den Schnürsenkel aus ihrem Schuh und zog ihn in den Schuh meiner Schwester. Als ich dies sah, ging ich in die Küche und holte einen Schnürsenkel. Ich kam zurück, kniete vor meiner Mutter und zog ihr den Schnürsenkel in ihren Schuh. Als ich dies tat, und während sie meiner Schwester die Haare bürstete, streckte sie ihre freie Hand aus und streichelte mir über die Haare.«

Da endete ihre Geschichte. John Shea war außer sich vor Begeisterung und suchte sie in der Pause auf. Er bedankte sich für die Geschichte. Er sagte: »Ihre Geschichte war reich und bewegend. Ich weiß zwar nicht, was sie bedeutet, aber sie hat mich tief bewegt.«

 

Merken wir Johns Sprache: »Ich weiß zwar nicht, was sie bedeutet, aber sie hat mich tief bewegt.«

 

Die Frau war nicht überzeugt. Sie meinte, ihre Geschichte sei dumm und dass sie die Erzählung hätte lassen sollen. Aber John bestätigte sie umso stärker, dass alle dadurch bereichert waren.

Jeden Nachmittag, in der Pause nach dem Mittagessen, saß John unter einem Baum und rauchte seine Zigarre. Am Donnerstag, dem vierten Tag der Konferenz, saß er ohne Zigarre unter dem Baum. Die alte Frau näherte sich und fragte ihn, wo seine Zigarre sei.

»Ich habe eine auf dem Zimmer«, antwortete er, »aber ich bin einfach zu müde, um sie zu holen.«

»Ich merkte, dass du keine hast«, sagte die Frau, »und habe dir eine mitgebracht«.

Als John die Zigarre auspackte, anschnitt und anzündete, traf ihn eine Einsicht wie der Blitz. »Die Zigarre ist der Schnürsenkel.«

Gleich in der nächsten Pause suchte er die Frau auf und sagte ihr: »Die Zigarre ist der Schnürsenkel, ja, die Zigarre ist der Schnürsenkel.«

Sie schaute ihn an und sagte: »Das weiß ich. Ich habe nie wirklich verstanden, was damals zwischen mir und meiner Mutter passierte, aber ich habe es nie vergessen.«

Dann schaute sie auf ihre Schuhe, und dann blickte sie John wieder an. »Es war ein Pakt zwischen mir und meiner Mutter«, sagte sie mit viel Emotion. »Es war ein Pakt zwischen mir und meine Mutter«. Und als sie das sagte, schlug sie zweimal ihr Herz.

»Das Wort, das meinen Mund verlässt, kehrt nicht leer zu mir zurück, sondern bewirkt, was ich will, und erreicht all das, wozu ich es ausgesandt habe.« Jes 55, 11.

 

Liebe Schwestern, liebe Brüder,

ich weiß nicht, ob Sie diese Geschichte ganz verstehen. Aber eines bin ich mir sicher. Sie werden sie nie vergessen.

 

Erik Riechers SAC,12. Juli 2020

 

 

Unsere Herzen sind alledem gewachsen

 

Von allen Seiten werden wir in die Enge getrieben und finden doch noch Raum; wir wissen weder aus noch ein und verzweifeln dennoch nicht; wir werden gehetzt und sind doch nicht verlassen; wir werden niedergestreckt und doch nicht vernichtet. Immer tragen wir das Todesleiden Jesu an unserem Leib, damit auch das Leben Jesu an unserem Leib sichtbar wird. Denn immer werden wir, obgleich wir leben, um Jesu willen dem Tod ausgeliefert, damit auch das Leben Jesu an unserem sterblichen Fleisch offenbar wird. So erweist an uns der Tod, an euch aber das Leben seine Macht. Doch haben wir den gleichen Geist des Glaubens, von dem es in der Schrift heißt: Ich habe geglaubt, darum habe ich geredet. Auch wir glauben und darum reden wir.

2 Korinther 4, 8-13

 

Paulus macht 4 Aussagen wider die Resignation.

  1. Von allen Seiten werden wir in die Enge getrieben

            und finden doch noch Raum;

 

  1. wir wissen weder aus noch ein

            und verzweifeln dennoch nicht;

 

  1. wir werden gehetzt

            und sind doch nicht verlassen;

 

  1. wir werden niedergestreckt

            und doch nicht vernichtet.

 

Unsere Gefahr besteht darin, dass wir oft nur die erste Hälfte der Geschichte erzählen. Dann lautet die Erzählung: Von allen Seiten werden wir in die Enge getrieben. Wir wissen weder aus noch ein; wir werden gehetzt und wir werden niedergestreckt. Was nach dem »und« kommt, wird meistens nicht erzählt.

 

  1. Von allen Seiten werden wir in die Enge getrieben und finden doch noch Raum;

Wir sind in der Lage, die Lebensräume zu finden und zu gestalten, auch dort, wo Menschen sie uns nicht gönnen.

 

  1. Wir wissen weder aus noch ein und verzweifeln dennoch nicht;

Wir sind in der Lage, Spannungen auszuhalten, auch dann wenn wir keine schwarz-weißen Antworten haben oder bekommen. 

 

  1. Wir werden gehetzt und sind doch nicht verlassen;

Druck, Hetze und Missachtung sind Realitäten, die wir kennen: sie haben aber nicht die Macht, uns zu Menschen der Hoffnungslosigkeit zu machen. Wir glauben, komme was kommt, dass wir seine Menschen sind, dass wir Wert, Würde und Sinn haben, dass wir geliebt und gewollt sind und dass unser Gott mit uns geht.

 

  1. Wir werden niedergestreckt und doch nicht vernichtet.

Wir sind noch da! Wir atmen noch, leben noch, bewegen uns noch. Mit uns muss die Welt trotz allem noch rechnen.

 

Und weil das so ist, schreibt Paulus weiter:

Doch haben wir den gleichen Geist des Glaubens, von dem es in der Schrift heißt: Ich habe geglaubt, darum habe ich geredet. Auch wir glauben und darum reden wir.

Das heißt, wir haben noch ein Wort mitzureden.

Auch wir glauben und darum reden wir: Die Welt wird nicht ohne uns gestaltet, auch wenn die dunkelsten Mächte von Gier, Habsucht, Terror und Ungerechtigkeit uns davon abhalten wollen.

 

Auch wir glauben und darum reden wir: Die Räume des Lebens für Gottes Menschen werden nicht ohne uns festgelegt, egal wie boshaft mit uns umgegangen wird.

 

Auch wir glauben und darum reden wir: Die Prioritäten des Lebens werden nicht ohne uns gestellt.

Diese Krise ist lang, schmerzhaft und anhaltend. Die Lösungsvorschläge und der Lockerungswahn sind kurzsichtig, leichtsinnig und auf Dauer nicht tragbar. Aber so lange wir glauben und reden, ist das letzte Wort noch nicht gesprochen. Unsere Herzen sind der Krise gewachsen.

Erik Riechers SAC, 10. Juli 2020

 

 

Tatort und der Heilige Geist

 

Die Frucht des Geistes aber ist Liebe, Freude, Friede, Langmut, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut und Enthaltsamkeit; gegen all das ist das Gesetz nicht.

Gal 5, 22-23

 

Ich habe über die Jahre eine  Entdeckung gemacht, was die deutsche Kultur anbelangt. Als ich ahnungslos den Kommentar von mir gab, dass wohl alle Tatort -Sendungen das Gleiche seien, wurde ich schnellstens aufgeklärt. Die Leidenschaft, mit der ich informiert wurde über die Orte, Kommissare und Schauspieler der verschiedensten Tatort-Serien war atemberaubend. Am Ende meiner Aufklärung fiel dann der Satz: »Erik, alle Deutschen lieben Tatort.«

 

Das freut mich sehr, denn dieser Text ist für Tatort-Fans wie geschaffen. Denn Paulus lädt den Hörer ein, wie ein Kommissar dem Geist auf die Spur zu kommen.

 

Dabei fängt er, wie jeder Kommissar, mit der Spurensuche an und findet als erstes die Früchte des Geistes: Liebe, Freude, Langmut, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut und Selbstbeherrschung.

 

Diese Früchte haben wir schon. Wir müssen sie uns nicht aneignen. In geerbten Auslegungen werden die Gläubigen hier typischerweise aufgerufen, sich diese Früchte anzueignen. Davon aber  ist bei Paulus keine Rede. Er will, dass wir sie wahrnehmen.

 

Diese Früchte sind der Beweis dafür, dass der Geist als Täter schon unter uns war. Wenn wir Beweismittel finden, dann erschließen wir rückwärts die Quelle. Zum Beispiel, wenn wir eine 38er Patrone finden, wissen wir, aus welcher Waffe sie kommen muss. Wenn wir im Markt Äpfel in einer Kiste sehen, wissen wir, dass Äpfel nur von einem Apfelbaum stammen können, denn Äpfel haben keinen anderen Ort des Ursprungs. Wenn ich dann Liebe, Freude, Langmut, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut oder Selbstbeherrschung vorfinde, dann haben auch sie nur einen Ursprung, nämlich den Geist. Und schon sind wir dem Täter auf die Spur.

 

Wenn ich diese Äpfel im Laden sehe, muss ich den Baum nicht sehen, um zu wissen wo sie herkommen. Wo wir im Leben die Früchte des Geistes finden, sehen wir nicht den Täter Geist, dafür seine Fingerabdrücke. Wir wissen, er muss hier gewesen sein.

 

Nun müssen wir bei unserer Spurensuche feststellen, dass die Fingerabdrücke von Liebe, Freude, Langmut, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut und Selbstbeherrschung überall zu finden sind. Dieser Täter ist überall gewesen. Wir finden diese Fingerabdrücke kreuz und quer durch das Leben verteilt. Nicht nur in der Kirche, in der Liturgie oder beim Gebet. Diese Früchte erleben wir in ganz alltäglichen Gesprächen, wo wir Langmut aufbringen, die uns sogar überrascht. Im Büro, bei der Arbeit, haben wir Erfahrungen von Güte. Im Schlafzimmer, wo Eltern ihre Kinder ins Bett legen und wo Menschen sich wieder lieben, erfahren wir Liebe und Freude. Beim Grillen begegnen wir Freundlichkeit, und auf dem Spielplatz der Kinder so wie der der Erwachsenen erleben wir Treue und Selbstbeherrschung. Manchmal erfahren wir diese Früchte als Geschenke, die andere uns geben. Manchmal erfahren wir diese Früchte als Geschenke, die wir anderen geben.

 

Überall sind diese Fingerabdrücke zu finden. Das heißt, der Täter ist überall, der Geist ist überall in unserem Leben vorhanden und tätig. Das ist nicht unbedeutend, denn hier wird uns das Wesentliche über den Täter gesagt. Er ist zuverlässig.

 

Ohne Zuverlässigkeit heilt nichts. Eine ältere Frau erzählte mir vom Besuch eines jungen Mannes, der sie einen Nachmittag lang unterhielt. Er machte Spiele mit ihr, sang ihre Lieblingslieder vor, und zauberte sogar. Zum Schluss sagte mir die alte Dame: »Und seit er hier war, bin ich so depressiv und traurig.« Ihre Tochter, die dabei saß, sprang aus dem Stuhl und dann aus der Haut. »Mama, wie kannst du so etwas sagen. Er kam und sang für dich. Er kam und besuchte dich, Er kam und unterhielt dich.« Da brüllte die alte Mutter zurück: »Aber er kam nicht wieder!«

 

Aber er kam nicht wieder. So schön es auch gewesen sein mag, es war nicht zuverlässig. Ohne Zuverlässigkeit heilt nichts. Wer von uns kann von einem einzigen Akt der Liebe leben? Wer von uns wird heil durch eine Erfahrung der Freundlichkeit, von einem Erlebnis der Treue?

 

Also, am Ende unserer Untersuchung können wir schließen: Um diesem Täter auf die Spur zu kommen, müssen wir das ganze Leben durchforschen. Eine Festnahme des Täters ist eher unwahrscheinlich.

 

Aber, Brüder und Schwestern, manchmal gibt es Fälle, die wir gar nicht lösen müssen. Denn hier verliert niemand etwas, hier wird keiner ausgeraubt, getötet, erniedrigt oder betrogen. Der Täter lässt mehr zurück als zu der Zeit, als er ankam. Deshalb wäre eine gute Strategie die folgende:

1. Nimm die Spuren des Täters wahr (Früchte des Geistes).

2. Werde dadurch dankbarer.

3. Lebe bewusster (wie ein Kommissar auf der Suche).

4. Und genieße das beschenkte Leben.

 

Erik Riechers SAC, 8. Juli 2020

 

 

Krise und Sinn

 

Wie können wir die Wege unseres Lebens gehen, wenn sie schwierig werden, wenn Krisen uns durchschütteln, wenn wir uns machtlos fühlen? Wir alle kennen solche Zeiten und in diesem Jahr kommt die Erfahrung der Pandemie dazu, die uns weltweit miteinander verbindet. Solch eine globale Krisenerfahrung gab es zuletzt im und durch den 2. Weltkrieg. Zeugnisse mannigfaltiger Art gibt es darüber, wie Menschen damals Elend und Gefahr aushielten, trugen und äußerlich sowie innerlich überlebten. Ihre Geschichten nähren uns bis heute, denken wir etwa an Elie Wiesel, Primo Levi oder Marcel Reich-Ranicki, an Eva Erben oder Marceline Loridan.

Der Wiener Psychiater und Neurologe Viktor Frankl (1905-1997) kannte als Jude wie Millionen andere  existentielle Bedrohung und Verrohung. Er durchstand vier Konzentrationslager von September 1942 bis Ende April 1945. Sein Vater starb in einem Lager, ebenso seine Frau; seine Mutter und sein Bruder wurden ermordet.

Schon in seinem Medizinstudium hatte er seine Schwerpunkte gefunden: Depression und Suizid. Dies führte ihn zum Zentrum seines Arbeitens, der Frage nach dem Sinn des Lebens. Er musste die Hölle durchschreiten und verlor seine Liebsten, doch zerbrach er nicht. Sein Denken und Arbeiten wurden tiefer, reicher und fruchtbar bis heute.

Wie können wir die Wege unseres Lebens gehen, wenn sie schwierig werden?  

»Wer um einen Sinn seines Lebens weiß, dem verhilft dieses Bewusstsein mehr als alles andere dazu, äußere Schwierigkeiten und innere Beschwerden zu überwinden.«, sagte Viktor Frankl.

Heute begegnen uns Floskeln wie »Hauptsache gesund!« oder »Alles gut!« und derzeit »Endlich wieder alles normal!» - nichts scheint wichtiger als möglichst schnell wieder in die Oberflächlichkeit und vermeintliche Leichtigkeit zurückzukehren. Doch das Leben ist nicht nur angenehm und wenn ich versuche, es irgendwie darauf zu biegen und zu reduzieren, verflacht es und bekommt keine wirkliche Tiefe. Viktor Frankl sprach immer davon, dass das Leid, das Schwere, Not und Tod zu unserem Leben gehören. Dies alles hat einen Sinn, den wir zerstören, wenn wir versuchen, das Dunkle von unserem Leben abzutrennen. Wir würden unserem Leben die wahre Gestalt nehmen. »Erst unter den Hammerschlägen des Schicksals, in der Weißglut des Leidens an ihm, gewinnt das Leben Form und Gestalt.« Das konnte ein Mann sagen, der durch die Hölle von Konzentrationslagern gehen musste. Er konnte in dem Schmerz des Leidens die formende Kraft erkennen, durch den sein wahres Ich immer mehr gestaltet wurde und er so den Sinn, die Aufgabe, die Berufung seines Lebens sogar tiefer und voller erfüllen konnte.   

Wir Christen gehen in die Werkstatt des Meisters und nie hat Jesus uns ein lockeres leichtes Leben vorgelebt oder versprochen. Sein Anliegen war und ist die Fülle, der wahre Reichtum eines authentisch gelebten Lebens, in dem nichts übergangen oder ausgeklammert wird. Er lebte als wahrer Sohn der Tora und in ihr heißt es: »Den Himmel und die Erde rufe ich heute als Zeugen gegen euch an. Leben und Tod lege ich dir vor, Segen und Fluch. Wähle also das Leben, damit du lebst, du und deine Nachkommen.« (Dtn 30,19)

Mein Leben in seiner ganzen Spannbreite, in all seinen Facetten von leichtem Himmelblau bis zum düsteren Schwarz-Grau, kann ich wahrhaft leben, wenn ich um den Sinn dieses meines Lebens weiß und mich stets neu genau dafür entscheide, nämlich das zu gestalten, was mir gegeben ist, und sei es manchmal auch sehr wenig.

 

Rosemarie Monnerjahn, 6. Juli 2020

 

 

14. Sonntag A 2020

 

Kommt alle zu mir, die ihr euch plagt

und schwere Lasten zu tragen habt.

Ich werde euch Ruhe verschaffen.

Nehmt mein Joch auf euch und lernt von mir;

Denn ich bin gütig und von Herzen demütig;

So werdet ihr Ruhe finden für eure Seele.

Denn mein Joch drückt nicht,

und meine Last ist leicht.

Mt 11, 28-30

 

Wer von uns fühlt sich nicht geplagt und von schweren Lasten bedrückt? Und wer von uns möchte nicht Ruhe von alledem? Kaum sind diese Worte Jesu gesprochen, und schon verspüren wir große Lust, uns für diese Erholungskur zu melden.

 

Allerdings lockt uns diese Sehnsucht in eine Falle. Denn als Menschen wollen wir meistens, dass jemand uns die Last abnimmt, und deshalb hören wir den Text nicht bis zum Ende. Denn das Angebot Jesu ist es nicht, uns ein für allemal die Lasten abzunehmen. Hier schlägt er eigentlich einen Tausch vor. Der  Vorschlag Jesu heißt: Leg eine untragbare Last ab und nimm eine tragbare Last auf dich.

 

Das ist immer so mit Jesus. Er ist immer daran interessiert Menschen das abzunehmen, was untragbar für sie ist, und gleichzeitig ist er immer klar und konsequent in seiner Forderung, dass sie etwas auf sich nehmen sollten (mein Joch), dass tragbar ist und dem Leben dient.

 

Es gibt so einiges, was für uns untragbar ist: Schuld, Sünde, Tod, Blindheit, Lähmung. Wenn wir Lasten dieser Art zu lange tragen, dann gehen wir unter.  Aber um frei, erlöst, sehend, lebendig und beweglich zu leben, müssen wir auch etwas Tragbares auf uns nehmen. Das Joch hat viele Namen bei Jesus: Geh; verkaufe, suche, verschenke, handle danach, usw. Sie sind auch eine Last, aber eine leichte, eine tragbare Last.

 

Nehmen wir Vergebung als Beispiel. Vergebung ist eine tragbare Last. Die untragbare Last sind die Schuld und die Schuldgefühle. Immer meinen wir, dass unsere Vergangenheit und unsere Fehler uns belasten, aber eigentlich ist es unsere Schuld. Denn wenn wir gut mit unserer Vergangenheit und unseren Fehlern umgehen, dann tragen wir nicht ewig an unserer Schuld. Untragbar (unerträglich) ist es, wenn wir sagen:  »Ich fühle mich schuldig, weil ich damals versagt habe. Ich fühle mich schuldig, weil ich nicht gut genug war. Ich fühle mich schuldig, weil ich falsche Entscheidungen getroffen habe. Ich fühle mich schuldig…« Und so weiter, und so fort.

 

Schuld ist auf Dauer die untragbare Last. Aber auch wenn wir uns der Vergebung Gottes sicher sind (ich bin gütig und von Herzen demütig) und wir die Last der Schuld dadurch abgenommen bekommen, müssen wir noch etwas auf uns nehmen, nämlich das Joch der Vergebung, die wir in uns selbst finden müssen und mittragen sollten.

 

Es reicht nicht zu sagen, dass die Leidenschaft Gottes der Vergebung und nicht der Bestrafung seiner Menschen gilt (Mein Joch drückt nicht). Wie viele Male müssen wir eigentlich noch hören: »Kommt alle zu mir, die ihr euch plagt und schwere Lasten zu tragen habt«?  Es wird auch nicht reichen zu sagen, dass wir uns Erlösung oder Freiheit oder neue Lebenschancen wünschen.

 

Wir müssen irgendwann mal die Last ablegen und uns ein wenig ausruhen. Wir müssten irgendwann aufhören, ständig auf uns selbst herumzuhacken, das Alte aufzuwühlen, in alten Wunden herum zu bohren. Die ewige, ununterbrochene Selbstanalyse wird irgendwann zu einem Ersatz für das Leben.

 

Wir müssen genug Barmherzigkeit, Lebendigkeit und Mut in uns selbst finden, um uns selbst etwas zu verzeihen. Es gibt immer ein Joch, etwas, was wir aufnehmen müssen, wenn wir über die untragbare Last hinaus leben wollen.

 

Immer wieder werden Formen der Selbstbeobachtung in Menschen vorkommen. die entstellt, beschädigt und giftig sind. Wenn wir zu gewohnheitsmäßig uns selbst beobachten, können wir die Lebenserfahrungen abschrecken, bevor sie stattfinden können. In fast suchtartigen Spekulationen darüber, wie es weiter geht oder was die Zukunft für uns hält, denken wir uns alle möglichen Szenarien aus und sind dann so entmutigt und beängstigt, dass wir gar nichts wagen, ausprobieren oder versuchen.

 

Leg die untragbare Last des ewigen, unerbittlichen Selbstvorwurfes ab, und ruh ein wenig aus. Nimm eine leichtere Last auf:

Geh mal eine Zeitlang und lebe ohne Analyse.

Verkaufe etwas, woran du festhältst, was aber dir nicht gut tut.

Suche nach neuen Lebenschancen:

Verschenke die alten Ausreden, warum du nicht gut genug bist.

Handle und setze Unbekanntes in Bewegung.

 

Das sind Dinge, die Jesus uns auflegt und wenn wir sie umsetzen, sind sie wahrhaftig eine Last. Ich weiß es, denn jedes Mal, wenn ich sie Menschen ans Herz lege, beschweren sie sich darüber, wie schwierig es ist, sie auf sich zu nehmen. Natürlich sind sie eine Last, aber eine leichtere, eine tragbare. Wir träumen zu viel von einem unbelasteten Leben und tun zu wenig, um ein belastbares Leben zu gestalten.

Erik Riechers SAC, 5. Juli 2020

 

 

Die Krise und Schalom

 

Verändert die große, weltweite Krise dieses außergewöhnlichen Jahres uns Menschen? >Eines tut sie:  Sie hilft jedoch aufzudecken, wie wir wirklich sind – als Einzelne oder als Gesellschaft. Die Art und Weise, wie wir mit Verantwortung, Risiken und Einschränkungen umgehen, hat unmittelbar zu tun mit unserem inneren Selbst. So offenbaren die Verunsicherungen der Pandemie wie jeder Krise, wie stark wir bestimmt werden von äußeren Gegebenheiten oder wie verwurzelt und stabil wir in und aus unserem Inneren leben.

Kürzlich sprach ein erfahrener Therapeut davon, wie unausgeglichen und instabil wir oft im Leben stehen. Unsere Gefühle wallen auf, die innere See ist so unruhig, dass ein Blick in die Tiefe unmöglich ist. Erst wenn die Oberfläche wieder ruhig würde, könnten wir erblicken, was uns in der Tiefe zur Verfügung steht und daraus schöpfen.

Ein Wort Jesu kommt mir in den Sinn: »Denn sehet, das Reich Gottes ist inwendig in euch.« (Lk 17, 21) Würden wir immer und immer wieder zu dieser Quelle gehen, könnte sich Friede in uns ausbreiten, Schalom im tiefen Sinn von Frieden und Wohlergehen. Denn wir tragen die Fülle bereits in uns. Stattdessen aber erleben wir nah und fern Aggressionen und Gewalt auf nächtlichen Straßen, Proteste und Verschwörungstheorien, Ignoranz und Rücksichtslosigkeiten. All dies erzählt von Unfrieden in den Seelen, davon, wie sehr Menschen von äußeren Bedingungen abhängig sind und sich in Wallung bringen lassen. Dies hat natürlich Konsequenzen und zeigt sich dann auch im Verhalten draußen.

Die Verwobenheit von innerer und äußerer Welt konnten die Weisen indigener Völker wunderbar ausdrücken:

Der erste Friede, der wichtigste, ist jener,

der in den Seelen der Menschen einzieht,

wenn sie ihre Verwandtschaft, ihr Einssein mit dem Weltall

und allen seinen Mächten gewahren und inne werden,

dass der große Geist im Mittelpunkt des Weltalls wohnt

und diese Mitte tatsächlich überall ist.

Sie ist in jedem von uns. Das ist der wirkliche Friede.

(»Schwarzer Hirsch«, Oglala Sioux Indianer)

 

Um diesem Frieden auf die Spur zu kommen, muss ich still werden, betrachtend mich mir und der Welt aussetzen. Und nach und nach wird die See ruhig. Ich erkenne den Reichtum in mir, in meiner Tiefe. Dann kann ich üben, in der Mitte zu wandeln.

»Denn sehet, das Reich Gottes ist inwendig in euch.«  Krisenzeiten kommen und Schwankungen auch. Darum üben wir, in und aus dieser Mitte in uns zu leben. 

Und wir wünschen einander wahrhaft »Schalom«.

 

Rosemarie Monnerjahn, 3. Juli 2020

 

 

Damit die Verhältnisse mich nicht ändern

 

In seinem Gedicht »Rat« schlägt Wilhelm Bruners vor, wie wir in den Tag hineingehen sollten. Sein Rat ist es, dass wir uns »die ersten Informationen aus den Liedern Davids« holen, bevor wir Nachrichten hören und Zeitungen lesen. Dann kommt mein Lieblingsteil: »Beachte die Reihenfolge wenn du die Kraft behalten willst die Verhältnisse zu ändern«.

Sein Rat ist mir lieb und teuer und ich befolge ihn jeden Morgen. Wahrlich, wir sollten alles tun, um unsere Kräfte zu bewahren, damit wir sie einsetzen können, um die Verhältnisse des Alltags und der dominanten Kultur um uns herum zu ändern.

Aber was passiert, wenn unsere Kraft nicht reicht, um die Verhältnisse zu ändern? Oft meinen Menschen, dass es dann nichts mehr zu tun gibt. Aber das stimmt nicht. Wenn meine Kräfte nicht reichen, um die Verhältnisse zu ändern, dann muss ich achtgeben, dass ich meine Kräfte einsetze, damit die Verhältnisse mich nicht ändern.

Elie Wiesel erzählt folgende Geschichte:

»Hören Sie sich eine Geschichte an: Eines Tages kam ein gerechter Mann in die Stadt Sodom. Er begann dessen Bewohnern zu predigen und forderte sie auf, ihre bösen Wege zu ändern. Er wollte sie vor der Zerstörung retten, eine Zerstörung, von der er wusste, dass sie durch ihre Sünden gegeneinander entstehen würde. ‚Bitte‘, sagte er, ‚hört auf mit eurer Grausamkeit, hört auf mit eurer Unmenschlichkeit! Ihr musst freundlicher zu dem Fremden sein, zu den Kindern des Fremden!‘ Er fuhr viele Tage so fort, aber niemand hörte zu. Er aber gab nicht auf. Er predigte und protestierte viele Jahre lang. Schließlich fragte ihn ein Passant: ‚ Rabbi, wirklich, warum machst du das? Siehst du nicht, dass niemand zuhört?‘ Er antwortete: ‘Ich weiß. Niemand wird zuhören, aber ich kann nicht aufhören. Wissen Sie, zuerst dachte ich, ich müsste predigen und protestieren, um sie zu ändern. Aber jetzt, obwohl ich weiter spreche, soll es die Welt nicht verändern. Es ist, damit sie mich nicht ändern.‘« *

Wenn meine Kräfte nicht reichen, um die Verhältnisse zu ändern, dann muss ich achtgeben, dass ich meine Kräfte einsetze, damit die Verhältnisse mich nicht ändern.

Für diejenigen, die nicht zuhören wollen, scheint der Rabbi ein Verrückter zu sein. Aber auch hier bleibt Elie Wiesel seiner tiefsten Glaubensintuition treu. Wir sollten die »Verrückten« studieren, »um zu lernen, wie man Widerstand leistet. Verrücktsein ist der Schlüssel zum Protest, zur Rebellion. Ohne es können wir, wenn wir nach den Maßstäben unserer Umgebung zu ‚normal‘ sind, von dem Wahnsinn der Welt mitgerissen werden.« *

Wenn meine Kräfte nicht reichen, um die Verhältnisse zu ändern, dann muss ich achtgeben, dass ich meine Kräfte einsetze, damit die Verhältnisse mich nicht ändern.

*Aus: Witness: Lessons from Elie Wiesel's Classroom von Ariel Burger

Erik Riechers SAC, 1. Juli 2020

 

 

Spuren aus längst vergangenen Tagen

 

Wir alle erinnern uns an Menschen, die tiefe Spuren in unserem Leben hinterlassen haben. Wir sind eben wesensmäßig auf Beziehung und Begegnung angelegt. Martin Buber formulierte es in seinen Gedanken zur Erziehung so: »Der Mensch wird am Du zum Ich.«  Vieler Spuren sind wir uns gar nicht bewusst.

Heute gedenken wir zweier Männer, deren Spuren in der großen christlichen Familie seit 2000 Jahren sichtbar sind und immer wieder betrachtet und auch gefeiert werden: der jüdische Fischer Simon Petrus aus Galiläa und der römische Bürger und griechisch gebildete Jude Paulus aus Tarsus.

Warum konnten sie - vom Rande des damaligen römischen Weltreiches kommend - solch unauslöschliche Spuren in unseren Boden prägen? Die Antwort klingt einfach: Weil sie den schmalen Weg ins Leben wählten. Doch was verlangte das von ihnen?

Sie mussten Entscheidungen treffen und handelten danach.

Ihr Weg forderte immer wieder von ihnen, sich zu fokussieren und zu entscheiden

Sie konnten Begegnungen und Situationen nicht ausweichen, sondern stellten sich ihnen und setzten sich mit den Herausforderungen auseinander.

Schauen wir uns ein paar Stationen ihres jeweiligen Weges an.

Im Matthäusevangelium hören wir zum ersten Mal von Petrus im 4. Kapitel: »Als Jesus am See von Galiläa entlangging, sah er zwei Brüder, Simon, genannt Petrus, und seinen Bruder Andreas; sie warfen gerade ihr Netz in den See, denn sie waren Fischer. Da sagte er zu ihnen: Kommt her, mir nach! Ich werde euch zu Menschenfischern machen. Sofort ließen sie ihre Netze liegen und folgten ihm nach.« Was auch immer die Faszination dieses Rufes ausmachte, Petrus entscheidet sich, Jesus zu folgen. So beginnt sein Weg mit ihm, und viel später kann er in einer schwierigen Stunde zu Jesus sagen: »Du bist der Christus, der Sohn des lebendigen Gottes!« (Mt 16, 16)

Wie schmal dieser Weg ist und wie schwer es so manches Mal fällt, sich darauf zu fokussieren und nicht abzugleiten, erfährt er nur wenig später. Als Jesus nämlich seinen Jüngern klar macht, wohin sein Weg führen wird, nämlich zum Tod, sagt Petrus zu ihm: »Das soll Gott verhüten, Herr! Das darf nicht mit dir geschehen!« Jesus aber hilft ihm, auf dem schmalen Weg zu blieben: »Tritt hinter mich…« Das bedeutet: Bleib in meiner Spur, auch wenn es eng wird.

Petrus lernt sein »Handwerk« und zeigt später immer wieder, dass er auf seinem schmalen Weg den Herausforderungen nicht ausweicht. Die Apostelgeschichte erzählt uns immer wieder davon. So kann er, Jesus, den Auferstandenen, bekennend, einen Gelähmten im Tempel heilen und später vor dem Hohen Rat dazu stehen, allen Anfeindungen, Verboten und Drohungen zum Trotz: »Ob es vor Gott recht ist, mehr auf euch zu hören als auf Gott, das entscheidet selbst. Wir können unmöglich schweigen über das, was wir gesehen und gehört haben.« (Apg 4, 19-20)

So kamen die Spuren des Petrus in den Grund, auf dem wir stehen.

Im Galaterbrief erzählt Paulus von seinem Weg. Er erinnert an sein früheres Leben: »Ihr habt doch von meinem früheren Lebenswandel im Judentum gehört und wisst, wie maßlos ich die Kirche Gottes verfolgte und zu vernichten suchte. Im Judentum machte ich größere Fortschritte als die meisten Altersgenossen in meinem Volk und mit dem größten Eifer setzte ich mich für die Überlieferungen meiner Väter ein.« (Gal 1, 13) Doch er wurde von Gott selbst auf einen neuen Weg gerufen, auf dem er zunächst Hilfe brauchte und übte: »…ich ging auch nicht sogleich nach Jerusalem hinauf zu denen, die vor mir Apostel waren, sondern zog nach Arabien und kehrte dann wieder nach Damaskus zurück. Drei Jahre später ging ich nach Jerusalem hinauf, um Kephas kennenzulernen, und blieb fünfzehn Tage bei ihm.« Sein Weg forderte ihn immer wieder neu heraus - die Apostelgeschichte und seine Briefe sind voll davon. Es war eben auch ein schmaler Weg, keine Autobahn.

Menschen, die auf den breiten Wegen der Massen gehen, brauchen das alles nicht zu tun. Sie können sich treiben lassen, müssen nicht fokussieren, um auf dem Weg zu bleiben, können schwierigen Situationen leicht ausweichen. Aber von ihnen finden sich auch keine Spuren. Wie auch?!

Unsere Frage sollte sein: Welcher Weg führt ins Leben? Das ist genau Jesu Herzensanliegen. Gegen Ende seiner großen Lebensunterweisungen auf dem Berg sagt er: »Geht durch das enge Tor! Denn weit ist das Tor und breit der Weg, der ins Verderben führt, und es sind viele, die auf ihm gehen. Wie eng ist das Tor und wie schmal der Weg, der zum Leben führt, und es sind wenige, die ihn finden.« (Mt 7, 13-14)

Petrus und Paulus sind Zeugen dafür. Sie prägten der Welt ihren Abdruck auf, weil sie ihren Weg ins Leben gingen und damit uns allen Vorbild sind.

 

Rosemarie Monnerjahn, 29. Juni 2020

 

 

13. Sonntag A 2020

 

Eines Tages ging Elischa nach Schunem. Dort lebte eine vornehme Frau, die ihn dringend bat, bei ihr zu essen. Seither kehrte er zum Essen bei ihr ein, sooft er vorbeikam. 9 Sie aber sagte zu ihrem Mann: Ich weiß, dass dieser Mann, der ständig bei uns vorbeikommt, ein heiliger Gottesmann ist. 10 Wir wollen ein kleines, gemauertes Obergemach herrichten und dort ein Bett, einen Tisch, einen Stuhl und einen Leuchter für ihn bereitstellen. Wenn er dann zu uns kommt, kann er sich dorthin zurückziehen. 11 Als Elischa eines Tages wieder hinkam, ging er in das Obergemach, um dort zu schlafen. 12 Dann befahl er seinem Diener Gehasi: Ruf diese Schunemiterin! Er rief sie, und als sie vor ihm stand, 13 befahl er dem Diener: Sag zu ihr: Du hast dir so viel Mühe um uns gemacht. Was können wir für dich tun? Sollen wir beim König oder beim Obersten des Heeres ein Wort für dich einlegen? Doch sie entgegnete: Ich wohne inmitten meiner Verwandten. 14 Und als er weiter fragte, was man für sie tun könne, sagte Gehasi: Nun, sie hat keinen Sohn und ihr Mann ist alt. 15 Da befahl er: Ruf sie herein! Er rief sie und sie blieb in der Tür stehen. 16 Darauf versicherte ihr Elischa: Im nächsten Jahr um diese Zeit wirst du einen Sohn liebkosen. Sie aber entgegnete: Ach nein, Herr, Mann Gottes, täusche doch deiner Magd nichts vor! 17 Doch die Frau wurde schwanger und im nächsten Jahr, um die Zeit, die Elischa genannt hatte, gebar sie einen Sohn.

              2 Könige 4, 8-17

Vor zwei Jahren haben wir einen Brunnentag gehalten, in dem wir die Erzählungen über Elischa sehr intensiv betrachtet haben. Und als wir zu der Stelle kamen, die wir heute im Gottesdienst bekommen, stellten wir eine Frage an die Gruppe: Was erweckt eine Dankbarkeit in mir, die tief genug ist (und nicht nur oberflächlich), dass ich nicht nur berührt, sondern bewegt werde, Raum und Zeit zu investieren, um anderen Leben zu schenken?

Die Frau aus Schunem erweckt eine tiefe Dankbarkeit in Elischa. Schauen wir mal an, was diese Dankbarkeit erweckt: Essen, ein Zimmer, ein Bett, ein Tisch, ein Stuhl und ein Leuchter.

Dem ersten Anschein nach fällt die Liste eher dürftig aus. Immerhin, für diese Kleinigkeiten ist Elischa bereit, beim Obersten des Heeres oder sogar beim König ein Wort einzulegen. Und am Ende schenkt er der Frau die Fruchtbarkeit, die es ihr möglich macht, ein Kind zu tragen.  Das Preis-Leistungsverhältnis scheint hier ein bisschen aus dem Ruder gelaufen zu sein.

Oder vielleicht auch nicht. Wer Augen hat zu sehen, wird merken, dass jede ihrer Gaben eine tiefere, reichere Welt des Lebens und der Liebe repräsentiert.

  1. Sie gibt ihm etwas zu essen. Nahrung ist immer das, was Leben erhält. Aber um ihm Nahrung zu gönnen, musste sie zuerst ein Auge für seinen Hunger gehabt haben.

 

  1. Sie richtet für ihn ein kleines, gemauertes Obergemach ein. Sie gönnt ihm einen Raum, der ihm gehört, einen Ort, an dem es sich leben lässt. Und sie tut das für einen Menschen, der sonst keinen Ort für sich hat, keinen Raum, den er sein eigen nennen kann. Dafür muss sie ein Auge haben für die Heimatlosigkeit dieses Menschen.

 

  1. Sie schenkt ihm ein Bett. Das ist das Geschenk der Ruhe, wo alles ,was in uns sonst unter Spannung steht und Lasten tragen muss, sich mal ausruhen kann. Dafür muss sie ein Auge haben für die Erschöpfung dieses Menschen.

  

  1. Sie stellt ihm einen Tisch hin. Das ist der Ort, wo wir Essen, Bücher und andere kostbare Dinge ablegen können, damit wir die Hände frei haben und besser und tiefer genießen können. Die billigen Dinge des Lebens können wir auf dem Boden abstellen, aber die wertvollen Dinge brauchen einen Tisch. Wenn wir das Essen auf den Boden stellen, dann degradieren wir einen Menschen zu einem Hund. Ein Tisch garantiert Würde. Aber dafür musste sie ein Auge für die Armut dieses Menschen haben.

 

  1. Sie stellt ihm einen Stuhl zur Verfügung. Das ist der Ort, wo wir Platz nehmen können, verweilen und bleiben dürfen. Wenn jemand uns einen Stuhl anbietet, ist es eine Einladung zu verweilen und etwas Zeit zu nehmen. Wenn wir aber stehen bleiben müssen, dann wissen wir, dass unser Gegenüber uns so schnell wie möglich wieder loshaben möchte. Aber dafür musste sie ein Auge für die Sehnsucht nach Zugehörigkeit in diesem Menschen haben.

 

  1. Und am Ende wird ein Leuchter für ihn bereitgestellt. Ein Leuchter bringt Licht, wo sonst kein Licht hinkommen kann. Ein Leuchter kann Licht dehnen in Zeiten, wo sonst kein Licht herrschen kann. Aber dafür musste sie ein Auge für das Ausgeliefertsein Elischas an der Orientierungslosigkeit haben.

 

Im Lektionar wird die Geschichte gekürzt und dieser Teil der Erzählung wird weggelassen:

12 Dann befahl er seinem Diener Gehasi: Ruf diese Schunemiterin! Er rief sie, und als sie vor ihm stand, 13 befahl er dem Diener: Sag zu ihr: Du hast dir so viel Mühe um uns gemacht. Was können wir für dich tun? Sollen wir beim König oder beim Obersten des Heeres ein Wort für dich einlegen? Doch sie entgegnete: Ich wohne inmitten meiner Verwandten.

Dieser Teil ist nicht unbedeutend, denn hier klärt sich, wie Dankbarkeit gegenüber einer solchen Frau, einer solchen Geberin des Lebens, aussehen kann. Sollte die Belohnung dieser Frau vom König oder beim Obersten des Heeres kommen, dann wird es um Macht, Status, Reichtum oder Einfluss gehen. Das ist die Währung der Herrscher und Machthaber. Das ist, was sie anzubieten haben.

Aber es ist nicht ihr Begehr. Diese Frau hat sich rührend um das Leben eines ausgelieferten Menschen gesorgt und ihm Leben gegönnt. Sie weiß, dass Macht, Status, Reichtum und Einfluss gefährlich sind für Menschen wie sie. Wir argumentieren immer, dass auch diese Dinge dem Leben dienen können, aber die überwiegende Erfahrung mit ihnen ist, dass sie uns korrumpieren. Macht, Status, Reichtum und Einfluss lenken unseren Blick auf sie hin und von den Menschen ab. Sie sind nicht dafür bekannt, dass sie unseren Blick für das Leben schärfen. Meistens werden sie zum Selbstläufer.

Die Frau will das, was alle Diener des Lebens wollen, nämlich Lebensmehrung. Eine Regel so alt wie die biblische Erzählung lautet: Wo Leben angeboten wird, wird Leben entstehen; wer anderen Leben gönnt, ermöglicht und dient, wird selbst Leben bekommen und ein Lebensträger werden. Die Frau wird ein Kind bekommen.

Wir sind gerade sehr beschäftigt mit der Welt der Herrscher und Machthaber. Nach langen Tagen der Krise sollten sie jetzt uns alles zurückgeben, worauf wir verzichten mussten: Fußball, Restaurants, Reisen, Konsum, Kino, Theater und jegliche Form der Unterhaltung.

Ich stelle die Frage des Anfangs noch einmal, aber gezielter: Werden das die Dinge sein, die eine Dankbarkeit in uns wecken, die tief genug ist (und nicht nur oberflächlich), dass wir nicht nur berührt, sondern bewegt werden? Wird diese gnadenlose Restaurierung der Oberflächlichkeit und des gedankenlosen Konsums uns dazu bewegen, Raum und Zeit zu investieren, um anderen Leben zu schenken?

Was nutzt uns das alles ohne Menschen, die uns Leben gönnen: Essen, einen Raum, ein Bett, einen Tisch, einen Stuhl und eine Leuchte?

Was nutzt es uns das alles, wenn wir eine Gesellschaft und eine Kirche bauen, die nur Oberflächlichkeit und Konsum kennen? Wer hat ein Auge für den Hunger unserer Mitmenschen, wenn wir uns nur mit unserer Sättigung beschäftigen? Wer hat ein Auge für die Heimatlosigkeit der schwer betroffenen Menschen, wenn wir uns nur darum kümmern, dass wir gut untergebracht sind? Werden wir ein Auge haben für die Erschöpfung der Menschen in diesen Tagen, wenn wir uns nur um unsere Entlastung sorgen? Wo ist ein  Auge für die Armut der vielen wirtschaftlich geschwächten Menschen, wenn wir nur unseren Wohlstand wiederherstellen wollen? Wollen wir überhaupt ein Auge für die Sehnsucht nach Zugehörigkeit in den Menschen haben, wenn wir uns nur um die Wiederherstellung unsere sozialen Kontakte kümmern? Haben wir ein Auge für das Ausgeliefertsein an die Orientierungslosigkeit so vieler Menschen, für die diese Krise noch längst nicht vorbei ist, wenn wir nur unsere Zukunft im Blick haben?

Wenn einer diese Frau verstehen und würdigen kann, dann Jesus von Nazareth: »Die Füchse haben Höhlen und die Vögel des Himmels Nester; der Menschensohn aber hat keinen Ort, wo er sein Haupt hinlegen kann.« (Mt 8,20) Seine Erfahrungen werden ihn noch mehr die kleinen Gaben und Dienste am Leben schätzen lassen: Essen, ein Zimmer, ein Bett, einen Tisch, einen Stuhl und einen Leuchter. Wer nah am Menschensohn bleibt, bleibt nah an den Armen. Wer nah an den Armen bleibt, schätzt alles, was dem Leben dient und alle, die Lebensträger für sie sind.

 

So kehre ich ein letztes Mal zu unserer Frage zurück. Was erweckt eine Dankbarkeit in mir, die tief genug ist (und nicht nur oberflächlich), dass ich nicht nur berührt, sondern bewegt werde, Raum und Zeit zu investieren, um anderen Leben zu schenken?

Wenn wir anderen Menschen Leben gönnen und bereiten, wird auch für uns Leben entstehen.

Erik Riechers SAC, 28. Juni 2020

 

 

»Mein Haus soll ein Haus des Gebetes für alle Völker genannt werden«

(Mk 11, 17)

 

Nach langen Jahren hatte ich mich auf den weiten Weg gemacht. Ich wollte wieder einmal den Tempel in Jerusalem besuchen, ich wollte ihn betreten. Prachtvoll war er in meiner Erinnerung seit meiner Jugend, die Schönheit hatte etwas Himmlisches. Auch wenn ich nicht an den Gott der Juden glaubte, so hatte er mich damals in seinen Bann gezogen.

Ich ließ meine Tochter, die inzwischen gut auf eigenen Füßen stand, zurück und zog in vielen Tagesmärschen nach Süden und dann in die judäischen Berge hinauf. Endlich nahte Jerusalem, die Stadt auf den Bergen – welch ein Anblick! Nichts Vergleichbares gab es in meiner kanaanäischen Heimat. Als ich mich endlich dem Tempelberg näherte, wurden die Gassen immer voller. Viele Menschen waren unterwegs zu ihrem Heiligtum. Denn es war kurz vor dem großen Pessach-Fest der Juden. Und so zog ich mit den Scharen südlich um den Tempelberg herum und erstieg die Stufen – langsam, mit klopfendem Herzen, Stufe für Stufe. Dann stand ich vor dem  Eingangstor in der Säulenhalle. Ich wusste, es war das einzige Tor, das ich als heidnische Frau durchschreiten durfte, umso bewusster durchschritt ich es und fand mich wieder im Vorhof der Heiden. Ja, wir durften nur in diesen Bereich, der eigentliche Tempel war uns verwehrt. Dabei pochte in mir so viel Sehnsucht nach dem Heiligen, sie hatte mich bis hierhin begleitet, ja getrieben. Das wurde mir auf einmal klar, als ich hier in dem Trubel stand und hinauf zum gewaltigen Tempelgebäude blickte.

Anders war es als damals, vor vielen Jahren. Ich war keine Jugendliche mehr, das Leben hatte mich geformt seither. Aber auch hier war es nicht so, wie ich es in Erinnerung hatte. So viel Geschäftigkeit, so viel Hasten und Hetzen, so viele Händler! Opfertiere gingen über ihre Tische, Münzen wechselten die Besitzer - hier schien es ums Geschäft zu gehen.

Gerade als ich mir einen etwas ruhigeren Platz suchen wollte, geschah es: Stimmen wurden laut, Tische wurden umgestoßen, Tauben flatterten auf und Menschen sprangen zur Seite. Für einen Augenblick entstand eine Schneise zwischen den Massen und ich sah den Mann, der gerade einen weiteren Händlertisch umkippte. Vorsichtig trat ich etwas näher. Dann hörte ich seine Stimme. Klar und deutlich war sie: » Heißt es nicht in der Schrift:  Mein Haus soll ein Haus des Gebetes für alle Völker genannt werden? Ihr aber habt daraus eine Räuberhöhle gemacht. « Ich musste mich durch ein paar Schaulustige zwängen, um ihn noch besser sehen zu können. Mein Herz schien stehen zu bleiben: Ich war ihm schon einmal begegnet. Vor mehr als einem Jahr war er mit seinen Freunden in meiner Heimat unterwegs; er wollte nicht gestört werden und doch wagte ich es. Ich war in so großer Not. Wie eine Löwin kämpfte ich um meine Tochter, sie sollte frei werden von dem bösen Geist, der sie besetzt hatte. Alle Hoffnung setzte ich auf ihn damals, als er plötzlich so nah war. Doch: Wie abweisend war er! Ich ließ nicht locker, ich winselte wie eine Hündin. Ich weiß ja, dass ich nicht zu seinem auserwählten Volk gehöre. Aber dürfen wir nicht auch leben? Seinen Blick vergesse ich nie, als er wahrnahm, dass er meine Hoffnung war und mich zurück schickte mit den Worten:  Geh nach Hause, der Dämon hat deine Tochter verlassen! Und so war es – Gott sei Dank!

Dass ich ihm heute hier begegne – ihm, der meine Tochter rettete!

Und was hat er gesagt? »Mein Haus soll ein Haus des Gebetes für alle Völker genannt werden.« Dann wäre es ja auch für mich. Dann dürfte ich wirklich hinein und mein Herz könnte das Heilige berühren. Wir könnten alle zusammen beten. Tränen laufen meine Wangen hinab – dieser Satz trifft auf meine ganze Sehnsucht, die mich bis hierher getrieben hat.

Nun verliere ich ihn  aus den Augen. Ich ziehe mich hinter eine Säule zurück und blicke zum Heiligtum hin. Welch ein kostbarer Augenblick! Dieser Rabbi, der meine Tochter, das Kind einer Heidin, geheilt hat, hat den Mut, im Herzen seiner Religion zu sagen, dass alle hier beten dürfen.

Sein Gott ist unser aller Gott . . . Welch eine Pilgerreise! Und für einen Moment erfüllt mich das Gefühl, meine Heimat gefunden zu haben.

 

Rosemarie Monnerjahn, 26. Juni 2020

 

 

Ich glaube an die Sonne, auch wenn sie nicht scheint.

Die Geburt Johannes des Täufers

 

»Ich glaube an die Sonne, auch wenn sie nicht scheint. Ich glaube an die Liebe, auch wenn ich sei nicht fühle. Ich glaube an Gott, auch wenn er schweigt.« Diese Worte wurden im Warschauer Ghetto geschrieben, ein Ort der Krise und des Todes. Sie wurden gebetet an einem Ort der Gräueltaten gegen die Brüder und Schwestern dieses Beters.

 

Wir bewältigen gerade eine Krise, die für die meisten von uns deutlich milder und leichter ist. Können wir so beten, so von Gott sprechen und, noch wichtiger, so über unseren Glauben in Zeiten der Bedrängnis reden? Vielleicht kann uns der heutige Festtag der Geburt Johannes des Täufers helfen.

 

Das Geheimnis von der Geburt des Täufers liegt in der Tatsache, dass Gott uns nicht nur Leben anbietet, sondern dass er uns Leben anbietet, das unsere Erwartungen übertrifft. Als der Engel des Herrn die Geburt des Täufers ankündigt, kündigt er ein Geschenk neuen Lebens an einem Ort und zu einer Zeit an, an dem weder Elisabeth noch Zacharias es erwarten, so etwas zu finden. Es sollte kein aufkeimendes Leben in einer Frau in Elisabeths Alter oder medizinischen Vorgeschichte geben. Dies ist die Zeit für Unfruchtbarkeit, nicht für Babys. Dies ist eine Zeit für die Geriatrie, nicht für die Entbindungsstation.

 

Gott bietet den beiden jedoch ein Leben, das ihre Erwartungen übertrifft. Unfruchtbarkeit blüht plötzlich auf. Die Erwartungen werden radikal in Frage gestellt, da das Leben zu einer Zeit angeboten wird, an dem die Zukunft so trocken und verdorrt aussah wie der Mutterleib von Elisabeth. Die Lektion ist einfach. Gott definiert, wo das Leben gewährt wird und unsere Erwartungen sind kein Hindernis für die Freiheit Gottes, uns zu überraschen.

 

Es gibt viele Orte, an denen Gott uns Leben bietet, das unsere Erwartungen übertrifft. Es passiert, wenn Frauen feststellen, dass sie ein Kind erwarten, das sie nicht geplant oder erwartet haben. Es passiert, wenn wir uns um unsere betagten und kranken Eltern kümmern. Es passiert, wenn wir Menschen mit schweren Behinderungen pflegen. Es passiert in den Tagen jenseits der Beerdigungen. Es passiert mitten in Krebs und Chemotherapie. In all diesen Momenten und in vielen anderen ähnlichen Situationen sind wir niedergeschlagen und ausgelaugt, weil wir davon überzeugt sind, dass wir an die Schwelle einer Erfahrung gekommen sind, die unser Leben austrocknen, besiegen oder zerstören wird. Wir können uns nicht vorstellen, dass uns ein Geschenk Gottes angeboten wird. Wir brauchen also ein bisschen Hilfe.

 

Dies erfordert von uns einen zweiten Moment des Nachdenkens. Wenn Gottes auferlegtes Schweigen endlich die Anerkennung des Segens aus unseren steifen und widerstandsfähigen Herzen knetet, müssen wir wie Zacharias sagen: »Sein Name ist Johannes.«

 

Der Name Johannes bedeutet »Gott hat uns Gnade gezeigt«. Wenn Zacharias seinem Sohn diesen Namen gibt, ist dies nicht nur eine Bezeichnung. Es ist ein Glaubensbekenntnis. Der Mann, der nicht glaubte, dass Gott ihm ein Leben anbieten könnte oder würde, das seine Erwartungen übertrifft, sagt jetzt deutlich, dass die Geburt des Täufers ein Moment ist, in dem Gott seine Gnade gezeigt hat.

 

Auch wir müssen uns dazu bekennen, dass Gottes Liebe an unerwarteten Orten wirkt. Wir müssen unsere unerwarteten und sogar widerstandenen Segen benennen und zugeben, dass Gott uns Gnade gezeigt hat. Schweigen ist angebracht, um uns die Möglichkeit zu geben, unser Verständnis dessen zu vertiefen, was uns in der unerwarteten Stunde angeboten wird. Sobald wir jedoch verstehen, was Gott uns in der überraschenden Stunde anbietet, muss die Stille gebrochen werden.

 

Am Ende muss unser Schweigen zerschmettert werden. Wenn die Kinder, die wir fürchteten in die Welt zu bringen, uns mit Lachen erfüllen und Licht in unsere Tage gebracht haben, ist es Zeit zu sagen: »Sein Name ist Johannes« (Gott hat uns Gnade gezeigt).

 

Wenn wir die Sterbenden bis an den Rand des Lebens begleitet haben und gefühlt haben, wie höllisch weh es tat und dennoch wissen, dass wir das Privileg hatten, dort zu sein, müssen wir verkünden: »Sein Name ist Johannes« (Gott hat uns Gnade gezeigt).

 

Vielleicht haben wir unter der Geißel von Krebs und Chemotherapie gelitten, nur um zu entdecken, dass sie uns zu Lehrlingen einer größeren Liebe, eines größeren Dienstes und einer größerer Opferbereitschaft gemacht haben. Noch überraschender ist die Erkenntnis, dass unser Segen aus unserem Bluten, unseren Blutergüssen und Brüchen entstanden ist. Jetzt ist es an der Zeit, den Menschen um uns herum klar zu machen, dass »sein Name Johannes ist«, denn Gott hat uns Gnade gezeigt.

 

Ich hatte einen Freund, der das konnte. In einem Leben, gezeichnet von vielen Verlusten und Tragödien, war er ein Erzähler der Gnade. Sei es der frühe Verlust seines Vaters, der Tod seines besten Freundes, oder sein eigenes Leid an den Krankheiten, die ihm so früh so viel genommen haben, er war ein Erzähler des Segens. Er konnte die Stellen herausarbeiten, an denen Gott ihm Gnade gezeigt hatte. Er war selbst noch ein Kind, als er das Herz eines Löwen entdecken konnte in seiner Einsamkeit und seinem Heimweh. Ich hatte einen Freund, der das konnte. Sein Name war Johannes.

 

An diesem Tag, an dem wir der Geburt Johannes des Täufers gedenken, sollte eine ruhige, sogar melancholische Freude über uns herrschen. Lass ein verlegenes Grinsen über unsere Gesichter spielen. Lass ein winziges Lächeln an unseren Mundwinkeln ziehen. Lass ein Kichern über unsere Lippen kommen, wenn wir uns an all die Zeiten erinnern, wo wir mit Zacharias  standen, sicher, dass wir eine Tragödie erleben,  während wir von der Gnade getränkt wurden. Dann sollten wir ein stilles Dankgebet sprechen, dass Gott uns allen die Chance gegeben hat, unsere Meinung zu ändern.

 

Für Joachim an seinem Namenstag

Zichrono livracha (Möge sein Andenken zum Segen sein)

 

Erik Riechers SAC, 24. Juni 2020

 

 

Der Mensch und die Kunst

 

Viele Kinder lieben es, Farbe aufs Papier zu bringen. Es mag für unsere Augen anfangs nach Kritzelei aussehen, später versuchen sie, ihre Sicht auf ihre Welt zu malen. Manchmal versinken sie am Maltisch im Kindergarten oder zu Hause und zeigen später stolz ihre Werke. So geht es auch mit der Musik: ein paar Rhythmusinstrumente, und schon probieren sie, was damit möglich ist; haben sie Knete in den Händen oder spielen sie am Sandstrand, beginnen sie zu formen und zu modellieren.

Schon in diesem ganz frühen Stadium des künstlerischen Schaffens können wir Wesentliches erkennen: es braucht unverplante Zeiten und anregende Räume, um kreativ zu werden und dem Ausdruck zu verleihen, was in uns ist. In schöpferischer Hingabe können neue Welten entstehen und das weckt Freude - innen und außen, beim Schaffenden und in den Betrachtenden. Die Beobachtung von Kindern oder die Erinnerung an die eigene Kindheit können uns somit zeigen, dass künstlerisches Tun zu uns Menschen wesensmäßig gehört. In schöpfersicher Weise drückt sich unsere Seele aus, werden Ideen, in uns geboren, zur Wirklichkeit.  Wir möchten etwas Schönes gestalten, es macht uns Freude, daran zu arbeiten, es erfreut andere und sie fühlen sich beschenkt. Ist nicht eine Erfahrung der letzten Monate die, dass wir uns arm fühlten, weil wir nicht zur Chorprobe gehen konnten, weil Theater- und Konzertbesuche nicht möglich waren? Museen waren geschlossen und Kreativkurse, die vielleicht zu unserem Wochenprogramm gehören, fanden auch nicht statt. Kunst ist eben keine Beigabe oder ein Luxus, falls Zeit und Geld übrig sind.

»Kunst ist eine Sache allertiefster Menschlichkeit, eine Probe auf den Feingehalt von Geist und Seele.«

Wir sollten sie pflegen und nicht als nebensächlich oder gar überflüssig abtun. Denn wenn es immer nur um das Nützliche und Pragmatische geht, wenn vieles funktioniert, ja wenn wir funktionieren, aber all das, was sich in unserer Seele rührt und was unser Geist webt, keinen Ausdruck findet, geht Menschlichkeit verloren.

Die Bibel erzählt uns, wie wir Menschen geschaffen sind: als Gottes Ebenbild und Gleichnis, also mit der Fähigkeit, schöpferisch zu sein wie der Schöpfer.

Was tat in den Wochen der größten Isolation neben allem Sorgen und Versorgen unseren Herzen wahrhaft gut? Wir sangen füreinander und miteinander von Balkon zu Balkon oder verbanden uns musikalisch über das Internet. Kindern malten Regenbogen an Fenster, Familien bemalten Steine und legten Fußwege damit aus. Musiker nahmen Hauskonzerte auf und schickten die Filme in die Welt. Wie viel Kunst wurde und wird noch immer geteilt - segnend für Geber und Empfänger.

Viele von uns lieben die biblischen Psalmen. Sie sind selbst poetische Kunst, und in ihnen ist oft die Rede davon, auf welche Weise und mit welchen kreativen Mitteln Menschen ihren Dank, ihr Lob und ihre Liebe vor Gott bringen:

Dann will ich dir danken mit Harfenspiel und deine Treue preisen, mein Gott; ich will dir auf der Leier spielen, du Heiliger Israels. Meine Lippen sollen jubeln, ja, dir will ich singen und spielen und meine Seele, die hast du losgekauft.

(Ps 71, 22-23)

Ich will dem HERRN singen in meinem Leben, meinem Gott singen und spielen, solange ich da bin. Möge ihm mein Dichten gefallen. Ich will mich freuen am HERRN.

(Ps 104, 33-34)

Kunst entfaltet sich in Hingabe und ist Ausdruck von der Fülle und Schönheit des Lebens. Ob ich aktiv künstlerisch tätig bin oder mich ihr betrachtend hingebe, sie berührt mich in den Tiefen des Geistes und der Seele.

Mögen wir einwenden, wegen all unserer Aufgaben keine Zeit und Muße zu haben für kreatives Tun und Lauschen, dann lasst uns neu auf die Lebensunterweisung Gottes hören. ER gebietet uns, ein Siebtel unseres Lebens frei zu halten von pragmatischem Nutzdenken und Schuften:  »Halte den Sabbat: Halte ihn heilig, wie es dir der HERR, dein Gott, geboten hat! Sechs Tage darfst du schaffen und all deine Arbeit tun. Der siebte Tag ist ein Ruhetag, dem HERRN, deinem Gott, geweiht. An ihm darfst du keine Arbeit tun: du und dein Sohn und deine Tochter und dein Sklave und deine Sklavin und dein Rind und dein Esel und dein ganzes Vieh und dein Fremder in deinen Toren. Dein Sklave und deine Sklavin sollen sich ausruhen wie du. Gedenke, dass du Sklave warst im Land Ägypten und dass dich der HERR, dein Gott, mit starker Hand und ausgestrecktem Arm von dort herausgeführt hat. Darum hat es dir der HERR, dein Gott, geboten, den Sabbat zu begehen.« (Dtn 5, 12-15)

Gott weiß: Unsere Seele, unsere innerste Mitte, braucht Nahrung und Ausdruckmöglichkeit. Und er legt uns ans Herz, dafür Zeiten und Räume frei zu halten, um nicht zu Sklaven zu werden - wessen auch immer.

Mir gefällt der Satz von Ernst Barlach: »Kunst ist eine Sache allertiefster Menschlichkeit, eine Probe auf den Feingehalt von Geist und Seele.« Denn er verweist die Kunst nicht an die Profis, sondern dorthin, wo sie hingehört: in die Mitte eines jeden von uns.

 

Rosemarie Monnerjahn, 22. Juni 2020

 

 

12. Sonntag A 2020

 

Verkauft man nicht zwei Spatzen für einen Pfennig?

Und doch fällt keiner von ihnen zur Erde

ohne den Willen eures Vaters.

Bei euch aber sind sogar die Haare auf dem Kopf alle gezählt.

Fürchtet euch also nicht!

Ihr seid mehr wert als viele Spatzen.

 

Die Sprache von Spatzen, Pfennigen und gezählten Haaren ist gekennzeichnet von einer Leichtigkeit, die trügerisch sein kann. Denn durch diese Sprache bewegt sich Jesus sachte auf eine tiefe und schleichende Angst in uns Menschen zu. Solche Ängste anzusprechen und anzuschauen bedarf einer sanften Hand, denn sonst wird die Angst vor der Angst immer nur schlimmer.

 

So beginnt Jesus mit einer schlichten Frage. »Verkauft man nicht zwei Spatzen für einen Pfennig?« In der Tat konnte man damals zwei Spatzen für einen Pfennig kaufen. Mit anderen Worten, sie waren Billigware, sie waren unbedeutend,weil sie leicht zu ersetzen waren.

 

Und doch betont Jesus, dass Gott nicht einen von ihnen vergisst. Warum? Weil hier die tief verborgene Angst liegt. Wir haben Angst, dass wir und unser Leben bedeutungslos sein könnten. Wir tun so viel und trotzdem beschleicht uns die Frage: Sind wir leicht zu vergessen? Merkt überhaupt jemand, was ich tue, wer ich bin, dass ich bin? Wenn ich alles anschaue, was ich tue und ertrage, kommt irgendwann die Frage: Hat das alles irgendeinen Sinn? Oder ist mein Leben bedeutungslos?

 

Darum redet Jesus von Spatzen. Er deutet darauf hin, dass sogar alles, was erstmals billig und unbedeutend erscheint (Spatzen), von Gott nicht vergessen wird. Hier hebt uns Jesus in die Fülle Gottes. Wir, die wir uns oft so unbedeutend und minderwertig fühlen, sind nicht irgendwie auf dem Bildschirm Gottes, sondern er kennt uns bis ins Detail.

 

Jesus offenbart hier eine der wertvollsten Einsichten in das Herz Gottes. In einer dichterischen Wiedergabe von Psalm 139 schreibt Huub Oosterhuis: »Kennst du mich? Wer bin ich denn? Kennst du mich besser als ich?« Nun, hier beantwortet Jesus die letzte Frage klar und deutlich. Ja, ich kenne meine Menschen besser als sie sich selbst kennen.

 

»Bei euch aber sind sogar die Haare auf dem Kopf alle gezählt. Fürchtet euch also nicht! Ihr seid mehr wert als viele Spatzen.« Wir können es uns kaum vorstellen, aber es ist so. Nur ist die Botschaft hier nicht, dass Gott sich auch  um uns sorgt, sondern dass Gott sich mehr  um uns sorgt als wir es tun. Wir Menschen machen uns viele Sorgen um unser Leben, investieren viel  in unsere Gesundheit und Aussehen. Aber wer von uns weiß, wie viele Haare wir auf dem  Kopf haben? Wissen wir, wie viele Haare wir verloren haben? Manche von uns wissen nicht mehr, welche ursprüngliche Farbe die Haare hatten, die wir auf dem Kopf tragen.

 

Hier müssen wir klar unterscheiden zwischen unserer Art der Fürsorge und Gottes Kunst der Fürsorge. Weil unsere Art der Fürsorge (1) abstrakt und (2) selektiv ist.

 

Jeden Tag treffen wir Entscheidungen über das, was unsere Fürsorge verdient und bekommt und was nicht. Für diese Entscheidungen haben wir innere Kriterien. Das Auto werden wir heute nicht waschen, denn vom Auto gibt es weder Widerrede noch Vorwurfe.

Wir wählen: das eine werde ich tun, das andere werde ich lassen. Ich werde mich um diese Pflanze kümmern, aber die andere werde ich entsorgen. Unsere Art der Fürsorge  ist selektiv, sehr abstrakt, und manchmal sehr willkürlich. Dieses Hemd werfe ich weg, weil ich es satt habe. Es ist noch ganz in Ordnung, aber ich kann es einfach nicht mehr ausstehen. So machen wir Menschen das.

 

Wir sind abstrakt und selektiv im Prozess der Fürsorge. Darum wissen wir nicht, wie viele Haare wir haben, weil wir uns nicht gleichermaßen um alles kümmern, nicht alles gleichermaßen versorgen. Und dann projizieren wir unsere abstrakte und selektive Art auf Gott.

 

Aber bei Gott ist es nicht so. Kierkegaard sagte einmal; »es gibt einen unendlichen qualitativen Unterschied zwischen dem Göttlichen und dem Menschlichen«. Das sollten wir ernst nehmen.

 

Das Göttliche ist eine Quelle und ein Prozess der Unterstützung für alles, gleichermaßen.

Gott hält alles im Sein, unterstützt alles im Sein. Gottes Kunst der Fürsorge ist nicht im Geringsten ähnlich mit der Art der menschlichen Fürsorge. Gott unterstützt die Erde und den Menschen gleichzeitig, die wenig bedeutenden Vögel und die überaus bedeutenden Menschen.

 

Gottes Fürsorge ist nicht wählerisch. Er weigert sich, zwischen uns zu entscheiden. Gottes Fürsorge ist universal, bedingungslos, enorm und ewig präsent. Die Kunst der göttlichen Fürsorge ist nicht selektiv. Und sie ist nicht abstrakt.

 

Nun, nach dem Satz: »Bei euch aber sind sogar die Haare auf dem Kopf alle gezählt.« kommt der Schlüsselsatz: »Fürchtet euch also nicht! Ihr seid mehr wert als viele Spatzen.«

 

Hier gibt es diese bedenkenswerte Dynamik für die Bewältigung der Angst. Wir sollten unserer Isolation ein Ende setzen und uns zurückbinden zur gesamten Schöpfung. Wir sind ein Teil dieser Schöpfung, genauso wie die Spatzen. In dieser Schöpfung erhält und unterstützt Gott alles gleichermaßen. Wir sind Teil eines größeren Werkes und gehen trotzdem nicht unter. Gott trägt Sorge auch für unser tiefstes Selbst, auch wenn wir es so klein und unscheinbar wie einen Spatz empfinden. Wer wir wirklich sind ist mehr wert als viele Spatzen. Unser wahres ICH ist sicher, geschützt, geborgen.

 

Die Angst bedeutungslos zu sein kann man nicht mit Konkurrenzkampf und Vergleichen beruhigen. Wir leben in keinem Wettbewerb mit der Schöpfung und auch nicht mit einander. Wir müssen uns in den tieferen Raum begeben, wo wir Teil der göttlichen Fürsorge sind, einer Fürsorge, die allgegenwärtig ist. In diesem Raum der Seele, des Herzens, da sind wir sicher.

 

Dass Gott dieses Vertrauen in uns hat reicht aber nicht. Gott hat nämlich keine Angst. Er ist es nicht, der befürchtet, dass das Leben seiner Menschen bedeutungslos ist. Jede Bestätigung seiner Fürsorge für uns wird letztendlich ohne Wirkung bleiben bis wir selbst bestätigen, was Gott in uns sieht und liebt. »Sobald Sie sich selbst vertrauen, wissen Sie, wie man lebt«, schreibt Goethe. »Ihr seid mehr wert als viele Spatzen«, sagt Jesus. Also, dann sollten wir auch nicht unter unserem Niveau von uns sprechen und erst gar nicht unser Leben unter unserem Wert verkaufen.

 

Erik Riechers SAC, 21. Juni 2020

 

 

Die Macht der Worte

 

»Worte sind Dinge, davon bin ich überzeugt.

Du musst vorsichtig mit den Wörtern umgehen, die Du verwendest, oder mit den Wörtern, die Du in Deinem Haus erlaubst.

Worte sind Dinge, du musst vorsichtig sein. Sei vorsichtig, Menschen aus ihren Namen herauszurufen, rassistische und sexuelle Pejorative und all diese Unwissenheit zu verwenden. Tu das nicht.

Eines Tages werden wir in der Lage sein, die Kraft von Wörtern zu messen. Ich denke, sie sind Dinge. Sie kommen an die Wände, sie kriechen in deine Tapeten hinein, sie geraten in deine Teppiche, in deine Polster, in deine Kleidung und schließlich in dich. «

― Maya Angelou

 

Seit ich ein Kind war, wurde mir gesagt, ich solle auf meine Worte achten. Sie vergaßen mir zu sagen warum.

Als ich jung war, lehrten mich meine Lehrer, nicht zu fluchen.

Aber sie lehrten mich nicht die Macht der Worte,

also wusste ich nicht, welche Krebsarten sie in die Welt tragen

 

Ich wurde erzogen, um den Namen des Herrn nicht zu missbrauchen.

Aber sie lehrten mich nicht die Macht der Worte,

also wusste ich nicht, was passiert, wenn wir die Heiligkeit eines Namens brauchen.

 

Ich wurde daran erinnert, keine Vulgarität zu verwenden.

Aber sie lehrten mich nicht die Macht der Worte,

also wusste ich nicht, wie Vulgarität die Seele des Sprechers erniedrigt

              

Sprich nicht schlecht von anderen, sagten sie.

Aber sie lehrten mich nicht die Macht der Worte,

also wusste ich nicht, wie Worte das Herz von Menschen krank machen können.

 

Sie sagten mir, ich solle niemals rassistische Abwertungen verwenden.

Aber sie lehrten mich nicht die Macht der Worte,

also habe ich nicht verstanden, wie Worte das Sehen färben.

 

Mir wurde beigebracht, die Schwachen nicht zu verspotten, die Behinderten nicht zu verhöhnen und die Armen nicht zu erniedrigen.

Aber sie lehrten mich nicht die Macht der Worte,

also habe ich nicht verstanden, wie sie den bereits Verwundeten Narben hinzufügen.

 

»Stöcke und Steine brechen mir die Gebeine, aber Namen können mich nie verletzen.« Das lehrte mich, die Stichelei anderer zu ignorieren. Aber es hat mich überhaupt nichts über die Macht der Worte gelehrt.

 

 

Und Macht haben sie. Sie können deiner Seele antun, was Stöcke und Steine deinen Gebeinen antun können.

Sie haben Macht, wenn sie gesprochen werden.

Sie haben echte Macht: zu erschaffen und zu bauen, abzureißen und zu vernichten.

Sie können einen Samen pflanzen und Hoffnung tragen.

Sie können Träume ersticken und uns das Herz ausschneiden.

Sie können Mut machen und das Rückgrat verstärken.

Sie können Entschlossenheit verdorren und unsere Eingeweide in Wasser verwandeln.

 

Sie haben Macht, wenn sie zurückgehalten werden:

Das »Ich liebe dich«, das nicht mehr ausgesprochen wird.

Das Kompliment nicht gegeben.

Die Bestätigung nicht angeboten.

Die Dankbarkeit, die unausgesprochen bleibt.

Den Gruß nicht gegeben.

 

Ich bin kein Kind und achte trotzdem auf meine Worte. Großartige Lehrer haben mir beigebracht, warum.

Seit ich sie kenne, beachte ich keinen Mann oder keine Frau, die nicht auf ihre Worte achten.

Ich werde denen, deren Worte Gift durch das Ohr ins Herz tropfen, kein Viertel geben.

Ich werde nicht den bösartigen Kritikern Gesellschaft leisten, jene die die Bemühungen anderer herabsetzen und nichts von sich selbst anbieten.

 

Aber allen, die sich um ihre Worte kümmern, sie nachdenklich und rücksichtsvoll weben, die sie mit Wärme erfüllen, sage ich: Freund.

 

Erik Riechers SAC, 19. Juni 2020

 

 

Du bist nicht der Gott…

 

Gott allen Lebens,

Wenn die Tage und Wochen dieser anhaltenden Krise mir überhaupt etwas beigebracht haben, dann dies:

Du bist nicht der Gott…

meiner Träume,

meiner Erwartungen:

du bist nicht einmal der Gott, den ich wollte.

Ich bitte dich, mich wie ein Erwachsener zu behandeln, mich Entscheidungen treffen zu lassen, einen Weg zu bahnen und mich entdecken zu lassen, was mich erwartet. Aber als ich müde wurde von dieser Krise, der Beharrlichkeit überdrüssig, erschöpft von den Mühen, die das Leben und die Liebe den Erwachsenen im Raum abverlangen, dann wollte ich, dass du die Sache für mich erledigst. Erkläre mir nicht den Sinn dieser Stunde, sondern lass sie an mir vorüber gehen! Lehre mich nicht den Sturm zu navigieren, sondern stille ihn für mich!

Ich möchte frei sein, meine Wahl treffen, die Richtung setzen und meine Handlungen bestimmen. Sobald die Krise uns gekrönt hat, beschwere ich mich bitterlich über den Preis der Verantwortung und der Rechenschaftspflicht, dass ich so viele Entscheidungen treffen muss, mich ständig im ramponierenden Sturm orientieren muss und bestimmen muss, was als Nächstes ansteht. Ich winde mich unter den Ketten meiner Freiheit und bettle um Sündenböcke, auf denen ich sie abladen kann.

Ich sehne mich nach Freundlichkeit, Gemeinschaft und Begleitung in den Stunden meiner Isolation und Einsamkeit. Du schaust nicht weg, was mir passt, wenn ich gesehen werden möchte, aber mich wahnsinnig macht, wenn ich mir selbst überlassen werden möchte. Ich liebe die Kameradschaft, die die Straßen kürzt, hasse aber die längeren Straßen, die die Kameradschaft mir abverlangt, wenn andere ihre Herzen ausschütten möchten.

 Ich hungere danach, das Leben und die Liebe mit dir und deinen Menschen zu teilen, aber würde dir vorschreiben, welche Stunden mir dafür am besten passen. Die Momente, die du wählst, sind der Wahnsinn: die Wahrheit, die du sprichst, ist unbequem.

Ich möchte, dass du das Wort des Lebens zu mir sprichst, aber möchte es im Voraus redigieren. Ich hasse es, wenn du mir Dinge sagst, die ich nicht wissen möchte, auch wenn ich sie dringend wissen muss. Ich hasse es, wenn du mir zeigst, wo Männer und Frauen zusammengeschlagen und blutend neben der Straße liegen. Ich würde Priester und Levit Gesellschaft leisten, Meister des abgewandten Auges, des Vergessens von dem, was schon gesehen worden ist. Du hast mich bei Samaritern eingerichtet: Straßen-Überquerer, Öl-Ausgießer, Bandagen-Binder, Herberg-Suchender, Portemonnaie-Öffner und Geld-Geber.

Ich behandle Reife, Freiheit, Gemeinschaft und Liebe wie Hobbies. Ich gehe ihnen nach,

wenn es mir danach ist,

wenn ich Lust habe,

wenn es für meine Zwecke passend ist.

 

Du behandelst Reife, Freiheit, Gemeinschaft und Liebe als eine Berufung,

für jede Lebenszeit unter dem Himmel,

für jede Stunde auf der Uhr,

für jedes Sandkorn, das durch den engen Hals des Stundenglases purzelt.

 

Es ist eine unbequeme Wahrheit, dass es ein Leben über meine Gemütsschwankungen hinaus, einen Horizont breiter als meine Perspektiven und Angelegenheiten dringlicher als mein Eigeninteresse gibt.

Du bist nicht der Gott meiner Träume, meiner Erwartungen: du bist nicht einmal der Gott, den ich wollte. Es dauert lange, bis ich widerwillig murmele: Danke schön.

Denn ich bin ein unehrlicher Träumer:

ich träume von Vorteil, nicht von Dienst;

ich träume von Privileg, nicht von Gemeinschaft;

ich träume davon getragen zu werden, nicht tragen zu helfen.

 

Du bist nicht der Gott den ich wollte, aber der Gott, den ich brauchte.

Du bist nicht der Gott, den ich erwartete, aber der Gott, der trotzdem kam.

 

Erik Riechers SAC, 17. Juni 2020

 

 

Schlagende Worte

 

Seit Jahren schon fällt dem wachen Leser und Hörer auf, wie schnell Begriffe hoffähig werden und zu Schlagworten avancieren, die dann oft in allen Bereichen auftauchen.

Seit kurzem ist es das Wort »Systemrelevanz«.  Als die ersten Lockerungen ins Auge gefasst wurden, ging es zunächst darum genau zu schauen, welche Bereiche zur Erhaltung unseres gesamten Miteinanders von größter Bedeutung sind. Oberste Priorität hatte stets alles, was zur Grundversorgung notwendig ist. Darum waren Supermärkte, Tankstellen, Banken und Postfilialen immer offen. Was darüber hinaus »systemrelevant« ist, wurde dann allmählich zügiger wieder geöffnet als Bereiche, die für das Funktionieren unseres gesellschaftlichen Systems unwesentlicher zu sein scheinen. Spätestens jetzt tauchen Fragen auf: Wer entscheidet das? Von welchen Systemen sprechen wir? Welche Wertmaßstäbe werden angelegt? Sprechen wir überhaupt noch vom Menschen?

Schlagworte scheinen unschlagbar, unsere Medien verbreiten sie in Windeseile. Sie entstehen aus sehr einfachem Schwarz-Weiß-Denken und fördern dies. Wir aber sollten hier widerständig sein.   

Ein Beispiel machte mich nachdenklich:

Klinikseelsorger äußerten sich kürzlich in einem Leserbrief zur Systemrelevanz ihrer Arbeit innerhalb des »Systems Kirche«. Am Ende stellten sie die Frage: »Wie relevant sind kranke und sterbende Menschen grundsätzlich für uns als Kirche?« und kamen zu dem Schluss: »Ohne die Kranken ist die Kirche nicht heil!« (CiG 22-2020, S. 236)

Welch eine Aussage! Ist somit eine Kirche der Gesunden nicht heil? Ist sie nur mit Kranken heil? Wie können wir das verstehen? Schauen wir ins Buch des Lebens, unsere Bibel.

Über 8 Kapitel erzählt das älteste Evangelium von Jesu Wirken in Galiläa. Der Evangelist Markus zeigt hier, wie sich das nahende Reich Gottes entfaltet. Die Verkündigung Jesu: »Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um und glaubt an das Evangelium!« wird sichtbar durch seine Zuwendung zu den Menschen und es geht um das Heilwerden, das Ganzwerden, das Aufblühen seiner Menschen. Es ist Zeit, dass sie - und wir - werden, was sie von Gott her sind: sehend, hörend, aufrecht stehend, frei von krankmachenden Geistern, beweglich und lebendig. Dazu sendet er die Jünger aus, genau dies zu verkünden und so wie er zu handeln - an allen. Alle sind wir heilsbedürftig.

Jeder Kranke fordert somit gerade uns als Christen heraus, dass wir ihm als Menschen, nicht als Teil eines Systems, begegnen und zur Seite stehen. Er führt uns vor Augen, dass es Gott um den Menschen geht, um jeden Menschen. Von Anbeginn der Schöpfung sind wir Menschen sein Thema, für dieses Herzensanliegen lebte (und starb) Jesus. Da stets der Kranke besonderer Zuwendung bedarf, ist er auch immer Chance und Erinnerung an die Kernbotschaft unseres Glaubens und das Fundament unserer Kirche. Jeder Mensch ist es wert, angeschaut und angenommen zu werden. Jeder Mensch ist bedürftig, keiner ist vollkommen. Unser Umgang mit Kranken offenbart darum, wie ernst wir wirklich Jesu Botschaft und Auftrag nehmen.  

Jesus ging es nie um ein System. Er lebte die Liebe Gottes zu den Menschen. Das ist unser Weg, um als Gemeinschaft der Glaubenden heil zu werden - »immer versehrter und immer heiler/ stets von neuem / zu uns selbst / entlassen werden«. ( aus Hilde Domin, Bitte)

Worte können wie Schläger benutzt werden. Wir können aber auch schweigend, fragend, nachdenkend innehalten und dann neu auf die Spur des Lebens treten.

 

Rosemarie Monnerjahn, 15. Juni 2020

 

 

11. Sonntag A 2020

 

Als Jesus die vielen Menschen sah, hatte er Mitleid mit ihnen; denn sie waren müde und erschöpft wie Schafe, die keinen Hirten haben.

 

Vor kurzem erzählte mir eine Frau eine Geschichte, die leider nicht so selten vorkommt. In dem Büro, wo sie arbeitet, haben ihre Kolleginnen oft lange Gespräche über oberflächliche Themen, eben Geschwätz. Sie aber hat ganz andere Themen, sucht Tiefe und Sinn für ihren Alltag und hält sich deswegen fern von solchen Gesprächen. Sie ist gesprächswillig, sehnt sich sogar danach, eine sinnvolle Unterhaltung zu führen, aber nicht um jeden Preis und nicht über irgendwas. Das hat zur Folge, dass die Kolleginnen sie nicht sehen. Sie bemerken sie gar nicht.

Eine Geschichte so alt wie die Menschheit. Wenn Frauen und Männer es wagen anders zu sein, wenn sie die vorherrschenden Sorgen ihrer Umwelt nicht teilen, nicht im Chor der Menge mit einstimmen, dann werden sie nicht gesehen. Seit die Corona Krise sich allmählich legt, gibt es jede Menge Menschen, die nicht mehr gesehen werden. Wer spricht noch von den Opfern dieser Krankheit? Was ist mit den Trauernden, die ihre Geliebten verloren haben und nicht gebührend würdigen konnten?  Wer erwähnt noch die Menschen, die wochenlang in den Krankenhäusern aufopferungsvoll gedient haben?  Und was ist mit den vielen Menschen, für die die Krise noch lange nicht vorbei ist? Was vor vier Wochen jede Zeitungsspalte füllte, wird heute nicht einmal mehr erwähnt. Sie werden nicht mehr gesehen.

 

Ein Teil des heutigen Evangeliums wird auch nicht gesehen. »Als Jesus die vielen Menschen sah, hatte er Mitleid mit ihnen; denn sie waren müde und erschöpft wie Schafe, die keinen Hirten haben.« Diese Begabung und Lebensweise Jesu, die Menschen zu sehen, müssen wir dringend für uns zurückgewinnen.

Die Sehensweise Jesus ist bemerkenswert.

  1. Er sieht die Menschen; nicht nur seine Freunde, Verwandten und Kollegen; nicht nur die Menschen, die seine Interessen teilen, seiner Meinung sind und seiner Lehre folgen. Er sieht die Menschen. Für Jesus ist Menschsein Grund genug gesehen zu werden. Publius Terentius Afer fasst das gut zusammen, wenn er schreibt: »Ich bin ein Mensch, nichts Menschliches ist mir fremd.« Nichts, was Jesus sieht, ist ihm fremd. Er schaut nicht weg, weil es alles bekannt ist, alles genauso ein Teil seiner Geschichte wie unserer.

 

  1. Er sieht ihre Erschöpfung und Müdigkeit. Er sieht, woran sie leiden, was sie bedrückt und belastet. Das ist weder eine oberflächliche noch eine feige Art, auf die Welt zu schauen. Gerade wenn wir Leid und Last erkennen, sind wir versucht wegzuschauen, die Augen abzuwenden. Das, was Menschen erschöpft und ermüdet, fällt nicht leicht ins Auge. Jetzt, wo es vielen von uns besser geht nach den langen Tagen der Pandemie, schauen wir nicht gerne all jene an, die uns daran erinnern, dass die Pandemie nicht vorbei ist und das Leid auch nicht.

 

  1. Jesus sieht, dass sie erschöpft und müde sind, weil sie keine Leitung und Begleitung bekommen. Er erkennt die Ursachen hinter ihrem Leiden. Er sieht nicht nur, dass sie leiden, sondern woran sie leiden. Wenn niemand sie begleitet, werden sie nicht gesehen. Ihre Themen werden nicht ernst genommen, ihr Hunger nicht gewürdigt, ihre Anliegen herabgestuft. Wir schaffen es, über ihre Not hinweg zu sehen. Wir schaffen es, das, was wir nicht sehen wollen, abzusperren und abzukanzeln

 

Und die Reaktion Jesu? Er hat Mitleid mit ihnen. Und wie sieht es bei uns aus?

Auch wir begegnen Menschen, die erschöpft und müde sind. Aber sehen wir sie? Wollen wir sie überhaupt sehen?

Wir wechseln das Thema so leicht wie wir den Sender wechseln. Wir sprechen mehr über unsere Wünsche als über ihre Not. Es ist geradezu erstaunlich, wie schnell wir wieder von unseren Wunschvorstellungen sprechen angesichts tiefer Not. Wir haben Angst, den Konsum nicht schnell genug wieder anzukurbeln, unsere Urlaubspläne nicht zu verwirklichen, unsere Freizeit nicht so gestalten zu dürfen wie es uns gefällt. Arbeitslosigkeit, steigende Depressionsraten, Vereinsamung, Flüchtlinge, die nirgendwo ein Willkommen in der Welt finden geschweige ein Urlaubsziel, arme Länder, die vor der Gesundheitskatastrophe stehen, die steigende häusliche Gewalt und vieles andere wird einfach unter den Teppich gekehrt.

Wir fürchten, was Mitleid kosten wird. Denn Mitleid bedeutet, in das Chaos des anderen einzusteigen. Aber wie viel wird es uns kosten? Wieviel Zeit und Raum müssen wir dafür öffnen? Welche Erwartungen und liebgewonnenen Gewohnheiten müssen wir ändern, damit andere leben können?

Wir haben Angst, aber Angst ist nicht das Problem. Der Umgang mit der Angst ist immer das Thema. Und klassisch nennt die Bibel drei falsche Umgangsformen: Verleugnung, Verdrängung und Vermeidung. Und alle drei haben etwas gemeinsam: sie sind drei Wege, wie man wegschauen kann.

Maya Angelou hat einmal geschrieben: »Der Wunsch, nach den Sternen zu greifen, ist ehrgeizig. Der Wunsch, Herzen zu erreichen, ist weise.« Wie wollen wir je die Herzen erreichen, wenn wir sie gar nicht gesehen haben?

 

Erik Riechers SAC, 14. Juni 2020

 

 

Das verhüllte Heilige

 

Die alte Frau schüttelte unmerklich den Kopf und es war ihr anzusehen, dass sie sich unwohl fühlte - nicht körperlich, sondern tief in ihrer Seele; sie wurde nicht verstanden.

Sie hatten in der erweiterten Familienrunde von früher erzählt, von besonderen Stunden und Tagen im Kirchenjahr, die sie so geliebt hatte.

Das letzte große Fest vor dem Sommer war ihr besonders ans Herz gewachsen: Fronleichnam. das ganze Dorf war in ihrer Jugend tagelang damit beschäftigt, Bildteppiche zu entwerfen und entsprechend Blumen zu sammeln, die Altäre aufzubauen und alles zu schmücken für die große Prozession. Da wurde ihr geliebter Jesus, im Brot verhüllt, durch die Straßen getragen. Und sie hatte angefangen, leise zu summen: »Gottheit, tief verborgen, betend nah ich dir…«.

Da hatten ihre Kinder, die diesen Brauch auch noch miterlebt hatten, eingeworfen, es sei doch so vieles äußerlich gewesen, nur Schau! Darauf käme es doch gar nicht an.

Sie wollte erwidern: »Und - wie sieht es denn heute aus? Das Äußerliche ist alles - Taufe, Erstkommunion, Hochzeit; meint ihr nicht, dass ich sehe, wie das äußere Fest bei so vielen das einzig Wichtige ist?«

Doch die Unterhaltung sprang schon auf andere Themen weiter und sie klinkte sich aus und trat ein in ihr Heiligtum.

Auf einmal tippte sie jemand an und riss sie aus ihren Gedanken. Es war ihr 13-jähriger Enkel. »Oma, ich glaube, ich weiß, was du meinst«, sagte er, »in meiner Klasse ist ein Junge, der lebt in einer ganz einfachen Familie. Keiner nimmt ihn wirklich wahr, der läuft halt einfach so mit. Aber ich mag ihn. Ich hab mich ein paar Mal nachmittags mit ihm getroffen. In ihm steckt so etwas Tolles! Der kann erzählen, du glaubst es nicht! Wir tauchen in Abenteuer ab - er hat herrliche Ideen. Aber wir können uns auch einfach erzählen, was wir erleben und wie es uns so geht.«

Die Oma lächelte. Doch ihr Enkel war noch nicht fertig. »Papa sagt immer, ich soll mich mehr an Philipp halten; der kommt aus gutem Haus, die sind wer. Aber«, er hielt kurz inne, »der macht immer so viel daher und ich weiß gar nicht, wer er wirklich ist.«

Wieder lächelte seine Großmutter. »Ja, ja, das Heilige, Echte, ist verhüllt«, flüsterte sie fast. »Doch wir können ihm nahe kommen. So ist es immer. Wir teilen einfaches Brot und begegnen dem Liebsten der Menschenkinder. Weißt du, als dein Großvater und ich heirateten, wollten wir alles schön machen und wir schafften das auch. Warum? Weil  uns unsere Liebe zueinander heilig war, weil sie so schön war und wir versuchten, etwas davon zu zeigen. Aber was wirklich darinnen war«, sie tippte sanft auf ihr Herz, »das konnte keiner sehen, das haben wir beide ja nach und nach erst selbst regelrecht ausgepackt und sind nie fertig geworden.«

Sie schloss die Augen und sang leise vor sich hin: »Gottheit, tief verborgen, betend nah ich dir…«.

Rosemarie Monnerjahn, 12. Juni 2020

 

 

Der Tag, an dem der Olivenbaum zu mir von Gott sprach

 

An einem freien Nachmittag während einer Pilgerreise durch Israel nahm ich ein Buch und setze mich unter einen Olivenbaum, um es zu lesen. Es war pure und gesegnete Erleichterung nach Tagen des ununterbrochenen Gehens, Betens und Redens.

 

Während ich Nikos Kazantzakis Report to Greco las, fiel eine besonders schöne Stelle mir ins Auge: »Ich sagte zum Mandelbaum: Schwester, sprich zu mir von Gott. Und der Mandelbaum blühte.«

 

Spielerisch schaute ich nach oben und sagte: »Schwester, wie wär’s? Wirst du zu mir von Gott sprechen?«

Da habe ich entdeckt, dass Olivenbäume nicht so leicht mit Erkundigungen der Seele umgehen wie Mandelbäume. Sie nehmen ihre Gespräche über Gott äußerst ernst.

 

»Adams Sohn, vom Schöpfer zu sprechen ist eine Aufgabe für große Herzen. Du kannst eine Blüte nicht aufbewahren, aber du kannst die Worte des tiefen Herzens festhalten.

 

Darf ich dich ernstnehmen, Adams Sohn? Du hast mir eine Frage gestellt, aber eine Frage ist nur eine Frage, wenn du dich für die Antwort interessierst. Von Gott zu sprechen bedeutet zu wachsen an Orten, wo Leben nicht gedeiht ohne deine Hingabe. Willst du wahre Worte von Gott hören, oder bist du nur für den Trost gekommen, um in meinem Schatten zu ruhen und bei mir Schutz zu suchen? Ich schleudere nicht mit Worten über Gott um mich, junger Freund.

 

Meine Art gehört zu den ältesten Bewohnern des Landes. Manche haben die jährlichen Aufgänge der Festmonde mehr als 2000-mal gesehen. Unter unseren Ästen im Kidrontal haben wir gesehen, wie ein Hirte-der-zum-König wurde weinte und floh, um Unheil zu vermeiden. Am selben Ort haben wir Wache gehalten über einen Zimmerman-der-zum-Hirten wurde, während er weinte und blieb, um sich Unheil zu stellen. Unsere Haut ist Erzählung.

 

Du hättest es gerne, dass ich zu dir von Gott spreche? Dann sage ich dir dies. Unser Schöpfer machte uns robust. Widerstand ist nie zwecklos. Wenn Dürre uns das Wasser verweigert, wehren wir uns. Wenn Krankheiten unsere Leben angreifen, wehren wir uns. Wenn Feuer unsere Körper verbrennen, wehren wir uns. Auch wenn wir zu Asche reduziert werden und die Erde rings um uns verkohlt ist, regenerieren sich unsere Wurzeln und wir stehen auf als neue Früchte des Feuers. Wir wehren uns.

 

Und du, Adams Sohn, was ist mit dir? Wir haben die Widerstandsfähigkeit bestaunt, die unser Schöpfer in den Herzen unserer menschlichen Schwestern und Brüder gewoben hat. Machst du Gebrauch davon? Wehrst du dich, wenn dein Leben bedroht ist? Fängst du von neuem an, aus der Asche, wenn es sein muss? Oder wird das Leben unter den Söhnen und Töchtern Adams nicht so teuer gehalten als unter den Olivenbäumen?

 

Meine Art strebt nicht danach, vor Schönheit zu schimmern oder über die Welt zu ragen, und doch werden wir schöner mit dem Alter und jede sich windende Falte erfüllt uns mit entzücktem Stolz. Der Schöpfer formt uns noch.

Und du, Adams Sohn, was ist mit dir?  Kannst du mit Wonne den einfachen Weg gehen oder singt dein Herz nur, wenn du andere überstrahlst? Bekommt dir dein Altern? Wirst du interessanter mit jedem vorbeigehenden Jahr? Werden die Furchen des Charakters in deinem Gesicht und in deiner Seele geätzt?

Formt der Schöpfer dich noch?

 

Wir achten das Leben und das Wachstum, mit denen unser Schöpfer die Erde durchdrungen hat, auch wenn sie nicht reichhaltig und durchflutet von Nährstoffen ist. Wir haben Wasser an den tiefen Orten berührt, wo andere kein Leben ahnen. Wir warten nicht, bis es üppig über die Oberfläche der Welt fließt, sondern graben tief, um seine Macht für unsere Leben zu beanspruchen.

 

Und du, Adams Sohn, was ist mit dir? Schätzt du jedes bisschen Leben und Wachstum und hältst es fest, und sei es noch so dünn und dürftig? Wirst du mit jeder Gabe Gottes wirken? Wirst du in die Tiefe gehen, um das zu finden, was dich am Leben erhält, oder bist du einer dieser ständigen Zuschauer es Lebens, die warten bedient zu werden?

 

Eine Erblinie der Ehre und des Mutes läuft durch meine Art. Unsere Art war da, als Gott einen Zweig aus dem Geäst unserer Vorfahren wählte, um ihn Noah zu schicken. Seither sind wir die Herolde der Hoffnung auf Frieden, die Hoffnung, dass Übel und Zerstörung von der Erde getilgt werden und wir alle in Sicherheit leben dürfen.

 

Und du, Adams Sohn, was ist mit dir? Lässt du erwählen, auch wenn du etwas von dir selbst hergeben musst? Wovon trennst du dich bereitwillig, um die Hoffnung zu entzünden? Was würdest du von dir selbst geben, das von Frieden spricht zu deinen Menschen? Was für ein Herold bist du?

 

Nun würde ich noch einmal von Gott zu dir sprechen, kleiner Bruder. Dieser Zweig war für uns, was Fleisch aus eurem Fleisch und Bein aus eurem Bein für eure Art ist.  Als dein Volk von Zerstörung heimgesucht worden ist und sich vor der Zukunft fürchtete, schickten wir euch ein Zeichen. Nun, da unsere Zeit gekommen ist, in der wir von Zerstörung heimgesucht werden und uns vor der Zukunft fürchten müssen, wird eure Art uns ein Zeichen setzen?«

Dann wurde der Olivenbaum still.

 

Und ich erwachte, aufgeschreckt und beunruhigt.

Ich zog mich hoch, lehnte mich an den knorrigen Stamm meiner Schwester und ließ meinen Atem langsam pfeifend raus. »Es war nur ein wilder Traum!«

Sie flüsterte mir zu: »Wilde Träume waren seit jeher seine Lieblingsart, sich mit uns zu unterhalten.«

Wie ich schon sagte, Olivenbäume nehmen ihre Gespräche über Gott äußerst ernst. Seitdem tue ich es auch.

 

Toda raba, achot g’dolah.*

*Vielen Dank, ältere Schwester.

 

Für Carmen, Evas Tochter.

Erik Riechers SAC, 10. Juni 2020

 

 

»Wir bitten um nichts anderes...«

 

Eine von der Liebe getroffene Seele

Morgen ist das Fest Kolumbans des Älteren, eines außergewöhnlichen irischen Heiligen aus dem 6. Jahrhundert. Er war hochgebildet , dichtete und sang; er war politisch aktiv und auch kämpferisch; als Mönch und Missionar gründete er viele Kirchen und Klöster, das bedeutendste in Iona in Schottland, das noch heute lebendig ist. Er begründete es mit 12 Gefährten, die mit ihm von Irland gekommen waren und dort auch weiter missionierten. Er kehrte mehrmals in den Westen Irlands zurück, was allein schon jedesmal ein Abenteuer für sich war. Er ist ein Beispiel für ein wahrhaft tätig gelebtes Leben.

Seine Gefährten baten ihn oft um eine festzuschreibende Ordensregel, aber er schob dies immer hinaus. »Wie es kommen musste, lag eines Tages Kolumbanus im Sterben und die Brüder waren betrübt, denn jetzt war es eindeutig zu spät, noch eine Regel zu schreiben. Sie sammelten sich um das Bett ihres Gründers und baten ihn zumindest um eine letzte Lehre für die Zeit nach seinem Tod.

Da erhob Kolumbanus seine Hand und sagte:

´Wie die fünf Finger meiner Hand ist alles Wesentliche des geistlichen Lebens in fünf Gedanken zusammenzufassen.

Erstens: Das Herz ist nie endgültig geboren.

Weil das Herz des Menschen nie endgültig geboren ist, müssen wir uns immer vor Augen halten:

Zweitens: Menschsein braucht Übung.

Drittens: Menschsein braucht Zeit.

Diese Übung und diese Zeit müssen wir achten und ehren in den Herzen, die wachsen. Denn:

Viertens: Sie sorgen dafür, dass Rhythmus für den Körper gegeben ist, denn der Körper braucht Rhythmus.

Fünftens: Sie sorgen dafür, dass Heimat für die Seele gegeben ist, denn die Seele braucht Heimat.‘

Dann starb Kolumbanus.

Die Brüder schrieben die fünf Worte auf ihre Finger. Aber eines Tages saugte das Herz die Tintenworte durch die Haut in sich hinein. Als die Schrift verblasste, waren die Worte längst schon in den Herzen der Menschen von Iona.«

 

Warum erzählen wir Ihnen heute davon?

Wir beginnen einen neuen Rhythmus unserer Begleitung durch dieses außergewöhnliche Jahr. Es kann und mag ein Jahr der Erneuerung und Verinnerlichung werden und die Weisheit des Kolumban kann uns lehren, sanft, geduldig und liebevoll mit uns selbst und miteinander umzugehen. Er lebte aus der Quelle des Betens. Sein Gebet war inniglich und ganzheitlich. Er trennte es nie ab vom Leben im Hier und Jetzt. Es war wie ein Hingeben und Einschwingen und Geschehenlassen:

»… Wir bitten um nichts anderes, als was du uns geben möchtest; denn du bist unser alles, unser Leben, unser Licht, unser Heil, unser Essen, unser Trinken, unser Gott. Ich bitte dich, unsere Herzen zu erleuchten, unser Jesus, mit dem Atem deines Geistes, und unsere Seelen mit deiner Liebe zu verwunden … Gesegnet ist eine solche von der Liebe getroffene Seele.« *

Wenn wir also in dieser Woche miteinander auf unserem Weg weitergehen in einem etwas anderen Rhythmus, so dürfen wir als Gefährten dankbar und klar, mutig und zuversichtlich mit Kolumban beten:

Dafür danke ich dir, mein Gott:
Ich bin ein Reisender
Und Fremder in der Welt,
wie so viele Deiner Menschen vor mir.
(Kolumban)

 

* aus: Steve Rabey, Im Haus der Erinnerung – Keltische Weisheit für den Alltag

 

Rosemarie Monnerjahn, 8. Juni 2020

 

 

 

Dreifaltigkeitssonntag 2020

 

Eine Religionslehrerin versuchte, ihrer Klasse etwas über die Dreifaltigkeit zu erzählen. Sie kam nicht weit. Die Sprache über die Dreifaltigkeit ist verwirrend, trocken und undurchdringbar für die meisten Christen, geschweige Kinder. Diese Sprache wurde geboren aus dem philosophischen Versuch, über Gott zu sprechen. Sie ist aber nicht die Sprache der biblischen Erzählung. Darum ist sie auch nicht die Sprache von Menschen auf der Suche nach einer Gottesbeziehung und -begegnung im Alltag.

 

Aber was die Religionslehrerin stutzig machte, kam erst. Sie hat einige bildliche Darstellungen der Trinität zur Schule gebracht und ließ die Kinder sie betrachten und kommentieren. Ein 11-jähriger Junge sagte: »Es sieht nicht gerade so aus, als ob sie sich besonders freuen einander zu sehen.« Aus dem Mund der Kinder. Das habe ich mir gedacht, habe es aber nie gewagt es auszusprechen.

 

Ich frage mich, welche Bilder haben wir gemalt, auch sprachlich, um so einen Eindruck zu erzeugen. In der Dreifaltigkeit liegt eine Offenbarung der Liebe, aber nicht ein abstraktes philosophisches Traktat darüber. Die biblische Erzählung spricht von den Dreien als einer Gemeinschaft der Liebe und des Lebens. Gleichzeitig ist ihre Gemeinschaft eine Lehrschule der Liebe und des Lebens für uns. Sie will uns die Schritte des Lebens, die Prozesse des Liebens ans Herz legen. Die Drei bieten uns keine Definition der Liebe an, sondern einen Weg zu ihr.

 

In dieser Lernschule der Liebe gibt es einen stetigen Fluss der Liebe zwischen den drei Personen. Sie offenbart uns die wahre Dynamik der Liebe. Wer könnte uns diese Dynamik besser lehren als die drei Architekten der Liebe? Darum brauchen wir drei Lebensunterweisungen von ihnen.

 

  1. Liebe bewegt sich von Einheit zur Einmaligkeit und zurück.

 

  1. Wie jede Person in der Lehrschule der Dreifaltigkeit sind auch wir dazu berufen so zu leben, dass jede Person ein Empfänger und Geber der Liebe zugleich ist.

 

  1. Wie jede Person in der Dreifaltigkeit, in der Lernschule der Liebe, müssen wir so lieben, dass jede Person spontan und frei die Initiative zum Lieben ergreift und nicht abwartet, bis der andere beginnt.

 

Wenn das unsere Erzählung über Gott ist, welche Reaktionen und Eindrücke werden wir dann wecken?

Wenn wir das leben und tun, welcher Glaube wird daraus wachsen? Ich bin mir ziemlich sicher, dass es deutlich anders ausfallen würde als: »Es sieht nicht gerade so aus, als ob sie sich besonders freuen, einander zu sehen.« Und ich bin mir genauso sicher, dass es dann auch nicht über uns als Christen gesagt wird.

 

Vor einigen Jahren hat John Shea sich an diese Frage gewagt: Wenn wir in die Liebesgeschichte der Drei eintauchen, was würden wir erkennen und bekennen?

Und so lege ich sein liturgisches Credo uns ans Herz an diesem Sonntag. Es ist nicht die gewohnte Sprache unserer Liturgie. Aber sie ist die Sprache der Liebeserfahrungen eines Volkes, das in der Schule der Dreifaltigkeit viel dazu gelernt hat.

 

Ein Gebet des Glaubens: Ein liturgisches Credo

 

Wir glauben, dass wo Menschen sich in Liebe versammeln,

Gott gegenwärtig ist

und Gutes passiert

und das Leben voll ist.

 

Wir glauben, dass wir im Mysterium eingetaucht sind,

dass unsere Leben mehr sind als sie scheinen,

dass wir einander angehören

sowie einem Universum der großen kreativen Energien,

deren Quelle und Bestimmung Gott ist.

 

Wir glauben, dass Gott hinter uns her ist,

dass Gott uns zuruft

aus den Tiefen menschlichen Lebens.

 

Wir glauben, dass Gott sich selbst riskiert hat

und ein Mensch geworden ist in Jesus.

 

In und mit Jesus glauben wir, dass jeder von uns

in der Liebe Gottes eingebettet ist

und das Muster unseres Lebens

wird das Muster Jesu sein –

durch Tod und Auferstehung.

 

Wir glauben, dass der Geist des Friedens

in uns, der Kirche, gegenwärtig ist,

wenn wir uns versammeln,

um unsere gemeinsame Existenz,

die Auferstehung Jesu

und die Treue Gottes zu feiern

 

Und wir glauben zutiefst, dass in unserem Ringen zu lieben,

wir Gott in der Welt inkarnieren.

Und so, des Mysteriums und des Wunders gewahr,

gefangen in Freundschaft und Lachen,

werden wir sprachlos vor der Freude in unseren Herzen

und feiern die Heiligkeit des Lebens

in der Eucharistie.

(John Shea )

 

Nun, möchten wir nicht an so einer Geschichte teilhaben? Wenn ja, dann ist es eine Geschichte, die wir liebend gerne erzählen möchten.

Wo auch immer der 11-jährige Junge heute ist, ich hoffe, dass er hat den Erzähler dieser Geschichte gefunden hat.

 

Erik Riechers SAC, Dreifaltigkeitssonntag, am 7. Juni 2020

 

 

Reden und Tun

 

»Und überhaupt – auch das geringste Schaffen steht höher als das Reden über Geschaffenes.« schrieb einst Friedrich Nietzsche.

Viele beklagen es, aber die Krise der Pandemie zeigt auch unter vielem anderen, wie süchtig wie sind nach Worten. Doch je mehr geredet wurde und wird, je unausgereifter und schneller alle möglichen Veröffentlichungen folgten, desto weniger hielten sie stand, manchmal nur einen Tag. Was aber standhielt und lebensförderlich war und nach wie vor ist, sind die Taten all der Menschen,  die nicht viel redeten, sondern aktiv wurden. Sie waren diejenigen, die andere durch das dunkle Tal begleiteten, manchmal trugen. Und seien wir ehrlich: so ist es immer.

Im Johannes-Evangelium sagt Jesus: » Wer aber die Wahrheit tut, kommt zum Licht«.  (Joh 3,21) Er sagt es zu Nikodemus am Ende des nächtlichen Gesprächs. Nikodemus, ein Pharisäer und »führender Mann unter den Juden«, hatte Jesus bei Nacht aufgesucht zum Reden, zum Philosophieren und Austauschen. Doch versteht er Jesus nicht wirklich, wie Johannes ausführlich erzählt; und Jesu letzter Satz an Nikodemus lautet:  »Wer aber die Wahrheit tut, kommt zum Licht, damit offenbar wird, dass seine Taten in Gott vollbracht sind.«

Worte sind wichtig, aber erst das Tun aus der inneren Wahrheit heraus führt zur Lebensmehrung.

In unseren Tagen überzeugt eine junge Politikerin,  von der es heißt, sie gehöre zu einer » neuen Generation von Führungskräften, für die Empathie so wichtig ist wie Entschlusskraft und Durchsetzungswillen«. * Es ist Jacinda Arden, die junge Premierministerin von Neuseeland. Immer wieder zeigt sie, dass sie nicht nur zu den Leuten predigt, sondern dass sie bei ihnen ist und handelt. So setzte sie auch unnachgiebig in ihrem Land die Anti-Corona-Maßnahmen durch und hatte damit großen Erfolg. Ihr Haushaltsplan 2019 hatte nicht als oberste Priorität wirtschaftliches Wachstum, sondern das Wohlergehen der Bevölkerung.

»Wer aber die Wahrheit tut, kommt zum Licht« - und Licht ist die Welt Gottes, sein Reich, in dem Leben für alle möglich ist, nicht durch Reden, sondern durch Handeln.

So könnten wir das Nachdenken pflegen und Worte wägen, die Innerlichkeit leben und aus ihr heraus zum wahrhaftigen Tun gelangen.

* taz online, 30.05.2020

Rosemarie Monnerjahn, 6. Juni 2020

 

 

Nicht ohne Gefährten

 

Seit Wochen reden und spekulieren Menschen über das Ende der Corona Krise. Egal, was sie sich wünschen und vorstellen, die Übung trägt in sich eine gefährliche Illusion. Krisen enden nicht einfach. Sie lösen sich langsam und wir treten langsam hervor.

Nach 40 Jahren in der Wüste hält Mose seine große Abschiedsrede an der Grenze zum Gelobten Land. Und ein Teil seiner Rede betont, dass die Krise noch nicht vorbei ist. Neue Aufgaben erwachsen aus alten Krisen. Eine Wüste zu bewältigen heißt noch nicht, dass ein Neuland erobert und gestaltet worden ist.

In der Wüste hat Israel lernen müssen, Haltungen und Einstellungen abzulegen, die sie in Ägypten als Sklaven gelernt und verinnerlicht hatten. Nach so langer Zeit müssen sie erst üben, als freie Menschen zu leben. Menschen können nicht ständig in Angst und Schrecken leben und dann erwarten, dass es keine Spuren hinterlässt, wenn sie davon frei sind. Wir haben wochenlang die Ängstlichkeit vor Kontakt und Nähe genährt und gefördert. Distanzierung und Zurückhaltung wurden uns eingeschärft. Jetzt öffnen sich wieder Möglichkeiten, aber haben wir den Mut sie zu nutzen? Kontakt ist wieder erlaubt, aber suchen wir Kontakt, wagen wir Begegnung?

Nach dieser Krise kommt eine Zeit des Wiederaufbaus. Ein Gedanke von Wilhelm Bruners beschäftigt Rosemarie und mich seit Wochen. Er sieht dieselben Themen nach dieser Krise wie vor 70 Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg: Die Fragen nach Leben und Tod, Jugend und Alter, Gemeinschaft und Einsamkeit, öffentlichem Engagement und Rückzug. Aber im Vergleich zum Zweiten Weltkrieg, wird dieser Wiederaufbau zum größten Teil innerlich sein. Nicht Bauschutt muss beseitigt werden, sondern Misstrauen. Jeder spricht von Konjunkturprogrammen, die als Stimulus für die Wirtschaft dienen sollten. Aber was sollten sie, außer Konsum, stimulieren? Kein Konjunkturpaket dieser Welt kann uns helfen, die Fragen zu beantworten, die die Krise in uns geweckt hat. Ein Wirtschaftswunder wird uns nicht helfen,  das Vertrauen zueinander wieder zu gewinnen, den Mut zu restaurieren, der uns befähigt, allmählich mehr Leben zu wagen, uns an Berührung, Begegnung, und Beziehung heranzutasten.

Es muss einen Wiederaufbau der Innerlichkeit, der gesunden Spiritualität und des Herzens geben, aber nie ohne Gefährten.

Deshalb werden Rosemarie und ich weitermachen mit »Bleiben Sie behütet«. Wir merken, dass Menschen nicht mehr so viel brauchen wie in den letzten 11 Wochen, aber wir sind wiederum auch noch lang nicht am Ziel.

Jeden Sonntag werde ich eine Predigt schreiben, bis normale Gottesdienste wieder möglich sind. Vom 8.Juni an werden Impulse am Montag, Mittwoch und  Freitag veröffentlicht, damit im regelmäßigen Rhythmus wir Zugang zu Stärkung, Orientierung, Ermutigung und Trost der Erzählungen Gottes haben.

Einen Tag vor seinem Tod hat Martin Luther King Jr. seinen Menschen Mut gemacht.

»Nun, ich weiß nicht, was jetzt geschehen wird. Schwierige Tage liegen vor uns. Aber das macht mir jetzt wirklich nichts aus. Denn ich bin auf dem Gipfel des Berges gewesen. Ich mache mir keine Sorgen.

Wie jeder andere würde ich gern lange leben. Langlebigkeit hat ihren Wert. Aber darum bin ich jetzt nicht besorgt. Ich möchte nur Gottes Willen tun. Er hat mir erlaubt, auf den Berg zu steigen. Und ich habe hinüber gesehen. Ich habe das Gelobte Land gesehen. Vielleicht gelange ich nicht dorthin mit euch. Aber ihr sollt heute Abend wissen, dass wir, als ein Volk, in das Gelobte Land gelangen werden.

Und deshalb bin ich glücklich heute Abend. Ich mache mir keine Sorgen wegen irgendetwas. Ich fürchte niemanden. Meine Augen haben die Herrlichkeit des kommenden Herrn gesehen.«

Mose sprach so zum Volk. Martin Luther King Jr. sprach so zum Volk. Und die Botschaft war nie: Es ist vorüber, sondern es kommen noch Dinge, die wir nicht befürchten, sondern gestalten sollten.

Das wird auch uns gelingen, aber nicht ohne Gefährten. Denn auch wenn wir jetzt einen inneren Wiederaufbau unternehmen, sollten wir es als Gefährten auf einem Abenteuer tun.

 

In meinem Namen wie auch im Namen von Rosemarie Monnerjahn segnen wir weiterhin alle unsere Gefährten mit dem Wunsch: Bleiben Sie behütet.

 

Erik Riechers SAC, 05. Juni 2020

 

 

»das konnte er«

 

Gedichte und Geschichten des Pfarrers Wilhelm Bruners begleiten und bereichern uns seit langem schon. Viele Menschen, die mit ihm in seinen 18 Jahren in Jerusalem durch das Heilige Land reisten, hüten diese Erinnerung wie einen Schatz, aus dem sie immer wieder schöpfen. Erzählend und auf uraltem Boden sich bewegend erschloss er die Schrift und erdete biblische Worte. In seiner Lyrik verbindet er sensibel die Weisheit der Geschichten Gottes mit den Herzen der Leser und Hörer.  

Heute an seinem 80. Geburtstag wünschen wir ihm reichen Segen und grüßen ihn mit einem »L’Chaim!« - »Auf das Leben!«

Und wir lassen ihn selbst zu Wort kommen - was könnte besser sein?

 

das konnte er

 

mit jedem stück brot

das er teilte

sich selbst schenken

weil er glaubte und liebte

weil er gemeinschaft

mit menschen suchte

weil er sein leben

in ihnen wiederfand

weil er ICH-BIN

sagen konnte

weil er mit uns

weinte und feierte

mit tränen in den augen

 

weil er einer von uns wurde

weil er sich nicht

vor uns schützte

weil er bruder wurde

und das keine lüge war

 

das kann er immer noch:

unsere tränenspur ins licht führen

und mit uns auferstehen ins leben

 

ins unzerstörbare

                              Wilhelm Bruners, Am Rande des Tages, 2020

 

Rosemarie Monnerjahn, 4. Juni 2020

 

 

Die Masken, die uns niemand zu tragen zwingt

 

Mit seinen Lippen verstellt sich der Hasser, aber in seinem Innern hegt er Betrug. Wenn er seine Stimme lieblich macht, traue ihm nicht! Denn sieben Gräuel sind in seinem Herzen. Mag sich der Hass verbergen in Täuschung, seine Bosheit wird doch in der Versammlung enthüllt werden. Wer eine Grube gräbt, fällt selbst hinein; und wer einen Stein wälzt, auf den rollt er zurück. Eine Lügenzunge hasst die von ihr Zermalmten; und ein glatter Mund bereitet Sturz.

 (Sprüche 26:24-28)

 Eine Maske zu tragen ist ein Akt des Versteckens - vor anderen und vielleicht vor sich selbst. Vor Gott, allerdings, kann und muss man sich nicht verstecken. Er hört unser Rufen. Er antwortet auf das unausgesprochene Gebet. Er achtet auf die Unbeachteten und bringt ihnen Trost.

In der Folgezeit nach einer langen Krise muss oft eine Heilung unserer Identität stattfinden. Wir haben oft Masken getragen, die keiner uns gezwungen hat zu tragen. Weil wir uns fürchten, unser wahres Selbst zu zeigen, trugen wir Masken der Sicherheit, wo wir nichts dergleichen spürten. Beängstigt, dass Gott oder andere sehen würden, was in uns wütet, aufwühlt und brodelt, setzen wir Masken der Verachtung, Wut, Empörung, Gleichgültigkeit und erschöpfend schmerzhafte Coolness auf.

Die biblischen Erzählungen der Maskierung (so als Jakob sich verkleidete, um sich ein Geburtsrecht zu ergattern oder als Tamar sich verkleidete, um eine Gerechtigkeit für sich zu tricksen, die nicht frei gegeben wird) sind tief religiöse Chroniken des psychologischen Wachstums und Reifens. Was sie uns sagen ist schlicht und tiefgründig: jene, die vor Gott stehen, müssen keine Masken tragen, um Selbstwert zu erlangen, wenn sie vor Menschen stehen. Die Geschichten Gottes sagen: Lasst die Masken fallen.

In diesen Tagen, in denen wir gezwungen werden, eine Maske über Mund und Nase zu tragen, akzeptieren wir zähneknirschend die Notwendigkeit dieser Sicherheitsmaßnahme. Sie sind unangenehm, irritierend und machen es schwieriger leicht zu atmen. Und wir beschweren uns lautstark über sie. Warum sollen wir dann Masken tragen, die keiner uns zwingt zu tragen? Wir wählen freiwillig Masken, die uns voneinander, von Leid, Spott oder Missverständnis schützen sollten. Wie die Masken, die wir im Augenblick gezwungenermaßen tragen müssen, sind sie unangenehm. Sie machen uns ängstlicher, mehr misstrauisch, weniger vertrauensvoll, und das macht es uns schwerer, in unserem gegenseitigen Beisein leicht zu atmen.

In seinem Lied »Wenn die Masken fallen«, zeigt mein Mitbruder Alexander Diensberg uns, welche gesunden und ehrlichen Fragen erscheinen, wenn Menschen die Masken fallen lassen.

 

Wohin mit all den vielen Fragen?

Wohin mit all dem Rätselraten?

Wohin mit all den vielen Bildern,

die doch nur Scherben sind?

 

Wohin mit all den Dunkelheiten?

Wohin mit all den Eitelkeiten?

Wohin mit all den vielen Ängsten,

die doch nur Scherben sind?...

 

Wohin mit all dem vielen Leiden?

Wohin mit all den Traurigkeiten?

Wohin mit all den vielen Kreuzen,

dich doch nur Scherben sind?

 

Wohin mit all den vielen Plänen?

Wohin mit all den vielen Tränen?

Wohin mit meinen Kinderträumen,

die doch nur Scherben sind?...

 

Wenn die Masken fallen, legen sie Gesichter frei,

die Gesichter von uns allen, verletzt und scheu.

Alter Zeiten Narben werden tief in sie vergraben sein,

verletzt und scheu – aber frei!

 

Das Leben ist schon schwierig und erstickend genug wie es ist. Warum sollten wir dazu noch Masken tragen, zu denen niemand uns zwingt?

 

Erik Riechers SAC, 3. Juni 2020

 

 

Zurück im Alltag

 

In der Liturgie des Kirchenjahres sind wir zum Jahreskreis zurückgekehrt. 50 Tage lang erinnerten und feierten wir Auferstehung - von dem Erschrecken der ersten Stunden am Ostersonntag über die Ängstlichkeit und die immer wieder erstaunlichen Erfahrungen der Jünger Jesu bis zur kraftvollen Geistsendung.

Die krisenbedingt aufgezwungene Verlangsamung und Ruhe dieser Wochen boten uns die Chance, uns mehr Zeit für die biblischen Texte zu nehmen und uns dabei selbst zu fragen: Kenne ich das?

Mir wird eine neue, manchmal noch zaghafte Lebensperspektive angeboten, doch ich erschrecke davor und weiche zurück - kenne ich das?

Ich drehe mich im Kreis im Blick zurück und komme im Grübeln über Vergangenes nicht weiter - kenne ich das?

Ich werde beim Namen genannt, ich bin gemeint und spüre neues Leben in mir wachsen - kenne ich das?

Manchmal wird meine Zuversicht von ängstlicher Sorge unterdrückt - kenne ich das?

Ich teile meine Hoffnungen mit anderen und erlebe stärkende Gemeinschaft - kenne ich das?

Es gibt Zeiten, in denen mir Kräfte zufliegen, die ich in mir nicht vermutete - kenne ich das?

 

Mögen wir nun wahrhaft gestärkt in und durch unseren Alltag gehen.

Mögen wir sehend werden für Augenblicke des neuen Lebens, damit wir immer wieder dankend beten können:

Du hast mein Klagen in Tanzen verwandelt, mein Trauergewand hast du gelöst

und mich umgürtet mit Freude, damit man dir Herrlichkeit singt und nicht verstummt.

HERR, mein Gott, ich will dir danken in Ewigkeit.  (Ps 30, 12-13)

 

Rosemarie Monnerjahn, 2. Juni 2020

 

 

Ein Gebet zum Gott der Überraschungen

 

Greif an

wenn die Sonne den See in Flamme verwandelt

und die Wellen Musik am Strand sind.

 

Überfalle mich

in der Stille über die Worte hinaus,

die ich mit ihr habe.

 

Stürze dich auf mich

in dem laufenden Jungen.

 

Besiege mich

im Mut der Schwachen.

 

Überrasche mich

im runzligen Lächeln

der Frau mit dem schlappen Hut.

 

Aber sei vorgewarnt.

Ich werde auf der Hut sein

und die Niederlage willkommen heißen.

                  John Shea

 

Erik Riechers SAC, 1. Juni 2020

 

 

 

Pfingsten 2020

Vinzenz Pallotti hat das Pfingstereignis sehr ernst genommen. Er sah darin das Fest der Sendung, in der alle Menschen, Männer und Frauen, mit Geist erfüllt werden. Auf jedem ruht dieses Feuer und damit sieht Pallotti hier auch das Urbild einer Kirche der Mitverantwortung aller.

Als Pallottiner bin ich mit diesen Bildern groß geworden und teile, heute noch mehr als am Anfang, die Überzeugung Vinzenz Pallottis, dass in einer Kirche der Mitverantwortung aller die Sendung auch die Aufgabe aller sein muss.

Was mir dabei zu kurz kommt, ist nicht das Ergebnis, sondern der Prozess, der zu diesem Pfingstereignis führte. Ich glaube, dass wir Pfingsten nicht wirklich ernstnehmen können, bis wir es erkennen als die Vollendung des Vertrauens, das Gott in uns setzt.

Ich bin der Vertraute Gottes. Das ist der Kernsatz in unserer Beziehung zu Gott auf dem Weg zur Mitverantwortung. Es gibt keine Partnerschaft ohne Vertrauen. Aber dieses Vertrauen wird an Pfingsten vollendet, nicht begonnen.

Der Anfang dieses Prozesses des entfaltenden Vertrauens liegt lange zurück, im Garten der Schöpfung. Dort setzt Gott zum ersten Mal und in grundlegender Weise sein Vertrauen in uns. Erstens legt er uns die gesamte Schöpfung in die Hand, vertraut sie uns an. Er hat Vertrauen in uns, dass wir es nicht nur können, sondern auch dass wir es in seinem Sinne tun werden, als sein Ebenbild und Gleichnis, als seine Repräsentanten. Zweitens, in der Erschaffung von Eva, führt er Frau und Mann zusammen und setzt ein weiteres Mal sein Vertrauen in uns. Er vertraut uns einander gegenseitig zur sicheren Bewahrung.

Der Prozess des Vertrauens Gottes in uns wird fortgesetzt in Jesus. Vor seiner Himmelfahrt hat Jesus uns die Sendung zur Welt anvertraut, bis zu den Grenzen der Erde, für alle Völker. Wir sollten sie eintauchen in die Liebes- und Beziehungsdynamik, die zwischen Ihm, seinem Vater und dem Geist ständig fließt. Das vertraut er uns an.

Dann kommt Pfingsten. Der Geist kommt und hält sich nicht zurück. Die Sicht der Fülle des Lebens wird wiederhergestellt für Menschen, die zu viel und zu lange hinter Mauern hockten. Gaben werden ausgegossen und mächtige Träume und leidenschaftliche Visionen werden entfacht. Frauen und Männer  werden mit Klarheit und Kraft erfüllt, berauscht mit der Sehnsucht, sein unerschöpfliches und unbezähmbares Wort in allen Sprachen und für alle Menschen zu verkünden.

Am Pfingsten kommt der Geist und gibt uns den inneren Ansporn, dieses Vertrauen Gottes in uns ins Leben umzusetzen. Darum kann Pfingsten nicht das Fest der Sendung aller in einer Kirche der Mitverantwortung sein, wenn es nicht zuerst das Fest der Vollendung des Vertrauens, das Gott in uns setzt, ist.

Wenn die Vollendung des Vertrauens kommt, dann werden wir drei innere Aufgaben erfüllen müssen.

Denn der Geist spornt uns an, das was er in uns gewoben hat zu befreien, zu entfalten und zu wagen.

 

  1. Befreien:

 Der Geist keimt auf in Samen der Hoffnung und des Humors. Also müssen wir dieses Aufkeimen in uns fördern, damit wir hoffnungsvoller und humorvoller ans Leben gehen. Der Geist tanzt im Puls des Lebens, also müssen wir die Lebendigkeit in uns herauslassen und uns in schwungvolle Bewegung setzten. Der Geist brennt im Feuer unsrer Leidenschaft, aber dann müssen wir diese Leidenschaft kundtun. Alles ist da, alles ist uns anvertraut. Niemand lebt aber, bis es befreit wird für das Leben der Welt.

 

  1. Entfalten:

 Die Gaben des Geistes müssen auch entfaltet werden. Sie sind uns als Potential geschenkt, nicht als Fertigprodukt. Die Fülle, die in uns steckt, muss sich dehnen, damit trotz aller Geistlosigkeit wir viele Menschen begeistern. Wir sollten unsere Geistesgaben entfalten, damit die Liebe gewaltlos Gewalt überwindet, Vertrauen neue Beziehung möglich macht und die geschundene Schöpfung immer mehr Fürsprecher und Freunde findet.

 

  1. Wagen:

»Sende aus Deinen Geist« ist die Bitte, die wir an Gott richten. Wenn der Geist kommt, müssen wir ausgesandt werden. Da er bekanntermaßen weht, wo er will, müssen wir bereit sein für jede Überraschung, die mit ihm in unser Leben hineinweht. Geistes Sendung ist Wagnis. Er wird unsere gewohnten Ausreden erschüttern, unsere Trägheit wach rütteln, unsere falschen Sicherheiten durcheinander wirbeln.

Dazu kommen drei Aufgaben nach außen. Sie führen zu einer Kirche der Mitverantwortung aller.

Gottes Vertrauen in uns Menschen bedeutet:

  1. Lebe frei!

 Der Geist spricht nicht von der Freiheit der Kinder Gottes, sondern fordert uns auf, die Freiheit der Gotteskinder auszuleben in allen Dimensionen, in voller Stärke, in der ganzen Spannbreite. Die Kelten sagen, dass der Geist kein domestiziertes Haustier ist, wie eine Taube, sondern eine Wildgans. Wir sind berufen, die Wildheit Gottes in uns auszuleben.

 

  1. Übernimm Verantwortung!

Der Geist lässt uns ahnen, wie eine Welt nach seinem Herzen aussieht. In der Welt, die er gestalten will, dürfen selbst die Kleinen und Mutlosen aufstehen und heute schon tun, was morgen erst möglich sein sollte. Wir sind nicht die Zuschauer dieses Prozesses, sondern die Mitarbeitenden an diesem Werk.

Der stürmische Geist, der in unsere Verschlossenheit hineinweht, fordert uns auf, Verantwortung zu übernehmen, in Lebenssituationen hinzuwehen, um harte Menschen weich zu machen, den Ängstlichen einen Horizont über die Mauern hinaus zu zeigen und eingeschüchterte Flüsterer zu Wortgewaltigen zu verwandeln. »Handle danach und du wirst Leben!« ist hier die Grundformel.

 

  1. Handle schöpferisch!

 Der Geist gibt keine Richtlinien, Marschbefehle und Organigramme mit. Wir werden hinausgesandt mit dem vollen Vertrauen Gottes. Der Geist kommt wortlos. Er kommt zwar stürmisch, gewaltig, bebend, erschütternd, aber ohne Worte. Für die Worte sind wir jetzt zuständig und das verlangt uns schöpferische Handlung ab.

Wir können nicht abwarten, bis die Bedingungen besser werden. Wir dürfen nicht abwarten, bis etwas oder irgendjemand die verschlossenen Türen und verriegelten Fenster unserer Gesellschaft und Kirche öffnet. Wir müssen kreativ werden, Wege suchen, Initiative ergreifen und Lösungen finden. Der Geist hat uns herausgesandt, weil das Antlitz seiner Erde unsere Achtsamkeit dringend nötig hat.

 

Pfingsten will die Menschen Gottes erneuern. Der Geist will uns nicht informieren, sondern animieren. Als Kirche der Mitverantwortung aller darf es auch nicht dabei bleiben, dass alle Gespräche sich um uns als Kirche drehen. Wir sind gesandt, um etwas vom Leben zu ernten, die Armen zu speisen und als erlöste Menschen zu leben, damit andere Menschen erlöst leben dürfen.

Darum kann Pfingsten nicht das Fest der Sendung aller in einer Kirche der Mitverantwortung sein, wenn es nicht zuerst das Fest der Vollendung des Vertrauens ist, das Gott in uns setzt. Gott zählt wirklich auf uns.

 

Erik Riechers SAC, Pfingsten, 31. Mai 2020

 

 

»Pfingst-Geist«

 

Narrative Theologen lernen und lehren es: Nehmt die Geschichten ernst!

Nehmt eure eigenen Geschichten ernst! Nehmt alle Geschichten Gottes und seiner Menschen ernst! 

Die Bibel ist meist wortkarg, umso wichtiger ist es, das Gewicht jedes Wortes auszuloten, die Metaphern auszukosten und zu deuten.

Heute schenken wir Ihnen ein Gedicht, das voll ist von biblischen Metaphern und einen Bogen spannt von den Ursprüngen unseres Glaubens in die von uns zu gestaltende Zukunft hinein.

Wilhelm Bruners, ein Meister des Wortes, schrieb vor drei Jahren:

 

Pfingst-Geist . Zukunfts-Geist

Wehe uns, wenn der Himmel ernst macht

und Feuer und glühende Kohlen auf uns

regnen lässt. Wenn unser Atem stockt,

weil Gottes Feueratem über uns kommt.

Wenn wir aus unseren Nestern geworfen 

flügge werden, ob wir wollen oder nicht.

Wenn unser Sturzflug in eine Welt beginnt,

die uns dringend braucht.

 

Selig sind wir, wenn alles Tote

in Gottes Feuer-Geist verbrennt, 

damit unsre Zukunft eine

                lebendige Chance hat.

                                                  wilhelm bruners, Juni 2017

 

Lesen wir es Wort für Wort und hören wir in uns, was dieses Wort in uns auslöst und wo wir ihm in der Bibel schon begegnet sind.

Nehmen Sie sich Zeit, lesen Sie es immer wieder, und Sie werden die Tiefe und Sprengkraft erfahren.

 

Wenn die Juden an Schawout, 50 Tage nach Pessach, das Herz ihres Glaubens feiern, nämlich die Gabe der Tora, und genau an diesem Tag der Heilige Geist auf die versammelte Jüngerschar herabkam und die Kraft für die Zukunft freisetzte, dann wird Auferstehung endlich lebbar und wir können selig genannt werden,              

»wenn alles Tote

in Gottes Feuer-Geist verbrennt, 

damit unsre Zukunft eine

                                lebendige Chance hat.«

 

So lasst uns Pfingsten feiern!

 

Rosemarie Monnerjahn, 30. Mai 2020

 

 

»Wirf deine Angst in die Luft«

 

In der Apostelgeschichte ist eines der letzten Worte, die Jesus seinen geliebten Jüngern sagt:

»Geht nicht weg von Jerusalem, sondern wartet auf die Verheißung des Vaters, die ihr von mir vernommen habt! Denn Johannes hat mit Wasser getauft, ihr aber werdet schon in wenigen Tagen mit dem Heiligen Geist getauft werden. «  (Apg 1,4-5)

Wir verlebendigen in diesen Tagen die Erinnerung daran. Auch uns ist dieser Geist, der Heilige, der Kraftspendende, zugesagt.

Doch wie die Jünger kennen wir Angst, manchmal schwindet uns die Hoffnung dahin, manchmal glauben wir, keine Kraft mehr zu haben für den nächsten Tag.

Wir wissen auch um die Endlichkeit unseres Lebens, die wir verdrängen oder die uns bedrückt, weil sie uns Druck macht.

So ist unsere Welt in besonderer Weise seit Monaten erfüllt von der Angst vor dem Leben, weil wir Angst haben vor dem Sterben.

Doch gehört all das zu unserem Menschsein und wir können es sanft und ehrlich anschauen.

Rose Ausländer (1901-1988), wahrlich lebenserfahren, fand folgende Worte: 

Noch bist du da

Wirf deine Angst
in die Luft

Bald
ist deine Zeit um
bald
wächst der Himmel
unter dem Gras
fallen deine Träume
ins Nirgends

Noch
duftet die Nelke
singt die Drossel
noch darfst du lieben
Worte verschenken
noch bist du da

Sei was du bist
Gib was du hast

Rose Ausländer

 

Um zu sein, was wir sind und zu geben, was wir haben, brauchen wir Gottes Heiligen Geist.

Möge er uns stärken, damit wir »nicht mehr unmündige Kinder« sind, »ein Spiel der Wellen«. (Eph 4,14)

Jesus sagt zum Abschied im Johannes-Evangelium: »Dies habe ich zu euch gesagt, damit ihr in mir Frieden habt. In der Welt seid ihr in Bedrängnis; aber habt Mut: Ich habe die Welt besiegt.« (Joh 16, 33)

 

Rosemarie Monnerjahn, 29. Mai 2020

 

 

Das Herz des Abenteurers V

 

Nichts ist so hilfreich, um die wahre Natur des Herzens zu enthüllen, wie eine Krise. Wenn das Leben schwierig wird, dann entdecken wir, ob das Herz des Abenteurers in uns schlägt, oder ob wir das Herz des Touristen in uns beherbergen.

Das Herz des Abenteurers ist geprägt von der Bereitschaft, einen Preis zu zahlen, um frei zu leben. Dieses Herz weigert sich, den Anspruch zu erheben, dass es von der Krise und dem Zoll, den sie fordert, dispensiert wird. Das Herz des Touristen hält fest an der Überzeugung, dass es ein Recht auf angenehmes Leben hat, das keinen Preis fordert, aber auf jeden Vorteil pocht.

                         

Sprichwörter 30, 18-19 bietet uns einen beeindruckenden Blick in das Herz des Abenteurers.

Der Erzähler gibt bescheiden zu, dass es vier Dinge gibt, die er nicht vermag zu fassen.

…den Weg des Geiers am Himmel,

den Weg der Schlange über den Felsen,

den Weg des Schiffes im Herzen des Meeres,

den Weg des Mannes bei der jungen Frau.

 

Es ist das Rätsel der dritten Zeile, das allen Menschen etwas angeht, die wie alle Abenteurer das unentdeckte Land betreten.

In der Antike blieben die Schiffe nah an der Küste und benutzten das Land, das sie sehen konnten, um ihre Reise zu leiten. Mit anderen Worten, sie nahmen das Bewährte und Erprobte um zu navigieren. Das gab ihnen ein Gefühl der großen Sicherheit, aber es hat die Routen, die sie nehmen konnten, stark eingeschränkt. Sie mussten immer die Kurven des Landes befolgen. Es gab schnellere, glattere und bessere Routen zu segeln, aber keinen wurden nachgegangen, damit sie das Ufer im Blick behalten konnten.

Wenn Menschen die Sicherheit zu ihrem persönlich überragenden Anliegen und Thema machen (das Bewährte und Erprobte), dann schränken sie ihre Fähigkeit, sich zu bewegen, erkunden und entdecken stark ein. Weil sie immer dieselben Sicherheiten gebrauchen um zu  navigieren, schaffen sie es nie, die Entdeckung machen, dass es andere Wege des Lebens gibt, schnellere und bessere Wege, Leben und Gemeinschaft zu gestalten, und sogar viel einfachere Wege des Lebens und Handelns.

Das ist das ewige Problem der Tradition. Zum größten Teil in der heutigen Kirche wird die Tradition reduziert, indem sie mit dem Ufer gleichgesetzt wird. Wir geben Menschen die Routen durchs Land und sagen, sie sollten sich sklavisch daran halten. Momentan sehen wir es in der oft sklavischen Bereitschaft, alles zu tun, um öffentliche Gottesdienste zu ermöglichen.

Aber das biblische Verständnis der Tradition ist tiefer und gesünder. Tradition ist nicht das Ufer, sondern die anhaltende Fähigkeit, jedes Meer zu besegeln und das Schiff auf See zu halten, egal was gegen dieses Schiff geworfen wird.

Das Herz des Meeres war seine unbekannte und erkennbare Mitte, weit vom Ufer, erschreckend in der Vorstellung und unmöglich zu navigieren.

Wenn man bedenkt, dass das biblische Bild des Herzens oft für das Unbekannte und Verborgene im Menschen steht, für den Weg des Schiffes im Herzen des Meeres, dann ist die Herausforderung eben in dieses Unbekannte und Verborgene hinein zu gehen.

 

In Lukas 5, 4 sagt Jesus seinen Jüngern, dass sie hinaus in die Tiefe fahren sollten. Das war kaum ein willkommener Rat für die Fischer dieser Zeit. Es bedeutete Risiko, denn kaum einer von ihnen konnte schwimmen und aus dem Boot zu fallen bedeutete, man konnte nicht einfach aufstehen und zum Ufer zurückspazieren. Es bedeutete Unsicherheit, denn je tiefer das Wasser wurde, je undurchsichtiger, umso weniger konnte man sehen, was im Wasser ist.

Es hieß, man musste vertrauen, dass die große Menge Wasser unter uns uns auch tragen würde und die undurchsichtigen Dunkelheiten das Leben enthalten, das wir suchen

Es war eine grundlegende Lebensunterweisung Jesu, denn obwohl es einfacher, tröstlicher und angenehmer ist am Ufer zu kleben, gibt es einen kleinen Nachteil. Es gibt keine Fische in der Nähe des Ufers.

Fische bedeuten Leben und es gibt kein Leben in der Nähe des Ufers.

Kein Leben ist zu finden, wo die Sicherheit bestimmt, wo wir hingehen dürfen oder nicht.

Kein Leben ist zu finden, wo wir so in eine Sicherheit und einen Schutz eingehüllt sind, die uns versklaven, weil wir davon so abhängig sind, dass wir nirgendwo hingehen können, wo diese Dinge gefährdet werden.

Dann verbringen wir alle Zeit und Energie nicht, um unser Leben zu bewahren, sondern unsere Sicherheit. Und darin liegt der fatale Fehler. Viel zu viele Menschen verwechseln diese Sicherheit mit dem Leben.

 

Die keltischen Christen haben die Überzeugung der römischen Kirche, dass es sieben Todsünden gibt, nicht geteilt. Sie waren sich sicher, dass es nur eine Todsünde gibt, das ungelebte Leben. Die sieben, die wir mit Vorliebe benennen, sind lediglich Beispiele, wie das Leben ungelebt bleibt.

Der Erzähler der Sprichwörter ist verblüfft über den Weg eines Schiffes im Herzen des Meeres. Wie hält man Leben und Geist über Wasser in der Mitte des Unbekannten und Verborgenen, weit weg von Sicherheiten und Schutz, die uns einst erhalten und beruhigt haben? Der einzige Weg, wie wir das herausbekommen, ist wenn wir in das Herz des Meeres hinaussegeln. Und dafür braucht man sicherlich das Herz eines Abenteurers.

 

Erik Riechers SAC, 28. Mai 2020

 

 

Gott, du bist uns nah

 

In meiner Jugend sah ich zu Hause im Fernseher Pier Pasolinis Film » Das 1. Evangelium – Matthäus «. Dieser Schwarz-Weiß-Film beeindruckte mich damals sehr. Endlich ein Bibelfilm, der kein Hollywood-Epos war! Hier erzählten die Bilder von der Kargheit des Landes und der Armut der Menschen. Die gesprochenen Worte wurden alle aus dem Matthäus-Evangelium gewählt und nichts hinzugefügt. Die Gesichter der handelnden Personen gingen mir unter die Haut - so ehrlich, schlicht und ausdrucksstark waren sie und nahmen mich mit in das wachsende Spannungsfeld. Am Ende aber war es ein Satz, der mir ins Herz fiel und dort lebt bis heute. Es ist der letzte Satz des Evangeliums und war der letzte Satz im Film:

» . . . ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt.«

Nie zuvor hatte ich ihn so gehört und jedes Mal, wenn ich ihn seither höre, spüre ich wieder die Wärme dieser nicht endenden Zusage, die ermutigt und tröstet und der ich glauben kann.

Es ist, als trete ich in Verbindung zum Namen Gottes, wie ihn Mose im Dornbusch vernahm: »Ich bin der ‚Ich-bin-da‘ «.

Jesu Zusage bedeutet: ER ist bei uns und mit uns unterwegs an allen Tagen, seien sie entspannt oder spannungsvoll, gesund oder krank, traurig oder freudvoll. So wie er seine Jünger zu allen Völkern sendet, so spricht er ihnen und uns zu, bis zum Ende der Welt bei uns zu sein.  Dieses »Ende der Welt« verstehe ich nicht nur räumlich, sondern auch zeitlich - SEINE Gegenwart hört nicht auf.

 

Als Wegbegleitung in diesem Vertrauen und in dieser Woche auf Pfingsten hin mag uns ein kleines Gebet dienen:

 

Gott, du bist uns nah, jetzt, hier, in diesem Moment und zu aller Zeit.

Gott, mit dir wollen wir gehen, gib du uns den Impuls.

Bei dir wollen wir ruhen, gib du uns den Atem.

Bei dir ist Proviant, begleite uns.

Bleib uns vertraut, und werde uns neu.

                               (Manfred Büsing, Lectio divina, Bd. 22, 2020)

 

Rosemarie Monnerjahn, 27. Mai 2020

 

 

»At the same time«

 

Manchmal hören wir eine Geschichte oder ein Lied ganz neu. Wir sind nicht mehr dieselben wie beim letzten Mal. Andere Aspekte treten hervor, tiefere Schichten werden erreicht.

So begegnete mir vor Tagen wieder Barbra Streisand mit ihrem Lied »At the same time« - ein Lied über die Verbundenheit aller Menschen. Seit Jahrzehnten reden wir von Globalisierung - der Wirtschaft, der Reiseaktivitäten, des Klimaschutzes und der Umweltproblematik, der Hilfsaktivitäten bei großen Katastrophen und aktuell der Bedrohung durch Krankheiten und Seuchen. Doch der Begriff ist mechanistisch und kalt.

Barbra Streisand dagegen liebt die Lyrik von Ann Hampton Callaway, weil sie weiß, »wie zerbrechlich der Planet ist, wie zerbrechlich Seelen sind und wie verzweifelt wir Einheit brauchen« *

Ich lade Sie ein, mit Ihren Ohren und Ihrem Herzen diesem Lied zu begegnen, es in sich aufzunehmen und zu erkunden, was dabei gerade heute in Ihnen mitschwingt:

Zur selben Zeit

Denk an all die Herzen, die in der Welt schlagen
zur selben Zeit.
Denk an all die Gesichter und die Geschichten, die sie erzählen können
zur selben Zeit.
Denk an all die Augen, die in diese Welt hinaus schauen

und versuchen, einen Sinn in dem zu finden, was sie sehen.

Denk an all die Weisen des Sehens, die wir haben.
Denk an all die Weisen des Seins, die es gibt.

 

Denk an all die Kinder, die in diese Welt geboren werden

zur selben Zeit.

Fühle deine Liebe, die sie umhüllt durch die Jahre, die sie zum Wachsen brauchen

zur selben Zeit.

Denk nur an all die Hände, die sich nach einem Traum ausstrecken,

denk an all die Träume, die wahr werden könnten,

wenn die Hände, die wir reichen, zusammen kommen könnten, um mich und dich zu verbinden.

 

Wenn es Zeit ist, an morgen zu denken,

müssen wir unser zerbrechliches Schicksal schützen.

In diesem kostbaren Leben gibt es keine Zeit zum Ausleihen.

Die Zeit ist gekommen, eine Familie zu sein.

 

Denk nur an all die Liebe, die aus unseren Herzen fließt

zur selben Zeit.

Denk an all das Licht, das unsere Liebe in die Welt hinaus strahlt

zur selben Zeit.

Denk nur, was uns gegeben worden ist

und dann denke, was wir verlieren können.

Alles Leben liegt in unseren zitternden Händen.

Es ist Zeit, unsere Ängste zu überwinden und uns zu verbinden, um eine Welt zu bauen, die liebt und versteht.

 

Es hilft, an all die Herzen zu denken, die in der Welt schlagen

und zu hoffen für all die Herzen, die in der Welt schlagen.

Es gibt eine heilende Musik in unseren Herzen, die in dieser Welt schlagen

zur selben Zeit . . .

zur selben Zeit.

                                                           * Barbra Streisand, Higher Ground CD 1997, Begleitheft

 

Rosemarie Monnerjahn, 26. Mai 2020

 

 

Ein Gebet zum Meister des Schocks

 

Viele Menschen kommen zu der Überzeugung, dass wenn sie an Gott glauben, sie so etwas in der Art einer göttlichen Lebensversicherung abgeschlossen haben. Natürlich, wenn dann eine Zeit der Krise kommt und sie weder immun noch unbehelligt sind, werden sie entweder wütend oder depressiv.

Dafür gibt es nur ein Heilmittel und das ist die Restaurierung eines gesunden Gottesbilds. Ich kenne genau den richtigen Mann, der uns dabei helfen kann.

 

Ein Gebet zum Meister des Schocks

Als du den zweiundsiebzig sagtest,

sie sollten ohne Brot und Münze reisen,

war es, um die Reichen bei dem Gedanken schwindlig zu machen

und das Herz der Satten zu knicken?

Denn Du warst der Meister des Schocks,

der aus der Wüste des Fastens tanzte

mit der Botschaft im Mund,

dass die Erde noch nicht abgekühlt ist,

seit der letzten Berührung mit der Hand des Schöpfers.

 

Dann sagtest du,

dass der weit gespannte Gott so nah war

wie die Witwe ohne Gerechtigkeit

und der Fremde ohne ein Dach.

Und du bist aufgestanden

wie eine offene Hand in Zeiten des Kriegs.

Du standest neben jedem Feuer und jeder See,

überall wo ein Ohr hört und ein Auge sieht.

 

Du hast Geschichten in die Luft gehängt wie ein Schwert über unsere Köpfe,

 

über einen Sohn der Schande, der zur Fanfare zurückkehrt,

während ein Sohn der Schuldigkeit ohne eine Party bleibt,

 

über einen Arbeiter, der die Hitze des Tages erträgt,

während ein Bummler des späten Nachmittags zuerst bezahlt wird,

 

über einen  Ja-Sager-Sohn, der Nein meint,

während ein anderer Nein sagt und Ja lebt,

 

über einen Priester, der an der anderen Seite vorbeigeht,

während ein Terrorist Wunden verbindet,

 

über einen armen Mann, der mit Abraham diniert

während ein reicher Mann keinen Finger Wasser finden kann,

 

über einen guten Mann, dessen Gebet in Luft aufgeht

während der Sünder, der seiner Seele Luft macht, das Ohr Gottes hat.

 

Und als der Verkrüppelte

beim  Schaftor der fünf Säulenhallen

dir sagte,

dass das Wasser nur heilt,

wenn ein Engel es in Wallung versetzt,

 

sagtest du ihm:

»Ich bin das Wasser, das in Wallung versetzt«.

Denn Wallung ist dein Ding.

 

Erik Riechers SAC, 25. Mai 2020

 

 

7. Ostersonntag 2020

 

Die Kunst der großen Unterhaltung

Bei Johannes zieht sich die Abschiedsrede über vier Kapitel. Aber ich finde, sie ist weniger eine Rede als eine Unterhaltung, denn im Laufe der Unterredung spricht er mit den Jüngern, beantwortet ihre Fragen, wendet sich an seinen Vater und erzählt, was sich in ihm regt und abläuft. Hier geht es um eine letzte große Unterhaltung, in der Jesus sein Herzblut ausgießt und alles, was ihm kostbar, edel, teuer und wertvoll ist, in sichere und wertschätzende Hände überreicht.

Wenn wir eine solche Unterhaltung so wie Jesus hinbekommen wollen, dann sollten wir uns zwei bedeutsame Fragen stellen:

  1. Was liegt mir so am Herzen, dass ich es unbedingt weitergeben möchte?

       2. Wem will ich das anvertrauen?

 

Im heutigen Evangelium wird Herzblut ausgegossen und alles, was Jesus kostbar, edel, teuer und wertvoll ist, wird in sichere und wertschätzende Hände überreicht, nämlich die seiner vertrauten Menschen, die Jünger. Eingeladen zu werden, eine solche Unterhaltung zu hören und zu teilen, ist ein sicheres Zeichen, dass wir vertraute Menschen sind.

Wenn wir das hinbekommen möchten, müssen wir etwas festhalten:

Hinhören ist die erste Ehrfurcht.

Bei einer solchen Unterhaltung muss ich dabei sein, zuhören und hinhören. Ich muss wahrnehmen, aufnehmen und mitnehmen. So war es bei den Jüngern um Jesus.

Wenn ich das nicht tue, dann sind weder meine Hände noch mein Herz sicher und wertschätzend genug, um Wertvolles hineinzulegen.

Ohne die erste Ehrfurcht des Hinhörens kann nichts wahrhaft Wertvolles weitergeben werden, und dann hat das Kostbare keine Zukunft.

Aber eine solche große Unterhaltung, in der ich mein Herzblut ausgieße und alles, was mir kostbar, edel, teuer und wertvoll ist, in sichere und wertschätzende Hände überreiche, hat ihren Preis und fordert ihn auch ein.

Der Preis ist die Zugehörigkeit. Die Abschiedsrede ist nicht die Bergpredigt. Hier wählt Jesus seine Zuhörer selbst aus, und die Zugehörigkeit ist sein Maßstab. Es gibt einen guten Grund, warum Jesus warnen wird, dass wir unsere Perlen nicht vor die Säue werfen sollten. Das ist keine Beleidigung, sondern tiefste Seelenweisheit. Säue können mit Perlen nichts anfangen. Mit anderen Worten: lege nie und nimmer das Wertvollste in die Hände derer, die damit nichts anfangen können und es deshalb weder würdigen noch schützen können. Zugehörigkeit erzeugt Vertrauen, aber Zugehörigkeit braucht Zeit, und zwar in rauen Mengen.

Das führt uns zurück zu den zwei Fragen.

1. Was liegt mir so am Herzen, dass ich es unbedingt weitergeben möchte?

Das setzt eine Ahnung meines  Lebens voraus. Es setzt voraus, dass ich den Kontakt zu meinem Innenleben nicht verloren habe, dass ich Kontakt zu mir selber habe. Ich muss wissen, was mir wertvoll und teuer ist. Die kostbaren, edlen, teuren und wertvollen Themen eines Lebens liegen nicht auf der Oberfläche, sondern können nur gefunden werden, wenn wir unsere Tiefen ausloten.

 2. Wem will ich das anvertrauen?

Das setzt die Art Beziehung zum anderen voraus, die Vertrauen erzeugt. Zugehörigkeit wird hier aktuell. Ich muss wissen, wem ich Wertvolles anvertrauen möchte. Wem zeige ich das Schönste, das Bewegende, das Kostbarste, das Teuerste meines Lebens? Die Antworten können nur in Beziehungen der Zugehörigkeit liegen. Den Unbekannten und den Fremden werde ich es nicht anvertrauen können und um mich und mein Herzblut zu schützen, werde ich es auch meinen Bekannten nicht anvertrauen, wenn ich schon im Voraus weiß, dass sie es nicht zu würdigen wissen.

 

Wenn ich gefragt hätte: »Wann war das letzte Mal, wo Sie ein wirklich wunderbares  Essen genossen haben?«, dann würden sie kurz nachdenken und bald eine Antwort bereit haben. Wenn ich aber die Frage stelle: »Wann war das letzte Mal, dass Sie eine wirklich großartige Unterhaltung hatten, die Wochen oder Monate danach in Ihrem Herzen gesungen hat und nachklang?«, dann werden Sie lange überlegen müssen.

Trotzdem können wir die Kunst der großen Unterhaltung lernen und üben. Das Schöne daran ist, dass es keine Abschiedsrede sein muss. Wir können zu jeder Lebenszeit uns über das Kostbare, Edle und Wertvolle unseres Lebens unterhalten und es anderen anvertrauen. Eine Zeit wie diese, eine Zeit der Krise, wäre ein sehr guter Anfangspunkt.

 

Erik Riechers SAC, 24. Mai 2020

 

 

Wenn alles so anders wird

 

Als ich kürzlich auf meine Enkelkinder vor dem Kindergarten wartete, kam ich ins Gespräch mit der Mutter eines Vorschulkindes. Sie erzählte, dass ihre Tochter immer wieder weint, weil jetzt all das Schöne, auf das sie sich gefreut hatte, abgesagt ist. »Wie gern hätte sie zum Abschluss im Kindergarten übernachtet! Und jetzt fällt alles aus«, klagte sie.

In der Tat: Wir erfahren zwar Lockerungen der strengen Regeln. So können allmählich auch die Kinder wieder in die Einrichtungen gebracht werden, aber das ist noch längst nicht das, was war oder geplant wurde und worauf auch 6-Jährige sich eingestimmt und gehofft hatten. Das ist schade und ich sah die Traurigkeit in den Augen der jungen Mutter.

Doch existentiell ist es glücklicherweise nicht. Da fallen mir andere Bilder ins Herz; es sind Bilder von verlorenen Kindern, von verlassenen Kindern, von Kindern, deren Leben von Krankheit bestimmt ist; es sind Bilder von Flucht und Deportation, von Ghettos und Favelas - millionenfach.

In diesen Tagen erscheint in Deutsch eine ergreifende Graphic Novel der israelischen Künstlerin Esther Shakine. In »Exodus« erzählt und illustriert sie, wie sie die Shoa überlebte und schließlich in Israel eine neue Heimat fand. Die Kindheit in Ungarn ist glücklich und unbeschwert, mit Katze und Freunden, doch irgendwann kommen die Judensterne und später stürmt nachts die Polizei die Wohnung. Ihre Mutter versteckt sie im Schrank, doch ihr Wimmern wird gehört, der Schrank aufgerissen. »Seine Stiefel waren direkt vor meinen Augen. Pitsy fauchte vor Angst und rannte davon. Der Polizist wollte ihr einen Tritt versetzen und wäre dabei fast hingefallen. ‚Verdammte Katze!`, fluchte er. Ich blieb allein im Schrank zurück. Ich weinte nicht mehr. Dann habe ich lange Zeit nicht mehr geweint.«

Alles bricht weg.

Auf ihrem Irrweg durch die Stadt findet sie ein Priester, der sie mitnimmt ins Waisenhaus des Klosters, wo sie bis zu dessen Bombardierung gegen Ende des Krieges ein Zuhause hat. Danach stromert sie mit anderen jüdischen Kindern umher, immer wieder zum Bahnhof in der Hoffnung auf ihre Eltern. Doch sie kommen nie.

Über ein zionistisches Kinderheim und nach vielen Widrigkeiten ist sie schließlich 1947 in Südfrankreich und besteigt mit 4500 Juden ein Schiff nach Palästina. Es ist die »Exodus«, die Briten lassen sie nicht an Land, die Flüchtenden kommen zurück nach Deutschland. Erst im nächsten Jahr gelingt ihr endlich die Überfahrt. So endet die Geschichte mit dem Sonnenuntergang an ihrem ersten Abend im Kibbuz: »Ich hatte das Gefühl, dass ich endlich angekommen war.«  

 

Wie können wir Menschen so viel Leid und Zerbrechen von Leben ertragen, immer wieder, manchmal für lange Jahre?

 

In Psalm 77 klagt der Beter über seine große Not, er findet keinen Trost, ja fühlt sich von Gott verstoßen und vergessen und hält Gott Frage um Frage vor:

Wird der Herr denn auf ewig verstoßen und niemals mehr erweisen seine Gunst?

Hat seine Huld für immer ein Ende? Hat aufgehört sein Wort für alle Geschlechter?

Hat Gott vergessen, dass er gnädig ist? Oder hat er im Zorn sein Erbarmen verschlossen?

 Doch dann hält er inne:

Da sagte ich: Das ist mein Schmerz, dass die Rechte des Höchsten so anders handelt?

Auch das ist noch eine Frage. Hat Gott mit mir zu tun, auch wenn alles so anders gekommen ist, als ich es mir vorstellte, so schwer und kaum zu tragen?

Der Beter bleibt auf dieser Spur und verlebendigt die Erinnerung:

Ich denke an die Taten des HERRN, ja, ich will denken an deine früheren Wunder.

Ich erwäge all deine Taten und will nachsinnen über dein Tun.

Gott, dein Weg ist heilig.

 

Können auch wir in solchen Zeiten auf diese Spur kommen? Können wir über unsere je aktuelle Not hinaus schauen oder ahnend dem mitgehenden, so ganz anderen Gott vertrauen?

 

Komm, Gottes Geist, und stärke uns, dass wir mutig unsere Fragen stellen.

Komm, Gottes Geist, und weite unseren Blick und unser Herz.

Komm, Gottes Geist, und belebe unser Vertrauen und unsere Hoffnung.

 

Rosemarie Monnerjahn, 23. Mai 2020

 

 

Sich verbiegen

 

In diesen Tagen dürfen wir offiziell wieder öffentliche Gottesdienste feiern. Manche bejubeln dies als einen Sieg. Ich gehöre nicht zu ihnen.

Die Richtlinien und Einschränkung sind so grotesk, dass sie die Eucharistie zu etwas Unerkenntlichem entstellen. Nur eine kleine erwählte Gruppe darf teilnehmen, während alle anderen ausgeschlossen werden. Alle müssen Masken tragen, zwei Meter Distanz bewahren und Gesang ist nicht erlaubt. Kommunion wird mit Plastikhandschuhen und Zangen ausgeteilt oder hinter Plexiglas-Barrieren gereicht.

Um uns all diesen Einschränkungen anzupassen, haben wir die Eucharistie in eine hohle Schale verwandelt. Wie ist dies eine Eucharistiefeier, wenn jede Geste förmlich schreit: Bleibt mir vom Leib? Wie feiern wir die Hoffnung der Auferstehung, wenn jede Handlung davon zeugt, dass wir in tödlicher Angst vor einander leben? Wie feiern wir Gemeinschaft, während wir ihre Bausteine ablehnen, nämlich Kontakt, Nähe, Teilen und Begegnung?

Es erinnert mich an eine Geschichte. Clarissa Pinkola Estés gibt sie wieder in ihrem Buch »Die Wolfsfrau«.

 

Ein Mann kam zum Szabó, dem Schneider und probierte seinen neuen Anzug an. Als er sich vor den Spiegel stellte, fiel ihm auf, dass der Saum der Weste an einer Seite ein bisschen schief war.

„Oh“, sagte der Schneider, „das soll uns gar nicht weiter kümmern. Hier, Sie ziehen das kürzeste Ende einfach mit der linken Hand nach unten, dann sieht niemand den Unterschied.“

Während der Kunde die Weste nach unten hielt, fiel ihm auf, dass das Revers der Jacke sich hochrollte, anstatt flach zu liegen. „Oh, das?“ rief der Schneider. „Das ist nicht der Rede wert. Sie neigen Ihren Kopf ein wenig zur Seite und drücken den Kragen mit Ihrem Kinn nach unten. So…ja. Wunderbar!“

Der Kunde tat, wie ihm geheißen, aber dann merkte er, dass der Schritt ein bisschen knapp und der Hosenbund zu hoch geschnitten war. „Ach, das macht doch nichts“, meinte der Schneider. „Sie ziehen den Schritt einfach mit der rechten Hand ein wenig nach unten, und dann ist alles in bester Ordnung.“ Der Mann stimmte zu und kaufte den Anzug.

Am ersten Weihnachtstag humpelte der Mann in seinem neuen Anzug durch die Kirche: Kinn schräg auf dem Revers, die linke Hand an der Weste zerrend, die Rechte am Schritt der Hose. Bei seinem Anblick hielten zwei alte Männer inne und schauten sich an, wie merkwürdig er sich fortbewegte.

„O mein Gott“, murmelte der eine. „Schau dir den armen Krüppel an….“ Der zweite starrte dem Humpelnden sinnend nach und sagte: „Ja, dass ein Mensch so verwachsen ist, kann einem leid tun. Ich frage mich nur, wo er den schicken Anzug her hat.“

 

Wollen wir uns wirklich so verdrehen, nur um den Anschein zu erwecken, dass es passt?

 

Erik Riechers SAC, 22. Mai 2020

 

 

Christi Himmelfahrt 2020

 

Manchmal ist das, was wir in der Liturgie feiern, im Einklang mit dem, was wir in der Erzählung Gottes hören. In unserer Liturgie haben wir eine starke Fokussierung auf seine Himmelfahrt. Aber in der Erzählung in der Apostelgeschichte legt Jesus die Betonung ganz woanders. Er hat die Jünger vorbereitet für ihre Sendung nach seinem Abschied.

 

Er sagte zu ihnen: Euch steht es nicht zu, Zeiten und Fristen zu erfahren, die der Vater in seiner Macht festgesetzt hat. Aber ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen, der auf euch herabkommen wird; und ihr werdet meine Zeugen sein in Jerusalem und in ganz Judäa und Samarien und bis an die Grenzen der Erde.

 

Er macht es klar, dass wir eine Aufgabe haben so weit wie seine Erde. Er hat uns eine  Verantwortung für seine Menschen anvertraut, die grenzenlos ist.

 

Aber die Jünger machen, was wir oft tun: sie starren nach dem, was früher war. Jesus macht es klar, dass seine Gegenwart unter uns in Form und Figur des Geistes weiterleben wird, aber das wollen sie nicht. Jesus schenkt uns Geistes Kraft, um eine weite und wilde Welt zu gestalten. Wir aber wollen alles so behalten, wie es mal war. Jünger aller Zeiten brauchen Boten Gottes, um aus dieser Starre auszubrechen.

 

Ihr Männer von Galiläa, was steht ihr da und schaut zum Himmel empor? Dieser Jesus, der von euch ging und in den Himmel aufgenommen wurde, wird ebenso wiederkommen, wie ihr ihn habt zum Himmel hingehen sehen.

 

Die Übersetzung ist schwach. Hier geht es nicht um Schauen, sondern um Starren. Es ist die Fixierung, die uns lähmt.

Christi Himmelfahrt erinnert uns daran, dass wir an dem vierten von 5 Schritten des österlichen Geheimnisses stehen. Die Kernaussage der Osterzeit ist, dass Ostern ein solch großes und tiefes Geheimnis ist, dass kein Tag es umfassen kann.

 

Ostern ist ein einziges Ereignis, aber mit fünf wichtigen Phasen, die zusammen dieses Ereignis bilden. Österliches Leben besteht aus fünf klaren Schritten: Tod, Auferstehung, die 40 Tage, Himmelfahrt und Pfingsten. Jeder dieser Schritte hat auch eine tiefe Bedeutung für Menschen, die österlich leben wollen.

Tod bedeutet den Verlust des Lebens. In diesem Schritt müssen wir trauern und unsere Verluste würdigen.

Auferstehung bedeutet den Empfang eines neuen Lebens. Das ist ein Angebot Gottes, aber Menschen sind nicht verpflichtet oder gezwungen, die Angebote Gottes anzunehmen. Wir können dieses Angebot des neuen Lebens auch ablehnen.

Die vierzig Tage sind die Zeit der Reifung, der Überlegung und der Übung, damit wir allmählich uns für das neue Leben entscheiden.

Und dann kommen wir zur Himmelfahrt. Hier üben wir die Weigerung, an das alte Leben uns festzuklammern. »Ihr Männer (Frauen) von Galiläa, was steht ihr da und starrt den Himmel an?« Himmelfahrt ist der Augenblick, wo wir uns entscheiden müssen, ob wir neues Leben annehmen oder nur interessiert sind an der Mumifizierung des ehemaligen Lebens.

Nur so kann man zu Pfingsten kommen, zu dem Punkt, wo wir einen neuen Geist empfangen und tatsächlich etwas von einem neuen Leben zu spüren bekommen.

Pfingsten, der fünfte Schritt, ist der Empfang eines neuen Geistes

 

Christi Himmelfahrt ist die Begegnung mit dem Gott, der uns Loslassen des Alten abverlangt, damit das Einlassen auf das Neue gelingen kann. In religiösen Kreisen sprechen wir sehr oft vom Loslassen, was biblisch gesehen recht schwach ist. Die Erzählungen Gottes sprechen von Loslassen immer im Zusammenhang mit Einlassen. Wir sollten etwas loslassen, damit wir uns auf etwas anderes einlassen können. Aber erst, wenn das Abenteuer Gottes anklopft, merken wir, was es bedeutet, etwas loszulassen, um uns auf das Abenteuer Gottes einzulassen. Niemand wird einen neuen Geist empfangen, der an seinem alten Leben klebt.

Aber wir können das Angebot eines neuen Lebens ablehnen, indem wir immer nur das alte Leben zurückhaben wollen.

Dafür haben wir einen Namen: Nostalgie. Wir kennen sie nur zu gut, diese Sehnsucht nach den »guten, alten Tagen«. Aber diese Romantisierung der Vergangenheit ist nur die Art, wie wir der Herausforderung der Gegenwart aus dem Wege gehen. Nostalgie ist unehrlich. Die alten Zeiten waren nie so gut wie wir sie bereinigend schildern. Sie hatten auch ihren Anteil an Schmerz, Leid und Anstrengung. Wenn wir alle in eine Zeitmaschine steigen würden und nach 1955 zurückkehren würden, garantiere ich Ihnen, dass wir dort Menschen antreffen würden, die sich sehnen nach den »guten, alten Tagen«.

 

Christ Himmelfahrt spricht nicht nur von der Verherrlichung und Vollendung Christi, sondern von der Aufgabe, die er uns zurückgelassen hat. Jesus betont vor seiner Himmelfahrt, dass wir eine Aufgabe haben so weit wie seine Erde und dass er uns eine Verantwortung für seine Menschen anvertraut, die grenzenlos ist.

 Wir aber kleben an alten Vorstellungen, die uns daran hindern, diese Tage zu gestalten.

Wir halten fest an alten Träumen, die uns hindern, an der Vision von heute zu arbeiten.

Wir mumifizieren alte Strukturen, anstatt Wege zu suchen, wie wir hier und heute leben können.

Tod, Auferstehung, 40 Tage, Himmelfahrt und Pfingsten; das ist der wahre Rhythmus des Lebens und nicht die grausame und jämmerliche Praxis der Mumifizierung.

 

Die Jünger bei der Himmelfahrt Jesu stehen dort, wo wir heute stehen: zwischen Himmel und Erde, gelähmt, unfähig in Bewegung zu kommen und ihr Leben zu gestalten. Und dieses Stehen zwischen Himmel und Erde erinnerte mich an die Worte Gottes im Buch Deuteronomium. »Den Himmel und die Erde rufe ich heute als Zeugen gegen euch an. Leben und Tod lege ich dir vor, Segen und Fluch. Wähle also das Leben damit du lebst.«

Ein wahres Wort für Menschen der Himmelfahrt, die bewusst Leben und nicht Mumifizierung wählen.

 

Die Botschaft der Engel ist sanft, aber ich werde sie in deutlichere Sprache übersetzen. Leute, die Hausaufgaben sind hier unten.

 

Erik Riechers SAC, 21. Mai 2020

 

 

Wird diese Krise etwas wandeln?

 

Diese Frage taucht immer wieder auf, in mir, in meiner Umgebung, auch in öffentlichen Gesprächen. Aus ihr spricht eine Sehnsucht, die wir immer spüren, wenn wir selbst oder geliebte Menschen durch schwere Zeiten gehen müssen, in denen Selbstverständliches, sicher Geglaubtes und liebevoll Vertrautes wegbricht. Wir sehnen uns danach, dass es einen Sinn in der Krise gibt und dass wir oder andere sich positiv verändern lassen und so nach der Krise gereift und beschenkt ihr Leben anders gestalten.

 

Der eher schwermütige und in sich gekehrte dänische Philosoph und Theologe Søren Kierkegaard schrieb einmal: »Nur von Verwandelten können Wandlungen ausgehen.« Das bedeutet, dass es nichts nützt, mir Wandlung welcher Art auch immer zu wünschen, wenn ich mich nicht zuerst der Einladung oder Zumutung stelle, die eine Verwandlung zur Folge hätte. Wenn ich etwa ein sehr spontaner, ja sprunghafter Mensch bin und mir wünsche, dass ich überlegter handle und konsequent an Sachen dranbleibe, werde ich dies nicht erreichen, wenn ich jeder Störung oder jedem Einwurf von außen folge. Wenn etwas an mich herantritt, muss ich es annehmen als Aufgabe und Übung. Ich schaue an, was dies bedeutet, lege es gewissermaßen vor mir »auf den Tisch«, um daran und an mir zu arbeiten. Oder wenn ich nie mich dem stelle, was die Stunde verlangt, sondern Schwierigkeiten möglichst oberflächlich an meinem Herzen vorbeiziehen lasse, wird der Wunsch nach mehr Tiefe sich nicht erfüllen, ja die Sehnsucht danach wird verkümmern. Ich müsste stattdessen das Schwere oder die Nöte, seien es meine eigenen oder die anderer, anschauen, »auf den Tisch legen«. Denn nur, was auf den Tisch kommt, kann verwandelt werden, wie es vor langer Zeit Nico Derksen einmal sagte. Wir können nicht auf Wandlung hoffen, uns aber jeder Herausforderung entziehen, die uns zur Verwandlung führen will.

Wir sollten nicht von denen Wandlung erwarten, die nie geübt haben, sich verwandeln zu lassen, sondern ihre Ansprüche ans Leben wiederholen oder selbstgerecht bei den Haltungen und Denkweisen bleiben, die sie immer schon pflegten.

Sind wir ehrlich: Die Menschen, die durch Zeiten der Bedrängnis wirklich hindurch gingen - oft mit viel Leid für Körper und Seele -, haben Wesentliches entdeckt, leben verwandelt und kommen auf die Lebensspur, von der Paulus spricht:

Wir alle aber schauen mit enthülltem Angesicht die Herrlichkeit des Herrn wie in einem Spiegel und werden so in sein eigenes Bild verwandelt, von Herrlichkeit zu Herrlichkeit, durch den Geist des Herrn.

(2 Kor 3,18)

Um auf die Spur der Verwandlung zu kommen, dürfen wir die Sehnsucht nicht töten durch Ablenkung und oberflächliche Befriedigung. Damit decken wir nur zu und verhüllen. Wer in dieser Weise gewohnt ist zu leben, wird dies auch durch eine Krise nicht ändern.

Wer sich einlässt auf das, was die Stunde verlangt, kennt Wandlungen in seinem Leben und wird auch durch die derzeitige Krise weiter verwandelt. Er weiß, dass zum Verwandeln das Lassen gehört im Sinn von Loslassen und Einlassen.

Kann ich im Vertrauen auf den Geist des Herrn geschehen lassen, wie eine Raupe, die nichts tut als sich verwandeln zu lassen? Das wäre wahrhaft herrlich.

 

Rosemarie Monnerjahn, 20. Mai 2020

  

 

Für alle, die die Hoffnung aufgeben würden

 

Als sie den Raum betrat, schaute er hoch und Liebe sammelte sich in seinen Augen. Wie der Dichter im Hohelied der Liebe sprach sein Herz von ihr als »die, die meine Seele liebt«.

Doch sein Herz war beunruhigt. Er sah die Anstrengung ihr an, die erstickende Bürde der Traumen von gestern sowie die Lasten von heute.

»Wie war der Tag, meine Herzallerliebste?«, fragte er mit einer Sorge mit Zärtlichkeit verflochten.

 »Ich habe die Hoffnung aufgegeben«, antwortete sie.

 »Das wird nicht genügen«, sagte er, als er mit der linken Schulter gegen die Wand sich lehnte.

 »Ich schaffe es nicht. Ich habe die Hoffnung aufgegeben«, wiederholte sie. Ihre Augen waren so voller Tränen, ihre Stimme aber so leer von Mut.

Er fühlte sich so hilflos. So erzählte er ihr eine Geschichte.

Mein Großvater war ein ziemlicher Säufer. Sein Lieblingstropfen war türkischer Anisschnaps. Aber seine ständige Betrunkenheit und der Schmerz, die es seiner geliebten Frau und den Kinder verursachte, fing an ihn zu beunruhigen. Eines Tages setzte er sich hin, um seinen Anis zu trinken, aber diesmal fügte er ein bisschen Wasser hinzu, um ihn zu verdünnen. Aber es war zwecklos und er wurde trotzdem betrunken.

Also beschloss er, dass es an der Zeit wäre, eine Änderung vorzunehmen. Er gab den türkischen Anisschnaps auf und fing an, Single Malt Whiskey aus Schottland zu trinken. Auch hier fügte er immer ein bisschen Wasser hinzu, um ihn zu verdünnen, aber es war vergebens. Er wurde immer noch betrunken.

Nicht einer, der sich kampflos ergeben würde, nahm er sich eine weitere Änderung vor. Jetzt würde er noch einen feinen Rotwein aus Frankreich trinken. Wiederum sorgte er dafür, dass der Wein mit etwas Wasser verdünnt wurde, aber es half ihm nicht weiter. Am Ende wurde er wieder betrunken.

Eines Tages rief er seine Frau und Kinder zu sich. »Ihr seid meine geliebtesten Menschen auf der Welt«, sagte er. »Ich habe euch eine Mitteilung zu machen. Ich habe Anisschnaps aufgegeben, dann den Whiskey und jetzt den Rotwein, und ich habe sie immer jeweils mit Wasser verdünnt.  Egal was ich tat, wurde ich immer betrunken. Ich habe mich jetzt entschlossen es sein zu lassen. Ab sofort gebe ich das Wasser auf.«

 

Seine Perle von großem Wert schaute ihn etwas verwundert an. »Mein Lieber, was hat deine Geschichte mit mir zu tun?«

»Das ist ganz einfach, meine Herzallerliebste. Als du mir sagtest, dass du die Hoffnung aufgeben willst, warst du wie mein Großvater, der das Wasser aufgeben wollte. Wenn ihr heilen wollt, was euch plagt, dann habt ihr beide das Falsche aufgegeben.«

 

Erik Riechers SAC, 19. Mai 2020

 

 

Summe des Tages

 

Vor Jahren klagte ein Bekannter am Ende eines Jahres, dass dieses Jahr so fürchterlich und schrecklich gewesen sei und er froh ist, dass es nun zu Ende gehe. Einerseits verstand ich ihn, wusste ich doch, dass er in der zweiten Jahreshälfte seine letzten Großeltern in kurzem Abstand verloren hatte. Doch wies ich ihn darauf hin: »Dies war aber nicht das ganze Jahr. Schau, welch wunderbaren Feste und Erlebnisse du in der ersten Hälfte hattest!« Er wurde still, hielt inne, und dann stimmte er mir zu. Das erste Halbjahr war sogar für ihn und seine Familie außergewöhnlich froh und strahlend gewesen - mit den beiden Alten!

 

In dieser Pandemiezeit kommt es mir oft so vor, als würde das Leben, das wir alle führen, nur auf eben diese Pandemie eingeschränkt oder so wahrgenommen, als wäre sie das einzig bestimmende Thema - egal auf welcher Seite der Betrachtung Menschen sich bewegen.

Gerade in diesem unserem Angebot von Siebenquell bemühen wir uns immer wieder, den Blick zu weiten auf das ganze Leben. Die Bibel spricht oft von der Fülle des Lebens und hier können wir den weiten Blick üben. Alles ist Leben: Leichtes und Schweres, Leid und Freude, Helles und Dunkles, Zerbrochenes und Geheiltes. Wenn wir modernen Menschen uns die Fülle wünschen oder hören, dass uns die Fülle versprochen ist, dann erwarten wir lauter Schönes, das wir auskosten möchten. Aber so ist das Leben nicht. Ein weiser alter Mann sagte auf seinem Sterbebett zu seiner Frau: »Lass mich doch auch dies hier genießen!« Er hatte sein Leben lang geübt, die ganze Fülle, die ganze Spannbreite des Lebens anzunehmen.

 

Friedrich Hölderlin, dessen 250. Geburtstag im März gedacht wurde, drückte dies in einem kleinen Gedicht so aus:

Wie mit den Lebenszeiten,

so ist es auch mit den Tagen.

Keiner ist uns genug,

keiner ist ganz schön,

und jeder hat, wo nicht seine Plage,

doch seine Unvollkommenheit,

aber rechne sie zusammen,

so kommt eine Summe

Freude und Leben heraus!

 

Wenn in der Bibel von der Herrlichkeit des Herrn oder der Herrlichkeit, die er für sein Volk bereithält, die Rede ist, wird oft das Wort »kabod« gebraucht und es drückt Schwere aus, Gewicht im Sinne von gewichtiger Bedeutung. Manch einer übersetzt herrlich mit »ganz schön schwer«.

Wir sind eingeladen, in der Summe eines Tages, eines Jahres, eines Lebens die Herrlichkeit zu sehen: alles ist da und hat sein Gewicht. Das bewahrt uns vor oberflächlicher Schönfärberei ebenso wie vor einseitigem Schwarzmalen.

 

Rosemarie Monnerjahn, 18. Mai 2020

 

 

6. Ostersonntag 2020

 

Bis zum letzten Geschlecht erzählen

Ich saß schon am Sterbebett von Menschen, die bereuten, dass sie ihren Kinder nicht mehr hinterlassen konnten. Sie verstanden ihren Beitrag an ihre Zukunft hauptsächlich im Sinne von finanziellen Bezügen, die sie hinterlassen würden.

Andererseits habe ich schon am Tisch gesessen mit den reich bedachten Erben, die sich in die Haare kriegten über ein Testament, das sie als ungerecht betrachteten. Sie waren gelegentlich sogar bereit, alle Familienbeziehungen zu zerstören, um an mehr Geld zu kommen. Sie waren wohl der Meinung, dass die Zukunft zwar mit Geld zu gestalten ist, aber ohne Familie.

Was wir der nächsten Generation hinterlassen, kann richtig gefährlich sein.

Was möchte ich der nächsten Generation hinterlassen? Vor dieser Frage steht Jesus. Der heutige Text aus dem Johannes Evangelium stammt aus der so genannten »Abschiedsrede Jesu«. Johannes gestaltet sie eindeutig als das Testament Jesu. Und Jesus greift einen Gedanken aus dem tiefen Herzen des Psalmisten auf:

»Ich öffne meinen Mund zu einem Spruch; ich will Geheimnisse der Vorzeit verkünden. Was wir hörten und erfuhren, was uns die Väter erzählten, das wollen wir ihren Kindern nicht verbergen, sondern zum letzten Geschlecht erzählen: die ruhmreichen Taten des HERRN und seine Stärke, die Wunder, die er getan hat.« (Ps 78,2-4)

 

In dem Testament Jesu legt er den größten Wert auf Beziehungen. Deshalb ist seine Hinterlassenschaft an die Jünger etwas, was sie nicht auseinander reißen wird, wie Geld, Land und Besitz, sondern etwas, was sie zusammenhalten sollte.

 

»Wer meine Gebote hat und sie hält,

der ist es, der mich liebt;

wer mich aber liebt,

wird von meinem Vater geliebt werden

und auch ich werde ihn lieben

und mich ihm offenbaren.«

 

Jesus hinterlässt die Liebe als sein Erbe an uns. Sie sollte uns binden und zusammen führen. Darin sieht er eine Zukunft für uns. Nun sind wir wieder bei der Frage: Was wollen wir der nächsten Generation hinterlassen?

Vor einigen Wochen hat der Lieutenant Gouverneur von Texas Dan Patrick sich über die wirtschaftlichen Schäden des Corona Virus beschwert. Da sagte er, dass viele Großeltern ihr Leben lieber auf das Spiel setzten würden als ihren Enkeln eine unstabile Wirtschaft zu hinterlassen. Auch das ist eine Antwort auf die Frage: Was wollen wir der nächsten Generation hinterlassen?

 Aber was für eine Zukunft wünsche ich den Menschen, die nach mir kommen? Reicht es uns wirklich, wenn wir Menschen eine gesunde, stabile  Wirtschaft, aber keine Liebe hinterlassen? Denn sie werden lebenslänglich davon verfolgt, dass sobald sie die stabile Wirtschaft gefährden, wir sie genauso kaltblütig opfern werden wie damals ihre Großeltern. Wird die Wirtschaft, für die ich mich opfern sollte, je für mich ein Opfer bringen, wenn ich krank, alt, arbeitslos oder arbeitsunfähig werde? 

Was machen wir mit einer Generation, die nach Inspiration lechzt? Soll die Wirtschaft ihre Muse sein? Was machen wir mit den Menschen, die wenig Anteil am Leben erfahren, aber keinen Anteil an unserer Wirtschaft haben? Die Liebe hätte dazu eine Antwort. Sollten die Künstler, die uns neue Worte und Bilder schenken, damit wir das einzig wahre Erbe nicht im Tode des Vergessens zurücklassen, einfach untergehen? Sie werden von der Wirtschaft sicherlich nicht als systemrelevant eingestuft.

Ich bestreite nicht, dass Menschen die Wahl von Dan Patrick treffen. Gerade in diesen Tagen erschreckt es mich, wie oft wir Menschenleben auf das Spiel stellen, um die Wirtschaft zu retten. Menschenopfer scheint wieder salonfähig zu sein.

Jedoch müssen wir alle diese Frage beantworten und es gibt eine Alternative. Wir könnten die Beziehungen der Liebe wählen. Für alle, die uns beerben werden, könnten wir unsere Leidenschaft für Leben, Beziehung und Liebe hinterlassen. Wir könnten die Liebe für einander, für Gott und seine Schöpfung so wertschätzen und schützen und sie der nächsten Generation weitergeben.

 

So beende ich meine Predigt mit einer Lieblingsgeschichte. Sie heißt  »Das Liebste« und erzählt auf bezaubernde Weise, wie eine Frau wusste, was sie erben möchte.

 

Es war ein Mann in Sidon, der lebte mit seiner Frau 10 Jahre zusammen, doch gebar sie ihm kein Kind. Da gingen sie gemeinsame vor Rabbi Simon ben Jochai und baten ihn ihre Ehe zu scheiden.

Der Rabbi sprach: „So wie ihr bei Speise und Trank zusammen gegeben wurdet, so sollt ihr euch auch trennen bei Speise und Trank.“

Der Mann hatte aber noch vorher zu seiner Frau gesagt: „Du darfst dir, was dir am liebsten ist, mitnehmen in deines Vaters Haus.“

Was tat seine Frau?

Sie bereitete ein reiches Mahl und stellte es so an, dass der Mann übermäßig viel trank. Als er eingeschlafen war, winkte sie ihren Knechten und Mägden und gebot ihnen: „Hebt ihn von seinen Bette auf, und tragt ihn in das Haus meines Vaters.“

Um Mitternacht erwachte der Mann aus seinem Schlaf, da der Wein von ihm gewichen war. Er sprach zu ihr: „Tochter, wo bin ich hingeraten?“

Sie antwortete: „Du bist im Hause meines Vaters.“

Er fragte sie: „Was soll ich da?“

Seine Frau erwiderte: „Hast du mir nicht gesagt, ich dürfte, was mir das Liebste wäre, mit mir nehmen? Nun habe ich nichts Lieberes als dich. “

Als Simon ben Jochai von dieser Begebenheit hörte, betete er für die Beiden und sie wurden mit einem Kinde gesegnet.

 

Nun, dazu kann ich nur eins sagen: Amen. 

 

Erik Riechers SAC, 17. Mai 2020

 

 

»Die Gebeine des Königs«

 

So wie jeder Tag eine neue Herausforderung darstellt und jeder Abend uns die Möglichkeit bietet, innezuhalten, zurückzuschauen und zu bedenken, was wir erlebt haben und wie wir unsere Erfahrungen deuten, so geschieht es auch in besonders herausfordernden und ungewöhnlichen Zeiten wie der unseren derzeit.

Seit Januar sind wir Zeugen, wie das neuartige Coronavirus sich über Ländergrenzen hinweg allmählich ausbreitete und inzwischen längst um den ganzen Erdball verteilt ist. Wir mussten erkennen, dass die Globalisierung der Wirtschaft, von Handel bis zu Tourismus, auch die Globalisierung von Erkrankungen mit sich bringt. Wer konnte ernsthaft glauben, dass dies unwahrscheinlich oder gar unmöglich sei?

Eine weitere Erfahrung machen wir in diesen Monaten. Lassen Sie sich dazu ein auf eine kleine Geschichte und schauen Sie selbst:

 

Die Gebeine des Königs

Es war einmal ein spanischer König, der war sehr stolz auf seine Herkunft und bekannt für seine Grausamkeit gegenüber Schwächeren. Einmal wanderte er mit seinem Hofstaat über ein Feld in Aragòn, wo Jahre zuvor sein Vater in einer Schlacht gefallen war. Dort trafen sie auf einen heiligen Mann, der in einem riesigen Haufen Knochen wühlte.

»Was tust du da?« fragte der König.

»Seid gegrüßt, Majestät«, sagte der heilige Mann. Als ich erfuhr, dass der König von Spanien hierher kommen sollte, beschloss ich, die Gebeine Eures verstorbenen Vaters zu sammeln, um sie Euch zu überreichen. Doch sosehr ich auch suche, ich kann sie nicht finden: Sie unterscheiden sich nicht von den Gebeinen der Bauern, der Armen, der Bettler und der Sklaven.«

                                               (aus: Paolo Coelho, Unterwegs/ Der Wanderer)

 

Rosemarie Monnerjahn, 16. Mai 2020

 

 

Sieh deine Möglichkeiten und handle!

 

Auf Instagram fiel mir ein Gedanke von Claudine Beckley ins Herz, die in Berlin ein Yogastudio betreibt. Sie schreibt dort:

»Memory from two years ago, when I injured my knee playing soccer, and was told all the stuff I couldn’t do. But everyday I sought out to find the things I could do. Maybe they looked different, and were different, but they fed joy and strength to my spirit.
I find myself in a very similar place right now mentally, and emotionally. When the limitations are set, what CAN you do? How can you continue to feed and nourish your spirit in these challenging times?«

 (»yogasportberlin«, March 24th, 2020,  Instagram)

»Erinnerung vor zwei Jahren, als ich mein Knie beim Fußballspielen verletzte und mir alles gesagt wurde, was ich nicht tun könnte. Aber jeden Tag suchte ich Dinge, die ich tun konnte. Vielleicht sahen sie anders aus und waren anders, aber sie nährten meinen Geist mit Freude und Kraft.

Ich befinde mich zurzeit an einem sehr ähnlichen Ort, geistig und emotionsmäßig. Wenn die Einschränkungen gegeben sind, was KANN man machen? Wie kannst du deinen Geist weiterhin ernähren und pflegen in diesen herausfordernden Zeiten?«

 

Claudine Beckleys  Überlegungen bewegen mich seit Tagen, weil ich eines gut kenne: mich treiben zu lassen von den Gedanken über Dinge, die alle nicht möglich sind - nicht mehr, noch nicht, gar nicht - wie auch immer. Seien wir ehrlich: jeder von uns weiß, wohin es führt, wenn ich mich dieser Sichtweise hingebe und ihr nichts entgegensetze. Dann werde ich passiv, suche Schuldige für meine schreckliche Situation, meine Sprache wird jammernd und vorwurfsvoll, Resignation und sogar Depression machen sich breit. In solchen Phasen spüre ich nichts von Gestaltungskraft und Freude, sondern eher Lähmung und Traurigkeit.

Claudine Beckley hielt sich damit nicht auf. Sie veränderte ihren Blick und ging nach ihrer Knieverletzung vor zwei Jahren auf die Suche. Sie suchte nach Möglichkeiten des Handelns und damit des Lebens. Sie stellte fest, dass vieles anders war im Vergleich zu Zeit und Möglichkeiten mit einem gesunden Knie, aber sie konnte vieles tun und dies zu erleben nährte ihre Freude und Lebenskraft.

In der Erinnerung daran kann sie in den ersten Wochen der virusbedingten Einschränkungen diese Erfahrung übertragen auf ihr und unser Leben jetzt. Denn um diese Frage geht es: Wähle ich das Leben?

Die Beantwortung dieser Frage ist existentiell für jeden einzelnen wie auch für uns als Gemeinschaft.

Am Ende seines Lebens legt Mose seinem Volk, das ihm über Jahrzehnte anvertraut war und das er nicht mehr ins Gelobte Land begleiten wird, eine großartige Perspektive und Aufgabe vor.

Siehe, hiermit lege ich dir heute das Leben und das Glück, den Tod und das Unglück vor, nämlich so: Ich selbst verpflichte dich heute, den HERRN, deinen Gott, zu lieben, auf seinen Wegen zu gehen und seine Gebote, Satzungen und Rechtsentscheide zu bewahren, du aber lebst und wirst zahlreich und der HERR, dein Gott, segnet dich in dem Land, in das du hineinziehst, um es in Besitz zu nehmen.

Den Himmel und die Erde rufe ich heute als Zeugen gegen euch an. Leben und Tod lege ich dir vor, Segen und Fluch. Wähle also das Leben, damit du lebst, du und deine Nachkommen. (Dtn 30, 15-16. 19)

Das Leben zu wählen ist der Auftrag - nur so ist Zukunft möglich.

Manchmal liegen die Lebensmöglichkeiten offen vor mir und ich wähle und gehe leichten Fußes.

Andere Male muss ich mich auf die Suche nach diesen Möglichkeiten begeben und es mag mir schwer fallen, sie zu finden. Doch schon die Suche selbst ist ein erster Schritt und eine Wahl FÜR das Leben!

Viele von uns kennen und lieben das Lied »Fluch und Segen hab ich gegeben in die Wahl deines Herzens«.

Lasst es uns auch in diesen Monaten singen und vor allem beherzigen!

Rosemarie Monnerjahn, 15. Mai 2020

 

 

»Dafür haben wir eine Geschichte« V

 

Der Lehrer gibt Antwort

Ich beginne jede Narrative Theologie Ausbildung mit dem Versuch, meine Studenten zu überzeugen, dass jeder Mensch Einsichten hat in biblische Erzählungen. Eine Geschichte des Glaubens dringt in unser Herz, ein Wort fällt uns auf. Die Geschichten Gottes wecken Leben in unseren Herzen. Nicht in auserwählten Herzen, besonders gebildeten Herzen oder privilegierten Herzen, sondern in allen Herzen. Der Besitz eines Menschenherzens ist der einzige Zugangscode, den man braucht. Das nennt John Shea das Werk der inspirierten Fantasie der Schrift.

»Wenn unsere Augen offen sind und unsere Ohren nicht mehr verstopft, dann werden unsere Lippen auch locker. Wir sprechen zurück zu dem, das uns zuerst ansprach.« Das nennt John Shea die antwortende Fantasie.

Dann schreibt John Shea diese Worte: »Wir sollten gar nicht überrascht sein zu merken, dass Freundschaft im Gespräch erblüht.« Eine Freundschaft erblüht im Gespräch zwischen der inspirierten Fantasie und der antwortenden Fantasie.

Als vier meiner Studentinnen die Not dieser Tage sahen, weckte die inspirierte Fantasie in ihnen den Satz, der zugleich Sehnsucht ist: »Dafür haben wir eine Geschichte«.

Ihre antwortende Fantasie hat viele Leser berührt und bewegt. Nun ist es Zeit, dass ihr Lehrer Antwort gibt mit seiner antwortenden Fantasie.

 

Die inspirierte Fantasie

Weiter sage ich euch: Was auch immer zwei von euch auf Erden einmütig erbitten, werden sie von meinem himmlischen Vater erhalten. Denn wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen. (Mt 18, 19-20)

 

Die antwortende Fantasie

In Dublins schöner Stadt, auf einem Platz in Trinity College vis à vis der großen Bibliothek, in der das »Book of Kells« untergebracht ist, da saß ein Mann mit einem großen schwarzen Hut. Er ist mein Freund. Ich halte achtsam ein Auge auf ihn, wie bei all meinen Freunden.

Er sieht alt aus, dacht ich mir. Sorgen und Bürden haben Linien in seinem Gesicht zurückgelassen. Seine Augen sind müde und das Lächeln kommt nicht mehr so leicht wie früher. Nun, da ich ein unaufhörlicher Leser der Herzen bin, weiß ich, dass das lediglich die Oberfläche ist. Ich weiß auch von der Verantwortung und dem Kummer, die Furchen durch sein Herz gezogen haben.

Und so wartete und wachte und lauschte ich.

Er hielt eine Zigarre in seiner rechten Hand. Erinnerungen des letzten Males, als er auf dieser Bank saß, plätscherten zu ihm zurück, wie die Flut zum Ufer zurückkehrt. Er hat zwischen zwei großen Geschichtenerzählern gesessen, die seine Lehrer waren und seine Freunde wurden. Ihre Dreifaltigkeit aus Freundschaft, Geistesverwandtschaft und Liebe erinnerte mich an meine. Sie hatten Zigarren geraucht und schallend gelacht. Sie feierten seine  Aufnahme in ihre Zunft der Erzähler. Wie sie sich aneinander freuten. Ich erinnere mich, weil ich auch dabei war. Es ist wirklich wahr: wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen. Ich kann mir nicht helfen. Freundschaft ist einfach unwiderstehlich für mich.

Viele Terminkalender hatten sich gefüllt seit diesem Tag und nun saß er alleine. Der Freund zu seiner Rechten war ins Haus meines Vaters gezogen und erfreut jetzt das Reich mit Dichtung und Geschichten. Sogar mein Vater hält inne und lauscht, wenn er anfängt, eine Geschichte zu weben. Es ist unwiderstehlich für ihn. Abba liebt Geschichten so.

Der Mann im großen schwarzen Hut war durch viele Tausende von Kilometern getrennt vom Freund, der zu seiner Linken gesessen hatte. Dieser Freund wurde fragil mit dem Alter und den zunehmenden Gebrechen. Einen Freund verloren, ein Freund weit weg. Es ist zu einem schrecklich einsamen Ort geworden.

Er rollte die Zigarre zwischen seinen Fingern, ein Token, ein Zeichen, ein Sakrament, das von Verbindungen sprach, die das Leben geschmiedet hat und der Tod nicht zerreißen konnte.

Und er seufzte.

Dann steckte er die Zigarre in die Innentasche seines Jacketts. Und ich hörte sein Herz murmeln: »Wie die Zunft geschrumpft ist. Ich muss mir eine kleinere Bank suchen.«

Er wandte sich dem Bündel von Papieren zu, das zu seiner Linken auf der Bank lag. Das waren die Geschichten vier seiner Studentinnen. Er musste sie lesen und korrigieren. Er nahm sie und fing an zu lesen.

Und so wartete und wachte und lauschte ich.

Und dann geschah es.

Ihre Geschichten ließen seine Augen vor Vergnügen glänzen, sein Herz mit Stolz schwellen, seine Lippen vor Erheiterung zucken. Bewunderung blühte auf und Aufregung wuchs bei gewonnenen Erkenntnissen und feinen Redewendungen. »Jesus, das ist wunderschön!« Es war kein Gebet, als es aus ihm rutschte, aber bei mir fühlte es sich so an. Zweimal sah ich ihn heimlich eine Träne wegwischen. Nachdem er die vier Geschichten gelesen hatte, lehnte er sich zurück und schloss seine Augen.

Das Ganze hatte ich schon einmal gesehen, in den Augen und Herzen und auf den Lippen seiner zwei Freunde, als sie beobachteten, wie seine Seele sich dehnte und seine Gabe sich entfaltete.

Und ich seufzte.

Dann griff er in sein Jackett und holte seine Zigarre wieder raus. Er zündete sie an, zog an ihr und lies die Spitze rot glühen. Er blickte herunter auf den Stapel der vier Geschichten. Ich hörte die Gedanken seines Herzens. »Danke, Herr, für die neuen Gefährten auf der Bank. Wie die Zunft gewachsen ist. Ich muss mir eine größere Bank suchen!«

Wisst ihr, es ist wirklich wahr. Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen. Ihr solltet mal Länge der Bänke sehen im Haus meines Vaters.

Und dann geschah es.

Ich sah ihn lächeln.

Und ich tat es auch.

Erik Riechers SAC, 14. Mai 2020

 

 

»Dafür haben wir eine Geschichte« IV

 

Wenn die Nebel sich lichten

 

Da gingen Petrus

und der andere Jünger hinaus

und kamen zum Grab;

sie liefen beide zusammen,

aber weil der andere Jünger schneller war als Petrus,

kam er als Erster ans Grab.

Er beugte sich vor

und sah die Leinenbinden liegen,

ging jedoch nicht hinein.

 

Diesen kleinen Auszug aus einer großen Erzählung möchte ich heute in den Mittelpunkt stellen. Sie bietet uns eine Hilfe, in dieser schwierigen Zeit Orientierung für unser Leben zu finden.

Unter den Atemschutzmasken können wir verunsicherte Menschen schon mal die Orientierung verlieren. Dabei geht es weniger um das Auffinden einer Straße oder Stadt, vielmehr um das Navigieren des eigenen Lebens. Wir sitzen hinter verschlossenen Türen aus Furcht vor der Bedrohung durch Corona und warten. Manchmal scheint es mir, als würden wir resigniert warten. Es gäbe jedoch eine andere Möglichkeit: Vom Warten zum Erwarten umzuschalten. Wir könnten einen Schritt machen in den Ostermorgen. Dabei kann uns Petrus eine Hilfe sein. Er hat sich von Maria von Magdala herausrufen lassen aus dem verschlossenen Haus und ist in den Garten gelaufen, um nach dem Grab zu sehen.

Ich kenne solch eine Erfahrung in meinem Leben, wenn ich eine wichtige Nachricht bekomme oder eine zündende Idee habe, dann möchte ich sofort aktiv werden, will ich sofort losrennen und schauen, was ich damit mache. Dann stehe ich davor, sehe, höre und plötzlich verlässt mich der Mut, dann weiß ich nicht, wie es gehen könnte, ich habe das Gefühl, ich stehe vor einem Berg und komme nicht hinauf. Ich weiß plötzlich nicht mehr, warum ich das wollte. Petrus ging es vermutlich ähnlich, da stand er, im leeren Grab, das kann doch nicht sein, noch vor 2 Tagen hat er es mit eigenen Ohren gehört und von weitem gesehen, dass Jesus gestorben war. Und jetzt ist der Leichnam weg.

Petrus sieht es, der Stein vom Grab ist weg gewälzt, er steht in diesem leeren Grab und sieht alles an, aber er konnte es noch nicht verstehen. Er war wie im Nebel, verwirrt, unsicher, ohne Orientierung. 

Wir erleben das gerade in den vergangenen Wochen. Eine Krise kommt und Menschen fangen an zu rennen, es kommt zu Hamsterkäufen und wir horten Dinge, von denen wir glauben sie unbedingt zu brauchen. Wir sehen die Notwendigkeit Kontakte zu lassen und fühlen uns eingeengt, beschränkt und vergessen, warum es notwendig ist.Dann wollen wir möglichst schnell wieder Normalität. Möchten schnellsten alle Einschränkungen aufgehoben wissen, selbst Gottesdienste sollen möglichst wie vor Corona stattfinden.

Wir schauen ins Grab, ja leer… und jetzt? Wir fühlen uns wie im Nebel, unsicher, verwirrt, so etwas haben wir noch nie erlebt, wie kommen wir da schnell durch?

Michael Ende lässt in der Unendlichen Geschichte den Helden Bastian mit einem Schiff durch ein Nebelmeer fahren. Die Nebelschiffer beeindrucken ihn, sie sind eine enge Gemeinschaft, unablässig führen sie einen gemeinsamen Tanz und ein wortloses Lied auf. Die Nebelfischer streiten nicht, weil sich keiner als einzelner fühlt. Ganz mühelos herrscht Harmonie zwischen ihnen. Wie problematisch diese Harmonie ist, merkt Bastian erst, als eine Nebelkrähe einen der Nebelschiffer packt und davonträgt. Zwar erschrecken die Nebelfischer kurz, doch sobald der Vogel mit seiner Beute verschwunden ist, beginnen sie wieder ihren Tanz. Weil sie alle gleich sind, vermissen sie den Geraubten nicht. Bei den Nebelschiffern gibt es keine Individualität, es gibt keine Klage, es gibt keinen Ort der Trauer. Niemand erinnert sich, der Einzelne zählt nicht. Sie wollen nur möglichst schnell wieder Normalität. Der eine ist weg, (das Grab ist leer) ja, weg, machen wir weiter wie immer.

Doch, wird das gehen? Einfach zur Normalität zurückkehren? Werden wir unser Leben so navigieren, schnell zurück wie vor Corona oder werden wir aus dieser Krise etwas lernen?

Wir kennen das. Manchmal irrt man durch das Leben wie im Nebel, besonders jetzt, in dieser Zeit, wo wir nicht wissen, wie es weitergeht, wo wir genervt, irritiert und unsicher sind, unser Leben durch den Nebel navigieren müssen. Nebelkrähen werden uns einzureden versuchen, wir kehren langsam zur Normalität zurück und gehen das Risiko ein, Menschen zu verlieren, auch in der Kirche, weil wir unbedingt Gottesdienste feiern müssen.

Die Erfahrung des leeren Grabes löste den Nebel, in dem Petrus sich befand, nicht auf. Erst allmählich und durch weitere Begegnungen mit dem Auferstandenen lichtet sich der Nebel. Da braucht es Geduld. Ganze 50 Tage dauert die Osterzeit und sie macht uns deutlich, dass Ostern, Auferstehung und Leben ein Prozess ist, der Geduld braucht und nicht von jetzt auf gleich geht.

Petrus hat durch die Begegnungen mit dem Auferstandenen erfahren, was sich in ihm alles verändert. Er hat den Auferstandenen erlebt und ist selber aufgestanden. Er begann im Nebel zu navigieren. Wir erinnern uns: Petrus war derjenige, der Jesus dreimal verraten hatte: Ich kenne ihn nicht – und diesen Verrat  bitter bereute.  Für ihn war nicht nur der Tod Jesu, sondern auch sein Verrat gegenüber seinem Freund und Lehrer ein tiefer Bruch. Petrus weiß, was es bedeutet: tiefste Verzweiflung zu erleben, enttäuscht zu sein über sich selber, mit sich selber ganz allein zu sein, sich selber auszuhalten, sich mit Selbstvorwürfen zu quälen. Für ihn war alles zu Ende …

Jesus zieht ihn heraus und hilft ihm zu navigieren. Dreimal stellt Jesus, später am See, die Frage: Liebst du mich? Und dreimal holt Jesus aus der Tiefe dieses Mannes mehr Leben und Liebe als den Verrat.

Allmählichkeit ist das Gebot der Stunde, nicht nur für Petrus, auch für uns. Im Nebel navigieren geht nicht so schnell. Es ist erfreulich, wenn Menschen wieder gemeinsam Gottesdienst feiern möchten, andererseits zeugt es von Ungeduld, wenn es um jeden Preis stattfinden soll. Die Beziehung zu Gott und mein Glaube hören nicht auf, wo Eucharistiefeiern nicht stattfinden können. Diese Krise ist eine Herausforderung, wo wir navigieren müssen, was dem Leben dient.

Petrus hat erfahren, was sich in ihm verändert hat, durch die Krise. Vielleicht spüren wir, was sich in uns verändert und mögen wir im Herzen erwägen und bewahren was dem Leben dient.

Sr. Andrea OP, Datteln, im April 2020                       veröffentlicht am 13. Mai 2020

 

Geborgen in den Psalmen

 

Seit den Iden des März 2020 sind mir die Psalmen noch mehr ans Herz gewachsen als zuvor.

Zeitweilige Quarantäne, zunehmende Einschränkungen - wir alle kennen es inzwischen zu Genüge!

Doch obgleich es seit kurzem allmähliche Erleichterungen gibt, bricht mancherorts Wut auf, Proteste werden lautstark geäußert und ich frage mich, wogegen die Menschen wettern. Gegen einen Virus? Gegen »die da oben«, die uns so viele strengen Bestimmungen auferlegten? Gegen ihr eigenes Ohnmachtsgefühl? Gegen irgendeinen gefühlten Feind?

Und ich kehre zurück zu den Psalmen, jenen uralten Liedern und Gebeten, gerichtet an das göttliche Gegenüber in allen Lebenslagen, die Menschen vor 3000 Jahren kannten und die wir heute kennen. Worte des Lobes und Jubelns, Klageworte in schweren Zeiten, Sehnsuchtsworte, Worte der Angst und Verzweiflung, und immer wieder Worte des Dankes. In allem weiß sich der Beter dem geheimnisvollen ewigen Schöpfer gegenüber, der den Menschen sieht, ihm vertraut, ihn groß denkt und liebt. Nichts ist zu gering oder zu dunkel, als dass der Mensch es Gott nicht sagen könnte. Und so vertraut sich der biblische Beter IHM an. Denn ihn erfüllt dieser Glaube:

HERR, du hast mich erforscht und kennst mich. Ob ich sitze oder stehe, du kennst es. Du durchschaust meine Gedanken von fern. Ob ich gehe oder ruhe, du hast es gemessen. Du bist vertraut mit all meinen Wegen. Ja, noch nicht ist das Wort auf meiner Zunge, siehe, HERR, da hast du es schon völlig erkannt. Von hinten und von vorn hast du mich umschlossen, hast auf mich deine Hand gelegt. Zu wunderbar ist für mich dieses Wissen, zu hoch, ich kann es nicht begreifen. (Ps 139, 1-5)

Wenn ich dies heute nachspreche und bete, spüre ich eine ungemeine Entlastung und ahne etwas von dem befreienden Vertrauen des Beters in diesen Gott, der ihn ganz kennt. Wie oft leide ich darunter, Menschen, die ich liebe, meine Gedanken nicht in der Tiefe erklären zu können; immer bleibt da ein Rest Fremdheit. Ebenso sind meine Wege: oft muss ich Wege gehen, die nur meine sind, die niemandem sonst vertraut sind. Einüben will ich mich in die Haltung »Du bist vertraut mit all meinen Wegen« und ohne Sorge gehen.

Außergewöhnlich ist unser Gott. So kann an anderer Stelle der Psalmist fast herausfordernd fragen: Wo ist ein Gott, so groß wie unser Gott? (Ps 77,14) Und er denkt nach über Gottes Taten, seine früheren Wunder; er erwägt all dies und betrachtet die Geschichte Gottes mit seinem Volk.

Ich kann mich den Psalmen anvertrauen, weil sie auch vom Verlassensein sprechen, weil sie nichts ausklammern, weil in ihnen alles vor diesem nahen und zugleich fernen Gott gesagt wird. Hier drückt sich aus, wie der Mensch seinen Weg durch die Höhen und Tiefen des Lebens geht in lebendiger Beziehung zum Herrn seines Lebens.

Ihn kann er am Ende des Psalms 139 dann auch bitten:

Erforsche mich, Gott, und erkenne mein Herz, prüfe mich und erkenne meine Gedanken! Sieh doch, ob ich auf dem Weg der Götzen bin, leite mich auf dem Weg der Ewigkeit!

Welch eine Bitte! Möge ich nicht die Götzen der eigenen Allmacht anbeten, der Überheblichkeit, alles im Griff haben zu müssen. Möge ich auch nicht andere Menschen zu Götzen machen und ihnen alle Verantwortung übertragen. Das führt unweigerlich zu dem, was wir gerade auf den Straßen erleben.

Nein, auf dem Weg der Ewigkeit möge ich gehen und immer klarer das erkennen und leben, was wesentlich ist.

Verstehen Sie ein wenig, warum ich die Psalmen liebe?

 

Rosemarie Monnerjahn, 12. Mai 2020 

 

»Dafür haben wir eine Geschichte« III

 

Warme Herzen und Augen, die erkennen

 

Vor etlichen Wochen – mitten in der Vorbereitung auf das Osterfest – sind wir in eine Krise geraten, wir alle, Jünger und Jüngerinnen Jesu und das ganze Volk.

Ausgelöst wurde sie durch einen Virus, der jeden von uns treffen kann. Seither konnten wir in nur kurzer Zeit eine Menge neuer Erfahrungen machen.

Ich habe den Eindruck, dass besonders die positiven Erlebnisse für manche Menschen überraschend daherkommen. In diesen Tagen höre ich Worte wie: „Ich habe gar nicht gewusst, welch wunderbare Nachbarn ich habe“, so ein älterer, alleinstehender Herr. „Sie bringen mir Essen vorbei und sorgen sich um mich.“ „Ich bin nicht vergessen, das tut mir so gut“ erzählte mir jemand. „Was ihr für mich tut, ist ja nicht zu fassen, wie kann ich das nur wieder gut machen?“, sagte eine ältere Dame. „Es ist tröstlich wahrgenommen zu werden, das tut so gut in diesen Zeiten“. Und auch diese Nachricht erreichte mich: „Wegen des Corona-Virus habe ich ganz besondere Karfreitagserfahrungen gemacht und eine einmalige und sehr bewegende Osternacht erlebt.“ „Ich hatte ein sehr erfülltes Osterfest und bin dafür sehr, sehr dankbar“ Diese und ähnlich frohe und ermutigende Worte höre ich in dieser Osterzeit immer wieder. Sie gehen einher mit den schmerzlichen Erfahrungen vom Alleinsein, der Angst vor der Zukunft, der Überforderung, der Isolation…

 

Wir haben eine biblische Erzählung (Lk 24, 13-35), die auch von einer Krisensituation und diesen neuen Erfahrungen spricht:

Zwei Freunde sind auf dem Weg in das Dorf Emmaus. Sie sehen in Jerusalem keine Zukunft mehr, nachdem ihr Lehrer und Freund Jesus tot ist. Obwohl er ihnen gesagt hat, dass er sterben und auferstehen wird, obwohl Frauen aufgebracht vom leeren Grab berichtet haben, begreifen sie nicht; ihre Herzen sind voll Leid und Schmerz. Und sie geben auf, entfernen sich vom Ort des neuen Lebens. Auch das erleben wir in unseren Tagen.

 

Unterwegs begegnen sie dem, den sie so schmerzlich vermissen, der aus ihrer Mitte gerissen wurde. Ihre Herzen fließen über von dem, was in ihnen ist: Enttäuschung, Frust und Trauer und sie bleiben blind, sie können ihn nicht erkennen.

 

Offensichtlich jedoch tut ihnen die Nähe des Fremden gut, hören sie ihm gerne zu und spüren sie etwas, was sie nicht benennen können. Es ist so stark in ihnen, dass sie ihn einladen, über Nacht zu bleiben.

 

Und dann gehen ihnen die Augen des Herzens auf, als er mit ihnen am Tisch sitzt und das Brot teilt. Jetzt erkennen sie, wer da mit ihnen unterwegs ist. Und im nächsten Augenblick können ihre leiblichen Augen ihn nicht mehr sehen.

 

Kennen Sie das? Diesen einen Moment, in dem Ihnen die „Herzaugen“ aufgehen und das Erkennen tief in sie hineinfällt?

Und dann nehmen Sie dieses warme Empfinden wahr, dass Sie schon über längere Zeit begleitet hat und das Sie immer dann spüren, wenn ein Anderer ein Stück Leben – ein Stück Brot - mit ihnen teilt?

 

Für uns Christen wurde es in diesem Jahr Ostern, ohne dass wir gemeinsam einen Gottesdienst besuchen konnten und viele von uns haben ihn sehr schmerzlich vermisst. Auch das gehört zu unseren neuen Erfahrungen.

 

Zugleich spüre und erlebe ich, wieviel Eucharistie-Erfahrungen Menschen gerade in dieser Zeit gemacht haben: Segen durch geteiltes Leben, durch wöchentliche Sonntagsbriefe, durch Gespräche am Telefon, Ostergrüße in Form von gesegneten Palmzweigen, Osterkerzen und wärmende Worten zum Fest…

Was in den Herzen ankommt, ist die Botschaft: „Ich gehöre dazu. Ich bin nicht vergessen, ich werde gesehen und wertgeschätzt. Ich bin für andere von Bedeutung“.

 

Im Nachhinein nehmen die beiden Jünger wahr, dass sich ihre Herzen allmählich erwärmten, als Jesus ihnen den Sinn der Schriften eröffnete. Jesus legt offen und lässt die beiden Anteil nehmen, lässt sie tief hineinschauen in den Sinn von Gottes Wort. Sie machen eine Erfahrung, die sie nicht mehr vergessen werden, von der sie immer sagen können, wann, wo und wie sie Jesus begegnet sind. Auch das kennen wir. Dieses Osterfest wird Menschen in Erinnerung bleiben.

 

Jesu Worte erwärmen die Herzen der beiden Jünger, in seinem Tun teilt er das Leben mit ihnen und sie erkennen den, den Gott zum Leben hat aufstehen lassen.

Es ist nicht das feierlich gesungene Halleluja, in dem wir Jesus erkennen. In keiner biblischen Ostergeschichte kommt ein Halleluja vor; von Angst und von verschlossenen Türen wird erzählt. Es ist das Brechen des Brotes, das Teilen des Lebens – wo auch immer es geschieht –, in dem wir erkennen, wer und was von Gott kommt.

 

Die beiden Jünger erkennen Jesus nicht in einer Synagoge und auch nicht im Tempel von Jerusalem. Unterwegs, sozusagen auf der Flucht, beginnen ihre Herzen sich zu erwärmen, als Jesus mit ihnen redet. Und als sie zu Hause sind, zusammen am Tisch sitzen und gemeinsam essen, da gehen ihnen die Augen auf.

 

Und noch etwas ist in dieser Geschichte von Bedeutung: Es sind nur zwei von vielen Freunden Jesu, die hier unterwegs sind. Nicht alle sind dabei, als sie diese Erfahrung mit dem Auferstandenen machen. Gerne hätten wir zusammen mit allen aus unserer Kirchengemeinde den Ostergottesdienst gefeiert – es durfte in diesem Jahr nicht sein – dennoch können wir Jesus begegnen, zu zweit, zu dritt, in der Familie, zusammen mit den Kindern, als Paare, in Lebensgemeinschaft und als Single.

 

Warme Herzen und Augen, die erkennen, geben Zeugnis vom LEBEN – geben Zeugnis von Gott! Bewahren wir uns in diesen Tagen der Krise unsere warmen Herzen und unsere Augen des Erkennens, damit sie uns für die Zeit, die uns danach erwartet, nicht verloren gehen.

Sr. M. Josefa, Datteln, 25. April 2020                                                      veröffentlicht am 11. Mai 2020  

 

 

5. Ostersonntag 2020

 

Nach all dieser Rede vom Haus des Vaters, einem Platz zum Leben und Räumen, die vorbereitet werden, ist es leicht zu übersehen, was das eigentliche Anliegen Jesu ist. »Euer Herz lasse sich nicht verwirren«. Genau um diese Verwirrung zu vermeiden, spricht Jesus über das Haus seines Vaters.

 

Ironischerweise ist aber dieses Haus der vielen Wohnungen oft der Anlass für die Verwirrung des Herzens. Denn obwohl Jesus über das Haus spricht, tut er es, um unseren Blick frei zu halten für den Weg.

 

Johannes arbeitet hier mit zwei großen Bildern, nämlich dem Haus und dem Weg. Das Haus ist das Bild für unsere Zukunft, für das Ziel unseres Lebens, der Ort wo wir am Ende aller Tage Geborgenheit und Beheimatung finden werden. Der Weg dagegen ist ein Bild für unser Leben und zwar hier und heute.

 

Jesus will  sich über dieses Leben, unser Leben, unterhalten, denn er befürchtet, dass wir durch eine Überbetonung des Bildes vom Haus des Vaters (Zukunft und Ziel) vom Leben hier und heute abgelenkt werden. Das führt dazu, dass wir nachher verwirrte Herzen haben.

 

Seine Sprache über das Haus seines Vaters sollte eine doppelte Befreiung bewirken.

 

  1. Freiheit von der Fixierung auf das Ziel. Das führt entweder zu
    1. Angst oder
    2. lähmender Faszination.
  2. Freiheit für die Konzentration auf den Weg (das Leben). Das heißt, frei für
    1. die Aufgaben des Lebens sowie für
    2. die Freude am Leben.

 

Was passiert, wenn wir auf das Ziel (das Haus) fixiert sind? Wir sind so fixiert auf den Himmel, den wir noch nicht betreten haben und ignorieren die Erde, auf der wir gehen. Es ist wie bei einer plötzlichen Reise. Wir brechen auf, haben ein Ziel vor Augen, haben aber keine reservierte Übernachtung vorbereitet. Weil wir unsicher sind, was passieren wird, wenn wir ankommen, sind wir von der Reise und dem Weg abgelenkt. Denn die ganze Zeit sind wir beschäftigt mit Sorgen um die Zukunft. »Was passiert, wenn wir ankommen? Müssen wir draußen bleiben? Müssen wir in der Kälte bleiben? Müssen wir im Dunkeln bleiben? Bleiben wir unversorgt, ausgeliefert, oder obdachlos?«

 

Die Botschaft Jesus ist einfach. Darüber sollten wir uns den Kopf nicht zerbrechen. Wir werden beheimatet sein, es gibt Raum und Platz für uns im Haus unseres Gottes. Dieser Zuspruch sollte uns bewahren vor einer übertriebenen Sorge um unsere Zukunft, die uns ablenkt vom Weg (das Leben). Für unser zukünftiges Leben ist gesorgt.

 

Die Aufgabe des Lebens ist der Weg. Die sorgenvollen Fragen über das, was wir vorfinden am Ende aller Tage sollten wir nicht in die Zukunft projizieren. Die Fragen gelten für den Weg des Lebens. Wir sollten uns diesen Fragen hier und jetzt stellen und sie beantworten.

 

»Was passiert auf dem Weg, wenn Menschen ankommen wollen? Wer muss draußen bleiben? Wie viele müssen in der Kälte bleiben? Wie viele müssen im Dunkeln bleiben? Wie viele müssen unversorgt, ausgeliefert oder obdachlos bleiben?«

 

Darum sagt Jesus über das Haus: den Weg dorthin kennt ihr. Er hätte lieber, dass wir uns auf die Aufgabe des Lebens, des Weges, konzentrieren.  Dann kommen wir schon zum Haus des Vaters, denn dieser Weg führt dorthin.

 

Die Fixierung auf das Haus führt auch zu einer Faszination, die lähmt. Dann reden un d denken wir nur noch über eine Zukunft, die wohl besser sein wird als unsere Gegenwart. Wie schön, wohltuend, geräumig, befreiend, entlastend und ruhig es sein wird, wenn wir endlich ankommen.

 

Auch das lenkt uns vom Weg ab, in diesem Fall, von der Freude und dem Genuss des Lebens. Das verwirrt das Herz. Und genau davor will uns Jesus bewahren.

 

Alle Zeitungen, Nachrichten und Gesprächsrunden sind beschäftigt mit der neuen Zukunft nach Corona. Es ist eine Beschäftigung mit der Wiederherstellung unseres Hauses, Wohlstandes und unserer Wirtschaft. Wir sind so fixiert darauf, wo wir hin möchten, dass wir aus dem Blick verlieren, wo viele gerade heute sind: in Lagern, auf der Flucht, in Hungersnot, Seuchen schutzlos ausgeliefert.

 

Und auf dem Weg sollten wir dazu lernen. Wir sollten die Gerechtigkeit zu lieben lernen. Im  Leben sollten wir alles genießen und wertschätzen, was mit Liebe zu tun hat, die Beziehungen höher schätzen als die Wirtschaft und die wohltuende Freude der Barmherzigkeit entdecken. Auf dem Weg sollten wir gute und restaurative Erfahrungen mit dem Dienen machen und die tiefe Genugtuung des Tröstens spüren. Auf dem Weg sollten wir die Freude des Teilens in vollen Zügen auskosten.

 

Sollte allerdings das alles auf dem Weg des Lebens nicht unser Ding sein, dann werden bei der Ankunft im Haus des Vaters unsere Herzen verwirrt sein. Denn das Haus des Vaters wird uns wie eine Hölle erscheinen. Es wird zwar eine Hölle mit viel Platz, aber nichts desto weniger eine Hölle. Denn diese Wohnungen sind eben so geräumig und weit, weil sie Platz bereiten für Gerechtigkeit, Liebe, Beziehung, Barmherzigkeit, Dienen, Trösten und Teilen. Wenn wir sie nicht auf dem Weg alle lieben gelernt haben, dann wird das Haus zu unserer Hölle.

 

Gott sorgt dafür, dass diese Dinge viel Raum bekommen, wenn wir unser Ziel erreichen. Wir brauchen uns allerdings nur Sorgen zu machen, dass sie viel Raum bekommen auf unserem Weg, in unserem Leben. Das Haus war immer die Verantwortung Gottes. Der Weg ist unsere Hausaufgabe.

 

Erik Riechers SAC, 10. Mai 2020

 

 

Biblische Impfung gegen die Resignation

 

Die Apostel und die Brüder in Judäa hörten, dass auch die Heiden das Wort Gottes angenommen hatten. Als nun Petrus nach Jerusalem hinaufkam, hielten ihm die gläubig gewordenen Juden vor:  Du bist bei Unbeschnittenen eingekehrt und hast mit ihnen gegessen.  Da begann Petrus, ihnen der Reihe nach zu berichten: Ich war in der Stadt Joppe und betete; da hatte ich in einer Verzückung eine Vision: Eine Art Gefäß, das aussah wie ein großes Leinentuch, das, an den vier Ecken gehalten, auf die Erde heruntergelassen wurde, senkte sich aus dem Himmel und es kam bis zu mir herab. Als ich genauer hinschaute, sah und betrachtete ich darin die Vierfüßler der Erde, die wilden Tiere, die Kriechtiere und die Vögel des Himmels. Ich hörte auch eine Stimme, die zu mir sagte: Steh auf, Petrus, schlachte und iss! Ich antwortete: Niemals, Herr! Noch nie ist etwas Unheiliges oder Unreines in meinen Mund gekommen. Doch zum zweiten Mal kam eine Stimme vom Himmel; sie sagte: Was Gott für rein erklärt hat, nenne du nicht unrein! Das geschah dreimal, dann wurde alles wieder in den Himmel hinaufgezogen. Und siehe, gleich darauf standen drei Männer vor dem Haus, in dem wir wohnten; sie waren aus Cäsarea zu mir geschickt worden.  Der Geist aber sagte mir, ich solle ohne Bedenken mit ihnen gehen. Auch diese sechs Brüder zogen mit mir und wir kamen in das Haus jenes Mannes. Er erzählte uns, wie er in seinem Haus den Engel stehen sah, der zu ihm sagte: Schick jemanden nach Joppe und lass Simon, der Petrus genannt wird, holen! Er wird dir Worte sagen, durch die du mit deinem ganzen Haus gerettet werden wirst. Als ich zu reden begann, kam der Heilige Geist auf sie herab, wie am Anfang auf uns. Da erinnerte ich mich an das Wort des Herrn: Johannes hat mit Wasser getauft, ihr aber werdet mit dem Heiligen Geist getauft werden. Wenn nun Gott ihnen die gleiche Gabe verliehen hat wie uns, als wir zum Glauben an Jesus Christus, den Herrn, gekommen sind: Wer bin ich, dass ich Gott hindern könnte? Als sie das hörten, beruhigten sie sich, priesen Gott und sagten: Gott hat also auch den Heiden die Umkehr zum Leben geschenkt. (Apg 11, 1-18)

 

Petrus kommt zurück und hat keine Chance, das Neue, das gerade Erlebte zu genießen, es zu feiern, es auszukosten. Sofort kommt die nächste Auseinandersetzung, die nächste Aufgabe. Dann kommen die Vorwürfe.

 

Das erlebe ich gerade. Wir haben gerade die ersten Lockerungen der Einschränkungen, aber der Ton wird nicht lockerer, sondern härter, vorwurfsvoller. Kaum spüren wir die ersten Erleichterungen, die wir uns ersehnt haben und schon klagen Menschen, dass es nicht reicht, nicht genügt, nicht weit genug gegangen ist. Wir kosten das Erreichte nicht aus, sondern stürzen uns in die nächste Stufe der Auseinandersetzung.

 

Damals bis heute sollten wir uns die Frage stellen: Warum mit Vorwürfen anfangen? Warum nicht erst Fragen stellen, sich erkundigen über das, was geschah und was ablief? Warum nicht zuerst die Frage stellen, was das zu bedeuten hat, anstatt ihm gleich mit Vorurteil zu begegnen als etwas Schlechtes?

 

Da kann die Haltung des Petrus uns sehr helfen. Er bekommt keinen Vorschuss an Vertrauen. Er steht Rede und Antwort. Er spricht alles an, Schritt für Schritt, der Reihe nach, ohne etwas zu überspringen.

 

Er verheimlicht nicht wo er war (Joppe), mit wem er zusammen war (Kornelius), oder was er getan hat (taufen). Er spricht offen von einer persönlichen Vision, die ihn sehr herausgefordert hat, die seine eigenen Überzeugungen in Frage stellte und mit der er ringen musste.

 

Er tut das in einer Atmosphäre der aggressiven Konfrontation und des Vorwurfs. Trotzdem lässt er diese Atmosphäre nicht bestimmen darüber, worüber er redet, lässt nicht zu, dass sie ihn ablenkt von seinem Herzensanliegen. Er spricht von dem, was seins ist.

 

Das wird eine große Aufgabe für uns sein. Ich setze mich gerade mit vielen Vorwürfen und Beschwerden auseinander über die Art, wie ich die Krise begleite durch Wort, Erzählung und Impuls. Einige beschweren sich, dass es nicht reicht, andere meinen, es sei zu viel, wieder andere meinen, es müsste anders verbreitet werden als über die Website. Das wird nicht nur mir passieren. Die Frage ist: Werden solche Menschen bestimmen, worüber wir reden?  Werden die Vorwürfe und Unzufriedenheit solcher Menschen uns von unseren Herzensanliegen ablenken? Oder werden wir sprechen von dem, was unsers ist, von der Erneuerung, der Freude, der Lebensunterweisung, die wir erlebt haben, auch in dieser Krisenzeit? Wie Petrus könnten wir erzählen, wo wir in diesen Tagen waren, mit wem wir sie durchlebt haben, was wir getan haben, das Tiefste, was wir erlebt haben, das, was uns herausgefordert hat und auch unsere früheren Überzeugungen in Frage stellen. Wir könnten auch von dem erzählen, was uns noch ringen lässt, weit über die Tage der Krise hinaus.

 

Ich kann die Atmosphäre des Vorwurfs weder kontrollieren noch bestimmen, aber ich weigere mich ihr zu dienen. Die Vorwurfsvollen werden nicht bestimmen, was ich erzähle, wie ich lebe, wem und wie ich dienen werde. Denn am Ende meiner Betrachtung gebe ich eines zu bedenken. Wir haben in der Apostelgeschichte die Vorwürfe derer gehört, die an nichts teilgenommen haben. Sie sind zu Hause geblieben. Es gab keine Reise, Bürden, Knochenarbeit, Abenteuer oder Risiko für sie. Wie hätten Kornelius und sein ganzes Haus uns ihre Geschichte erzählt? Ehrlich gesagt, interessieren mich diese Geschichten weit mehr als die ewigen Vorwürfe der Zaungäste des Lebens.

 

Erik Riechers SAC, 9. Mai 2020

 

 

Erfahrungen und Gedanken einer Lehrerin - ein Gastbeitrag

 

 4.Mai – Erster Schultag in der Coronakrise – Back to school

 

Ich wache auf. Der Mond ist schuld. Er trifft direkt auf mein Gesicht. Ich liege wach. Wie soll es werden? Ich weiß es immer noch nicht. Vielleicht ist der Mond ja nur halb schuld. Da sind sie wieder, diese nicht zu Ende gedachten Gedanken, die tagsüber heranspülen, unbeachtet bleiben und dann nachts aufdringlich werden. Wie soll es also werden?

 

In zwei Tagen ist nach sieben Wochen zum ersten Mal wieder Unterricht. Maskenpflicht, Hygieneplan. Mein zahlenmäßig zu großer Englischkurs wird wegen der Corona Zeiten in zwei Gruppen eingeteilt, in nebeneinander liegende Klassenräume. Wie soll das werden? In zwei Räumen gleichzeitig das Gleiche unterrichten. „Achten Sie darauf, dass gut gelüftet wird. Ob die Schüler und Schülerinnen auch im Unterricht die Masken aufbehalten, das entscheiden Sie. Erlauben Sie ihnen im Unterricht zu essen und wenn jemand auf Toilette muss, denken Sie daran, dass wir nun eine Toilettenaufsicht eingeführt haben..“ Gut. Aber womit beginne ich? Wie soll er werden, der Unterricht, die Wiederaufnahme?

 

Im März behandelten wir den Amerikanischen Traum. Anfang Mai nun trauen wir unseren Augen immer weniger, wenn wir Nachrichten hören oder sehen von der anderen Seite des Atlantik: Von Massengräbern in der Nähe von New York ist die Rede, von Schwarzen, die sich nicht trauen, einen Mund-und Nasenschutz zu tragen, weil Weiße dann noch mehr Angst vor ihnen hätten. Bilder huschen über den Bildschirm von einer aufgebrachten Masse ganz ohne Masken, die eine Aufhebung der Kontaktbeschränkungen fordert, die Öffnung von Gaststätten und die Rückkehr zu den Arbeitsplätzen. Arbeitslose verlieren mit ihrem Job auch ihre Krankenversicherung. Lange Autokolonnen bilden sich vor food banks, der kostenlosen Essenausgabe. Bewaffnet sind  Demonstranten, weil ihr Präsident dazu ermutigt hat von ihrem Grundrecht auf Waffenbesitz Gebrauch zu machen. Die USA. Was war  noch gleich der amerikanische Traum?

 

Der März liegt Lichtjahre zurück. Völlig unbeteiligt und teilnahmslos habe ich im Klassenbuch festgehalten, dass wir anscheinend damals darüber sprachen, dass alle Menschen ‚gleich erschaffen‘ wurden. - Eine Binsenweisheit. - Alle notierten sie beflissen, genau wie die Errungenschaften der Presse-, Rede- und Religionsfreiheit. In der Verfassung verankert. - Kaum der Rede wert. Selbstverständlichkeiten, die uns umgaben. -

 

Also wie, lieber Mond, geht es jetzt weiter? Unruhig wälze ich mich her und hin mit meinen kreisenden Plagegeistern. Lasst mich doch schlafen, woher soll ich denn wissen, wie es weitergeht?

 

Und heute ist es nun soweit. Ich hole die SchülerInnen wie angeordnet, erstmalig auf dem Pausenhof ab. Alle sitzen und stehen dort verteilt in kleinen Gruppen zusammen. Ich winke ihnen zu, erkenne ihre Augen. Dann folgen sie mir im Gänsemarsch, mit 1,5 Metern Abstand in die Klassenräume. Das neu beklebte Einbahnsystem der Gänge ist noch ungewohnt. Zwei Jugendliche gehen nebeneinander. Ich erinnere sie an das Gebot der Stunde: Abstand und hintereinander gehen. Sie folgen aufs Wort.

 

 „Maske runter, oder nicht?“, fragt mich einer, im Klassenraum angekommen. Ich schaue mich um. Jeder sitzt alleine an einem Tisch. Der Abstand zum Pult ist groß. Ich selber bekomme kaum Luft unter der Stoffmaske: „Take it off“. Alle atmen erleichtert auf. „Open the windows“ – schon strömt kühle Luft herein. Durchzug entsteht, das soll die Infektionsgefahr herunterfahren.

 

Auch im Nebenraum nehmen sie die Masken ab. Und jetzt? Wie soll es werden????

 

Ich beginne ruhig und begrüße sie. Es ist halb vier. Neunte Stunde. Wer ist schon seit acht Uhr an der Schule? - Ich weiß es nicht.

Ich bitte alle, den Fragebogen auszufüllen, den ich austeile. „Wie hast du die Krise erlebt? Welche Gefühle hast du zum ersten Mal gespürt? Was hat dir in den letzten Wochen geholfen? Wo bekamst du Unterstützung? Gab es auch positive Momente? Manche behaupten, dass Krisen auch lehrreich sein können – did you learn something new?“

 

Sie holen ihre Stifte raus. „Nehmt Euch Zeit und beantwortet die Fragen in Ruhe. Schreibt auf einem Extrablatt Papier weiter, wenn ihr mehr Platz braucht. Ich bin mal kurz nebenan, bei den anderen. Sie bekommen die gleichen Fragen.“

 

Und dann ist es ganz leise. Konzentration schwebt. Wir haben alle Zeit der Welt. Ich gehe in Gedanken die Anwesenheitsliste durch. Erinnere mich an ihre Namen und Gewohnheiten. Freue mich, sie endlich wiederzusehen. Denke an Hertha, die zuhause bleibt, weil sie zu einer Risikogruppe gehört – mit Vorerkrankung. Meine Aufregung legt sich. Es wird. Es wird schon -  auch heute.

 

„Seid ihr fertig?“ Die ersten melden sich zu Wort. Erzählen von ihren Erlebnissen und Erfahrungen: - ‚Meine Familie hat mir geholfen, da durch zu kommen‘, erzählt eine. ‚ Und weil ich meine ältere Schwester so selten sehe und sie plötzlich wieder zu Hause eingezogen ist, da habe ich mich so gefreut. Ich verstehe mich gut mit meiner Familie und ich weiß, dass das nicht allen so geht.‘

- ‚ Wenn ich nicht eine Stunde mindestens am Tag draußen hätte sein können, ich weiß nicht, was dann passiert wäre‘, meint ein anderer.

-‚Ich war auch jeden Tag mit unseren Hunden draußen. Wir haben drei. Aber zu Hausaufgaben, ganz ehrlich, zu Hausaufgaben für die Schule konnte ich mich nicht motivieren. Aber zuhause habe ich schon mitgeholfen. Überall.‘

- „Ich habe gelernt, dass alle im Grunde nur an sich denken. Als das Toilettenpapier knapp wurde, da hat doch jeder nur an sich gedacht. Das hätte ich vorher nie für möglich gehalten‘.

- ‚ Wir haben Verwandte in Frankreich. In Deutschland hatten wir doch gar keine Krise. Da müssen wir doch nur an die Menschen in den anderen Ländern denken.“

 

„Für mich war es schwierig. Ich war so unproduktiv. So kenne ich mich gar nicht“, merkt Sabine leise an. ‚Ich dachte, jetzt kannst du doch eine Sprache lernen oder viel Sport machen, Vokabeln lernen, lesen – aber ich hatte zu nichts Lust. Ich hatte keine Energie. Ich war mir selber fremd und ich habe angefangen mich dafür zu hassen… später wurde es dann langsam besser. Ich habe mich gezwungen. Meine Eltern haben mich beobachtet. Soviel Zeit zuhause. Normalerweise ist zuhause immer verbunden mit Freizeit. Aber plötzlich hatte ich Schule zuhause.  Es war schrecklich. Und dann habe ich angefangen alles aufzuschreiben. Als ich es anschließend gelesen habe, habe ich mich gewundert, dass ich den Text selber geschrieben habe…  Aber ich dachte mir, schreib weiter, schreib alles auf, bevor du es vergisst.‘

 

Alle hören zu. Sie wissen,  jedes Wort ist freiwillig. Wir kennen uns – vertrauen.

 

Als es still ist, frage ich nach, für wen es eine Lernerfahrung war. Alle melden sich. Sie schauen sich um und einander an. Die Stille tut gut. Wir sind wieder zusammen.

 

„Und warum meint ihr, beginnen wir unseren Unterricht heute mit diesen Fragen?“

-„Wegen der Vokabeln?“

- „Damit wir nachdenken?“

 

Ich schaue in die Runde.

Feli meldet sich. „Ich weiß nicht, warum wir damit beginnen. Sie sind die erste, die mir solche Fragen stellt und es war das erste Mal, dass ich heute Zeit hatte, darüber nachzudenken. In den anderen Stunden haben wir direkt mit dem Stoff weitergemacht. Wegen der Klausuren, die jetzt kommen. Aber die Fragen… irgendwie war das gut jetzt...“

 

„Wir haben mit den Fragen begonnen, weil ich möchte, dass wir alle etwas aus dieser Zeit mitnehmen. Die Coronakrise wird nicht die letzte Krise sein, die ihr mitmacht. Das ist so im Leben. Und ich weiß, dass es für einige von Euch auch nicht die erste Krise ist. Wir sind in einem Strudel, der unseren ganzen Alltag durcheinander wirbelt. Und wir lassen uns durchwirbeln. Werden mitgerissen, ob wir wollen oder nicht.  Aber wir können auch mal an die Seite treten, draufschauen, von oben sozusagen und inne halten. Wir können versuchen zu verstehen, was da mit uns und in uns geschieht.“

 

„Glauben Sie also, dass wir für die nächsten Krisen dann besser gewappnet sind?“, meint Leon nachdenklich.

 

„Ja, das hoffe ich. - … - Und jetzt raus mit Euch. Ab nach Hause. Zieht die Masken wieder an und schließt bitte die Fenster. See you tomorrow.“

 

So war es also.

Heute nacht schlafe ich sicher gut.

Und der Mond kann ruhig zuschauen.

 

Herzlichen Dank an Christiane Bals, 8. Mai 2020

 

»Dafür haben wir eine Geschichte« II

 

»BeziehungsWeise«

 

Sie zogen zusammen weiter, und er kam in ein Dorf.

Eine Frau namens Marta nahm ihn freundlich auf.

Sie hatte eine Schwester, die Maria hieß.

Maria setzte sich dem Herrn zu Füßen

und hörte seinen Worten zu.

Marta aber war ganz davon in Anspruch genommen, für ihn zu sorgen.

Sie kam zu ihm und sagte: „Herr, kümmert es dich nicht, dass meine Schwester die ganze Arbeit mir überlässt? Sag ihr doch sie soll mir helfen!“

Der Herr antwortete: „Marta, Marta,

du machst dir viele Sorgen und Mühen.

Aber nur eines ist notwendig.

Maria hat das Bessere gewählt, das soll ihr nicht genommen werden.“

 

Wage ich, den Herrn in meiner Gebrechlichkeit anzusprechen?

 

"Herr, kümmert es dich nicht,

dass meine Schwester die ganze Arbeit mir überlässt?

Sag ihr doch, sie soll mir helfen.“

 

Dieser Satz von Marta, die ganz davon in Anspruch genommen ist, für Jesus zu sorgen,

während ihre Schwester Maria Jesus zu Füßen sitzt und seinen Worten zuhört,

berührt mich tief, in meinem Herzen.

Denn sie wagt es, ihre Krise zu benennen.

Sie schluckt es nicht runter, schweigt es nicht tot und sie will Hilfe.

Sie wendet sich an Jesus, den sie in ihr Haus aufgenommen hat und will, dass er ihr hilft.

Was ihre Schwester mit Jesus verbindet, zeigt ihr gerade sehr deutlich,

was sie schmerzlich vermisst und ihr Herz wird genährt vom Neid und Vergleich.

Ich frage mich oft, was wäre, wenn Marta geschwiegen hätte.

Ich glaube sie hätte eine, für sich, notwendige Möglichkeit vertan, wieder in Verbindung zu kommen.

Die Möglichkeit vertan, aus ihrer Krise heraustreten zu können.

Kennen wir das nicht, wenn wir ganz eingenommen sind von unseren eigenen Sorgen, Erwartungen und hochgesteckten Zielen? Dann besteht die Gefahr, dass wir die Verbindung zur Realität verlieren und unsere eigenen Schwächen, Sorgen und unsere Hilflosigkeit auf unsere Mitmenschen projizieren.

Hand aufs Herz, wer findet in solchen Momenten liebevolle, passende Worte?

Die große Chance liegt in diesem Moment, dass sich Marta einen weisen Gesprächspartner ausgesucht hat, einen Freund, den sie in ihr Haus aufgenommen hat.

Einen, der immer, zu jeder Zeit präsent ist und für das Leben einsteht, komme was kommt.

Jesus ist das verbindende Element in dieser Geschichte und dies hat Marta erkannt.

Wenngleich sie sich bestimmt eine andere Antwort gewünscht hätte, vertraut sie Jesus.

So kann Marta Heilung erfahren, denn sie hat es gewagt, ihre Gebrechlichkeit, ihre Krise, Jesus, dem Sohn Gottes hinzuhalten, der wie sein Vater nichts mehr als Heil und Leben für seine Menschen will.

Wie schwer ist es für uns Menschen, Gott unsere Gebrechlichkeit hinzuhalten, damit Heilung möglich wäre. Denn Gott, wie Jesus, will die Mitte des Lebens mit uns teilen, doch wir vergessen es oft. Ähnlich wie Marta, die Jesus zwar freundlich aufnimmt, dann aber in ihrem Gedankenkonstrukt über Jesus bleibt und ihn bildlich gesprochen im Flur stehen lässt.

Doch unterschätzen wir nicht, er ist im Haus, Jesus ist da.

Auch in unserer Coronakrise, ist er da!

Die Frage an uns: Wie wagen wir unsere Gebrechlichkeit vor Gott zu bringen, damit er uns das Verbindende nahelegen kann und wir aus seiner Zusage leben können, gerade in unserer Krise?

Es reicht nicht zu wissen, so glaube ich, dass es eine Zusage gibt, wenngleich dies in unserer Welt schon viel ist. Meine Frage ist vielmehr, trauen wir uns auch auf Tuchfühlung zu gehen, mit und durch die Erzählungen Gottes, es wirklich zu fühlen, wie ernst es Gott mit uns meint. Dafür sollten wir Jesus nicht im Flur unseres Hauses stehen lassen.

 

So höre ich Jesus, in dem Text von Paul Weismantel,

zu Marta, Maria und zu uns allen in der Krise sprechen:

 

Ich bin da

 

In das Dunkel deiner Vergangenheit und

in das Ungewisse deiner Zukunft,

in den Segen deines Helfens und

in das Elend deiner Ohnmacht

lege ich meine Zusage:

Ich bin da.

 

In das Spiel deiner Gefühle und

in den Ernst deiner Gedanken,

in den Reichtum deines Schweigens und

in die Armut deiner Sprache

lege ich meine Zusage:

Ich bin da.

 

In die Fülle deiner Aufgaben und

in die Leere deiner Geschäftigkeit,

in die Vielzahl deiner Fähigkeiten und

in die Grenzen deiner Begabung

lege ich meine Zusage:

Ich bin da.

 

In das Gelingen deiner Gespräche und

in die Langeweile deines Beten,

in die Freude deines Erfolges und

in den Schmerz deines Versagens

lege ich meine Zusage:

Ich bin da.

 

 

In die Enge deines Alltags und

in die Weite deiner Träume,

in die Schwäche deines Verstandes und

in die Kräfte deines Herzen

lege ich meine Zusage:

Ich bin da.

 

Syvlia Ditt, Koblenz, 7. Mai 2020

 

 

Der lange Weg und die Weisheit

 

Mitte März, als der virusbedingte Ausnahmezustand in den Anfängen war, versuchten wir, uns ein Bild zu machen und neue Regeln zu lernen und zu befolgen. Viele von uns konnten sich für einen überschaubaren Zeitraum auf viele Veränderungen unseres alltäglichen Lebens einstellen. Das erinnert mich an Bilbo Beutlin, den »Hobbit«, der sich auf das Abenteuer mit Gandalf und den Zwergen einließ, aber nie daran dachte, wie lange dies dauern würde.

Jetzt müssen wir bereits in der zweiten Woche zu allem anderen Schutzmasken tragen, wenn wir einkaufen gehen und ich beobachte täglich, wie schwer es uns fällt, weise und auch entspannt damit umzugehen. Wir müssen mit der Maske nicht Autofahren und spazieren gehen; wir können unsere Einkäufe weiterhin auf ein Minimum reduzieren; auch wenn es Verhaltensregeln gibt, die unangenehm sind, können wir vieles selbst gestalten und uns bleiben viele freie Räume und Zeiten.

Auf dem Abenteuerweg durchs Leben werden Wege immer wieder schmal und gefährlich, manchmal sind diese Strecken lang. Bilbo Beutlin zeigt uns Schritt für Schritt, wie das geht: manchmal, wenn es sehr schwierig wurde, ging er widerstrebend mit, fühlte sich wie ein mitgeschlepptes Opfer; doch zunehmend gestaltete er den Weg mit im Rahmen seiner Möglichkeiten und konnte viele Augenblicke sogar genießen. Und erst Jahrzehnte später sieht er die großen Zusammenhänge und den Sinn in vielem.

Niemand auf Erden weiß, was aus dieser unserer langen und schweren Zeit erwachsen mag. Ob Virologen oder Wirtschaftsfachleute, Ärzte oder Politiker - jeder gestaltet, plant und rät auf seinem Gebiet mit dem, was ihm zur Verfügung steht. So tun auch wir, in innerer Freiheit, was geboten, nötig und möglich ist.

Und lasst uns Salomos Gebet um Weisheit zur Hand nehmen. Dort lesen wir:   

»Denn welcher Mensch kann Gottes Plan erkennen oder wer begreift, was der Herr will?

Unsicher sind die Überlegungen der Sterblichen und einfältig unsere Gedanken; denn ein vergänglicher Leib beschwert die Seele und das irdische Zelt belastet den um vieles besorgten Verstand.

Wir erraten kaum, was auf der Erde vorgeht, und finden nur mit Mühe, was auf der Hand liegt; wer ergründet, was im Himmel ist?

Wer hat je deinen Plan erkannt, wenn du ihm nicht Weisheit gegeben und deinen heiligen Geist aus der Höhe gesandt hast?

So wurden die Pfade der Erdenbewohner gerade gemacht und die Menschen lernten, was dir gefällt; durch die Weisheit wurden sie gerettet.« (Weisheit 9, 13-18)

 

Rosemarie Monnerjahn, 6. Mai 2020

 

»Dafür haben wir eine Geschichte« I

 

Suche nach Gottes Wort in mir

Gott ist es, der uns sieht und für uns da sein will, selbst wenn wir uns in größter Abgeschiedenheit und Isolation befinden mögen. Damit trotz Gottesdienstverbot und Kontaktentzug diese Frohbotschaft des ewigen und menschennahen Gottes gerade jetzt nicht ungehört bleibt, werden in den Medien Gottesdienste und Impulse bereitgestellt. Hier und da wird zu Hausgottesdiensten in der Familie ermutigt. Doch alles Ungewohnte fällt schwer. Wie viele trauen sich, sei es auch nur in den eigenen vier Wänden, Gottes Wort vorzulesen, in den Mund zu nehmen, zu deuten und zu Herzen zu nehmen für das eigene Leben?

Dazu hat mich in diesen Tagen ein Wort aus dem Alten Testament, dem Buch Deuteronomium, ermutigt. Die Grunderzählung ist die, dass Mose seine große Abschiedsrede an das Volk Israel hält, bevor er stirbt und diese nach 40 Jahren Wüstenwanderung ohne ihn das verheißene Land einnehmen werden. Er war ihr Führer und Vermittler von Gottes Wort. Nun legt er ihnen ans Herz, dass – auch wenn er geht – Gott selbst, sein Wort und seine Nähe, bleibt (Dtn 30,11-14):

Dieses Gebot, das ich dir heute gebiete,
ist nicht zu wunderbar für dich und ist dir nicht zu fern.
Es ist nicht im Himmel, dass du sagen müsstest:
‚Wer wird für uns in den Himmel hinaufsteigen
und es uns holen und es uns hören lassen, dass wir es tun?‘
Und es ist nicht jenseits des Meeres, dass du sagen müsstest:
‚Wer wird für uns auf die andere Seite des Meeres hinüberfahren
und es uns holen und es uns hören lassen, dass wir es tun?‘
Sondern ganz nahe ist dir das Wort,
in deinem Mund und in deinem Herzen,
um es zu tun.

Bei dem Weg zu einem persönlichen Gespräch mit Gott ist das ein gleichermaßen tröstendes wie herausforderndes Wort. Es braucht also nicht zwangsläufig einen Vermittler, einen Experten, der viel mehr von Gott und der Bibel weiß, und man muss sich auch nicht auf weite Wege machen. Aber was verdeckt da nicht alles diese Wirklichkeit, dass Gottes Wort ganz nahe ist, wenn ich mich ihm annähern möchte:

Zum einen bin ich es gewohnt, dass andere, zumal mit viel besserem Vorwissen, Gottes Wort „holen“. Wie viel Anleitung und Übung habe ich darin, selbst z.B. die Sonntagsevangelien zu lesen und ihnen nachzuspüren, was sie mir für mein Leben heute sagen? Es wurde mir vor Corona nie zugemutet, zu Hause Gottesdienst zu feiern.

– Aber: Wann, wenn nicht jetzt habe ich die Chance, mich darin einzuüben?

Doch selbst wenn ich das Glück habe auf Priester zu treffen, die zum eigenen Lesen der Schrift und Hauskirche ermutigen und anregen: Warum fällt es mir immer noch schwer, mich aufzuraffen? Solche und Gott selbst trauen es mir doch offensichtlich zu! Aber ich nicht. Ich vergleiche mich mit anderen, die so gute und tiefe Predigten oder Impulse halten. Schnell ist der Gedanke da: „Andere sprudeln nur so. In mir kommt beim Lesen der Bibel – nichts“ und ebenso schnell die Schlussfolgerung: „Dann ist da wohl nichts in mir“. Bequemlichkeit oder mangelnde Zeit oder Priorität kommen noch hinzu und - schwupps - wird diese Haltung unhinterfragt stehen gelassen und lieber bei den Impulsen anderer geblieben.

– Aber: Wer sagt eigentlich, dass das bei „den anderen“ so schnell und einfach ginge. Sitze ich bei ihnen zu Hause und sehe, wie sie eine Predigt nach der anderen „produzieren“? Und selbst wenn: Gott ist viel größer als Gewohnheiten und Selbstzweifel. Wenn er sagt: „ganz nahe ist dir das Wort, in deinem Mund und in deinem Herzen“, dann will ich darauf vertrauen und es versuchen, auch unvermittelt in mir zu finden.

Dann also lese ich Gottes Wort. Doch wenn ich es auf mein Leben hin ernst nehme, bin ich damit konfrontiert, wo ich bisher nicht danach gelebt habe. Und damit, wo ich mich verändern, etwas loslassen oder mich einem Konflikt stellen muss, weil es zum Glauben an ihn oder zum Tun seiner Gebote im Wege steht. In Bezug darauf, mit Gott persönlich im Gespräch zu sein, sind das z.B. auch die oben genannten Selbstzweifel oder Minderwertigkeitsgefühle. Sie können so vertraut und oft „gehegt“ sein, dass sie abzulegen sich wie sterben anfühlen kann. Hinzu kommt die Angst, dass Gott mich vielleicht strafen will, und ich Misstrauen gegen ihn entwickle: ‚Ist Gott vielleicht doch nicht gut? Will er doch nicht retten, sondern gar töten?!‘    
So ging es dem Volk Israel und Mose erinnert sie daran (Dtn 1): Als Gott ihnen nach zwei Jahren Wüstenwanderung an der Grenze zum verheißenen Land sagte: „Zieh hinauf und nimm es in Besitz“, sandten sie Kundschafter voraus. Diese sahen und erzählten dem Volk von den einheimischen Völkern, die viel größer und stärker waren als sie selbst. Da bekamen das Volk verzweifelte Angst. Zwar hatte Gott sie aus Ägypten befreit, die Zehn Gebote zu ihnen persönlich gesprochen, ihnen in der Wüste Essen und Trinken gegeben und wollte ihnen nun ein Land schenken, damit sie leben. Sie aber verleumdeten ihn: „Weil er uns hasst, hat er uns aus Ägypten geführt. Er will uns in die Hand der Amoriter geben, um uns zu vernichten.“

– Aber: Gott ist durch und durch gut. Das hat er nicht nur durch die Befreiung aus Ägypten offenbart, sondern auch indem er das Volk solange in der Wüste begleitete, bis sie nach 40 Jahren bereit waren, den Kampf für ein Land, in dem es sich leben lässt, zu wagen. Er möchte, dass auch ich hier und heute von allem frei werde, was Leben unterdrückt oder tötet. Wie viele Erfahrungen mir auch Selbstzweifel oder Angst vor einem strafenden Gott eingeflößt oder scheinbar bestätigt haben mögen: Ich bin von ihm gesehen, gewollt und geliebt. Ich bin von ihm sowohl gesehen, gewollt und geliebt, als auch dazu befreit, selbst die Verantwortung für mein Leben zu übernehmen. Ich bin niemandes, auch nicht seine Marionette. Das ist Zuspruch und Zumutung zugleich. Wage ich es zu glauben, von Gott geliebt zu sein? Will ich daraus Kraft und Mut schöpfen, um mich lähmenden Verhaltensweisen wie Selbstzweifeln, Ängsten zu stellen? Vertraue ich darauf, dass sein Wort mir ganz nah ist, in meinem Mund und in meinem Herzen, um es zu tun?             
Sobald ich dieser bedingungslosen Liebe Gottes mehr glauben möchte als dem, was andere sagen oder ich selber denke, öffne ich mich dieser Nähe Gottes in mir. Dann erst erfahre ich seine Wirklichkeit – nicht sofort, aber so allmählich und sicher wie das Tagwerden: „Wenn man es zum ersten Mal gewahr wird, ist es bereits seit einiger Zeit im Gang“ (C.S. Lewis).

Wenn wir also auch zeitweilig von Gemeindegottesdiensten, Priestern oder selbst von der für Onlineimpulse nötigen WLAN-Verbindung getrennt sein sollten: Nichts trennt uns von Gottes Liebe. Er tut seinen Dienst an uns ganz unabhängig von solchen äußeren Bedingungen. Er ist größer als unser Wissen, unsere Gewohnheiten, Gedanken und Ängste. Vor allem und zuerst meint er es gut mit uns. Bloß meine Haltung, wenn ich ihm aus Selbstzweifel oder Angst nicht vertraue, kann meinen Blick auf sein gut sein verstellen und verzerren. 
Wenn Sie die Bedeutung von Gottes Wort in Ihrem Leben suchen: Nur Mut – wagen Sie mehr Vertrauen – sowohl in sich selbst, als auch in Gott. Denn „ganz nahe ist dir das Wort, in deinem Mund und in deinem Herzen, um es zu tun.“

 

Anne Szczodrowski, Neuwirtheim, 5. Mai 2020

 

»Dafür haben wir eine Geschichte«

 

Vor einigen Wochen habe ich meinen Studentinnen eine Aufgabe gegeben. Da wir uns unter den gegebenen Bedingungen auch nicht treffen können, habe ich sie gebeten, jeweils einen Impuls zu schreiben im Hinblick auf die Not dieser Tage. Denn was wir in diesen Tagen erleben und gemeinsam erfahren, ist der Ernstfall für einen Erzähler. Eine Krise ist die Zeit, in der gute Erzählungen gebraucht werden, mehr als je zuvor.

Das Gegenteil erleben wir fast täglich. Wenn den schlechten Erzählern das Wort überlassen wird, erzeugt es eine Panik, die täglich geschürt und genährt wird. Die Oberflächlichkeit wird stetig schlimmer gemacht und die Orientierung wird völlig vernachlässigt.

Da ich aber keine schlechten Erzähler lehre, habe ich meinen Studentinnen folgende Aufgabe gegeben:

  1. Wähle eine Reaktion, Frage oder Not, die Du in Menschen gerade erlebst.
  2. Wähle eine biblische Erzählung, die Du als Antwort darauf geben möchtest unter dem Motto: »Dafür haben wir eine Geschichte«.
  3. Dann arbeite an dem Text nach der narrativen Methode.
  4. Nimm einen Teil dieser Auslegung und wandle sie in einen Impuls für die Menschen in der Krise. Zeige ihnen, wie die biblischen Erzählungen ihnen unentdeckte Horizonte, unbegangene Wege und unversuchte Möglichkeiten eröffnen.

In den folgenden zwei Wochen werden Sie in den Genuss kommen, ihre Impulse zu lesen, zwei in dieser Woche und zwei in der kommenden Woche. Sie werden veröffentlicht unter dem Titel: »Dafür haben wir eine Geschichte«.

Obwohl die Aufgabe eine Übung der Narrativen Theologie ist, können wir sie alle grundsätzlich anwenden. Jeder von uns erlebt eine große Spannbreite an Reaktionen, Fragen und Nöten in den Menschen um uns herum. Wenn wir diese Reaktionen, Fragen und Nöte ernst nehmen und uns ihnen stellen, dann können wir doch eine Antwort geben aus den biblischen Geschichten, die zu uns sprechen, die uns zu unentdeckten Horizonten führten, unbegangene Wege zeigten und unversuchte Möglichkeiten eröffneten. Das ist zwar keine technische narrative Auslegung des Textes, aber die wertvolle existentielle Auslegung der Geschichten meiner persönlichen Glaubenserfahrung. Jeder von uns kann sagen: »Ich kenne deine Geschichte, weil ich eine ähnliche, wenn nicht identische habe. Und ich habe eine biblische Geschichte erlebt, die mir geholfen und mich gestärkt hat. Wenn sie mich berührt und bewegt hat, warum nicht dich?« Es ist nur eine andere Art zu sagen:  »Dafür haben wir eine Geschichte«.

Dafür muss man allerdings die biblischen Erzählungen so lieben lernen wie meine Studentinnen es getan haben.  Wie so eine Liebe aussieht, zeigt uns Gabriela Mistral. Ich wünsche uns allen diese Liebe, denn die Liebe zur biblischen Erzählung ist gleichzeitig die Liebe zum Erzähler der Ersten Geschichte, der die ganze Schöpfung ins Dasein sprach und die Welten mit seinen Worten webte.

 

Bibel, meine edle Bibel, prachtvolles Panorama,

wo meine Augen lange Zeit verweilten,

du hast in den Psalmen die glühendste der Lavas

und in ihrem Strom des Feuers entzündete ich mein Herz!

 

Du hast mein Volk erhalten mit deinem starken Wein

und du hast sie unter Menschen stark stehen lassen

und nur deinen Namen zu erwähnen gibt mir Kraft;

weil ich aus dir stamme, habe ich das Schicksal gebrochen.

 

Nach dir ist nur der Schrei des großen Florentiners*

durch meine Knochen gegangen.  

 

Erik Riechers SAC, 04. Mai 2020

 *"el sumo florentino," bezieht sich auf Dante.

 

4. Ostersonntag 2020

 

Heute vor 31 Jahren wurde ich zum Priester geweiht. Es war nicht der entscheidendste Tag meines Lebens. Das war der Tag meiner Profess als Pallottiner. Aber er war sicherlich ein wichtiger Tag in meinem Leben. Am letzten Tage der Exerzitien zur Vorbereitung auf meine Weihe gab die Exerzitienleiterin mir eine Karte. Sie war handgemacht und in feinster Kalligraphie geschrieben. Darauf stand ein Satz vom Dichter Hafis: »Bleib nah an allen Lauten, die dich froh machen, dass du am Leben bist.«

Dass ist nicht weit entfernt von einem berühmten Wort Vinzenz Pallottis:

»Sucht Gott, und ihr werdet ihn finden.

Sucht ihn in allen Dingen, und ihr werdet ihn überall finden.

Sucht immer, und ihr werdet ihn immer finden.«

Ich habe mit Eifer diese Lebensunterweisung in meinem Leben befolgt. Sie beschäftigt mich bis heute. Welche Laute machen mich froh, dass ich am Leben bin? Und wie bleibe ich ihnen nahe? Wenn wir Pallotti ernst nehmen, dass wir Gott immer und überall finden können, dann kann jede Geschichte, jedes Lied und jede Stimme uns froh machen, dass wir am Leben sind.

Der Laut, der mich froh macht, am Leben zu sein, ist die Stimme des Geschichtenerzählers. Täglich bete ich: »Herr Jesus Christus, Erzähler Gottes, lehre mich auf die Geschichten Gottes in allem zu lauschen: in mir selbst, in den anderen, in der gesamten Schöpfung und in der gesamten Schrift; damit ich jede Geschichte achte und ehre, die Gott mir erzählen möchte.« Es ist meine Art, den Lauten nah zu bleiben, die mich froh machen, am Leben zu sein.

Die Stimme Jesu im Johannes-Evangelium ist so ein Laut. Fast jeder kennt den Satz seines Evangeliums »Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben.« Meistens ignorieren wir die Tatsache, dass dieser Satz aus einer früheren Behauptung fließt. »Ich bin die Tür.« Hier ist einer, der Zugang hat zur Fülle des Lebens.

Türen sind Kontrollinstanzen. Und was sie kontrollieren, ist ein eifersüchtig behüteter Schatz: Zugang. Eifrig bewachen wir den Zugang zu unserem Leben, denn wir wissen genau, was das bedeutet. Zugang zu unserem Leben bedeutet Zugriff auf unsere Zeit. Wir achten sehr genau auf unsere Zeit, schützen sie und behüten sie. Es ist weit einfacher, jemandem von meinem Geld zu geben als von meiner Zeit.

Die Tür ist das große Bild des Zugangs. Wir können die Tür schließen und damit Zugang verweigern. Wir können entscheiden, wer rein oder raus darf und dabei den Zugang beschränken. Wir können die Tür weit offen halten und dabei uneingeschränkten Zugang schenken. Wir können die Tür schließen vor lauter Angst vor denen, die vielleicht Zugang bekämen. Wir können eine Tür aufgeschlossen lassen, weil wir bereit sind, jedem Zugang zu gewähren.

Es gibt viele Schichten der Bedeutung in diesem Bild Jesu im Johannes-Evangelium. Er sagt nicht nur, dass er Zugang zur Fülle des Lebens schenken kann, sondern auch dass er es will. Was ist Fähigkeit ohne Bereitschaft? Jemandem zu sagen, dass ich ihm helfen kann, ist nicht das gleiche als zu sagen, dass ich ihm helfen will. Es gibt Leben genug, das von Menschen zurückgehalten wird, die mehr als genug Möglichkeiten, haben es zu teilen.

Der Satz »Ich bin die Tür« ist eine Geschichte, die überall erklingt, ein Laut, der mich froh macht, dass ich am Leben bin jedes Mal, wenn ich ihn höre. Wenn wir wie Christus sind, dann können auch wir sagen »Ich bin die Tür«. Wenn wir Schwestern und Brüdern Jesu sind, dann können auch wir sagen »Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben«. Jede Person, die Zugang zu ihrem Leben gewähren kann und will, macht mich froh, am Leben zu sein. Jeder Mensch, der sagen kann, dass er bereit und fähig ist, die Türen seines Herzens aufzumachen, macht mich froh dass, dass ich am Leben in.

»Bleib nah an allen Lauten, die dich froh machen, dass du am Leben bist.» Darum habe ich die Nähe zu den Geschichtenerzählern bewahrt, seien sie die Autoren von Evangelien, literarische Titanen, Bauersfrauen an Märkten von Belize, ein Aussätziger in Indien oder die Überlebenden von Krieg, Gewalt und jeglichen Formen, die menschliche Grausamkeit annehmen kann. Oscar Wilde erzählt es so in »Der Glückliche Prinz«: »Liebe kleine Schwalbe«, sagte der Prinz, »du erzählst mir wundersame Dinge, aber wundersamer als irgendetwas anderes ist das Leiden der Menschen. Es gibt kein größeres Geheimnis als das Elend. Fliege über meine Stadt, kleine Schwalbe, und erzähle mir, was du dort siehst«

Diese Frauen und Männer waren die Schwalben, die über die Stadt Gottes flogen und mir erzählt haben, was sie dort gesehen haben. Von ihnen habe ich gelernt, wie wir alle zu einer Tür zur Fülle des Lebens werden können. In den Tausenden von Wegen, wie sie das Wort Jesu »Ich bin die Tür« in Leben und Gnade umgesetzt haben, gab es immer ein bestimmendes Element. Wir können nicht nur lebenslänglich Zugang zum Leben verlangen. Wir müssen Zugang zum Leben für andere sein.

Jesus sagte: »Ich bin die Tür« und gewährte uns Zugang:

zu seiner Zeit: Denn auch wenn er keine Zeit zum Essen hatte, hatte er Mitleid mit der Menge, die ihn brauchte (Mk 6,31-32);

zu seinem Brot und seinem Tisch: Als er in den letzten Stunden seines Lebens es vorzog, mit seinen Freunden ein Mahl zu teilen;

zu seiner Person: Er ließ die drängenden Jünger die Kinder nicht verdrängen (Mt 19,14), der sich berühren ließ von einer blutenden Frau (Mk 5,31), der die Frau in Schutz nahm, die ihn salbte (Mt 14, 6-7);

zu seiner Weisheit: »Da erschraken alle und einer fragte den andern: Was ist das? Eine neue Lehre mit Vollmacht: Sogar die unreinen Geister gehorchen seinem Befehl« (Mk 1,27);

zu seiner Beziehung zu Gott: »Glaubst du nicht, dass ich im Vater bin und dass der Vater in mir ist? Die Worte, die ich zu euch sage, habe ich nicht aus mir selbst. Der Vater, der in mir bleibt, vollbringt seine Werke« (Joh 14,10);

zu seiner Beziehung zu uns: »Das aber ist der Wille dessen, der mich gesandt hat, dass ich keinen von denen, die er mir gegeben hat, zugrunde gehen lasse, sondern dass ich sie auferwecke am Jüngsten Tag.« (Joh 6, 39);

zu seinen Ressourcen: Wenn er Petrus hilft, die Tempelsteuer zu zahlen (Mt 17,27);

zu seiner Sehnsucht: Wenn er offen zugibt, wie sehr er sich danach sehnte, mit seinen Freuden das Pessachmahl zu essen. (Lk 22,15);

zu seiner Enttäuschung: Wenn er seine Traurigkeit nicht leugnet, dass Jerusalem unwillig ist, seine Umarmung anzunehmen (Mt 23,37);

zu seinen Geschichten: in der Unzahl der Gleichnisse, die er mit uns teilte;

zu seinen Balsamen für den Körper: »Da hatte Jesus Mitleid mit ihnen und berührte ihre Augen. Im gleichen Augenblick konnten sie sehen und sie folgten ihm nach.« (Mt 20, 34);

zu seinen Salben für die Seele: Wenn er sich weigert, die Frau, die beim Ehebruch ertappte worden war, zu verurteilen, sondern sie in die Freiheit schickte, das Leben neu zu wagen (Joh 8, 11);

zu seinem Land: Für einen aussätzigen Samariter, der nichts zu suchen hatte auf der falschen Seite der Grenze (Lk 17, 11-19);

zu seiner restaurativen Macht: Für eine beharrliche Mutter, die zwar keine Tochter Israels war, aber mit Sicherheit ein Kind Gottes. (Mt 15:21-28);

zu seinem Leib (Das ist mein Leib der für euch hingegeben wird);

und zu seinem Blut (Das ist mein Blut das für euch ausgegossen wird.

Das alles besitzen auch wir: unsere Zeit, unser Brot und unsere Tische, unsere Person und Weisheit, unsere Beziehungen zu Gott und einander, unsere Ressourcen, unsere Sehnsüchte und Enttäuschungen, unsere Balsame für den Körper und Salben für die Seele, unseren Land und unsere Macht der Restaurierung. Und wir haben unser Leib und Blut, unser Fleisch und unsere Knochen. Dahinter liegt eine Fülle des Lebens für andere. Mit Jesus sind auch wir die Tür. Das macht mich froh, am Leben zu sein.

Zusammen lasst uns nah bleiben an allen Lauten, die uns froh machen, dass wir am Leben sind. Am Ende ist es nichts anderes als die Art, Gott nahe zu bleiben.

 

Erik Riechers SAC, 3. Mai 2020

 

 

Dazu haben wir (noch) ein Gedicht oder: Von der wahren Fülle

 

Mag sein, dass wir heute sehr gebeutelt sind.

Mag sein, dass Angst und Ungewissheit unseren Blick verengen zum Tunnelblick.

In der Tat, seit es aufwärts ging vor über 70 Jahren, erlebten wir als Gesellschaft nicht eine solche Erschütterung und so viel Unsicherheit.

Aber ist das Leben, damals wie heute und zu allen Zeiten, nicht mehr als dies?

Was blenden wir aus, wenn Irritation, Angst und übergroße Sorge unseren Blick trüben? Und sind wir ehrlich: Waren wir in leichten Zeiten nicht auch oft blind für die andere Seite, das Schwere in der Welt oder das, was wir nie im Griff hatten?

 

Vor 100 Jahren, in der Nachkriegszeit des 1. Weltkriegs, der in nahezu jeder Familie Spuren hinterlassen hatte, justierte ein sehr kritischer Schriftsteller seinen Blick neu an der Wirklichkeit und staunte: »schon - da  - Noch « ruft er aus und hat doch nur blühenden Flieder wie zum ersten Mal wahrgenommen:

 

Flieder

Nun weiß ich doch, 's ist Frühling wieder.

Ich sah es nicht vor so viel Nacht

und lange hatt' ich's nicht gedacht.

Nun merk' ich erst, schon blüht der Flieder.

 

Wie fand ich das Geheimnis wieder?

Man hatte mich darum gebracht.

Was hat die Welt aus uns gemacht!

Ich dreh' mich um, da blüht der Flieder.

 

Und danke Gott, er schuf mich wieder,

indem er wiederschuf die Pracht.

Sie anzuschauen aufgewacht,

so bleib' ich stehn. Noch blüht der Flieder.

                                                                  Karl Kraus, 1874-1936

In unserem Frühling 2020 wird uns die ganze Fülle des Lebens angeboten.

Ich will aufmerken, mich umdrehen, stehen bleiben in Sonnentagen, bei Vogelgezwitscher und vor Blütenpracht und will Kinderlachen und Herzenswärme in mich aufsaugen.

Rosemarie Monnerjahn, 2. Mai 2020

 

»draußen zuhause« III

 

Lassen Sie sich heute ein auf den letzten Teil des Gedichts, auf seine Bilder, auf die ausgesprochenen Aufgaben: richte nicht - sei Gesang - tröste !

Und erspüren Sie, was dies heute - konkret - in Ihren Lebensumständen bedeuten könnte.

 

III

die liebenden                                                                

richte nicht                                                                    

deren gemeinsamkeit                                                  

zerbricht                                                                        

 

wo schmerzvögel                                                          

ihre nester bauen                                                         

in den mündern                                                            

der weinenden                                                                                                          

 

sei gesang                                                                     

tröste                                                                              

aus: Wilhelm Bruners, »ZUHAUSE IN ZWEI ZELTEN«, S. 42

 

Rosemarie Monnerjahn, 1. Mai 2020

 

Vive la résistance!

 

Wir erzählen gerade viele Angst-Geschichten: Angst angesteckt zu werden, Angst jemanden anzustecken; Angst vor der Isolation und Angst sie zu verlassen;  Angst vor der gegenwärtigen Situation und Angst vor der Zukunft. Wir leiden darunter, dass tiefe Ängste uns nicht mehr frei lassen, dass wir deshalb so viel Ungelebtes in uns herumtragen, weil wir eben uns selbst nicht verzeihen können, dass wir Angst haben. Die Krise dieser Tage hat das nicht erzeugt, sondern lediglich enthüllt. Diese Ängste waren vorher da. An allen Orten, wo wir kein Leben wagten, war das ungelebte Leben ein Thema, bevor Corona kam.

Dazu müssen wir eine uralte Übung des Glaubens beleben. Übe den inneren Widerstand. Wenn wir die Kraft nicht besitzen, die Verhältnisse zu ändern, dann müssen wir dafür sorgen, dass die Verhältnisse uns nicht ändern. Das ist die Lebenshaltung Jesu gegenüber Gewalt, Hass, Intrige und jedem Versuch, ihn als freies Kind Gottes einzuschränken: er leistete inneren Widerstand. Äußerliche Mächte konnten sein Innenleben nicht bestimmen. Er greift nie zu ihrer Taktik, aber er setzt Worte dagegen, Zeichen dagegen.

Übe den inneren Widerstand. Wir müssen ein klares Zeichen setzen gegen die Ängste, die die Brutstätte des ungelebten Lebens sind. Sei ein Widerstandskämpfer. Erzählt die Geschichten, singt die Lieder und rezitiert die Gedichte, die zeigen, dass trotz jeder Freiheit, die eingeschränkt wird, diese Ängste nicht bestimmen werden, wer wir sind oder wie wir leben.

Dawna Markova bietet uns ein Bekenntnis zur Stärkung des inneren Widerstands an.

»Ich werde kein ungelebtes Leben sterben.
Ich werde nicht in Angst leben

vorm Fallen oder Feuer fangen.
Ich wähle, meine Tage zu bewohnen,
und erlaube meiner Lebensweise, mich zu öffnen,
um mich weniger ängstlich sein zu lassen,
zugänglicher,
um mein Herz zu lösen,
bis es ein Flügel wird,
eine Fackel, ein Versprechen.

Ich wähle, meine Wichtigkeit zu riskieren;
so zu leben, dass das, was zu mir als Same kommt,
als Blüte zum Nächsten geht,
und das, was zu mir als Blüte kommt,
weiter geht, als eine Frucht.«

Dawna Markova

Vive la résistance!

 

Erik Riechers SAC, den 30. April 2020

 

»draußen zuhause« II

 

Wilhelm Bruners greift in seinem Gedicht den Sendeauftrag Jesu vor 2000 Jahren auf und setzt ihn ins Heute. Damals wie heute sagt Jesus den Ausgesandten, womit sie ausgerüstet werden und weiter, wozu sie gesendet werden. Jede Generation tritt neu ins Gespräch damit. Bruners fand eine Sprache für sich und uns. Und wenn wir in diesen Wochen seinen Worten erneut begegnen, lösen sie eine andere Erzählung in uns aus als beim ersten Aufeinandertreffen.

So lassen wir den zweiten Teil des Gedichts heute neu auf uns wirken: 

Wo sind die Stimmlosen? Was höre ich und was brauchen sie? . . .

Wer sind die Kinder des Schmerzes? Welche Worte sind nötig, finde ich welche?

. . . . . . 

 

draußen zuhause

 

II

bau eine arche                                                                

aus klageliedern                                                             

der stimmlosen                                                               

 

bis der schmerz                                                              

seine kinder                                                                    

ins wort spült                                                                  

 

ins messerscharfe                                                         

ins kritische         

 

aus: Wilhelm Bruners, »ZUHAUSE IN ZWEI ZELTEN«, S. 42

 

Rosemarie Monnerjahn, 29. April 2020

 

Das Leben ist nicht kaputtgegangen.

 

Gestern schrieb Rosemarie darüber, wie wir alte Geschichten mit neuen Ohren hören können. Das ist die Herausforderung sowie die Möglichkeit einer jeden Krise. T.S. Eliot beschreibt diese Erfahrung so:

»Wir werden nicht vom Forschen ablassen,

bis am Ende aller Entdeckungen

wir wieder zu unserem Ausgangspunkt zurückkehren

und diesen zum ersten Mal richtig kennen.« 

Können wir die Geschichten, die wir kennen, nehmen und sie so lesen, dass wir sie neu entdecken, anders wahrnehmen, mehr Reichten entdecken oder sie sogar zum ersten Mal richtig kennen?

Meg Wheatley bietet uns ein hilfreiches Beispiel an. Sie nimmt eine Prosastelle aus Rachel Naomi Remens  »Aus Liebe zum Leben« (S. 251) und legt es uns in poetischer Form dar. Ich teile es mit Ihnen aus zwei Gründen. Erstens, der Inhalt selbst spricht Trost zu uns, während wir versuchen, uns daran zu erinnern, dass das Leben nicht kaputtgegangen ist. Zweitens, die Änderung der Form hilft mir zu erkennen, dass die Umsetzung dieser Lebensunterweisung ins Leben immer eine Sache der lyrischen Schönheit ist.

 

Alles trägt seinen tiefen Traum

von Rachel Naomi Remen

 

Ich habe viele Jahre damit verbracht, zu lernen,

wie man das Leben repariert, nur um schließlich entdecken zu müssen,

dass das Leben gar nicht kaputtgegangen ist.

 

In jedermann und allen Dingen

ist der verborgene Same einer größeren Ganzheit vorhanden.

Wir dienen dem Leben am besten,

wenn wir diesen Samen gießen

und uns mit ihm anfreunden,

wenn wir hinhören, bevor wir handeln.

 

Wollen wir uns mit dem Leben anfreunden,

dann dürfen wir nicht versuchen, die Dinge so hinzubiegen,

wie es uns gefällt.

Wir decken vielmehr etwas auf, dass bereits

in uns und um uns herum geschieht,

und schaffen günstige Bedingungen, damit es zu Tage treten kann.

 

Alle Dinge bewegen sich auf ihren Ort der Ganzheit zu.

Sich mit dem Leben anzufreunden heißt, dass wir auf dieses Potential lauschen, das sich im Laufe der Zeit

verwirklichen will.

 

Doch alles trägt seinen tiefen Traum von sich selbst und seine Erfüllung in sich.

 

 

Erik Riechers SAC, den 28. April 2020

»draußen zuhause«

 

Vor mehr als zwei Jahren, im Februar 2018, veröffentlichten wir ein Gedicht von Wilhelm Bruners unter »L’Chaim«. Es erinnert uns daran, dass und wie wir ausgesendet sind. Jetzt lese ich es wieder und höre diese ernsten, klaren Worte in mir. Es sind dieselben Worte, doch anderes kommt in mir zum Klingen. Viele Erfahrungen liegen zwischen damals und heute, innerlich und äußerlich ist die Welt nicht dieselbe. So ist es immer, wenn wir nach einiger Zeit wieder einmal neu an eine Geschichte oder an ein Gedicht herantreten.

Wir erleben dieses Jahr alle miteinander sehr anders als alles, was vorher war.

Ich lade Sie in dieser Woche ein, nacheinander mit den drei Strophen des Gedichts in Beziehung zu treten und die Chance zu ergreifen, es mit allem, was uns jetzt erfüllt und auch bedrängt, neu zu lesen.

 

draußen zuhause

der gemeinschaft der frohbotinnen

 

I

pass dich nicht an                                                                                                    

wage zu gehen                                                              

wenn du                                                                         

gehst                                                                              

 

nimm nichts mit                                                            

außer einem                                                                  

bissen brot                                                                    

einem schluck                                                               

wein      

 

und                                                                                 

einer handvoll                                                               

versöhnung

aus: Wilhelm Bruners, »ZUHAUSE IN ZWEI ZELTEN«, S. 42

 

Rosemarie Monnerjahn, 27. April 2020

 

Nächster Abschnitt

»Uraltes Licht, in dem wir stehn« - Unterwegs auf der Via Lucis

 

 

In den 14 Tagen nach Ostern gingen wir miteinander auf dem Weg des Lichtes, der »Via Lucis«. Sie geht zurück auf Giovanni Don Bosco und wurde vor Jahrzehnten wieder belebt von der Gemeinschaft San Egidio. Dieser Weg führt uns zu den österlichen Geschichten und offenbart uns Schritt für Schritt das »uralte Licht, in dem wir stehn«.

 

14. Station: Die Sendung des Heiligen Geistes (Apg 2,1-6)

 

Als der Tag des Pfingstfestes gekommen war, waren alle zusammen am selben Ort. Da kam plötzlich vom Himmel her ein Brausen, wie wenn ein heftiger Sturm daherfährt, und erfüllte das ganze Haus, in dem sie saßen. Und es erschienen ihnen Zungen wie von Feuer, die sich verteilten; auf jeden von ihnen ließ sich eine nieder. Und alle wurden vom Heiligen Geist erfüllt und begannen, in anderen Sprachen zu reden, wie es der Geist ihnen eingab. In Jerusalem aber wohnten Juden, fromme Männer aus allen Völkern unter dem Himmel. Als sich das Getöse erhob, strömte die Menge zusammen und war ganz bestürzt; denn jeder hörte sie in seiner Sprache reden.

 

Während dieser Krisenzeit suchen sehr viele Menschen etwas Begleitung am Telefon. Oft höre ich von seelentiefen Ängsten, die Dinge zu verlieren, die Menschen teuer, kostbar und lebensnotwendig sind. Eine Frau fragte mich, ob ich auch dafür eine Geschichte hätte. Aber selbstverständlich. Das ist die Erzählung der Menschen im Pfingstsaal.

Die überromantisierte und oft bereinigte Version dieser Geschichte schaut über etwas Wesentliches hinweg. Diese Menschen fühlten sich bedroht. Und sie haben in Jesus einen geliebten Menschen verloren. Das heißt, sie haben auch die Geborgenheit verloren, die sie in seiner Gegenwart kannten. Weg ist die Vitalität und Lebensfreude, die sie mit ihm genossen hatten. Die Kreativität und die Möglichkeit sie einzusetzen, sind gelähmt, denn auch wenn sie zusammen beten, tun sie es abgeschlossen von einer Welt, die ihnen das genommen hat. Diese lähmende Erfahrung hat ihnen die Chance genommen, das Leben der Welt zu gestalten.

Diese Gefahr existiert auch heute. Unsere Fragen zeugen davon. Was machen wir jetzt? Wie geht es weiter? Wir könnten vor Angst erstarren. Wir könnten resigniert abwarten, bis der Virus endlich bei uns einschlägt. Oder wir könnten die Pfingsthaltung einnehmen auf dem Weg des Lichtes. Wir könnten uns vom Geist Gottes, der alles, was unsere Beheimatung ausmacht, liebt und schätzt, in Bewegung setzen lassen. Denn das erste Geschenk des Geistes ist die Bewegung: Zungen werden entfesselt, Mut von der Leine gelassen, Jünger verlassen das Haus und Menschen aus Fleisch und Blut wagen Begegnung und Gespräch genau mit denen, die sie vorher gemieden haben. Der Geist Gottes bewegt uns ins Herz einer Welt, die von Angst überfüllt ist.

Die Welt außerhalb des Pfingstsaals ist nach dem Kommen des Geistes nicht weniger bedrohlich als vorher. Wir singen mit Worten aus Psalm 104,30 »Sende aus deinem Geist, und das Antlitz der Erde wird neu.« Die Pfingstgeschichte lehrt uns, dass der Geist zwar das Antlitz der Erde erneuern mag, aber nicht ohne uns. Das Angebot Gottes ist nicht, dass der Geist zuerst die Erde erneuert und dann kommen wir aus unseren Verstecken herausgekrochen. Der Geist erneuert die Erde, indem er die Menschen verwandelt, die auf dieser Erde wandeln. Die Welt außerhalb des Pfingstsaales bleibt vor und nach der Sendung des Geistes die gleiche. Die Menschen werden verwandelt.

Die Tage der Corona werden vorbeigehen. Wir werden noch zusammen sein. Und wir werden Angst haben. Wir werden die Welt fürchten, vor der wir solange isoliert waren. Wir werden Angst haben vor Kontakt, Berührung und Begegnung. Ängste, die wir bewusst gepflegt haben, werden wir nicht so schnell wieder abstreifen können. Nur weil wir Erlaubnis bekommen, aus dem Kokon der Isolation hervorzukommen, heißt nicht, dass wir es tun wollen.

Der Geist befreit jede Generation der Glaubenden von der lähmenden Angst. Für die Tage nach der Krise könnten wir ein wunderbares Gelöbnis ablegen nach dem ehrwürdigen Pfingstrezept für das Leben. Wir könnten uns freimütig melden, das Antlitz dieser seiner Erde zu erneuern. Dies wird mein Gelöbnis sein. Ich biete es Ihnen an in der Hoffnung, dass es viele Gefährten geben wird auf dieser abenteuerlichen Reise.

 

Du uraltes Licht, in dem wir stehen.

Wir gehen hinaus, dort wo die Bedrohung herkommt,

dort wo die Gefahr immer größer ist als hinter unseren Mauern,

und wir bieten der Angst die Stirn,

beseelt von einem Geist der Liebe.

 

Damit geliebte Menschen nicht verloren gehen, weil sie nicht an uns herankommen hinter unsere Mauern der Angst.

 

Damit die Geborgenheit nicht verwechselt wird mit erstickender Enge.

 

Damit unsere Vitalität und Lebensfreude freigesetzt werden, indem sie andere Menschen in Erstaunen und Begeisterung versetzen.

 

Damit unsere Kreativität und die Möglichkeit sie einzusetzen nicht qualvoll in unserer Ängstlichkeit untergehen, weil wir unser Leben gestalten, als ob wir in einem Bunker wären, und nichts wagen oder versuchen.

 

Damit die Chance, Leben zu gestalten, nicht nur ein Traum bleibt für einen Tag, wenn keine Gefahr und kein Risiko droht.

 

Erik Riechers SAC, 26. April 2020

 

 

13. Station: Einmütig beisammen im Gebet (Apg 1, 12-14)

 

Dann kehrten sie von dem Berg, der Ölberg genannt wird und nur einen Sabbatweg von Jerusalem entfernt ist, nach Jerusalem zurück. Als sie in die Stadt kamen, gingen sie in das Obergemach hinauf, wo sie nun ständig blieben: Petrus und Johannes, Jakobus und Andreas, Philippus und Thomas, Bartholomäus und Matthäus, Jakobus, der Sohn des Alphäus, und Simon, der Zelot, sowie Judas, der Sohn des Jakobus. Sie alle verharrten dort einmütig im Gebet, zusammen mit den Frauen und Maria, der Mutter Jesu, und seinen Brüdern.

 

Drei Verse zwischen Himmelfahrt und Pfingsten – nicht spektakulär, eine Aufzählung von Menschen, 12 davon mit Namen, wenig Handlung . . . schnell gehen wir oft über diese verse hinweg und bewegen uns auf größere Ereignisse in der Geschichte zu.

Es lohnt sich, genauer hinzuschauen. Es sind die elf Apostel, die nach den letzten Worten Jesu und seinem Emporgehobenwerden – wir lasen es gestern – den kurzen Weg vom Ölberg in die Stadt hinein gehen und sich im Obergemach versammeln. Gut 40 Tage liegt es zurück, dass sie mit Jesus den genau umgekehrten Weg nahmen – vom letzten Mahl im Obergemach zum Ölberg, wo die Passion Jesu begann und sie schließlich alle zerstreute.

Jetzt aber gehen sie nicht auseinander, sie bleiben hier und jeder wird mit Namen genannt, genau wie einst, als Jesus sie erwählte (vgl. Lk 6). Somit wird hier bezeugt: Alle sind hier beieinander, die Jesus erwählt hatte (außer Judas Iskaroit).

Sie bleiben »ständig« hier. Wie schwer fällt uns Beständigkeit – das erleben wir doch derzeit in großem Ausmaß. Die Einschränkungen, Richtlinien, Verhaltensregeln hin und wieder einzuhalten oder für eine kurze Zeit, wäre ja nicht die Herausforderung; doch auf lange Sicht, ständig so zu leben können wir Heutigen kaum ertragen. Doch nicht nur das! In welcher Weise sie die Zeit gestalten, ist uns Heutigen noch fremder: Sie verharren einmütig im Gebet. Dabei ist der Kreis viel größer, als es bisher schien. Die Frauen sind im Raum, namentlich Maria, die Mutter Jesu, zuletzt in der Todesstunde genannt, und die Brüder. Hier vereinen sich Jüngerinnen und Jünger mit der Familie Jesu. Es wird nicht erzählt, wer zuerst da war oder wer wen rief - nein, alle, die zu Jesus gehören, angefangen mit seiner Mutter, sind vereint.  

Sie alle verharren einmütig im Gebet. Sie haben langen Atem, Ausdauer und Geduld. Sie stellen Raum und Zeit zur Verfügung für das, was ihnen bedeutsam ist. Sie sind eines Sinnes, sie tun es einvernehmlich, der Konsens ist gefunden – im Gebet! Geschwisterlich miteinander verbunden beten sie zu unser aller Vater, vertiefen die Beziehung und das Vertrauen, öffnen sich ihm immer mehr, leben in ihm - das bedeutet es ja, das Beten. Die Gefährtinnen und Gefährten Jesu haben es von ihm selbst gelernt.

Uns Heutige warnte Wilhelm Bruners vor über 20 Jahren:

Warnung

Erwarte nicht zuerst

daß deine Gebete

erhört werden

 

Höre vielmehr

was sie von dir

erwarten

 

»Sie alle verharrten dort einmütig im Gebet« - wir vermissen und beklagen derzeit mehr, als wir es je vermutet hätten, dass dies für uns nicht möglich ist. Doch lasst uns ehrlich und gestaltend schauen, was uns auch jetzt möglich ist und was wir vielleicht nie geübt haben:

  • Beharrlichkeit: ausdauernd und geduldig dem Beten Raum und Zeit widmen
  • Im Einklang mit unseren Schwestern und Brüdern: wir können uns auf vielen Wegen einander versichern und unser Beten zusammenbringen. Dann wissen wir, während wir beten, dass wir mit ihnen verbunden sind.
  • Beten üben: Alles vor Gott tragen, was uns bewegt, und in Stille lauschen.

Dann werden auch wir hören, was unsere Gebete von uns erwarten.

 

Rosemarie Monnerjahn, 25. April 2020

 

12. Station: Himmelfahrtschancen (Apg 1, 6-11)

 

Als sie nun beisammen waren, fragten sie ihn: Herr, stellst du in dieser Zeit das Reich für Israel wieder her? Er sagte zu ihnen: Euch steht es nicht zu, Zeiten und Fristen zu erfahren, die der Vater in seiner Macht festgesetzt hat. Aber ihr werdet Kraft empfangen, wenn der Heilige Geist auf euch herabkommen wird; und ihr werdet meine Zeugen sein in Jerusalem und in ganz Judäa und Samarien und bis an die Grenzen der Erde. Als er das gesagt hatte, wurde er vor ihren Augen emporgehoben und eine Wolke nahm ihn auf und entzog ihn ihren Blicken. Während sie unverwandt ihm nach zum Himmel emporschauten, siehe, da standen zwei Männer in weißen Gewändern bei ihnen und sagten: Ihr Männer von Galiläa, was steht ihr da und schaut zum Himmel empor? Dieser Jesus, der von euch fort in den Himmel aufgenommen wurde, wird ebenso wiederkommen, wie ihr ihn habt zum Himmel hingehen sehen.

 

In der geistlichen Begleitung kommt es gelegentlich vor, dass ein Mensch am Anfang des Gespräches um Hilfe bittet, aber im Laufe des Gespräches sich etwas ganz anderes zeigt. Egal was ich sage, vorschlage oder anbiete, es wird abgelehnt. Die Ablehnung wird immer angekündigt mit dem deutschen Wort, das ich am meisten hasse: »Ja, aber.« Spätestens dann wird mir klar, dass, wenn ich nicht sage, was sie hören wollen, es kein Ja geben wird. Sie bitten um Hilfe aus ihrer Krise, aber eigentlich wollen sie nur die Bestätigung ihrer Wahrnehmungen und Erwartungen.

Das passiert uns oft, wenn wir in Krise sind. Menschen halten stur an ihrer Wahrnehmung, ihrer Erwartung, fest. Es sollte doch alles so sein wie es war oder wie sie es sich wünschen. Auch wenn alle Tatsachen und Realitäten sich radikal verändert haben, sie wehren sich, denn so darf es einfach nicht sein. Dann weigern sie sich zu öffnen für das, was kommt, auch wenn reale Chancen an der Tür klopfen.

Das ist die Erfahrung der Krise bei den Jüngern in dieser Erzählung. Sie kleben an ihrer alten Wahrnehmung: Jesus ist weg und wir sind hilflos, ausgeliefert und ohne Führung. Sie kleben an ihrer Erwartung: nur Jesus kann die Werke tun, die Heil und Leben in die Welt bringen. Dafür reichen unsere Kräfte nicht.

Wir sind es gewohnt, dass es so läuft wie wir es kennen. Oft können wir uns keine andere Möglichkeit vorstellen. Dann weigern wir uns, die Heilsmöglichkeiten zu öffnen. Wir verschließen uns den realen Alternativen und den Möglichkeiten. Aber was ist, wenn das, was in diesen Krisentagen kommt, uns auch Heil bringen möchte? Denn es gibt auch Angebote der Gnade in dieser Stunde: Zeit zu haben, Gemeinschaft zu gestalten, Solidarität zu spüren, die Herzen zu erweitern für Menschen, die jeden Tag erleben, was wir nur kurzfristig ertragen müssen; eine Öffnung für das wahrhaft Wesentliche, die Entdeckung, dass wir sehr gut leben können ohne sehr vieles von dem, was wir als unabdingbar bezeichnen; die Entdeckung, dass das, was wir schmerzhaft vermissen, die Gelegenheit sein kann, sie in Zukunft nicht als selbstverständlich zu nehmen: die Wiederentdeckung der Geschenk-Konturen der Welt und des Lebens.

Der Talmud spricht Wahrheit: Wir sehen die Welt nicht wie sie ist, sondern wie wir sind. Wenn wir aber verschlossen, festgefahren und eng sind, dann sehen wir die Welt und ihre Möglichkeiten so. Die Art wie wir sehen sagt immer etwas aus über das, was aus uns geworden ist.

»Während sie unverwandt ihm nach zum Himmel emporschauten, standen plötzlich zwei Männer in weißen Gewändern bei ihnen und sagten: Ihr Männer von Galiläa, was steht ihr da und schaut zum Himmel empor?«

Manchmal kleben wir an unserer Wahrnehmung, unserer Erwartung, so fest, dass wir uns weigern zu öffnen, auch wenn Leben und Güte sogar an unsere Tür klopfen. Dafür schenke ich euch eine Geschichte:

 

In alten Zeiten lebte ein Mann, der in einem Dorf wohnte und der einen Sohn hatte.

Eines Tages verließ er sein Dorf, um seinen Geschäften nachzugehen.

Nachdem er abgereist war, kamen Piraten in sein Dorf, denn es lag nah am Wasser. Die Piraten zerstörten das Dorf, brannten es nieder und töten jeden Einwohner; jeden Mann, jede Frau, jedes Kind. Aber den Sohn des Mannes nahmen sie mit.

Der Mann kehrte nach Hause zurück und betrat sein Dorf. Alles war verbrannt und verkohlt. Er suchte das ganze Dorf ab und fand, was er für die Leiche seines Sohnes hielt.

Sofort fing er an zu trauern und zu weinen. Er arrangierte eine Beerdigung, sprach alle Gebete für seinen Sohn und ließ, was von ihm übrig war, einäschern.

Dann nahm der Mann die Asche und legte sie in einen Beutel aus feinstem Stoff. Diesen Beutel trug er um seinen Hals. Er trug die Asche seines geliebten Sohnes immer bei sich.

Er zog sich dann zurück, verließ nur noch selten sein Haus, und trauerte und trauerte.

Mehrere Monate später konnte sein Sohn den Piraten entkommen und er kehrte in aller Eile zu seinem Dorf zurück. Er klopfte an der Tür des Hauses seines Vaters und rief: »Vater, öffne mir die Tür. Ich bin es, dein Sohn!«

Der Vater antwortete: »Geh fort! Geh fort! Was bist du für ein Mensch, der so etwas einem alten Mann antut? Bist du irgendein Hooligan aus dem Dorf, gesandt um mich zu quälen? Ich trage meinen Sohn als Asche im Beutel um meinen Hals. Wer bist du, dass du mir so etwas antust?«

»Nein, Vater«, sagte die Stimme. »Ich bin es, dein Sohn. Öffne mir. Öffne die Tür für mich!«

Aber der Mann in seinem Haus rief: »Ich trage meinen Sohn als Asche im Beutel um meinen Hals. Ich kann dir die Tür nicht öffnen. Geh fort. Geh fort!«

Und so ging der Sohn fort.

 

Erik Riechers SAC, 24. April 2020

 

11. Station: Jesus sendet die Seinen in die Welt (Mt 28, 16-20)

 

Die elf Jünger gingen nach Galiläa auf den Berg, den Jesus ihnen genannt hatte. Und als sie Jesus sahen, fielen sie vor ihm nieder, einige aber hatten Zweifel. Da trat Jesus auf sie zu und sagte zu ihnen: Mir ist alle Vollmacht gegeben im Himmel und auf der Erde. Darum geht und macht alle Völker zu meinen Jüngern; tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehrt sie, alles zu befolgen, was ich euch geboten habe. Und siehe, ich bin mit euch alle Tage bis zum Ende der Welt.

 

Eine Jüngerin von heute im Gespräch mit einem Jünger von damals:

Ist es richtig, dass du damals auf dem Berg in Galiläa zu den Zweifelnden gehörtest?

Ja, das stimmt. Es gab Grund genug für die vielen Fragen, die in mir waren. Du kannst es dir vielleicht kaum vorstellen, aber bedenke: neben all den versuchten Absicherungen seitens der Mächtigen und den Gerüchten, die die Runde machten, hatten die Frauen uns von ihrer Begegnung mit Jesus erzählt und uns in seinem Auftrag nach Galiläa zurück geschickt. Wir gingen dorthin, gingen auf den Berg - besagten Berg, den ihr bis heute so oft zitiert – und da stand ER plötzlich vor uns! Alles war verwirrend, nichts klar!

Wenn ich recht informiert bin, hast du keine Fragen ausgesprochen. Was half dir denn in dieser außergewöhnlichen Situation?

Dass er, Jesus, meine unsicheren Augen, meinen fragenden Blick, mein zweifelndes Herz einfach so annahm. Keine Rückfragen, keine Kritik, keine Erklärungen. Er sprach uns alle an, so wie wir waren. Und so, wie wir waren, hatte er einen Auftrag an uns.

Du meinst, es wäre vorstellbar gewesen, dass er nur den Sicheren und Starken unter euch den Auftrag anvertraut hätte? 

Du und ich – wir würden es so machen, oder? Aber er nicht. Als ich das spürte, begann mein Herz sich zu erwärmen. Ich fühlte die Wahrheit, als er von seiner Vollmacht sprach - »im Himmel und auf Erden«. Ich erinnerte mich der Anfänge, als er auf diesem Berg zu so vielen Menschen gesprochen hatte, Stunden, Tage! Die meisten damals waren arm, krank, gebrechlich. Uns allen verkündete er damals, dass Seligkeit in uns steckt, wie auch immer wir leben. Uns allen legte er damals den Schatz und die Tiefe unserer uralten 10 Worte aus.

Dennoch: War nicht seine Sendung zu allen Völkern eine viel zu große Nummer für dich?

Ja und nein. Richtig nachdenken konnte ich in diesem Augenblick nicht. Doch er sprach vom Taufen und ich erinnerte mich an das, was wir von seiner Taufe wussten. Er sprach vom Vater – hatte er uns nicht hier oben gelehrt, wie wir beten sollen zu unser aller Vater? Er sprach vom Sohn und ich erinnerte mich, wie oft er von sich als dem Menschensohn gesprochen hatte. Und der Geist, der ihn erfüllte, hatte uns immer mehr angezogen, herausgefordert, oft auch überfordert. So hatte er uns wahres Leben gelehrt und wir waren ihm gefolgt. Das sollten wir jetzt in seinem Namen weitergeben.

Du hast wie die anderen den Auftrag angenommen – dafür bin ich heute eine Zeugin.

Ja, ich wuchs mit den Freunden hinein und wir schöpften aus allem, was in uns war, was durch Ihn gewachsen war. Weißt du, als er von uns gegangen war und ich wieder und wieder diese Stunde auf dem Berg in meinem Herzen erwog, wie er da war, wie er mit uns gesprochen hatte, da erkannte ich tief in mir: Nichts wird je verloren gehen.

Am Ende habe ich noch eine Bitte: Welche Botschaft kannst du uns heute mitgeben?

Behaltet den Blick für das Wesentliche, das ist immer das, was dem Leben dient. Und wenn vieles euch beängstigt und verunsichert, dann geht auf den »Berg«, an den Ort, wo ihr IHM begegnen könnt. Erinnert euch eurer Taufe, dass ihr geliebte Menschenkinder seid. Und lasst euch zusagen, was uns damals aufbrechen ließ: » ich bin mit euch alle Tage bis zum Ende der Welt«.

 

Rosemarie Monnerjahn, 23. April 2020

 

 

10. Station: Der Auferstandene Herr heilt das Herz des Petrus (Joh 21,15-17)

 

Als sie gegessen hatten, sagte Jesus zu Simon Petrus: Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich mehr als diese? Er antwortete ihm: Ja, Herr, du weißt, dass ich dich liebe. Jesus sagte zu ihm: Weide meine Lämmer! Zum zweiten Mal fragte er ihn: Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich? Er antwortete ihm: Ja, Herr, du weißt, dass ich dich liebe. Jesus sagte zu ihm: Weide meine Schafe! Zum dritten Mal fragte er ihn: Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich? Da wurde Petrus traurig, weil Jesus ihn zum dritten Mal gefragt hatte: Liebst du mich? Er gab ihm zur Antwort: Herr, du weißt alles; du weißt, dass ich dich liebe. Jesus sagte zu ihm: Weide meine Schafe!  (Joh 21,15-17)

 

In der vorausgehenden Geschichte von Johannes 21 gibt es eine Szene, in der Jesus zeigt, wie Menschen mit der Leere umgehen sollten. Die Jünger kehren von einer erfolglosen Nacht des Fischens mit leeren Netzen zurück. Jesu Rat ist schlicht, aber nicht einfach. »Werft das Netz auf der rechten Seite des Bootes aus und ihr werdet etwas finden.« Der Rat ist in der Tat schlicht genug. Aber die Umsetzung ist nicht einfach, weil sie uns aufruft, über die Gewohnheit hinaus zu handeln. Die rechte Seite des Boots stellt das Ungewohnte, Unbekannte dar. Jesus weiß, wie wir Menschen die Leere überwinden können, nämlich, indem wir die andere Seite des Lebens auskosten. Wir werden viel Kraft brauchen, um auf die andere Seite des Bootes zu gehen. Und wir werden viel Kraft brauchen, auf der anderen Seite zu bleiben. Gewohnheit ist schwer zu durchbrechen. Was lebenslänglich geübt wird, können und werden wir nicht leicht abschütteln. Wenn diese Krisenzeit uns überhaupt etwas schmerzhaft vor Augen führt, dann diese Wahrheit.

Jetzt sitzt Petrus mit Jesus an einem Kohlenfeuer. Dieser Augenblick erinnert ihn an ein Kohlenfeuer der Verleugnung, ein Kohlenfeuer, an dem er seine Hände wärmte. Und Jesus zieht ihn heraus zu einem Kohlenfeuer, wo nicht Vorwurf, Tadel und Misstrauen, sondern Brot und Fisch (Nahrung) auf ihn warten. Nur Johannes erzählt die Geschichte mit zwei Kohlenfeuern, eben damit wir merken, es gibt eine zweite Seite des Lebens, des Bootes.

Petrus fühlt sich nicht wohl hier, weil das Kohlenfeuer der Ort seiner Schwäche, seines Unvermögens war. Er kennt diese Seite des Lebens. Er kennt die Seite, wo er zu schwach war, um treu zu bleiben. Er kennt die Seite, wo er so Angst erfüllt war, dass er die tiefste Liebe verleugnet hat. Jesus zieht ihn heraus zu einem Kohlenfeuer, wo er ungeahnten Tiefen der Liebe in sich entdeckt.

Dreimal wirft Jesus das Netz seiner Frage aus: Liebst du mich? Und drei Mal holt er aus der Tiefe dieses Mannes mehr Leben als die Oberfläche seines dreimaligen Verrates gezeigt hat.

Ja, liebe Schwestern und Brüder. Jesus befolgt seinen eigenen Rat nicht nur bei Petrus, sondern auch bei uns. Wenn auf der einen Seite des Bootes unseres Lebens das Netz kein Leben fängt, dann wirft Jesus eben das Netz auf der anderen Seite unseres Bootes aus. Und siehe da: eine unbeschreibliche Fülle, die noch in uns steckt und zu entdecken ist. Diese Zeit der Isolation und Distanzierung lässt eine Leere zurück. Gleichzeitig ist hier die Chance, mal die Seite unseres Lebens zu stärken, die an Muskelschwund leidet. Und es gibt diese Fülle in uns, oft in Tiefen versteckt, aber dennoch vorhanden.

Manche entdecken in diesen Tagen eine Innerlichkeit in sich, die sie nicht ahnten oder eine Geduld, die sie selbst überrascht. Andere finden eine Liebenswürdigkeit in sich, die sie nicht für möglich gehalten hatten. Viele Menschen erfahren eine Weite des Herzens, die über den Tellerrand unserer Not schauen kann und den Hunger, Not und Elend von andern ernstnimmt. Immer wieder berichten Menschen davon, dass der Wegfall von so vielem, was sie für lebensnotwendig hielten, zu einer Änderung ihrer Wertvorstellungen geführt hat.

In dieser Geschichte ist Petrus nicht der Menschenfischer, sondern einer der Fische, die die Liebe Gottes auffängt. Vielleicht ist es auch für uns wahr, dass wir erst wirklich Menschen leiten, begleiten und auffangen können, nachdem wir selbst aus dem See von Tiberias herausgezogen worden sind. Denn dort wartet das uralte Licht, in dem wir stehen, in den Flammen eines Kohlenfeuers und den Fragen, die uns zur anderen Seite des Bootes führen. Wenn wir diese Station in den Tagen von Corona nicht meiden, dann werden auch wir die Stimme hören, die zu uns spricht: Weide meine Schafe!

 

Erik Riechers SAC, 22. April 2020

 

 

9. Station: Die Jünger begegnen dem Herrn am See von Tiberias (Joh 21, 1-13)

 

Danach offenbarte sich Jesus den Jüngern noch einmal, am See von Tiberias, und er offenbarte sich in folgender Weise. Simon Petrus, Thomas, genannt Didymus, Natanaël aus Kana in Galiläa, die Söhne des Zebedäus und zwei andere von seinen Jüngern waren zusammen. Simon Petrus sagte zu ihnen: Ich gehe fischen. Sie sagten zu ihm: Wir kommen auch mit. Sie gingen hinaus und stiegen in das Boot. Aber in dieser Nacht fingen sie nichts. Als es schon Morgen wurde, stand Jesus am Ufer. Doch die Jünger wussten nicht, dass es Jesus war. Jesus sagte zu ihnen: Meine Kinder, habt ihr keinen Fisch zu essen? Sie antworteten ihm: Nein. Er aber sagte zu ihnen: Werft das Netz auf der rechten Seite des Bootes aus und ihr werdet etwas finden. Sie warfen das Netz aus und konnten es nicht wieder einholen, so voller Fische war es. Da sagte der Jünger, den Jesus liebte, zu Petrus: Es ist der Herr! Als Simon Petrus hörte, dass es der Herr sei, gürtete er sich das Obergewand um, weil er nackt war, und sprang in den See. Dann kamen die anderen Jünger mit dem Boot - sie waren nämlich nicht weit vom Land entfernt, nur etwa zweihundert Ellen - und zogen das Netz mit den Fischen hinter sich her. Als sie an Land gingen, sahen sie am Boden ein Kohlenfeuer und darauf Fisch und Brot liegen. Jesus sagte zu ihnen: Bringt von den Fischen, die ihr gerade gefangen habt! Da stieg Simon Petrus ans Ufer und zog das Netz an Land. Es war mit hundertdreiundfünfzig großen Fischen gefüllt, und obwohl es so viele waren, zerriss das Netz nicht. Jesus sagte zu ihnen: Kommt her und esst! Keiner von den Jüngern wagte ihn zu befragen: Wer bist du? Denn sie wussten, dass es der Herr war. Jesus trat heran, nahm das Brot und gab es ihnen, ebenso den Fisch.

 

 

»noch einmal« -  so unauffällig kommt es im ersten Satz des 21. Kapitels des Johannesevangeliums daher, doch im Leben der Jünger wie auch in unserem Leben ist es ungeheuer bedeutungsvoll und tröstlich zu erfahren, dass Wiederholung nicht unser Feind, sondern unser Segen ist.

Zweimal war Jesus in die Mitte seiner Jünger hinter verschlossene Türen getreten – nun sind sie zurück an ihrem See, zu Hause, am alten Ort. Die Boote liegen hier am Ufer und was liegt näher als das zu tun, was sie früher immer getan haben: fischen gehen.

Kernen wir das? Außergewöhnliches erlebten wir, manchmal stiegen wir aus für eine gewisse Zeit, Erschütterungen entzogen uns vielleicht zeitweise den Boden unter den Füßen. Als alles vorbei war, kehrten wir zurück in unsere »alte« Welt und versuchten, weiter zu machen wie einst.

So schließen sich sechs Jünger Petrus an, doch das Mühen einer ganzen Nacht bleibt ohne Erfolg. Sie »fingen nichts«.

Kennen wir das? Wir tun so, als wäre nichts gewesen, und arbeiten uns oberflächlich mithilfe alter Muster und Techniken ab. Ist es wirklich verwunderlich, dass wir dort nichts Nährendes, keinen »Fisch«, finden? Schon heute erhebt sich mächtig die Frage, wie wir weiterleben werden nach Corona. Werden wir einfach zu unseren gewohnten Weisen des Lebens zurückkehren, als wäre nichts geschehen?

Die Jünger jedenfalls gestehen nach dieser vergeblichen Nacht dem Fremden am Ufer, dass sie nichts erreicht haben, keinen Fisch, keine Nahrung, nichts zum Essen und Teilen.

Aber sie haben (immer noch) das Herz eines Abenteurers: sie lassen sich darauf ein, zu ungewohnter Zeit, am hellen Morgen, noch einmal auszufahren und ihre Netze auf eine neue Weise, »auf der rechten Seite« auszuwerfen. Am Tag tauchen die Fische in die Tiefe ab – was nährt, ist also nur in der Tiefe zu finden. Und dort finden sie in der Tat Überfülle.

Kennen wir das? Wir lösen uns von dem, was immer schon so gehandhabt wurde und wir lange praktizierten, wir entdecken eine Quelle in uns, spüren einen Reichtum, den wir nie vermuteten. Wir mussten dazu in die Tiefe gehen. Wird uns diese virusbedrohte Zeit dorthin führen? Werden wir uns ihren Rat zu Herzen nehmen und unsere Netze » auf der rechten Seite des Bootes« auswerfen, in einer neuen Weise, die uns in unsere Tiefen und die Tiefen des Lebens führt, zum Wesentlichen, zu dem, was uns wirklich nährt?

Dann könnte uns die Erfahrung blühen, die die Jünger machen, als erster der, den Jesus liebte: Hier ist der Auferstandene! » Es ist der Herr!«

Er hat schon ein Mahl vorbereitet und alles, was wir aus unseren Tiefen mitbringen, kommt dazu.

Die Offenbarung des Auferstandenen, »noch einmal« geschenkt, gilt uns heute wie den Freunden damals.

 

Rosemarie Monnerjahn, 21. April 2020

 

 

 

8. Station: Der Herr bestätigt den Glauben des Thomas (Joh 20,24-29)

 

»Thomas, der Didymus genannt wurde, einer der Zwölf, war nicht bei ihnen, als Jesus kam. Die anderen Jünger sagten zu ihm: Wir haben den Herrn gesehen. Er entgegnete ihnen: Wenn ich nicht das Mal der Nägel an seinen Händen sehe und wenn ich meinen Finger nicht in das Mal der Nägel und meine Hand nicht in seine Seite lege, glaube ich nicht.  Acht Tage darauf waren seine Jünger wieder drinnen versammelt und Thomas war dabei. Da kam Jesus bei verschlossenen Türen, trat in ihre Mitte und sagte: Friede sei mit euch!  Dann sagte er zu Thomas: Streck deinen Finger hierher aus und sieh meine Hände! Streck deine Hand aus und leg sie in meine Seite und sei nicht ungläubig, sondern gläubig!  Thomas antwortete und sagte zu ihm: Mein Herr und mein Gott!  Jesus sagte zu ihm: Weil du mich gesehen hast, glaubst du. Selig sind, die nicht sehen und doch glauben.«

 

Meine  Großmutter lag im Sterben auf ihrem Bett. Es war friedlich. Es war gnadenvoll. Es war schrecklich.

Ich saß bei ihr während dieser Tage und meine Sorgsamkeit wurde belohnt mit dem größten Geschenk meiner Großmutter:  Sie erzählte mir ihre Geschichten.

Wir sind Anhänger des Weges  und so riefen wir die Ältesten und sie kamen. Großmutter ließ sie über sie beten, aber als die Zeit kam, wo sie ihr die Hände auflegen wollten, winkte sie sie ab. »Nicht nötig. Nicht nötig!« Sie war gütig, aber entschieden.

Nachdem sie etwas verdrossen gingen, fragte ich, sie warum sie die Ältesten kurzerhand abgewimmelt hatte. »Kind, du Leuchtkraft meines Lebens, sie wissen nicht, wie man jemandem die Hände auflegt.«

»Mach dich doch nicht lächerlich. Sie sind die Ältesten. Sie wissen es besser als jeder von uns«, antwortete ich mit Worten schärfer im Ton als in der Absicht.

»Kind, du Freude meiner alten Jahre, das ist nicht wahr. Lass mich dir die Geschichte hinter dieser Geschichte erzählen. Es war in den Tagen nach dem Großen Aufstand. Die geistdurchtränkten Zwölf nahmen die Reisen des  Meisters wieder auf. Als sie bei uns im Dorf anhielten, kamen unsere Leute und begrüßten sie. Im Laufe ihres Aufenthalts durften wir zu einem von ihnen gehen, um unsere Nöte, unsere Sorgen und auch unsere Frage ihnen ans Herz zu legen. Vor jedem von ihnen bildete sich eine große Schlange, außer vor einem. Er war derjenige, den wir bis heute den Ungläubigen nennen, wenn auch nur hinter vorgehaltener Hand.

Ich bin zu ihm gegangen, bewegt durch Ungeduld vor dem Warten und berührt von einem Hauch von Mitleid für ihn, der ganz allein da saß.

Er war ein Mann, mit dem es überraschend leicht war, ins Gespräch zu kommen; zu Hause in seiner eigenen Haut, ungezwungen in der Gesellschaft von Frauen. Und diese Augen, Kind, diese Augen! Sie haben mein Gesicht nie verlassen, nicht in der besitzergreifenden Art des Anstarrens, sondern in der zärtlicher Weise des bewundernden Blickes. Egal, was ich erzählte, egal welche Zweifel ich hegte oder welche Ängste ich nährte: diese Augen, Kind, diese Augen! Seine Weigerung, seinen Blick abzuwenden, war die erste Weise, wie er mir die Hände auflegte.

Dann nahm er meine Hände in seine, zärtlich, so zärtlich. Seine Worte hauchten Frieden über mich. 'Meine Hände berührten, was sie nicht für möglich gehalten haben. Das werden auch deine tun. Der Zweifel ist wie Frucht. Beiß zu früh rein, und er ist bitter. Du musst ihn reifen lassen zu einer vollen Umarmung des Mysteriums.' Es war die zweite Weise, wie er mir die Hände auflegte.

Dann legte er meine Hände auf seiner Seite. Er sprach Worte zu mir, die nach frisch gebackenem Brot, wie Fisch auf einem Kohlenfeuer gebraten, wie Honig aus den Waben, schmeckten. 'Meine Kleine, einst habe ich seine Seite berührt und die Wunde gefunden, die meine heilte. Deine Hände werden das gleich tun. Zweifel war nie mein Feind, mein Kind. Er muss auch deiner nicht sein. Zweifel sind Fragen, und wenn dein Fragen dich auf die Suche führt, werden deine Hände berühren, was ich berührt habe und deine Augen sehen, was meine gesehen haben. Wer zweifelt, fragt. Wer fragt, sucht. Wer sucht, findet. Wer findet, wird das Mysterium geöffnet bekommen'. Es war die dritte Weise, wie er mir die Hände auflegte.

Siehst du, mein Kind, du kostbares Juwel meines Herzens, ich konnte nicht zulassen, dass die Ältesten sich durch ein bloßes Ritual fummeln. Die Auflegung der Hände ist der Weg, wie der Meister uns alle berührt. Sie ist nicht der Besitz einiger Auserwählter, aber sie ist eine Kunst. Sie muss immer aus dem tiefen Herzen kommen! Und nur jene, die vom tiefen Herzens des Meisters berührt worden sind, werden ihr eigenes finden, aus dem sie andere berühren.«

Ich streichelte die verschrumpelte Hand meiner Großmutter. »Das war das Werk des Zweiflers?  Der Zweifler hat das alles für dich getan?«

Meine Großmutter wandte ihre Augen mir zu and hielt meinen Blick fest. Diese Augen, meinen Freunde, diese Augen! Dann sprach sie zu mir mit Worten schärfer im Ton als in der Absicht. «Hör auf damit. Nenn ihn nicht so!«

Dann schloss sie ihre Augen und lies ein langes, köstliches Seufzer von sich, gefüllt von Zufriedenheit und Heilung.

»Sein Name war Thomas.«

Erik Riechers SAC, 20. April 2020

 

7. Station: Jesus erteilt die Vollmacht des Vergebens (Joh 20, 19-23)

 

Am Abend dieses ersten Tages der Woche, als die Jünger aus Furcht vor den Juden bei verschlossenen Türen beisammen waren, kam Jesus, trat in ihre Mitte und sagte zu ihnen: Friede sei mit euch! Nach diesen Worten zeigte er ihnen seine Hände und seine Seite. Da freuten sich die Jünger, als sie den Herrn sahen. Jesus sagte noch einmal zu ihnen: Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch. Nachdem er das gesagt hatte, hauchte er sie an und sagte zu ihnen: Empfangt den Heiligen Geist! Denen ihr die Sünden erlasst, denen sind sie erlassen; denen ihr sie behaltet, sind sie behalten.

 

 

Die Gabe der Versöhnung, das Sammeln um eine Mitte –

wie sehnt sich unsere Welt danach!

Isoliert und vereinzelt leben wir, nicht erst seit Corona.

Wenn wir zueinander kamen,

sprachen wir von unseren Leistungen,

von dem, was wir uns leisten konnten.

Schwäche zeigen, Narben gar? Niemals!

Lieber Floskeln auf den Lippen, die uns

die anderen vom Leib hielten

und unser Inneres verbargen.

Furcht!

Welche Leere in so vielen Runden,

in denen wir uns jahrein, jahraus trafen!

Friede? Innerer Friede? Schalom?

 

Doch einst blieben Menschen beisammen

in all ihrer Furcht, dem Erschrecken über ihr Versagen, in ihrer Trauer,

eingeschlossen,

doch die Mitte war offen

für IHN, um den all ihr Denken und Fühlen kreiste.

Er überwand alle Barrieren und zeigte sich

wie er war, ganz, vernarbt und versöhnt,

und brachte Frieden.

Furcht konnte sich in Freude wandeln

und Friede bekam fruchtbaren Boden.

Nähe war möglich, Sendung wurde zugemutet,

Einhauchen des Geistes wie in Urzeiten der Schöpfung,

um mit ihm der Vergebung und dem Neubeginn zu dienen –

bis heute, für uns.

 

Rosemarie Monnerjahn, 19. April 2020

 

 

6. Station: Der Auferstandene erscheint seinen Jüngern (Lk 24,36-43)

 

Als sie aber davon redeten, trat er selbst mitten unter sie und sprach zu ihnen: Friede sei mit euch! Sie erschraken aber und fürchteten sich und meinten, sie sähen einen Geist. Und er sprach zu ihnen: Was seid ihr so erschrocken, und warum kommen solche Gedanken in euer Herz? Seht meine Hände und meine Füße, ich bin's selber. Fasst mich an und seht; denn ein Geist hat nicht Fleisch und Knochen, wie ihr seht, dass ich sie habe. Und als er das gesagt hatte, zeigte er ihnen seine Hände und Füße. Da sie es aber noch nicht glauben konnten vor Freude und sich verwunderten, sprach er zu ihnen: Habt ihr hier etwas zu essen? Und sie legten ihm ein Stück gebratenen Fisch vor. Und er nahm's und aß vor ihnen.

 

Wenn Jesus seine Hände und Füße zeigt, dann ist das ein Weg zu beweisen, dass er echt ist. Was die Jünger berühren und sehen ist real, Fleisch aus unserem Fleisch und Knochen von unserem Knochen. Jedoch, sobald sie das Reale sehen und berühren, haben sie keine andere Wahl als die Narben, die die Wunden zurückgelassen haben, zu sehen und zu berühren. Das ist die Realität des Wegs des Lichts. Wir können die Narben nicht ausradieren in authentischen Geschichten des Lebens nach dem Evangelium.

Hier haben wir eine Lektion für uns in der Stunde der Krise. Wir sollten die Narben, die die Wunden zurückgelassen haben, einander zeigen.

Wir hören immer wieder die ermutigenden Worte »Das werden wir überstehen!«. Ich glaube, dass es wahr sein wird für die große Mehrheit, wenn sicherlich nicht für alle. Aber eines ist sicher. Niemand, absolut niemand, kommt durch diese Zeit unberührt, unbehelligt und unbeschadet. Narben sind keine Wunden, aber Erinnerungen an sie. Sie erinnern uns, wo wir gekämpft haben und verletzt wurden. Sie erinnern uns, dass wir nicht unverletzbar sind, dass wir geschnitten und durchbohrt werden können, dass wir bluten können. Aber sie erinnern uns auch daran, dass wir heilen und weitermachen können. Sie erinnern uns, dass Leben möglich ist, wo Wunden gehegt und gepflegt werden. Mit Zeit und Heilung bluten sie nicht ewig. Narben sind keine Wunden, aber Erinnerungen an sie. Eine Narbe ist der Ort, wo das Ausbluten des Lebens gestoppt und versiegelt wurde.

In Henry V. legt Shakespeare dem König eine Rede in den Mund vor der Schlacht von Agincourt:

 

Ruf' lieber aus im Heere, Westmoreland,

Dass jeder, der nicht Lust zu fechten hat,

Nur hinziehen mag; man stell' ihm seinen Pass

Und stecke Reisegeld in seinen Beutel:

Wir wollen nicht in dessen Gesellschaft sterben,

Der die Gemeinschaft scheut mit unserm Tod.

 

Der heutige Tag heißt Crispianus' Fest:

Der, so ihn überlebt und heimgelangt,

Wird auf dem Sprung stehn, nennt man diesen Tag,

Und sich beim Namen Crispianus rühren.

Wer heut am Leben bleibt und kommt zu Jahren,

Der gibt ein Fest am heiligen Abend jährlich

Und sagt: »Auf Morgen ist Sankt Crispian!«,

Streift dann die Ärmel auf, zeigt seine Narben

Und sagt: »An Crispins Tag empfing ich die.« …

 

Der wackere Mann lehrt seinem Sohn die Märe,

Und nie von heute bis zum Schluss der Welt

Wird Crispin Crispian vorübergehen,

Dass man nicht uns dabei erwähnen sollte,

Uns wenige, uns beglücktes Häuflein Brüder:

Denn welcher heut sein Blut mit mir vergießt,

Der wird mein Bruder; sei er noch so niedrig,

Der heutige Tag wird adeln seinen Stand.

Und Edelleute in England, jetzt im Bett',

Verfluchen einst, dass sie nicht hier gewesen,

Und werden kleinlaut, wenn nur jemand spricht,

Der mit uns focht am Sankt Crispinus-Tag.

 

Das ist Shakespeares Version dieser Lektion des Evangeliums. Er ruft uns auf, freiwillig zusammenzustehen, miteinander zu kämpfen und zusammen Wunden zu erleiden. »Dass jeder, der nicht Lust zu fechten hat, nur hinziehen mag.« Wer in der Stunde der Krise seinen Mitmenschen nicht beistehen will, wird nicht gezwungen: »Man stell' ihm seinen Pass und stecke Reisegeld in seinen Beutel«. Krisen lehren uns, welche Gefährten wir wirklich haben und welche Gesellschaft wirklich wertvoll ist: »Wir wollen nicht in dessen Gesellschaft sterben, der die Gemeinschaft scheut mit unserm Tod.«

Und er ruft uns auf, einander die Narben zu zeigen, die die Wunden zurückgelassen haben, wie Soldaten, die zusammen standen und mit König Heinrich kämpften: »Streift dann die Ärmel auf, zeigt seine Narben und sagt: ´An Crispins Tag empfing ich die‘«. Und jene, die einander die Narben aus alten Kämpfen zeigen und die Geschichten erzählen, die dahinter stecken, werden die Wenigen, ein beglücktes Häuflein Brüder (und Schwestern). Jene, die sich weigern zusammen zu stehen, zu kämpfen, zu fallen und Wunden zu erleiden, werden unversehrt bleiben, sie tragen keine Narben. Sie jedoch werden die Bürde der tiefsten Reue tragen: »Und Edelleute in England, jetzt im Bett, verfluchen einst, dass sie nicht hier gewesen, und werden kleinlaut, wenn nur jemand spricht, der mit uns focht am Sankt Crispinus-Tag.«

Auf dem Weg des Lichtes sollten wir die Ärmel aufkrempeln und einander die Narben zeigen, die die Wunden zurückgelassen haben. Das ist es, was Jesus in diesem Raum tat mit seinen Freunden. Wenn wir es tun, werden Menschen wissen warum. Es hat zu tun mit den Gefährten, mit denen wir gehen, wir Wenigen, wir beglücktes Häuflein Brüder (und Schwestern).

 

Erik Riechers SAC, 18. April 2020

 

 

5. Station: Als er das Brot brach (Lk 24, 28-35)

 

So erreichten sie das Dorf, zu dem sie unterwegs waren. Jesus tat, als wolle er weitergehen, aber sie drängten ihn und sagten: Bleibe bei uns; denn es wird Abend, der Tag hat sich schon geneigt! Da ging er mit hinein, um bei ihnen zu bleiben. Und es geschah, als er mit ihnen bei Tisch war, nahm er das Brot, sprach den Lobpreis, brach es und gab es ihnen. Da wurden ihre Augen aufgetan und sie erkannten ihn; und er entschwand ihren Blicken. Und sie sagten zueinander: Brannte nicht unser Herz in uns, als er unterwegs mit uns redete und uns den Sinn der Schriften eröffnete? Noch in derselben Stunde brachen sie auf und kehrten nach Jerusalem zurück und sie fanden die Elf und die mit ihnen versammelt waren. Diese sagten: Der Herr ist wirklich auferstanden und ist dem Simon erschienen. Da erzählten auch sie, was sie unterwegs erlebt und wie sie ihn erkannt hatten, als er das Brot brach.

 

Wenn wir miteinander echte Emmaus-Gespräche führen, dann entstehen Nähe und Vertrauen, dann kommt, wenn es Abend wird, der Wunsch auf beieinander zu bleiben.

Jesus verlässt die beiden Jünger, als sie ihn erkennen, und das ist beim Mahl, beim Brechen des Brotes.

Er verlässt sie, als sie wissen: Er ist da, schon den ganzen Weg über hatte er langsam unsere Herzen erwärmt.

Mit dieser Klarheit können sie erneut aufbrechen – im Dunkeln, durchs Dunkle – das wird überhaupt nicht wahrgenommen, denn in ihnen ist es hell, der Weg scheint ihnen entgegen zu kommen.

Erzählend waren sie in seiner Spur gegangen.

Im Brechen des Brotes öffneten sich ihre Augen.

Aufbrechend nach Jerusalem verwandelt sich der Ort des Grabes in einen Ort des Lebens, der Gefährten, des Leben Teilens, der Freude.

 

Willi Bruners sagt es so:

 

österlich

 

gesicherte gräber

aber er hinterlässt

spuren im staub

die zeigen den weg

ins offene

 

das geteilte brot

schmeckt nach

aufbruch

auch wenn sich

sein erscheinen

 

in grenzen hält        (W.Bruners 2011)

 

 

Und wir?

Sind wir bereit, das Schwere einander anzuvertrauen und es neu deuten zu lassen?

Sind wir bereit, wahrhaft Leben Nährendes füreinander zu brechen und miteinander zu teilen?

Wir könnten die zunehmende Wärme unserer Herzen spüren!

Wir könnten dem Auferstandenen begegnen!

 

Rosemarie Monnerjahn, 17. April 2020

 

 

4. Station: Der Auferstandene Herr erscheint zwei Jüngern auf dem Weg nach Emmaus (Lk 24:13-27)

 

Und siehe, am gleichen Tag waren zwei von den Jüngern auf dem Weg in ein Dorf namens Emmaus, das sechzig Stadien von Jerusalem entfernt ist. Sie sprachen miteinander über all das, was sich ereignet hatte. Und es geschah, während sie redeten und ihre Gedanken austauschten, kam Jesus selbst hinzu und ging mit ihnen. Doch ihre Augen waren gehalten, sodass sie ihn nicht erkannten. Er fragte sie: Was sind das für Dinge, über die ihr auf eurem Weg miteinander redet? Da blieben sie traurig stehen und der eine von ihnen - er hieß Kleopas - antwortete ihm: Bist du so fremd in Jerusalem, dass du als Einziger nicht weißt, was in diesen Tagen dort geschehen ist? Er fragte sie: Was denn? Sie antworteten ihm: Das mit Jesus aus Nazaret. Er war ein Prophet, mächtig in Tat und Wort vor Gott und dem ganzen Volk. Doch unsere Hohepriester und Führer haben ihn zum Tod verurteilen und ans Kreuz schlagen lassen. Wir aber hatten gehofft, dass er der sei, der Israel erlösen werde. Und dazu ist heute schon der dritte Tag, seitdem das alles geschehen ist. Doch auch einige Frauen aus unserem Kreis haben uns in große Aufregung versetzt. Sie waren in der Frühe beim Grab, fanden aber seinen Leichnam nicht. Als sie zurückkamen, erzählten sie, es seien ihnen Engel erschienen und hätten gesagt, er lebe. Einige von uns gingen dann zum Grab und fanden alles so, wie die Frauen gesagt hatten; ihn selbst aber sahen sie nicht. Da sagte er zu ihnen: Ihr Unverständigen, deren Herz zu träge ist, um alles zu glauben, was die Propheten gesagt haben. Musste nicht der Christus das erleiden und so in seine Herrlichkeit gelangen? Und er legte ihnen dar, ausgehend von Mose und allen Propheten, was in der gesamten Schrift über ihn geschrieben steht.

 

Wenn wir zusammen durch eine Krisenzeit gehen, und manchmal in der falschen Richtung (wie die Jünger sich vom Ort der Auferstehung weg bewegen), erachten wir vieles für bedeutungsvoll und wichtig: Krisenmanagement, Planung, Kompetenz, Entscheidungsfähigkeit und Lösungen. Ich bezweifele nicht, dass sie nötig sind für eine Pandemie, aber ich bezweifle sehr, dass sie alleine reichen werden. Hier haben wir zwei Jünger, gebeutelt von Krise, und sie besitzen nichts von alledem. Das beschreibt die überwiegende Mehrheit von uns zurzeit. Wir sind nicht alle Ärzte, Virologen, Krankenpfleger oder Politiker. Wer einen Weg des Lichtes gehen will, der muss etwas lernen, was besonders wichtig ist gerade in diesen Tagen, aber meistens nicht auf der Liste der Krisenbewältigung steht: die Kunst des gegenseitigen Erzählens.

Diese Kunst ist lebenswichtig und lebensnotwendig. »Sie sprachen miteinander über all das, was sich ereignet hatte«. Hier geht es um das Gespräch, das wir brauchen, wenn das Leben uns nicht gelingt, wo alles dunkel ist, wo alle Hoffnung verloren scheint, wo nichts mehr geht und wir nicht mehr weiter wissen, auch wenn wir gezwungen sind, weiter zu gehen.

Jesus kommt gerne dazu. Denn egal wie schlimm, dunkel, hart und niederschmetternd die Erfahrungen waren, das gegenseitige Erzählen ist wichtig. Sonst kann eine Auferstehung zum neuen Leben nicht stattfinden. Jesus kommt gerne dazu, aber er kommt als ein neuer Hörer dazu, damit es keine bloße Wiederholung der Vergangenheit, ein ständiges Aufzählen des Alten wird. Als Mann mit frischen Ohren möchte er verhindern, dass das, was vom Leben noch in uns übrig geblieben ist, nicht erstickt wird.

Erzählt einander vom Zustand eurer Herzen. Dieses Gespräch ist der Ort, wo wir weinen, schreien, und erzählen müssen von allem, was unser Leben ausmachte, damit wir das finden, was uns heute im Tod gefangen hält.

Jesus hört sich alles an, was seine Menschen ihm erzählen wollen. Jesus unterbricht nie. Er widerspricht kein einziges Mal. Er korrigiert kein Wort. Erst als die Jünger fertig sind, fängt er an.

Erst dann öffnet er neue Perspektiven. Es ist keine Korrektur, sondern ein Erweiterung. Jesus nimmt die Erfahrungen der Jünger, ihre ganz persönlichen Erfahrungen ernst. Durch Mose und die Propheten ergänzt er in ihnen, was sie in ihrer eigenen Erfahrung nicht wahrgenommen haben. Hier weckt Jesus neues Leben in den Jüngern. Aus den Erlebnissen und Erfahrungen, die nur Tod bedeuteten, holt er neues Leben heraus.

 

Aber hier lauern die zwei Gefahren dieser Stunde auf uns.

  1. Dieses Emmaus-Gespräch findet nie statt. Wir unterdrücken unsere Erfahrungen, Schmerz, Zweifel und Geschichten, entweder aus Scham oder Schmerz. Bedenke, nicht was wir erzählen, macht uns krank, sondern was wir nicht erzählen. Jede Therapie dieser Welt beginnt mit dem Satz: Erzählen Sie mal. Wir versuchen den Erzählfluss wieder herzustellen. Noch besser wäre, es so zu machen wie die Jünger und das gegenseitige Erzählen immer am Leben zu erhalten. Jesus muss vieles für sie tun, aber nicht das Gespräch neu entfachen. Er findet ein Gespräch vor, in das er einsteigen kann. Das gegenseitige Erzählen ist nicht nur ein Geschenk füreinander, sondern auch für Gott.
  2. Nur dieses Emmaus-Gespräch findet statt. Wir brauchen neue Hörer und frische Ohren. Im Augenblick ist die Gefahr sehr groß, dass wir nur noch wie die Geier um die Grabstellen unserer Krise kreisen. Jemand sagte mir in diesen Tagen, dass ein Impuls pro Tag ihm zu viel ist. Jedoch zieht er sich täglich, fast stündlich,dieselben Warnungen, Prognosen und schlechten Nachrichten ein. Er kann Corona-Statistiken zitieren wie ich die Heilige Schrift. Jedes Gerücht gibt er lauwarm weiter. Wo bleiben die neuen Perspektiven, Horizonte und Wege?

 

Ein Weg des Lichts braucht die Kunst des gegenseitigen Erzählens, denn so werden wir immer wieder das »Uralte Licht, in dem wir stehn« von neuem erkennen.

 

Erik Riechers SAC, 16.04.2020

 

 

3. Station: Maria von Magdala begegnet dem Herrn im Garten

 

Maria aber stand draußen vor dem Grab und weinte. Als sie nun weinte, beugte sie sich in das Grab hinein und sieht zwei Engel in weißen Gewändern sitzen, einen zu Häupten und den andern zu den Füßen, wo der Leichnam Jesu gelegen hatte. Und die sprachen zu ihr: Frau, was weinst du? Sie spricht zu ihnen: Sie haben meinen Herrn weggenommen, und ich weiß nicht, wo sie ihn hingelegt haben. Und als sie das sagte, wandte sie sich um und sieht Jesus stehen und weiß nicht, dass es Jesus ist. Spricht Jesus zu ihr: Frau, was weinst du? Wen suchst du? Sie meint, es sei der Gärtner, und spricht zu ihm: Herr, hast du ihn weggetragen, so sage mir: Wo hast du ihn hingelegt? Dann will ich ihn holen. Spricht Jesus zu ihr: Maria! Da wandte sie sich um und spricht zu ihm auf Hebräisch: Rabbuni!, das heißt: Meister! Spricht Jesus zu ihr: Rühre mich nicht an! Denn ich bin noch nicht aufgefahren zum Vater. Geh aber hin zu meinen Brüdern und sage ihnen: Ich fahre auf zu meinem Vater und eurem Vater, zu meinem Gott und eurem Gott. Maria Magdalena geht und verkündigt den Jüngern: »Ich habe den Herrn gesehen«, und was er zu ihr gesagt habe. (Joh 20, 11-18)

 

Der Weg des Lichts ist kein künstlich erhellter Boulevard, sondern ein Weg, auf dem wir Menschen uns von Anbeginn tastend von Licht zu Licht bewegen. Es gibt kaum ein schöneres Zeugnis dieses Tastens und Findens als diese Erzählung der Begegnung Marias mit Jesus im Garten. Immer wieder berührt sie uns neu, weil wir uns immer wieder neu in ihr entdecken.

Meditieren wir sie heute mit Gedichten von Wilhelm Bruners und kosten wir sie aus:

 

Am Grab

Mein Schmerz

 

nirgendwo sicherer

als am Grab

 

Und darüber nachdenken

was hätte sein können

 

Im Rückblick

der Gärtner und

die Erinnerung an

die Zeit des Gesangs

unsterblich verliebter

 

Blumen

 

Mirjam

Stattdessen

 

mit dunklen Augen

den Stein beiseite

gerollt

 

ratlose Männer

noch mehr

verwirrt

 

mit Unerkannt

ein Trauergespräch

geführt

 

den Gärtner

durchschaut

 

nachher gewundert

über soviel

 

Leben

 

aus: Wilhelm Bruners, Verabschiede die Nacht, 1999

 

Rosemarie Monnerjahn, 15. April 2020

 

 

2. Station: Die Frauen finden ein leeres Grab (Mk 16, 1-8 )

 

Als der Sabbat vorüber war, kauften Maria aus Magdala, Maria, die Mutter des Jakobus, und Salome wohlriechende Öle, um damit zum Grab zu gehen und Jesus zu salben. Am ersten Tag der Woche kamen sie in aller Frühe zum Grab, als eben die Sonne aufging. Sie sagten zueinander: Wer könnte uns den Stein vom Eingang des Grabes wegwälzen? Doch als sie hinblickten, sahen sie, dass der Stein schon weggewälzt war; er war sehr groß.  Sie gingen in das Grab hinein und sahen auf der rechten Seite einen jungen Mann sitzen, der mit einem weißen Gewand bekleidet war; da erschraken sie sehr. Er aber sagte zu ihnen: Erschreckt nicht! Ihr sucht Jesus von Nazaret, den Gekreuzigten. Er ist auferstanden; er ist nicht hier. Seht, da ist die Stelle, wohin man ihn gelegt hat. Nun aber geht und sagt seinen Jüngern und dem Petrus: Er geht euch voraus nach Galiläa; dort werdet ihr ihn sehen, wie er es euch gesagt hat. Da verließen sie das Grab und flohen; denn Schrecken und Entsetzen hatte sie gepackt. Und sie sagten niemandem etwas davon; denn sie fürchteten sich.

 

Ein Brief von einem nicht so geheimen Bewunderer

 

Liebe Maria von Magdala!

Liebe Maria, Mutter des Jakobus!

Liebe Salome!

 

Verehrte Zeuginnen!

Geliebte Schwestern!

 

In dieser Zeit von Pandemie und Panik lese ich eure Geschichte am liebsten.

Hier endete ursprünglich das Markus Evangelium. Er hat euch die letzte Geschichte gewidmet.

Und, wie ich finde, hätten wir es so belassen sollen, denn es ist ein wunderbares Ende des Evangeliums.

Ihr hattet Angst vor der Wahrheit dieses Augenblicks.

Und ihr habt niemand etwas davon erzählt; denn ihr habt euch gefürchtet.

Nach Markus war die Furcht die letzte Erfahrung des Evangeliums.

Und wenn wir überhaupt etwas kennen, dann die Furcht, die uns zum Schweigen bringt.

 

Dank eurer Geschichte wissen wir allerdings, dass eure Furcht doch nicht so mächtig war als ihr gedacht habt und ihr sie überwunden habt.

Denn, wenn ihr nie etwas davon gesagt hättet, würden wir diese Geschichte gar nicht kennen.

Aber ich erzähle sie,

und sie wurde mir erzählt,

und wir alle werden sie weiter erzählen.

 

Das heißt, irgendwo in Laufe eurer persönlichen Geschichte der Reifung und des Wachstums,

habt ihr die Furcht, die euch davon zurückhielt eure Geschichte zu erzählen,

den Schrecken und das Entsetzen, das euch erschüttert und gebeutelt hat,

überwunden.

Eure Furcht hat kein Bestand gehabt.

Etwas ist auch durch eure Furcht durchgebrochen.

 

Darum liebe ich eure Geschichte, denn sie lehrt uns, dass die Furcht nicht definitiv ist. Wir Männer haben auch Angst, aber wir sind nicht mutig genug um es zu zugeben. darum bin ich euch so dankbar. Es ist  schwierig, sich mit Angst auseinanderzusetzen, wenn wir unsere ganze Zeit damit verbringen sie zu verleugnen.

 

Ihr habt uns den normalen Lauf der Dinge gezeigt für alle, die das Evangelium leben. Manchmal sind wir Menschen stark, dann schwächeln wir wieder.

 

Furcht und Liebe werden immer zusammen gemischt sein.

Aber Furcht hat nicht das letzte Wort. Ihr seid die Zeuginnen dafür.

Angst war nicht definitiv für euch am Grab.

Und sie muss nicht definitiv sein für uns in der Stunde unserer Krise.

 

Und so danke ich euch, geliebte Schwestern, für euer mutiges Zeugnis. Die Männer mit ihrem Macho- Gehabe waren in den ausschlaggebenden Stunden nirgendswo zu sehen. Ihr wart immer dabei. Ihr wart die Augenzeuginnen der ganzen Geschichte, nicht die Zuschauer von selektiven Stunden. Ihr habt erlebt,

wie Jesus  verhaftet, eingeschüchtert, bedroht, manipuliert, festgenagelt, getötet

und dann unter Stein begraben und versiegelt worden ist. Wenn wir unsere ganze Geschichte zugeben, dann spielt all das auch bei uns eine Rolle im Augenblick. Unsere Geschichte ist weder so sauber noch so glatt wie wir es gerne darstellen.

Für eure Tapferkeit und eure Bereitschaft, nichts von dem zu unterdrücken oder zu leugnen, was auf der Via Lucis, dem  Weg des Lichtes, uns erwartet, nehmt bitte meinen aufrichtigen Dank an. Und wenn ich bitten darf: Legt ein warmes Wort für uns ein bei Jesus, damit wir unsere Stunden der Angst so ehrlich und mutig gestalten wie ihr.

 

Euer ergebener,

Erik bar Elisheva (Sohn der Elisabeth)

 

1. Station: Jesus ist auferstanden

Nach dem Sabbat, beim Anbruch des ersten Tages der Woche, kamen Maria aus Magdala und die andere Maria, um nach dem Grab zu sehen. Und siehe, es geschah ein gewaltiges Erdbeben; denn ein Engel des Herrn kam vom Himmel herab, trat an das Grab, wälzte den Stein weg und setzte sich darauf. Sein Aussehen war wie ein Blitz und sein Gewand weiß wie Schnee. Aus Furcht vor ihm erbebten die Wächter und waren wie tot. Der Engel aber sagte zu den Frauen: Fürchtet euch nicht! Ich weiß, ihr sucht Jesus, den Gekreuzigten. Er ist nicht hier; denn er ist auferstanden, wie er gesagt hat. Kommt her und seht euch den Ort an, wo er lag! Dann geht schnell zu seinen Jüngern und sagt ihnen: Er ist von den Toten auferstanden und siehe, er geht euch voraus nach Galiläa, dort werdet ihr ihn sehen. Siehe, ich habe es euch gesagt. Und sie gingen eilends weg vom Grab voller Furcht und mit großer Freude und liefen, um es seinen Jüngern zu berichten.      (Mt 28, 1-8)

 

Die Frauen gingen hin, »um nach dem Grab zu sehen«. Viele von uns kennen das: Nach dem Begräbnis eines geliebten Menschen zieht es uns oft zurück ans Grab, an den Ort, wohin wir ihn zuletzt begleitet haben. Es mag eine fast kindliche Sehnsucht sein, ein Heimweh, als wollten wir ihn noch einmal sehen. Oder wir brauchen die Klarheit, dass es wirklich so ist, wie es ist: tot.

Was also erwarten die Frauen an diesem Morgen? Die Bestätigung des Todes Jesu, einen Ort für ihre Tränen, ihre Trauer über den schmerzhaften Verlust – wir kennen das.

Was sie aber dann erleben, ist eine Erfahrung, die konträr zu all ihren Vorstellungen ist. Sie erwarteten Stille und es kommt ein Erdbeben. Sie erwarteten ein verschlossenes Grab und sehen, dass der Stein weggewälzt wird. Sie erwarteten morgendliche Dämmerung und es erscheint ein Engel hell wie ein Blitz, weiß wie Schnee. Solche irritierenden Erfahrungen, die allem widersprechen, auf das wir eingestimmt sind, selbst wenn es das Traurigste ist, kennen wir auch. Sie machen uns Angst, weil sie Fragen aufwerfen, auf die wir keine Antworten wissen. Das Bekannte, und sei es das Grab, war uns vertraut. Jetzt versagt uns die Sprache und verlässt uns die Orientierung.

Diese Frauen aber werden sogleich in all dem ernst genommen. Denn der Engel spricht ihre Furcht an und er benennt genau das, was sie suchen. Aber ganz Neues ist angesagt und dazu musste der Stein weg, damit sie wirklich sehen können: hier liegt niemand, Jesus ist nicht hier, hier findet kein Leben statt.

Darum wird der Engel drängend: Schnell soll die Botschaft der Auferstehung Jesu seine Jünger erreichen!

Ob die beiden Frauen die Botschaft verstehen? Sie handeln jedenfalls zügig, wenden dem Grab den Rücken zu und laufen, um zu erzählen. Und im Laufen und Erzählenwollen gesellt sich zur Furcht bereits große Freude. 

Sie kamen, um nach dem Grab zu sehen – und sie eilen nun, um vom Lebenden zu erzählen. Welche Wende!

Vielleicht erleben wir in diesem Jahr Ostern ähnlich. Wir betrauerten ständig, was alles nicht möglich war, als stünden wir an den Gräbern unserer geliebten Liturgie dieses Festes. Doch nun erzählen wir – manchmal ganz zaghaft – von großer Tiefe und Lebendigkeit in den Weisen, wie wir die heiligen Stunden begangen haben – ob allein oder zu zweit, in kleinen Gemeinschaften oder via Skype. In unserem Leben, so wie es ist, erfahren wir:

ER geht uns voraus dorthin, wo wir sind. ER lebt. Alles Wesentliche ist da.

 

Für später:

»Zentnerschwere Last bleibt Last,

unermessliches Leid bleibt Leid

und der Tod bleibt in der Welt.

Doch Last und Leid und Tod haben nicht das letzte Wort.

Das letzte Wort ist einem anderen vorbehalten.

und der antwortet

auf die Schwerkraft des Todes

mit der Sprengkraft des Lebens.«      (Ursula Schauber)

 

 

Rosemarie Monnerjahn, 13. April 2020

Nächster Abschnitt

Ostersonntag

 

Noch vor wenigen Wochen hätte sich kaum jemand vorstellen können, dass wir Ostern so verbringen würden. Das Leben hat sich vorerst radikal verändert. Die Pandemie hat unsere täglichen Abläufe umgeformt, unsere geschätzten Lebensvorstellungen verändert und die bewährten Karten zur Navigation des Lebens umgezeichnet.

 

Es ist eine Konsequenz der Einschränkungen der Bewegungsfreiheit und des Kontakts, die uns auf Dinge aufmerksam macht, die sonst unbeachtet bleiben. Dazu gehören unsere Wahrnehmungen der Räume unseres Lebens, der physischen, geistlichen und emotionalen Räume, in denen wir uns bewegen, sowie die ehemaligen Selbstverständlichkeiten dieser Räume, wie die menschliche Berührung und unsere Interaktion.

 

Die Krise hat bisher nur unsere liturgische Praxis von Ostern geändert. Sie hat aber auch das Potential, unsere tiefste innerliche Wahrnehmung des Auferstehungsfestes zu verändern. »Wir haben uns diesen Tag ganz anders vorgestellt.« Jede Frau, jeder Mann der Auferstehungsgeschichten hätte diesen Satz sprechen können. Alle diese Geschichten erzählen von einem Konflikt, nämlich zwischen unseren Vorstellungen, wie Gott mit unseren gefährdeten Räumen umgehen sollte, und der eigentlichen Praxis unseres Gottes. Normalerweise können wir diesen Konflikt überspielen, teilweise sogar durch die Liturgie. Jedoch in diesem Jahr erleben wir Ostern wie die ersten Jünger, nämlich aus der Perspektives des Grabes.

 

Das Grab steht für alle einengenden Räume, die das Leben im Tod festhalten, die uns abkapseln von Wärme und Licht, Begegnung und Berührung. Das Grab ist eine Urmetapher für den verschlossenen Raum, der das Leben einkerkert. Unsere Vorstellung wäre es, dass Gott kommen sollte, um uns von diesen Räumen des Todes zu befreien, uns heraus zu führen. Aber der erste Impuls Gottes ist anders.

 

Markus, Lukas und Johannes erzählen uns, dass der Stein vom Grab schon weggerollt war, bevor die Frauen ankamen. Matthäus gibt uns eine leicht veränderte Version.

 

Nach dem Sabbat,

beim Anbruch des ersten Tages der Woche,

kamen Maria aus Mágdala und die andere Maria,

um nach dem Grab zu sehen.

Und siehe, es geschah ein gewaltiges Erdbeben;

denn ein Engel des Herrn kam vom Himmel herab,

trat an das Grab,

wälzte den Stein weg und setzte sich darauf.

Sein Aussehen war wie ein Blitz

und sein Gewand weiß wie Schnee.

 

Indem Matthäus das tut, macht er uns aufmerksam auf eine wichtige Tatsache bezüglich der Störung des Raumes, der den Körper Jesu hielt.

 

Wenn die Frauen in seiner Version erscheinen, ist der Stein noch fest an seinem Platz. Es könnte den Eindruck erwecken, dass Jesus noch nicht auferstanden sei. Aber was nach ihrer Ankunft passiert, bestraft diese Lüge. Es gibt ein Erdbeben und ein Engel wälzt den Stein vor ihren Augen weg. Ein Ereignis, das dazu führt, dass die Wächter in Ohnmacht fallen: »Aus Furcht vor ihm erbebten die Wächter und waren wie tot.«

 

Wir könnten jetzt erwarten, dass schnell nach diesem dramatischen Moment die Erscheinung des auferstandenen Jesus folgt. Aber nein. Die Worte des Engels machen es deutlich, dass Jesus schon fort ist: »Er ist nicht hier; denn er ist auferstanden, wie er gesagt hat.«

 

Das Grab mit seinem weggewälzten Stein ist eines der anschaulichsten Bilder der österlichen Erzählung und das Herzstück jedes Ostergartens. Unsere automatische Annahme ist es, dass der Stein entfernt wird, damit Jesus herauskommen kann. Nach unserem menschlichen Verständnis wäre das auch logisch. Wir stellen uns das gerne so vor, dass der einengende Raum des Grabes von der Auferstehung zerschmettert und gestört wird. Aber Matthäus‘ Erzählart weist darauf hin, dass wir es uns umgekehrt vorstellen sollten. Die Störung kommt nicht von innerhalb des Raumes, sondern von außerhalb. Der Stein wird nicht weggewälzt, um Jesus heraus zu lassen, sondern um die Zeugen hinein zu lassen. Die Frauen, und später die Männer, sehen das leere Grab und fangen allmählich an zu verstehen. Dieses Muster wiederholt sich auf verschiedene Weise in den anderen Erzählungen der Evangelisten. Für die ersten Christen war es besonders wichtig und wirkungsvoll, in den Raum der Abgeschlossenheit (das Grab) hineinzugehen und zu entdecken, dass er ganz anders ist als sie es sich vorstellten.

 

In Konfliktsituationen, wie diese Krise, sind wir genervt und irritiert, dass die Räume unseres Lebens eingeengt und beschränkt sind wie ein Grab. Wir fühlen uns vom Leben abgeschnitten und abgehalten. Was schnell vergessen wird ist, wie oft solche Räume bewusst und gewollt geschaffen werden, wenn es zu unserem Vorteil ist.

 

Die Schließung von Grenzen, den Aufbau von Mauern, den Ausschluss durch Diskriminierung, systematischen Rassismus und den kaltblütigen Egoismus einer Konsumgesellschaft sehen wir als Maßnahmen, um Schutzräume zu bauen. Aber die Auferstehung Jesu enttarnt sie als Grabesräume. Sie engen uns in eine gnadenlose Selbstbeschäftigung ein, während wir Herzenserweiterung üben sollten. Sie beschränken uns auf Abwehr und Ablehnung, wo wir Annahme und Aufnahme üben sollten. Sie lehren uns, die Rosinen heraus zu pflücken, anstatt das ganze Brot zu teilen. Sie verwandeln das Herz zum Ort des Hortens und der Hamsterkäufe, statt das Herz zu dehnen für Hilfsbereitschaft und Heilung. Solche Räume halten uns vom Leben ab, weil Leben aus Liebe besteht, die sich teilt und ausgießt für das Leben der Welt.

 

Der Stein wird weggerollt, damit wir als Zeugen hineingehen und sehen, wie diese Grabesräume wirklich sind. Gewalt, Ungerechtigkeit, die Bereitschaft, Menschen zu opfern für unsere Zwecke, Neid, Gier, Machtspiele und mangelnde Zivilcourage haben den Weg zum Grab Jesu geebnet. Sie tun es bis heute. Wenn wir die Grabesräume nicht betreten, die sie vorbereiten, werden wir nie wissen, wie grauenvoll sie wirklich sind.

 

Besonders hier ist die Störung unserer Gräber wichtig. Bis heute ist es außergewöhnlich wirkungsvoll, in den Raum der Abgeschlossenheit (das Grab) hineinzugehen und zu entdecken, dass er ganz anders ist als wir es uns vorstellten. Wir können über die Natur einiger unserer Praktiken und Gewohnheiten nachdenken und überlegen, ob sie zur Resolution von Konflikt und Ungerechtigkeit wirklich beitragen. Wenn unsere Räume eng und verschlossen werden wie Gräber, sollten wir uns fragen, wie wir diese verschlossenen Räume energisch stören. Die selbsterschaffenen verschlossenen Räume unseres Lebens nennen wir Schutzkästchen. Wenn der Stein weggerollt wird, lernen wir sie beim Namen zu nennen: Sie sind Gräber. Solche Räume sollten wir öffnen für das Leben der Welt. Sie sollten vom Auferstandenen durchgewühlt und gestört werden, damit eine Änderung der Denk-und Handlungsweisen gelingen möge.

 

Besonders eine Erfahrung könnten wir machen, wenn wir diese Grabesräume betreten und betrachten: »ER ist nicht hier.« Grabesräume sind nicht der Ort, wo Gott wohnt. Grabesräume können Gott genauso wenig halten, wie Werkzeuge des Todes ihn festnageln können.

 

Darum wird der Auferstandene immer dort erscheinen, wo die Räume verschlossen sind: hinter verschlossenen Türen, denn sie schützen uns nicht vor der Welt, sondern halten uns von ihr fern; auf der Flucht nach Emmaus, denn sie führt uns weg vom Ort der Auferstehung in alte gewohnte Engen zurück; zu einem Ufer, wo er auf Menschen mit Brot und Fisch wartet, die sich in Nacht umhüllen und in der Leistung verkriechen, um schmerzhaftes Leben zu meiden.

 

Liebe Freunde, es ist schmerzhaft für uns, Ostern so feiern zu müssen in unseren unfreiwilligen verschlossenen Räumen. Sobald diese Tage vorüber sind, können wir uns die Lektion dieser Krise zu Herzen nehmen und alle ehemaligen, freiwilligen, bewussten und gewollten verschlossenen Räume mit dem Elan des Auferstandenen stören. Wenn wir uns nächstes Jahr um das Licht der Osterkerze versammeln, möge es sein als Menschen, die verwandelt und erweitert wurden durch diese Urerfahrung von Ostern.

 

ERIK RIECHERS SAC

Vallendar, den 12.April 2020

 

Dominus flevit. Der Herr weint über Jerusalem

Impuls zu Lk 19, 41-46

 

Es hatte so erfolgversprechend angefangen – in Galiläa -

in jener Landschaft, in der selbst die Natur den Ehrgeiz zu haben scheint, auf engem Raum die Gegensätze miteinander zu vereinen.

»Das Gottesreich ist schon da«, hatte er gesagt.

Allen Unkenrufen und Widersprüchen zum Trotz. - »Glaubt mir, es ist schon da.«

Und sie waren ihm gefolgt.

Zunächst.

Aber dann ?! - Er selbst und erst recht die, die ihm folgten, hatten auch Zweifel. - Unterwegs!

Er selbst musste sich erinnern, wes Geistes Kind er war,

aus welchen Wurzeln er lebte.

Er brauchte Unterstützung von Mose und Elija.

Und er musste schließlich hart auf die Zähne beißen (vgl Lk 9,51), wenn er an Jerusalem dachte. -

Schon als Junge, als er mit seinen Eltern hinaufgezogen war, hatte diese Stadt es ihm angetan. Damals, als er mit Schriftgelehrten über Sacharja reden durfte. Ja, da war es ihm bereits durch die Seele gezuckt:

Wie ein Lichtstrahl hatte es ihn getroffen und wie eine schier unstillbare Sehnsucht war diese Sacharja-Stelle in sein Herz gedrungen. Er kannte sie auswendig. Jedes Wort kannte er auswendig. Er würde sie nie vergessen.

»Und alle«, - so hieß es dort - »alle, die übrigbleiben aus all den Völkern, die wider Jerusalem gezogen, die werden Jahr um Jahr heraufkommen, um den König, den Herrn der Heerscharen anzubeten, und das Laubhüttenfest zu feiern. … An jenem Tag wird an den Schellen der Rosse geschrieben stehen: „Heilig dem Herrn“, und alle Töpfe im Haus des Herrn werden sein wie Opferschalen vor dem Altar. Und alle Töpfe in Jerusalem und in Juda werden dem Herrn der Heerscharen heilig sein; und alle, die Opfer darbringen, werden kommen, und welche nehmen und darin kochen. Und es wird im Haus des Herrn der Heerscharen kein Krämer mehr sein an jenem Tag...« (Sach 14,16ff)

 

Ja, einst würde alles für rein erklärt, der Kochtopf im Haus wird so rein sein wie die heiligen Geräte des Tempels. Und es wird der Tag kommen, da wird es keine Feinde mehr geben. Alle Völker werden Zugang haben zum Herrn.

Ja, einst wird es so sein...

 

Wie weit war er doch von dieser Vision entfernt in den letzten Tagen in Jerusalem, - als Zwölfjähriger war er in den Tempel zurückgerannt vor glühender Leidenschaft.

In diesen Tagen jedoch war er immer froh, wenn er draußen war und die Stadt und den Tempel von außen betrachten konnte; am besten hier vom Ölberg aus.

Vor einigen Tagen hatte es ihm schier das Herz gebrochen, als er sah, wie eine arme Witwe sozusagen ihr letztes Scherflein opferte.

So viel tiefes Vertrauen auf Gott und den Tempel!

Das hatte ihn tief berührt.

Und doch:

Wofür hatte sie dieses Opfer gebracht?

Für den Tempel jedenfalls nicht. (vgl Lk 21,1-4)

Er war sicher: Dieser Tempel war krank, krank wie ein verdorrter Feigenbaum, der seine besten Jahre hinter sich hatte. Er war unfruchtbar geworden, die Zeit seiner Ernte - Vergangenheit. (Vgl Mk 11, 12ff)

Weder die Religionsdiener dort, noch der Tempelkult hatten eine Zukunft! Nein, in diesem Augenblick fand er nichts Gutes mehr am Tempel.-

War vielleicht ganz Israel wie ein unfruchtbarer Feigenbaum geworden, nur noch Blätterwerk?

Gestern hatten ihm einige auf dem Weg zum Tempel zugerufen:

»Gepriesen sei, der da kommt, der König, im Namen des Herrn im Himmel Friede und Ehre in den Höhen!« (Lk 19,38)

Aber bei näherem Hinsehen war im klar: Die wenigsten hatten seine Vision verstanden.

Eher würden die Steine schreien, als die große Menge. (Lk 19,40)

Nein, hier war kein Friede

und kein Platz für die Ehre Gottes. …

Da lag nun die Stadt in voller äußerer Schönheit vor ihm, aber innerlich war sie hohl, sie hatte so keine Zukunft...

Und er konnte nicht mehr an sich halten. Er ließ seinen Tränen freien Lauf. (Lk,19,41)

»Wenn du doch an diesem Tag erkannt hättest, was zu deinem Frieden dient!

Jetzt aber ist es vor deinen Augen verborgen.

Denn es werden Tage kommen, da werden deine Feinde einen Wall gegen dich aufwerfen und dich ringsum einschließen und dich von allen Seiten bedrängen und dich dem Erdboden gleichmachen und deine Kinder in dir zu Boden schmettern und keinen Stein auf dem anderen lassen, weil du die Zeit deiner gnadenvollen Heimsuchung nicht erkannt hast.« (Lk 19, 42-44).

Und er machte sich tief aufgewühlt auf den Weg hinunter zum Tempel.

 

(Arthur Pfeifer, Jerusalem 2020) )

Nächster Abschnitt

Wie können wir lieben in den Zeiten der Corona?

 

1. Station: Jesus wird zum Tode verurteilt.

Dies ist eine Urteilsgeschichte und wenn Menschen urteilen wollen, suchen sie meistens, jemandem oder etwas die Schuld zu geben. Alle Urteile Gottes suchen unsere Möglichkeiten, nicht unsere Beschämung. Hier hätte es auch so sein können. Pilatus hatte eine Wahl. Er hätte sich einfach weigern können, ein Urteil zu fällen. Nicht jeder Augenblick des Lebens verlangt Vorwurf, Schuldsuche und Verurteilung.

 

Wir kennen diese Station. Erschüttert durch die Corona Krise sind viele schwer beschäftigt mit dem Zyklus von Vorwurf, Schuldsuche und Verurteilung. Sie suchen Sündenböcke: Politiker, die Chinesen, die Italiener, die Touristen, die die Infektion mit nach Hause brachten, die Menschen, die zu Hause bleiben sollten und es nicht taten.

Wie können wir lieben in den Zeiten der Corona? Können wir Möglichkeiten dieser Stunde suchen, statt die Beschämung anderer?

 

Gott der Beschuldigten

und der Beschuldiger,

der den Mund, die Ohren und Herzen aller geschaffen hat,

die in Konflikt stehen.

Mögen wir uns zu dem hin wenden, was gehört werden muss,

weil wir dort Deine Stimme hören werden. Amen   (Pádraig Ó Tuama)

 

2. Station: Jesus trägt sein Kreuz.

Das ist der Augenblick, wo wir eine Last tragen, die wir nicht gewählt haben. Es gibt schwere Lasten, die wir tragen, weil wir sie bewusst auf uns nehmen. Aber es gibt auch unerwartete und unerwünschte Lasten, die andere uns auferlegen. Die Angst, die Besorgnis, das Vorurteil und die Unfähigkeit anderer Menschen führen immer wieder dazu, dass sie ihre Lasten auf die Schultern anderer verlegen.

Wir kennen diese Station. Im Augenblick tragen wir alle die Last der Isolation, der Einschränkung und der intensiven Vorsicht. Nicht jeder geht gut damit um. Es gibt zunehmende Ausbrüche von Irritation, Wut und sogar Gewalt in Familien, unter Freunden oder während des Einkaufs im Lebensmittelladen.

Wie können wir lieben in den Zeiten der Corona? Da Gebet eine genauso tragfähige Option ist wie Protest, könnten wir nicht die Kunst des Segens wieder erlernen, in der wir sanfte Worte des Gebets für und über einander sprechen, um den Schneid und die Güte zu erbitten, die uns zusammenhalten könnte?

 

Belasteter Gott,

Der das Gewicht des Holzes

auf zerrissenen Schultern trug,

wir beten für die Zerrissenen und die Belasteten,

dass sie zusammengehalten werden

durch Schneid und Güte.

Denn du wurdest zusammengehalten

durch Schneid und Güte.  Amen.  (Pádraig Ó Tuama)

 

3. Station: Jesus fällt zum ersten Mal.

Die Last, die uns auferlegt wird, kann so drückend schwer werden, dass wir im Gehen zusammenbrechen, in die Knie gehen, zu Boden fallen. Wir können nicht mehr: die große Sorge um geliebte Menschen aushalten, den gebrechlichen Partner durch den Tag tragen, mit der eigenen Behinderung leben.

Wie schwer ist es in diesen Wochen, den langen Weg unter der Last der Isolation zu gehen, der großen Unsicherheit, wie es in vielerlei Hinsicht weitergeht. Immer wieder brechen Menschen unter der Last der Einsamkeit und Angst innerlich zusammen und fallen hin. 

Wie können wir lieben in den Zeiten der Corona? Können wir uns selbst auch noch im Fallen lieben? Können wir uns noch am Boden liegend annehmen?

 

Gott der Erde,

dessen Körper – wie der unsrige – von der Erde ist

und der fiel – wie wir fallen – auf die Erde.

Mögen wir dich auf der Erde finden,

wenn wir fallen.

Oh, unser fallender, gefallener Bruder, mögen wir dich finden,

damit wir unsere Geschichten

bewohnen können,

unser Selbst. Amen.      (Pádraig Ó Tuama)

 

4. Station: Jesus begegnet seiner Mutter

Ein tiefes Band verbindet Mutter und Sohn. Wir kennen andere tiefe Beziehungen von Liebe und Verantwortung füreinander. Wie groß ist das Leid, die Verzweiflung, wenn wir für das geliebte Kind, den geliebten Menschen nichts mehr tun können, wenn er gescheitert ist, am Ende und wir uns ebenso fühlen.

Vielleicht machen wir gerade jetzt eine solch erschütternde Erfahrung. Und die uns aufgezwungenen Verhaltensweisen von Abstandhalten und Isolation, dass wir nicht zueinander können, wie wir wollen, verstärken noch unsere Hilflosigkeit.

Wie können wir lieben in den Zeiten der Corona? Können wir einfach da sein und wahrnehmen, dass auch über unser Scheitern und Versagen hinaus Liebe leben kann?

 

Maria, Mutter des Versagens,

Du begegnetest deinem Sohn am Ende,

an einem Ort jenseits der Worte,

Du musst dich ungläubig gefühlt haben

und leer und allein.

Wir beten, dass wir die Gnade haben mögen,

mit unseren eigenen Geschichten des Versagens zu leben,

wissend, dass Liebe fortdauern kann,

auch wenn Dinge enden.  Amen.                       (Pádraig Ó Tuama)

 

5. Station: Simon von Cyrene hilft Jesus das Kreuz zu tragen  

Es gibt Augenblicke, in denen wir gerufen werden, einem anderen, der uns fremd ist, zur Seite zu stehen, weil es existentiell wichtig für ihn ist. Wir werden aufgefordert, seine Last auch zu unserer zu machen und sie mitzutragen. Da kann Zögern schon ein Nein bedeuten.

Überall lassen sich Menschen seit Wochen zum Helfen rufen in dieser Krise: Reservisten lassen ihre Arbeit ruhen und melden sich zum Helfen im medizinischen Bereich oder Berufsfremde helfen im Supermarkt, Regale aufzufüllen. Ein Netzwerk junger Leute versorgt Alte mit Lebensnotwendigem.

Wie können wir lieben in den Zeiten der Corona? Können wir auch das Unscheinbare sehen und tun, was gut und hilfreich ist für andere?

 

Simon von Cyrene, 

Fremder aus der Ferne.

Du warst eine Hilfe

für einen unbekannten Mann.

Wir beten für alle, die helfen:

dass ihre Hilfe hilfreich sein möge;

dass ihre Güte gütig sein möge.

Denn deine war es,

obwohl du wusstest,

du konntest nicht

genug tun. Amen.  (Pádraig Ó Tuama)

 

6. Station: Veronika wischt das Gesicht Jesu ab

Die Evangelien erzählen uns diese Geschichte nicht. Aber das Volk Gottes bewahrte sie in seinen Herzen und gab ihr einen Ehrenplatz in seiner Geschichtenerzählung. Sie ist eine Geschichte der Berührung. Sie ist eine Geschichte, in der Schweiß abgewischt wird ohne die Macht zu haben, die Person vor der schweißtreibenden Belastung zu schützen. Sie ist eine Geschichte, in der Tränen weggewischt werden ohne die Fähigkeit zu haben, das Leid zu lindern, das sie erzeugt. Sie ist eine Geschichte einer Frau, die sich bewusst dem Leid stellt, denn Veronika hätte nie diesem Gesicht begegnen oder es sehen müssen, das sie hegt und pflegt.

Wir kennen diese Station. Sie ist die Geschichte von Myriaden von Veronikas in der Weltgeschichte, von Müttern und Vätern, die das für ihre Kinder tun, von Krankenschwestern und Ärzten, die das für ihre Patienten tun, von liebenden Frauen und Männern, die das für ihre Geliebten tun. Während die Pandemie so viele Teile unseres Lebens stilllegen konnte, konnte sie das nicht stilllegen.

Wie können wir lieben in den Zeiten der Corona? Können wir uns bewusst dem Leid anderer stellen, was wir vermeiden könnten, und das Wenige tun, was uns möglich ist, auch wenn es nicht alles ist?

 

Veronika,

deine Geschichte wird angezweifelt,

ist aber wertvoll.

Du tatest, was du konntest,

obwohl  es sehr wenig war.

Mögen wir das Gleiche tun,

auch wenn wir zweifeln. Amen. (Pádraig Ó Tuama)

 

7. Station: Jesus fällt zum zweiten Mal.

Vor zwei Tagen bin ich gestürzt und sehr hart auf den Boden aufgeschlagen. Ich bin aufgestanden, aber ich kam hoch sehr geprellt, mit einer gestauchten Hand und mit Muskeln, die sich vom harten Aufprall versteiften. Der größere Schock war, dass mein Körper versagte. Mein Knie, das mich seit 56 Jahren trägt, weigerte sich, diesen Dienst zu tun. Der Fall hat mir die Luft aus der Lunge gepresst. So musste ich nach Atem ringen, etwas was ich normalerweise mit beiläufiger Leichtigkeit tue. Obwohl ich kein Kreuz trug, schlug ich auf den Boden auf wie Jesus. Oder besser gesagt, Jesus schlug auf den Boden auf wie ich.

Wir kennen diese Station. Harte Zeiten wie diese legen schwere Lasten auf die Schultern und drücken uns nieder. Manchmal fallen wir. Es tut jedes Mal weh, wenn eine frühere Kraft versagt. Dinge, die wir vor der Krise  so leicht gehandhabt haben, sind plötzlich irgendwie schwierig hinzubekommen. Wie Jesus, stehen wir wieder auf, aber es verlangt uns etwas ab und lässt seine Spuren zurück. Unser Selbstvertrauen ist angeschlagen und wir stöhnen unter der Last des Weitergehens. Wir schlagen auf dem Boden auf wie Jesus.

Wie können wir lieben in den Zeiten der Corona? Können wir die Geschichte unseres Hinfallens erzählen ohne den Schmerz zu leugnen und gleichzeitig nicht vergessen, dass das Hinfallen nicht unseren Mut, wieder aufzustehen, bestimmt hat?

 

Gott des Hinfallens,

du spürtest das Hinfallen,

als dein Köper zum zweiten Mal

zu Boden fiel.

Sammle alle, die hinfallen.

Sammle all unsere Hinfälligkeit.

Sammle die Stimmen.

Sammle den Atem,

Der aus unseren Körpern gezwungen wurde.

Denn auch unser Hinfallen

hat eine Geschichte. Amen.   (Pádraig Ó Tuama)

 

8. Station: Jesus begegnet den Frauen von Jerusalem

Nur Lukas mit seiner großen Wertschätzung von Frauen und ihren Gaben erzählt uns die Geschichte der Frauen von Jerusalem (Lk 23, 27-31). Sie erscheinen, zeigen ihre Trauer, sie zeigen ihren Mut und weigern sich, sich vor dieser Stunde zu verstecken. Und Jesus sieht sie. Die Verwundeten begegnen den Verwundeten, die Bekümmerten begegnen den Trauernden.

Wir kennen diese Station. Wir sind auf Erfolg sehr fixiert. Wir wollen mutig, stark und selbstbewusst sein.

Deshalb wollen wir nicht unsere Schwäche, unsere Trauer und unsere Tränen zeigen. Es verlangt den Mut der Frauen von Jerusalem zu erscheinen, Trauer und Tränen zu zeigen. In dieser Zeit der Pandemie und der Krise hoffen wir oft, dass jemand stärker als wir erscheint und die Situation in Ordnung bringt. Aber oft sind wir einander Segen, wenn wir uns gegenseitig zeigen als gleichermaßen belastet, trauernd und schwach. Diese Geschichte lehrt uns, dass Gott uns in solchen Augenblicken sieht.

Wie können wir lieben in den Zeiten der Corona? Können wir einander helfen, die Masken zu senken und einander zeigen, dass wir gesehen werden, auch wenn wir uns ungesehen fühlen?

 

Frauen von Jerusalem,

Während ihr trauertet,

Sah Jesus euch

und sprach mit euch –

Er in seinem Leiden sah euch in eurem.

Mögen wir einander sehen,

auch wenn wir uns ungesehen fühlen.

Denn wenn wir einander sehen,

werden wir selbst gesehen. Amen.   (Pádraig Ó Tuama) 

 

9. Station: Jesus fällt zum dritten Mal.

Wenn wir auf unserem Weg wiederholt hinfallen, wieder auf der Erde liegen, uns mit jedem Fallen schwächer fühlen, dann drohen wir zu aufzugeben. Wohl wissend, dass dies unser ureigener Weg ist, machen sich Mutlosigkeit und Verzweiflung breit. Wie oft haben wir, physisch oder psychisch auf dem Boden liegend, schon gedacht oder geschrien: »Ich kann nicht mehr!«  - und uns dann mit letzter Kraft erhoben für den nächsten Schritt.

Wie vielen kranken Menschen geht es in genau diesem Augenblick so. Alle, die auf den Intensivstationen der Welt immer mehr Menschen zur Seite stehen müssen, die nach Luft ringen, haben immer wieder Momente, in denen sie körperlich und seelisch kraftlos am Boden liegen.

Wie können wir lieben in den Zeiten der Corona? Können wir auf unserem Weg bleiben, auch wenn wir immer wieder hinfallen? Können wir einander helfen, die Treue in den Dingen zu halten, die jetzt gefordert sind?

 

Jesus der Erde,

du wurdest zum Tod geführt

wegen der Art, wie du lebtest.

Hilf uns, so zu leben;

gehend und fallend, und gehend

und fallend,

wie du,

in den Weisen der Lebenden

und der Toten. Amen.    (Pádraig Ó Tuama)

 

10. Station: Jesus wird ausgezogen.

Vor den Augen anderer ausgezogen zu werden, ist eine sehr unangenehme Erfahrung: hilflos wie ein Säugling können wir uns nicht wehren, nackt und bloß den Blicken anderer ausgesetzt zu sein. Wie oft fühlen sich Gefangene total entwürdigt, wenn sie mit dieser Methode regelrecht gefoltert werden. Bloßgestellt fühlen wir uns aber genauso, wenn Menschen uns mit Worten in der Öffentlichkeit »ausziehen«. Ohne Schutz stehen wir dann da und würden uns am liebsten verkriechen.

Viele Menschen sind seit Wochen nervös und neigen zur Panik. Manche neigen dazu, nicht nur unachtsam, sondern schnell auch erniedrigend mit anderen, den Nächsten, umzugehen.

Wie können wir lieben in den Zeiten der Corona?  Können wir so aus unserer von Gott gegebenen Würde leben, dass auch Entblößung uns dies nicht nehmen kann und wir so ein Zeichen setzen? 

Jesus des Fleisches,

Nackt kamst du aus dem Mutterschoß

und nackt wirst du gemacht für das Kreuz.

Was bestimmt war

zur Erniedrigung und Bloßstellung,

trugst du

mit Würde und Trotz.

Mögen wir das Gleiche tun,

weil du es brauchtest,

weil wir es brauchen.  Amen.     (Pádraig Ó Tuama)

 

11. Station: Jesus wird ans Kreuz genagelt.

Jesu Weg, auf den er sich im tiefen Bewusstsein seines vom Vater Geliebtseins festgelegt hat, führte ihn hierhin: unentrinnbar festgenagelt wird er auf ein Instrument des Todes. Er hatte es kommen sehen, doch er ist nicht ausgewichen, nichts und niemanden hat er preisgegeben. Alles, wofür er steht, ist mit ihm an dieses Holz geschlagen.

Unsere Krise zeigt uns – wie alle Krisen es tun – wie es um uns wirklich steht: Wir geraten in Panik, wir schwanken wie ein Schilfrohr zwischen allen möglichen Meinungen hin und her, alles, was (scheinbar) Halt bot, bricht weg. Wo sind die Menschen, die fest gehen auf ihrem Weg des Glaubens und Vertrauens, die nicht an ihrem Geliebtsein zweifeln, auch wenn Krankheit oder sogar Tod drohen?

Wie können wir lieben in den Zeiten der Corona? Können wir mit Jesus und wie er an die Kreuze unseres Lebens herantreten?

Jesus von Nazareth,

Dieses Kreuz war eine Folter.

Es gibt nur Leben,

weil du es hohl machtest.

Bring uns Leben, Jesus,

besonders wenn wir

an Orten

der Toten sind.

Weil du sogar Leben brachtest

zu den Werkzeugen des Todes. Amen.   (Pádraig ÓTuama)

 

12. Station: Jesus stirbt am Kreuz.

Der Tod Jesu ist kein Stereotyp. Er ist kein alter Mann, der auf ein langes erfülltes Leben zurückschauen kann. Er hat nicht alle seine Ziele erreicht und nicht alle seine Pläne erfüllt. Er stirbt nicht in der Geborgenheit seines Bettes, umgeben von den Menschen, die er liebt. Er stirbt nicht im Luxus eines Krankenzimmers, versorgt von sorgsamem medizinischem Personal. Sein Schmerz wird nicht durch Schmerzmittel gelindert, seine Isolation nicht gelöst durch Gesellschaft.

Wir kennen diese Station. Die Statistik über die Zahl der Toten, die wir täglich sklavisch in den Nachrichten verfolgen, erzählt uns keine wahre Geschichte. Jeder dieser Todesfälle war wie der Tod Jesu. Diese Menschen waren erfüllt von Bedauern, unerfüllten Träume und von Sehnsucht, die abgeschnitten worden ist. Diese Todesfälle waren ein plötzlicher Bruch des Lebens durch Schmerz und Isolation, abgeschnitten von den Menschen, die sie liebten und die nicht dabei sein dürfen in der Stunde ihres Todes Die Zahlen sind unerträglich anonym. Tod ist tief persönlich, für die Sterbenden sowie für jene, die bei ihrem Kreuz stehen.

Wie können wir lieben in den Zeiten der Corona? Vielleicht können wir uns erinnern, dass die Tage der Corona kein Zeitungsbericht, kein Witz, keine Verschwörungstheorie, keine Statistik und keine Unannehmlichkeit sind für die Menschen, die gestorben sind und für ihre Trauernden. Wenn wir für sie beten wollen an dieser traurigsten Station einer jeden Liebesgeschichte, sollten wir uns fragen: Wie nah an dieses Kreuz wollen wir kommen?

 

Jesus der Vorstellungskraft,

Du bist nie alt geworden, immer ein junger Mann,

und die meisten von uns werden älter

als du es wurdest.

Wenn Leben abgeschnitten werden,

hinterfragen die Lebenden den Sinn des Lebens.

Mögen wir mit Sinn leben,

auch wenn der Sinn verblasst,

Sinn schaffend,

Damit wir etwas haben wofür es sich lohnt zu leben. Amen (Pádraig Ó Tuama) 

 

 

13. Station: Jesus wird in die Arme seiner Mutter gelegt.

Diese ist die Geschichte, wo wir unseren schlimmsten Befürchtungen gegenübertreten. Maria will dieser Stunde genauso wenig ins Auge schauen wie alle anderen Väter und Mütter, die ich gekannt habe. So sollte die Geschichte nicht enden. Eltern sollten ihre Kinder nicht überleben. Die Frau, die ihr Kind in den Armen schaukelte, wiegt nun seinen leblosen Leichnam in ihren Armen. Aber, wie Liebende es tun, sie umarmt ihn in guten wie in schlechten Tagen, im Leben und im Tod. Das ist keine Liebesgeschichte, weil sie ein Happy End hat. Es ist eine Liebesgeschichte, weil sie für den Geliebten am Ende erscheint.

Wir kennen diese Station. Wir treten einigen unserer schlimmsten Befürchtungen gegenüber in diesen Tagen. Eltern sorgen sich um ihre Kinder. Kinder fürchten um die Sicherheit ihrer Eltern und Großeltern. Manche haben Angst davor, am Virus zu sterben, in Schmerz und alleine. Andere fürchten den Gedanken, dass sie andere infizieren könnten, dass sie Krankheit in ihr Haus und zu ihren Geliebten bringen könnten. Das ist nicht, wie das Leben sein sollte. Hier werden wir konfrontiert mit einer der wirklich schwierigsten Fragen der Liebe: Wie werden wir unseren Ängsten füreinander ins Auge schauen, nun da die schlechten Tage gekommen sind?

Wie können wir lieben in den Zeiten der Corona? Wir können am Ende erscheinen und die Leben, die uns in die Armen gelegt worden sind in diesen traurigen Tagen, so lieben wie in den Tagen der Freude.

 

Maria, Mutter des Todes,

Du hast den Leichnam deines jungen Sohnes

- die schlimmste deiner Befürchtungen –

in deinen Armen gehalten,

als er dorthin ging, wohin du noch nicht gegangen bist.

Wir halten dies fest

mit Schweigen und mit Kunst.

Mögen wir auch von der Angst lernen,

denn Angst

wird uns vor nichts erretten. Amen. (Pádraig Ó Tuama)

 

 

14. Station: Jesus wird ins Grab gelegt.

Dies ist die Station, wo wir Abschied nehmen von denen, die wir geliebt und verloren haben. Dies ist der Ort, wo die Menschen, die Jesus geliebt haben, Pause machen, um ihren Verlust zu würdigen. Für sie ist der Tod Jesu ein Verlust der Liebe, der Träume, der Beziehung, der Zuversicht und von so vielen Hoffnungen. Ein Leben, das ihnen so vieles bedeutete, muss jetzt gewürdigt werden. Sie müssen Pause einlegen und sagen, was er ihnen bedeutet hat, dass sie wissen, was sie an ihm hatten. Sie müssen anderen erzählen können, was es sie kostet, ihn verloren zu haben. Es ist die Art und Weise, wie sie sagen: Er war uns kostbar.

Wir kennen diese Station. Wir haben vieles verloren in diesen Tagen, sei es die Sicherheit über unsere Zukunft oder die naive Vorstellung, dass wir unbesiegbar sind.  Wir haben einige Verbindungen verloren, die uns früher zusammengehalten haben. Viele haben ihre finanzielle Sicherheit verloren. Viele, viel zu viele, haben ihre geliebten Menschen verloren. Wir müssen würdigen, was diese Verluste uns bedeuten. Das Ende einer Liebesgeschichte ist nicht das Ende unserer Erzählung, sondern der Anfang. Wenn wir geliebt und verloren haben, haben wir eine Geschichte zu erzählen. Und dies ist der Ort, wo wir sie erzählen sollten.

Wie können wir lieben in den Zeiten der Corona? Können wir halt machen und die Geschichten unserer Verluste offen, authentisch und ohne Beschämung erzählen, als der letzte große Akt der Liebe, die alle Verluste würdigt? Konflikte und Krisen sind der Geburtsort des Erzählens. Welche Geschichten werden wir erzählen über die Tage der Corona hinaus?

 

Jesus des Unerwarteten,

Zumindest für einen Teil deines Lebens

Hast du dir nicht vorgestellt, dass es so endet.

Jedoch, sogar am Ende,

bist du standhaft in deiner Überzeugung geblieben.

Jesus, halte uns standhaft.

Jesus, halte uns standhaft.

Einfach so, Jesus, halte uns standhaft. Amen (Pádraig Ó Tuama)

 

Nächster Abschnitt

Palmsonntag

 

Gebet

Bescheidener Jesus,

Du bist in einer Stadt angekommen wie ein Bauer und ein König

und hast eine Zündschnur angezündet, die auf ein Feuer gewartet hat.

Und es hat doch vor nichts bewahrt.

Wenn wir in den Konflikt gehen,

hilf uns den Zugang zu finden, der wahrhaft ist.

Nicht weil er uns Sicherheit gibt,

sondern weil er Integrität hat.

Genau wie du.

Amen .

                                          Pádraig Ó Tuama

 

 

Text: Die Passion nach Matthäus (Mt 26, 14-27,66)

 

Die Passionsgeschichten der Evangelien leiden sehr an ihren geerbten Auslegungen. Kaum beginnen wir sie zu hören und schon haben wir sie kategorisiert und abgeschottet als Geschichten des Leidens. Wir sind es gewohnt, die Betonung auf das Leid Jesu zu legen: Wie schmerzhaft es war, wie lang es gedauert hat, was es ausgelöst hat und was es alles mit Jesus getan hat. Meistens wird diese Betonung auf das Leid zugleich verbunden mit Beschämung und Schuld. Er hat uns so sehr geliebt und so haben wir ihn behandelt.

 

Doch eine Passionsgesichte ist tiefer, reicher und komplexer als das. Im Kern ist sie eine Liebesgeschichte. Das enthält das Wort »Passion« in sich. Passion bedeutet eine starke, leidenschaftliche Hingabe wie auch das Leid, das so eine Hingabe mit sich bringen kann. Wenn wir einen Menschen in Bezug auf etwas als passioniert beschreiben, dann deuten wir auf etwas in seinem Leben, das er so liebt, dass er sogar bereit wäre, dafür zu leiden.

 

Die Passionsgeschichte Jesu ist eine Liebesgeschichte, aber sie ist keine romantische Geschichte. John Shea fragte einmal eine Gruppe von Menschen, ob sie bereit wären, alles zu tun, um die Liebe vor jedem Angriff zu schützen. Jeder Mensch im Raum sagte sofort ja. Dann bestand er darauf, dass wir die Liebe gegen jede Form der Romantisierung verteidigen müssten, denn sie ist ein Angriff auf die Liebe. Sie nimmt weder die Liebe noch die Liebenden ernst.

 

Die Passionsgeschichte nach Matthäus ist eine Liebesgeschichte, aber keine romantische Geschichte, eben weil sie die Liebe und die Liebenden ernstnimmt. Im Gegenteil zu romantischen Geschichten scheut sie nicht die kritische und durchdringende Frage aller Liebe. Wie geht die Liebe in Zeiten der Krise?

 

»Mit ewiger Liebe habe ich dich geliebt« (Jer 31,3) ist eine Aussage, die nicht authentisch ausgesprochen werden kann, wenn wir nicht die Frage stellen und beantworten: Wie werde ich dich lieben in Zeiten der Krise? Es gibt kein Eheversprechen ohne die Worte »in guten wie in schlechten Tagen«. Ich habe noch nie einer Hochzeit vorgestanden, wo ich und alle Anwesenden dem Paar nicht von ganzem Herzen viele gute Tage gewünscht haben. Aber die Liebe ist für alle Tage da. Die Passion ist Teil des Spieles.

 

Die Passionsgeschichte dieses Palmsonntags weckt diese Frage in uns während dieser Zeit der Pandemie. Wie geht Liebe in Zeiten der Krise? Wie geht Liebe in Zeiten der Corona? Wir wissen, wie Liebe geht in guten Tagen. Wir umarmen uns, berühren einander, teilen Brot, Zeit und Raum miteinander. Und im Handumdrehen ist uns das alles zu Ende gegangen. Alle einfachen und erprobten Mittel sind uns in den Tagen der Isolation und der Distanzierung genommen worden. Wir sind bei den schlechten Tagen angekommen. Wir sind bei unserer Passionsgeschichte angekommen.

 

Jede Station dieser Geschichte ist ein Ort, an dem unsere Liebe mit dem Leid konfrontiert wird. Werde ich ringen um das, was ich liebe? Wenn Liebe authentisch ist, dann sucht sie einen Weg durch und über die Krise hinaus. Ich nenne nur zwei solche Stationen der Liebe in den Zeiten des Leides.

 

Das Pessachmahl wird vorbereitet, aber dieses Fest der Freude wird von Traurigkeit und Sorge überschattet. Fragen der Furcht beherrschen das Gespräch.

 

Was verlangt die Liebe und tut Jesus? Er spricht die Themen im Raum offen an und dann ändert er das Mahl, um es an die Realitäten, die sie durchleben, anzupassen. Er spricht von der Zukunft, von dem, was er bereit ist, von sich zu geben, um eine Zukunft zu sichern für die Menschen, die er liebt. Aber er sagt das Mahl nicht ab und streicht nicht das Pessachfest. Wenn nicht nach traditioneller Weise, dann auf sinnvolle Weise.

 

Ostern wird in diesem Jahr nicht gestrichen. Wir können das Fest nicht auf traditionelle Weise feiern, aber sicherlich auf eine sinnvolle Weise. Wir können uns nicht an unseren gewohnten Orten und in gewohnten Zahlen treffen, aber wir können verbunden bleiben und unsere Sorgen offen miteinander teilen. Brot, das den Eingeschlossenen geliefert wird, ist Brot, auch gebrochenes und geteiltes Brot. Die Liebe funktioniert auch in den Zeiten der Corona.

 

Im Garten von Gethsemane sind guter Wille und Schwachheit in den Freunden Jesu verwoben. Die Jünger möchten mehr tun als das, wozu sie in der Lage sind. Sie würden gerne wachen und beten, schlafen aber immer wieder ein. Dreimal kommt Jesus zu ihnen zurück. Das erste Mal bittet er um ein bisschen mehr, das zweite Mal lässt er sie schlafen und das dritte Mal weckt er sie. Es kann schmerzhaft sein, die Unfähigkeit in anderen zu erfahren, die uns nicht geben kann, was wir in einer Stunde der Not und der Krise möchten. Doch so unbefriedigend das auch ist, was verlangt jetzt die Liebe? Die Jünger sind zwar nicht in der Lage, so achtsam zu sein wie Jesus es brauchte und gerne hätte, aber keiner von ihnen geht fort. Keiner lässt ihn einfach zurück. Ihre Liebe vermag nicht alles zu tun, aber sie ist in der Lage, das zu tun. Jesus schickt seinerseits auch keinen davon. Er wollte und brauchte ein bisschen mehr von seinen Freunden, aber ihre Gegenwart zählt bei ihm. Besser fehlerhafte Gegenwart als vollkommene Abwesenheit.

 

Wir erfahren in unseren Quarantänen, Selbstisolation und sozialer Distanzierung schmerzhafte Augenblicke. Wir sind nicht alles, was wir sein könnten und vielleicht sein sollten füreinander. Vielleicht möchten wir mehr tun für andere und sind zu erschöpft, um es zu tun. Aber wir können zueinander halten. Wir können uns weigern, die Ausrede unserer Schwachheit und Unzulänglichkeit anzuwenden, um davonzulaufen. Unsere Liebe vermag nicht alles zu tun, aber das kann sie sicherlich tun. So geht die Liebe in den Zeiten der Corona.

 

Ich habe nur zwei Station erwähnt, aber es gibt viele andere. Es gibt Augenblicke der Verlassenheit: »Da verließen ihn alle Jünger und flohen.« Es gibt Augenblicke, wenn gute Freunde uns enttäuschen: »Ich kenne den Menschen nicht.« Es gibt Zeiten, wenn unser Wert und unsere Würde in Frage gestellt werden von jenen, denen wir geholfen, die wir geheilt und so sehr geliebt haben: »Der Statthalter fragte sie: Wen von beiden soll ich freilassen? Sie riefen: Barabbas!« Es gibt den Schmerz, zuschauen zu müssen, wie andere in unsere Leidensgeschichte hingezogen werden und nicht in der Lage zu sein, das zu verhindern: »Auf dem Weg trafen sie einen Mann aus Zyrene namens Simon; ihn zwangen sie, Jesus das Kreuz zu tragen.« In diesen verwirrenden Tagen kennen wir sie alle. Jeder davon bittet uns, eine Passionsgeschichte zu erzählen: Wie geht die Liebe in den Zeiten der Corona?

 

In der Karwoche möchten Rosemarie und ich mit euch die Kreuzwegstationen gehen, denn sie sind immer die Augenblicke, in denen die Liebe das Leid konfrontiert und den Weg durch und über es hinaus sucht. Vierzehnmal wollen wir mit Jesus eine Pause einhalten. Jedes Mal werden wir die Orte unseres Lebens suchen, wo wir diese Station kennen, wo unsere Liebe nun konfrontiert wird mit ähnlichem Leid in dieser Zeit der Pandemie. Jedes Mal werden wir eine Frage stellen, die uns helfen könnte, unsere Liebe zu Gott, zueinander, zu seiner Schöpfung und zu uns selbst so zu leben, dass sie durch und über die Krise hinausgeht, die wir momentan so stark spüren. In unserer Passionsgeschichte werden wir tun, was Jesus in seiner tut, denn so eröffnen wir mit ihm die Horizonte der Hoffnung. Und dann schließen wir mit einem Gebet von Pádraig Ó Tuama, einem Poeten des Gebets.

 

So können wir durch die Liebesgeschichte der Passion ziehen mit der Ernsthaftigkeit und Intensität, die sie verdient hat. So können wir durch die Karwoche gehen. Mögen die Tage eine Prozession der besinnlichen Hoffnung für uns sein. Vielleicht helfen sie uns, Menschen aus seinem Geist zu sein, unser Gebet lebend, unser Leben betend, bis Liebe und Leid sich umarmen und eine wundersame Liebe uns lehrt, wie wir unsere Wunden auch küssen können.

 

 

Für Zeiten des Leidens

Mögest du gesegnet sein im heiligen Namen derer,

Die ohne dein Wissen dir helfen,

Deinen Schmerz zu tragen, und ihn lindern.

 

Möge dich Heiterkeit begleiten,

Wenn du aufgerufen wirst,

Das Haus des Leidens zu betreten.

 

Möge dich stets ein lichtes Fenster überraschen.

 

Möge dir die Weisheit zuteilwerden,

Auf falschen Widerstand zu verzichten;

Klopft das Leiden an die Tür deines Lebens,

Mögest du schon seine Abschiedsgaben erahnen.

 

Mögest du imstande sein, die Früchte des Leidens zu

empfangen.

 

Möge das Gedächtnis dich segnen und behüten

Mit dem hart verdienten Licht vergangener Plagen;

Und dich erinnern: Du hast schon überlebt, und

Wenn die Nacht am tiefsten ist,

Ist der Tag am nächsten.

 

Möge die Gnade der Zeit deine Wunden heilen.

 

Mögest du erkennen, dass selbst der schwerste Sturm

Dir kein einziges Haar wird krümmen können.

                                             John O‘Donohue

 

ERIK RIECHERS SAC

Vallendar, den 05. April 2020

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Eine Lektion der Berge

 

Immer wieder begegnen uns Berge in der Bibel als besondere Orte der Gottesbegegnung und Klärung – etwa im Sinai, wo Mose Gott begegnet und die 10 Worte empfängt oder auf dem Berg, wo Jesus verklärt wird oder wenn Jesus sich auf den Berg zurückzieht zum Gebet.

Der langjährige Innsbrucker Bischof Reinhold Stecher liebte es, die Beziehung zwischen Berg und Mensch zu entfalten, weil er der Überzeugung war, dass sie eine Hilfe für das Menschwerden bieten kann. In »Botschaft der Berge« schrieb er 2009:

»Die Berge erteilen ihre heilsame Lektion über die Kleinheit des Menschen. Und das Wissen über diese Kleinheit ist und bleibt der Anfang aller Weisheit.

Die Botschaft  der Felsfluchten, der Schuttströme und Wasserfälle ist eine vernichtende Lektion gegen die Hybris einer Epoche, in der man die Schöpfung streckenweise mit einem Großlabor oder einer Maschinenhalle, mit einem Bereich unbeschränkter Machbarkeit verwechselt hat.

Sie ist eine eindrucksvolle Korrektur aller jener Ideologien, die den Menschen zum absoluten Mittelpunkt allen Denkens und zum Maß aller Dinge gemacht haben – jener Grundhaltung, die von der uralten Stimme fasziniert ist, die von Anfang an durch alle Zeiten immer wieder die Parole flüstert: `Ihr werdet sein wie Gott…‘

Diese Botschaft der übermächtigen Berge ist wie ein leises Lachen über alle jene Programme und Heilsbotschaften, die davon ausgehen, der Mensch könne sich selbst aus seinen quälenden Fragen und Problemen erlösen und befreien,  . . .

Das stumme Stehen und Staunen vor den Urgewalten und Riesenformen der Berge ist eine heilsame Belehrung, ein Zurechtrücken der Wirklichkeit, eine Offenbarung der Wahrheit: der Wahrheit über meinem Kleinsein, meine Winzigkeit, meine Zeitlichkeit, meine Grenzen, mein Angewiesensein gegenüber dem Gewaltigen, der hinter dieser Schöpfung steht und lebt.«

Zeiten wie diese legen lange geübte Grundhaltungen bloß. Sie irritieren und erschüttern uns, weil sie nicht mehr funktionieren. Sie können aber zu Bergerfahrungen werden - und Menschen wie Reinhold Stecher zu vertrauenswürdigen und guten Bergführern.

 

Rosemarie Monnerjahn, 4. April 2020

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Gebet als Kern des Lebens

 

Vor einigen Tagen ging es in einem Radiobeitrag darum, wie stark unsere derzeitige Krise unsere Kinder betrifft; denn ihr Alltag ist ja nicht nur sehr eingeschränkt, sie spüren oft existentiell, doch unausgesprochen die Unsicherheiten der Erwachsenen und brauchen unsere Hilfe in ihren Ängsten und Nöten. Sich Zeit nehmen, hinhören, mit ihnen reden wurde im Beitrag genannt, auch Rituale finden und leben – und dann das Beten, sich einem Höheren anvertrauen, gemeinsam Gebete formulieren!  Wer hätte noch vor Wochen in unserer säkularen Welt einen solchen Rat im Rundfunk erwartet?

Mich erfüllte dies mit stiller Freude und ein Gedanke von Mahatma Gandhi kam mir in den Sinn: »Das Gebet ist die Seele und das wahre Wesen der Religion. Darum muss das Gebet der Kern des Lebens eines jeden Menschen sein, denn kein Mensch kann ohne Religion leben.«

Seit Jahrzehnten leben immer mehr Menschen in der egozentrischen, überheblichen und sehr innerweltlichen Vorstellung, ohne Religion leben zu können. Doch vielleicht wird es zum Segen dieses Jahres, dass wir Menschen wieder eine Ahnung davon bekommen und uns ergreifen lassen dürfen »von dem, was uns unbedingt angeht« (Paul Tillich). Wir erkennen mehr denn je die Verwobenheit miteinander und kommen der Verwobenheit mit Gott, dem Urgrund und Ziel allen Lebens, wieder auf die Spur. Wir erinnern uns des Betens zu diesem Gott und beginnen, die Beziehung (wieder) zu pflegen zu IHM, der alles trägt und hält. 

Wir wissen nicht, was morgen ist oder nach den Sommerferien – doch wir wussten es nie!

Wird aber das Gebet zum Kern unseres Lebens, dann können wir unsere Nöte Gott ans Herz legen, aber auch den Dank für alles, was uns geschenkt wurde und täglich neu wird. Und auch heute können wir mit den alten Worten des Psalms 36 sprechen:

HERR, deine Liebe reicht, so weit der Himmel ist, deine Treue bis zu den Wolken.

Deine Gerechtigkeit steht wie die Berge Gottes, deine Urteile sind tief wie die Urflut. Du rettest Menschen und Tiere, HERR.

Wie köstlich ist deine Liebe, Gott! Menschen bergen sich im Schatten deiner Flügel.

Sie laben sich am Reichtum deines Hauses; du tränkst sie mit dem Strom deiner Wonnen.

Denn bei DIR ist die Quelle des Lebens, in deinem Licht schauen wir das Licht.

 

Rosemarie Monnerjahn, 3. April 2020

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Das Herz des Abenteurers IV

 

Diese Krisenzeit der Pandemie tut, was alle Krisenzeiten tun: sie zeigen uns, was für ein Herz in uns pocht. Haben wir das Herz des Abenteurers, das Verantwortung für das Leben übernehmen will? Oder schlägt in uns das Herz des Touristen, das andere braucht, um die Verantwortung für das Leben zu übernehmen? Dafür haben wir eine Geschichte.

In Lk 18, 9-14 geht es um einen Pharisäer und einen Zöllner. Interessanterweise hat aber der Zöllner das Herz des Abenteurers, denn in seiner Bitte um Erbarmen will er Verantwortung für sein Leben übernehmen. Der Pharisäer dagegen hat das klassische Herz eines Touristen. Er braucht andere, um sich groß und stark zu fühlen, und damit übernehmen sie die Verantwortung dafür, wie er sich fühlt und wie er lebt.

Wie geht das? Im Pharisäer haben wir einen Menschen, der zutiefst überzeugt  ist von seiner Gerechtigkeit. Er setzt auf das, was er aus sich bewirkt hat. Aber richtig gefährlich wird er erst durch die Kopplung dieser Überzeugung mit der Verachtung anderer.

Oberflächlich betrachtet sprechen beide (Pharisäer wie Zöllner) mit Gott. Oberflächlich betrachtet geht es um Gebet. Aber wirklich nur auf der Oberfläche. Denn der Pharisäer setzt sich nicht mit Gott auseinander, sondern mit dem Zöllner. Gott ist nur der Zuhörer, die Audienz. Er soll lediglich hören, wie viel besser der Pharisäer abschneidet als der Zöllner.

Der Pharisäer bedient sich einer uralten Taktik des Touristenherzens. Wenn ich nicht wirklich besser, stärker, größer werden will, dann werde ich eben nur mich als besser, stärker und größer darstellen. Um das zu bewerkstelligen, wähle ich mir einen schwächeren Gegner. Hier legen wir die Messlatte zu niedrig an.

Und mit wem setzt sich der Pharisäer auseinander? Er vergleicht sich mit Räubern, Betrügern, Ehebrechern und dem Zöllner. Leichte Beute. Das Herz eines Touristen braucht den anderen, um die Verantwortung für ein authentisches Leben zu meiden. Das läuft unter dem Motto:  Ich mag zwar nicht vollkommen sein, aber besser als diese Typen bin ich auf jeden Fall.

Dagegen setzt sich der Zöllner mit Gott auseinander. Er hebt seine Augen nicht auf, aber er hebt das Gespräch auf die höhere Ebene. »Gott sei mir gnädig!« Du sei mir gnädig. Ein »Ich« und »Du«, in dem der Zöllner anschaut, was zwischen ihm und Gott läuft. Der Zöllner wählt sich ein stärkeres Gegenüber, um stärker zu werden. Hier  ist das Herz des Abenteurers. Es ist wie beim Sport. Wenn der Sportler stärker werden will, muss er einen stärkeren Trainingspartner aussuchen, der ihn herausfordert, der ihn zwingt, mehr herauszuholen und besser zu werden. Wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht!

Aber wenn ich immer einen schwächeren Partner aussuche, kann ich immer gewinnen, aber mich nicht bessern. Wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt.

Darum geht es: Gott zum Gegenüber, zum Partner zu nehmen. Sich mit Gott auseinanderzusetzen. Gotthard Fuchs war vor Jahren bei  uns zu Gast und sprach über die Wüstenväter. Diese Wüstenväter waren immer bedacht, sich nicht mit den Sünden anderer zu beschäftigen, (mit den ebenso schwachen wie sie), sondern mit ihrer eigenen Beziehung zu Gott.

Auch diese Krisenzeit tut das mit uns. Sie öffnet uns für eine wichtigere, wenn unangenehmere Frage: Was ist mit mir los? Anstatt zu prahlen mit »Zwei Mal in der Woche faste ich!« kann die Frage gestellt werden: »Und habe ich danach immer noch Zuviel?«

Was ist mit den anderen 5 Tagen in der Woche? Stopfe ich mir dann alles rein, dessen ich mich an den zwei Tagen enthalten habe? Wenn ich zwei Tage lang nichts esse, gebe ich es den Armen, oder horte ich es für mich für nachher? Denken wir nur an Masken, Toilettenpapier, und Medikamente.

Macht mich das Fasten leer für das Wesentliche, oder füllt es mich mit prahlerischer Selbstgefälligkeit, die mehr Platz in mir aufnimmt als es je 6 Mahlzeiten könnten? Wenn ich schon auf vieles verzichten muss in diesen Tagen der Isolation, macht es mich weitherziger, oder schrumpft der Horizont meiner Sorge zu der Breite meiner Schulterblätter?

Das sind die Fragen, die hochkommen, wenn wir uns mit Gott auseinandersetzen und Verantwortung für unser Leben übernehmen wollen.

Den zehnten Teil gebe ich dem Tempel. Aber was mache ich mit den 90%, die ich behalte? 90% von Überfluss ist immer noch Zuviel!   Kann ich mich von etwas über den vorgeschriebenen 10% trennen? Werde ich mich streng an die Vorschriften dieser Tage halten, oder bin ich bereit auch mehr zu tun, mehr zu geben als das, was vorgegeben wird? Nicht einmal in einer Zeit, in der so viele unsere Mitbürger erkranken und sogar sterben, haben wir es geschafft, Menschenleben über Wirtschaftsfragen zu stellen.

Das sind die Fragen, die hochkommen, wenn wir uns mit Gott auseinandersetzen und Verantwortung für unser Leben übernehmen wollen.

Jeder Mensch kann einen Ringkampf mit einem Kleinkind gewinnen. Aber wir sollten es wie Jakob machen und mit Gott ringen, und zwar durch lange, dunkle Stunden bis das Licht zurückgekehrt.  Das ist ein Kampf, der sich lohnt, der uns stärkt, der uns aufbaut und Lebensunterweisung mit sich bringt.

Wir können es mit dem Zöllner halten und den abenteuerlichen Weg der Lebensmehrung gehen: Dann können wir beten: Herr, hilf mir großzügiger zu werden. Herr, hilf mir gerechter zu werden. Herr, hilf mir liebender zu werden. Das ist die Sprache des Herzens des Abenteurers, das Verantwortung für das Leben übernehmen willJeder Vergleich ist diabolisch. Deutschland mit Italien, unser Gesundheitssystem mit denen in anderen Ländern zu vergleichen kann genau zu der Haltung führen, die wir im Pharisäer erkennen. Wir sind privilegiert, die Stunde in diesem Land mit seinen Mitteln zu durchstehen. Jedoch muss Privileg uns nicht überheblich machen. Wir können auch fragen, welche Verantwortung für das Leben der Welt diese Privilegien mit sich bringen. Flüchtlinge, Kriegsopfer, Frauen, die in Zeiten der Corona  an steigender häuslicher Gewalt leiden, Obdachlose, die keinen Ort haben, an dem sie Quarantäne leben könnten, afrikanische Brüder und Schwestern, die auf den Virus warten ohne die grundlegendste medizinische Versorgung: Sie sitzen alle hinten im Tempel. Diese Krisenzeit kann uns nicht zwingen, sie zu beachten und ihnen zu helfen. Jedoch kann diese Krisenzeit uns auch nicht zwingen, die Haltung einzunehmen, die sagt: »Gott, ich danke dir, dass ich nicht wie die anderen Menschen bin«. Diese Krisenzeit wird lediglich zeigen, welches Herz in uns pocht.

Erik Riechers SAC

Vallendar, den 02. April 2020

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Du bist, was ich bin, und ich bin, was Du bist

 

Sind wir in diesen herausfordernden und für uns alle ungewöhnlichen Zeiten damit beschäftigt, uns nur um uns selbst zu sorgen, das Möglichste herauszuholen, soweit es geht und ohne Rücksicht? Sind wir Menschen, die emsig und oft eisig nur ihre eigenen Kammern zu füllen trachten?

 

Oder können wir uns beschränken, gerade weil der andere es braucht, der andere, der genau so ist wie ich – ein Mensch, voller Wert und Würde? Der andere, der vielleicht schwach ist, alt, angeschlagen? Kann ich verzichten, damit er leben kann? Kann ich Distanz wahren, um ihn und andere zu schützen?

 

Ich lade Sie ein, Leben neu zu sehen mit den Augen eines Mannes, der in der kurzen Spanne seines Lebens viel rang und litt: Vincent van Gogh. Hier seine Worte:

 

Lass uns ruhig weitergehen,

jeder auf seinem Weg,  

auf das Licht zu, »sursum corda«,      

als Menschen, die wissen,

dass wir sind, was andere sind,

und dass andere sind, was wir sind,

und dass es gut ist, einander zu lieben.

 

»Empor die Herzen!« fordert er auf, »sursum corda«, denn das Licht ist da, es zieht uns empor und gibt uns die Orientierung. Dorthin kann jeder auf seinem ureigenen Weg gehen, in Ruhe, nicht in Panik, authentisch, nicht kopierend und vom Vergleichen getrieben und vor allem mit strahlender  Perspektive für alle, nicht ins Verderben.  

Gemeinsam gehen wir als Menschen, die wissen, dass sie von derselben Art sind, eine Menschenfamilie, die gut unterwegs ist, wenn sie liebend unterwegs ist. »Wo ist dein Bruder?«, wird Kain gefragt. Üben wir, auf den anderen, der neben uns auf seinem Weg zieht, liebevoll zu achten und ihn anzunehmen als das, was wir sind.  

 

Rosemarie Monnerjahn, 1. April 2020

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Das Herz des Abenteurers III

 

Für eine Krise, die gerade ein paar Wochen anhält, irritiert es mich zunehmend, dass jeder zu wissen scheint, was diese Stunde für uns bedeutet. Es gibt Zeitungsartikel dazu ohne Ende. In Sitzungen wird schon die Strategie der Zukunft beschrieben: für die Kirche, die Liturgie, die Gesellschaft, die Wirtschaft. Und nach jeder Diagnose gibt es sofort ein Rezept für alles, was wir nachher ändern müssen. Hellseherei hat gerade Hochkonjunktur.

Ich hege gegenüber allen Prognosen dieser Art eine gesunde und tiefe Skepsis. Hierin sehe ich den Konflikt zwischen dem Herz des Abenteurers und dem Herz des Touristen.

Das Herz des Abenteurers ist das Herz, das Lust hat, das Neue auszukundschaften.

Das Herz des Touristen ist das Herz, das befreit werden möchte von den Bürden des Alltags.

Ich gebe offen zu, ich weiß nicht, was die Zukunft von uns verlangen wird und habe keine Patentrezepte als Lösung für alles, was uns konfrontieren wird während oder nach der Krise. Aber ich bin gerne bereit, es auszukundschaften.

In Mk 10, 32-45  steht ein interessanter Satz von zwei Jüngern.  »Meister, wir wollen, dass du für uns tust, worum wir dich bitten.« Die Lehrlinge in dieser Geschichte sind Jakobus und Johannes. Wenn wir die Frage stellen, warum sie diese Bitte an Jesus richten, dann werden wir schnell auf die Antwort stoßen, dass sie nur ihre Eigeninteressen im Sinn haben.

Die Antwort ist nicht falsch. In der Tat, sie meinen, dass sie ihren Eigeninteressen dienen durch diese Bitte und dass sie sich selbst einen Gefallen tun, wenn sie Jesus dazu bringen können zu tun, was sie wollen. Hier schlägt das Herz eines Touristen, ein Herz, das befreit werden möchte von den Bürden des Alltags. Dann definieren wir schon die Lösungen, die uns einfallen, bevor wir die Tiefe der Stunde überhaupt angeschaut und durchlebt haben. Wie kennt man die Lösungen für ein Abenteuer, das wir gar nicht zu Ende durchlebt haben?

Sich Jesus als Lehrling anzuschließen fängt immer mit einer Grundübung an: Du musst dich fragen: Hast du das Herz des Abenteurers? Das Herz, das Lust hat, das Neue auszukundschaften?

Wie fangen alle Berufungsgeschichten an?  Menschen sind fasziniert von der Lebensart Jesu, denn sie ist  ganz anders ist als das, was sie kennen. Sie fühlen sich angezogen von seiner Macht, die ganz anders ist als das, was sie gewohnt sind. In Jesus spüren und erleben sie Kraft- und Lebensquellen, die ein Leben ermöglichen. Quellen, an die sie gerne herankämen und woraus sie schöpfen möchten. 

Die Bedingung dafür ist das Herz des Abenteurers: Das Herz, das Lust hat, das Neue auszukundschaften. Sich mit dem Herzen eines Abenteurers an Jesus anzuschließen bedeutet:

  1. Wir erinnern uns an die faszinierenden Begegnungen mit ihm, an die Orte und die Zeiten, die die ursprüngliche Faszination in uns geweckt haben.
  2. Wir denken darüber nach. Wir überlegen uns, was da passiert ist, was es in uns weckt, mit uns tut und von uns heute abverlangen könnte.
  3. Wir reden darüber. Wer nicht darüber spricht, ist nicht fasziniert im Sinne der Sehnsucht. Wir müssen nicht schon Lösungen haben, Reformpakete schmieden und die Erneuerung aller Dinge beschließen.
  4. Wir probieren die Weisheit und die Tauglichkeit der faszinierenden Haltung, Ansicht oder Handlung Jesu aus. Wir üben, sammeln Erfahrungen, wagen neues Leben und neue Lebenswege. Wir üben nicht, was wir schon können, sondern das, was wir gern könnten.
  5. Wir versuchen im Allgemeinen, dass die Lebensweise Jesu ein Teil von uns wird. Wir nehmen uns Zeit, diese neuen Erfahrungen, die wir mit ihm machen, in unser Leben zu integrieren.
  6. Wir nehmen auch die Kritik wahr, die in der Lebensart Jesu enthalten ist: über die Art, wie wir uns gerade benehmen, wie wir die Dinge sehen und wie wir handeln. Denn eine Kritik wird in uns wach, weil das, was uns an Jesus fasziniert, nicht das ist, was wir schon in unserer Haltung, Ansicht oder Handlung kennen. Darum wollen wir nicht direkt zur Zukunftsreform, denn hier merken wir, so schmerzlich es auch sei, dass wir ein Teil des Problems sind. Wenn wir das nicht beachten und ernstnehmen, dann meinen wir, dass nur andere Mächte und andere Menschen das Problem sind. 
  7. Wir nehmen das Angebot Jesu an, etwas Neues zu versuchen, auszuprobieren und zu wagen über das Alte, Bekannte und Familiäre hinaus.                                                               

 

»Meister, wir wollen, dass du für uns tust, worum wir dich bitten.« In einer Krise setzt diese Bitte voraus, dass wir schon Meister sind und die Erkenntnis haben darüber, was die Lage bedeutet und wie sie zu bewältigen ist. Sollten wir tatsächlich das von uns glauben und es auch können, dann brauchen wir doch keinen Meister, der uns führt, begleitet und lehrt. Aber ist das wahr? Papst Franziskus, ausgehend von Mk 4,35-41 schreibt mahnende, tiefgehende Worte zu dieser Einstellung während dieser Pandemie:

Der Sturm legt unsere Verwundbarkeit bloß und deckt jene falschen und unnötigen Gewissheiten auf, auf die wir bei unseren Plänen, Projekten, Gewohnheiten und Prioritäten gebaut haben. Er macht sichtbar, wie wir die Dinge vernachlässigt und aufgegeben haben, die unser Leben und unsere Gemeinschaft nähren, erhalten und stark machen. Der Sturm entlarvt all unsere Vorhaben, was die Seele unserer Völker ernährt hat, »wegzupacken« und zu vergessen; all die Betäubungsversuche mit scheinbar »heilbringenden» Angewohnheiten, die jedoch nicht in der Lage sind, sich auf unsere Wurzeln zu berufen und die Erinnerung unserer älteren Generation wachzurufen, und uns so der Immunität berauben, die notwendig ist, um den Schwierigkeiten zu trotzen.

Mit dem Sturm sind auch die stereotypen Masken gefallen, mit denen wir unser »Ego« in ständiger Sorge um unser eigenes Image verkleidet haben; und es wurde wieder einmal jene (gesegnete) gemeinsame Zugehörigkeit offenbar, der wir uns nicht entziehen können, dass wir nämlich alle Brüder und Schwestern sind.

»Warum habt ihr solche Angst? Habt ihr noch keinen Glauben?« Herr, dein Wort heute Abend trifft und betrifft uns alle. In unserer Welt, die du noch mehr liebst als wir, sind wir mit voller Geschwindigkeit weitergerast und hatten dabei das Gefühl, stark zu sein und alles zu vermögen. In unserer Gewinnsucht haben wir uns ganz von den materiellen Dingen in Anspruch nehmen und von der Eile betäuben lassen. Wir haben vor deinen Mahnrufen nicht angehalten, wir haben uns von Kriegen und weltweiter Ungerechtigkeit nicht aufrütteln lassen, wir haben nicht auf den Schrei der Armen und unseres schwer kranken Planeten gehört. Wir haben unerschrocken weitergemacht in der Meinung, dass wir in einer kranken Welt immer gesund bleiben würden. Jetzt, auf dem stürmischen Meer, bitten wir dich: »Wach auf, Herr!«

 

Ich, für mein Teil, werde die Propheten der Zukunft nicht beachten. Ich folge mit dem Herz des Abenteurers dem Herrn, der  zuerst die Krise, den Sturm, mit uns durchlebt und davon spricht, was diese Stunde  von uns verlangt, bevor er sagt, was die zukünftigen Stunden von uns verlangen könnten.

 

Erik Riechers SAC, Vallendar, 31. März 2020

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Ein Rat - aktueller denn je

 

Vor vielen Jahren gab mir eine Bekannte den Tipp zu einem Vortragsabend über Israel. Sie wusste, dass mich dieses Land faszinierte, vor allem, da ich kurz zuvor zum ersten Mal dort gewesen war.

Im Saal herrschte eine andächtige Atmosphäre, als der Referent eintraf. Nach liebevollen und würdigenden Begrüßungsworten der Gastgeber begann sein Vortrag. Doch dies war kein Vortrag über die Schönheiten und Eigenheiten des Landes. Hier sprach ein Mann, der seit über 1o Jahren im Herzen Jerusalems lebte, von den Erfahrungen und Bewegtheiten seiner Seele – in einer Lyrik, die mich zunehmend fesselte: Willi Bruners. Seinen »Rat« vergaß ich nie mehr; oft habe ich ihn zitiert; schwere Zeiten meines Lebens hätte ich ohne ihn nicht gut überstanden; gute Zeiten bekommen durch ihn dankbare Tiefe. Gerade heute lege ich Ihnen seine Weisheit ans Herz:

 

Rat

Verabschiede die Nacht

mit dem Sonnenhymnus

auch bei Nebel

 

hol dir die ersten

Informationen aus den

Liedern Davids

 

dann höre die

Nachrichten und lies

die Zeitung

beachte die Reihenfolge

wenn du die Kraft

behalten willst

die Verhältnisse zu ändern

 

bete gegen das

fünfsternige Nichts

das dir aus jedem

Kanal entgegentönt

                                                     Wilhelm Bruners

 

Mögen wir uns täglich zuerst in den Grund hinein beten, auf dem wir stehen – dann vermögen wir uns dem zu stellen, was von außen auf uns zukommt - »beachte die Reihenfolge«!

 

Rosemarie Monnerjahn, 30. März 2020

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5. Fastensonntag: »Hierher, raus!«

 

Gebet

Gott aller Zeiten,

Wir bitten, wir weinen, wir warten, wir sterben, wir hoffen, wir leben,

wir machen weiter, wir richten uns wieder auf, wir versuchen zu verstehen,

wir missverstehen, wir lernen, wir fragen wieder, wir warten auf Erkenntnis.

In alle dem, möge Gebet uns ein Gefährte sein, nicht eine Qual.

Mögen wir im Gebet den Trost finden, der uns durch alles hindurch trägt.

Wissend, dass manches sich ändert

und manches gleich bleibt.

Amen.

Pádraig Ó Tuama

 

Evangelium: Johannes 11, 1-45

 

Die Ungeduld und die Sehnsucht treiben uns immer wieder zu fragen, wann diese Krise zu Ende gehen wird. Der große Erzähler Johannes versteckt eine Lebensunterweisung in seinem Evangelium, die sich mit einer weiterführenden Frage beschäftigt.  Wie werden wir leben, wenn die Krise vorbei ist?

In Johannes 11 lässt Jesus den Stein vom Grab seines Freundes Lazarus wegrollen.  Aber dann müssen wir sehr genau hinhören, wie er mit seinem Vater spricht.

»Vater, ich danke dir, dass du mich erhört hast. Ich wusste, dass du mich immer erhörst; aber wegen der Menge, die um mich herumsteht, habe ich es gesagt, damit sie glauben, dass du mich gesandt hast.«

Merken wir genau seine Worte! Ich danke dir, dass du mich erhört hast. Das ist die Vergangenheitsform! Das heißt, wenn Gott ihn schon erhört hat, dass Lazarus schon wach ist. Er lebt! Aber, obwohl der Stein weggerollt ist, kommt er nicht aus dem Grab heraus.

Also muss Jesus fast Wort für Wort das sagen, was Gott Noah in der Arche mal sagen musste. Bei Noah geschieht das, nachdem er zwei Monate lang in der Arche hockt, obwohl die Erde schon trocken ist und er seinem Auftrag nachgehen sollte, die Erde neu zu bevölkern und zu gestalten. Worauf wartet Noah noch? Er hat Angst, seinen Schutzraum (die Arche) zu verlassen und wieder aufzugeben. Gott muss zu ihm sagen: Auf, raus! (vgl. Gen 8)

Jesus muss dieser Angst in Lazarus entgegentreten. »Lazarus, deuro (hierher) exo (raus)!«

Er muss Lazarus herausbefehlen. Immerhin, wie würde ein Toter den Befehl Jesu hören und beachten? Jesus weiß, dass Lazarus sein Leben zurückbekommen hat (»ich danke dir, dass du mich erhört hast!«), aber er weiß auch, dass Lazarus sich nicht ins Leben zurück traut. Dazu braucht er zwei Hilfen.

Erst braucht er eine Stimme, die ihn ins Leben zurück ruft. Er braucht die Gottesstimme der Ermutigung. Sonst bleibt er im Grab wie Noah in seiner Arche.

Und zweitens braucht er eine Befreiung von alten Erfahrungen, die ihn noch von der Rückkehr ins Leben zurückhalten. »Da kam der Verstorbene heraus; seine Füße und Hände waren mit Binden umwickelt und sein Gesicht war mit einem Schweißtuch verhüllt. Jesus sagte zu ihnen: Löst ihm die Binden und lasst ihn weggehen!«

Die Ängste des Lazarus kennen auch wir. Wenn etwas uns Sicherheit und Schutz gibt, wenn es uns geborgen und gesichert fühlen lässt, dann wollen wir es nicht wieder loslassen. Sei es eine Beziehung, sei es eine gute Erfahrung oder sei es eine bewiesene Lebensweise; wenn sie uns gute Dienste erwiesen haben, wenn wir uns daran gewöhnt haben, dann werden wir sie nicht ohne weiteres wieder loslassen. Dann verkriechen wir uns und nisten uns ein.

Das Problem für Lazarus und für uns ist, dass eine Übergangslösung keine Dauerlösung werden darf. Wir dürfen nicht ein Grab zu unserer Wohnstätte machen. Wir dürfen nicht unsere Zurückgezogenheit, Isolierung und gesellschaftliche Distanzierung in der Zeit von Corona zu einem Lebensstil umwandeln. Was wir gerade tun, um Leben und Leute zu schützen, ist eine Übergangslösung. Sie soll das Leben vor der Bedrohung und vor dem Untergang unserer Mitmenschen bewahren. Aber sie ist kein Ersatz für das, was wir nachher leben müssen und mit Leben erfüllen müssen, über dieses Grab hinaus. Keine Schutzräume des Lebens sind dafür gedacht, dass wir uns darin verstecken. Lazarus versteckte sich im Grab vor Angst, was im Leben auf ihn wartet und von ihm verlangt wird. Wir haben unsere Angst vor Leben nach Corona, vor den Veränderungen und der Verantwortung, die damit verbunden sind. Wir werden manchmal versucht, seine Formen des Rückzugs und der Isolierung weiter zu führen, um uns sicher zu fühlen.

Aber die Aufgabe eines Lebens liegt nicht in einem Grab. Sie liegt draußen in der Welt. Alles Leben, das Jesus rettet und herausruft, wird dem Leben der Welt geschenkt, denn auch die Welt wartet auf neues Leben, eine Wiedergeburt und einen Neubeginn.

Darum brauchen auch wir diese zweifache Hilfe unseres Gottes. Wir brauchen eine Stimme Gottes, die größer ist als unsere Stimme. Wir brauchen eine Stimme Gottes, die größer ist als unsere Ängste, die bereit ist, uns zu sagen, was wir nicht unbedingt hören wollen. Denn die Stimme Gottes ist nie ein Echo unserer kleinen Herzen. Diese Gottesstimme spiegelt nicht unsere Panik und unsere Ängste wieder. Sie spricht mit Autorität, mit der Stimme des Autors des Lebens und der Welt. »Hierher, raus« (deuro exo) ist ein Befehl und keine Empfehlung. Gott nimmt unsere Ängste ernst, aber er ist kein Diener dieser Ängste.

Und wir brauchen eine Befreiung. Alte Gewohnheiten haben es an sich, dass sie nichts unversucht lassen, uns wieder einzuholen, festzuhalten und zurückzuholen. Fragen wir nur das Volk Israel. Kaum hat Pharao sie ziehen lassen, dann ändert er seine Meinung und schickt seine Streitkräfte, um seine Sklaven einzuholen, festzuhalten und zurückzuholen.

Das Alte lässt uns nie einfach los.

Das erzählt auch Johannes. Lazarus kommt nicht nur zaghaft aus dem Grabe, sondern von Altem gefesselt.

»Da kam der Verstorbene heraus; seine Füße und Hände waren mit Binden umwickelt, und sein Gesicht war mit einem Schweißtuch verhüllt. Jesus sagte zu ihnen: Löst ihm die Binden, und lasst ihn weggehen!«

Die Hände sind die Metapher für unsere Handlungskraft. Sie sind noch gebunden und unsere Handlungskraft kann noch nicht eingesetzt werden. Da brauchen wir einen Gott, der auch Fesseln löst, denn ohne Handlungskraft können wir das Leben der Welt nicht gestalten.

Die Füße sind die Metapher für die Richtungen, die wir einschlagen. Füße setzen Orientierung in Bewegung um. Auch hier brauchen wir die Hilfe unseres Gottes, denn wir träumen in der Quarantäne über alles, was wir danach tun wollen, aber sobald wir heraustreten, werden wir dafür verantwortlich sein, diese Vorsätze konkret ins Leben umzusetzen.

Ein Schweißtuch verhüllt sein Gesicht und lässt seine Augen nicht sehen. Die Augen aber sind die Metapher für unsere Sichtweise, die Art und Weise, wie wir auf die Welt schauen und sie wahrnehmen. Auch hier werden wir eine Befreiung Gottes brauchen, denn Krisen verschleiern unseren Blick. Nur weil sie vorbei sind, heißt es nicht, dass wir wieder klar sehen. In Gegenteil führen Krisen sehr oft dazu, dass wir die neuen Chancen durch den Filter unserer alten Ängste sehen. So können wir keine neue Zeit mit Leben und Heil erfüllen. 

Wir brauchen die Stimme Gottes, durch sein Wort und durch seine Boten. Aber diese Stimme, die Lazarus herausruft, stellt eine Frage an uns: Werden wir auf sie hören und achten? Denn Jesus ruft aus dem Grab heraus, aber er zerrt uns nicht heraus. Gott wird schon dafür sorgen, dass wir ins Leben gerufen werden. Ob und wie wir nach der Krise leben werden, liegt in unserer Hand.

 

Meditation: Deuro exo (Hierher, raus)

Lazarus, hierher, raus!

Dein Leben wartet auf dich.

Es kann nicht in Todeskammern gestaltet werden.

 

Lazarus, hierher, raus!

Martha und Maria, deine Schwestern warten auf dich.

Ihre Tränen brauchen deine sanften Finger.

Darum binde ich auch deine Hände frei.

 

Lazarus, hierher, raus!

Die Menschen, die trauerten, als sie dachten, du seist tot, warten auf dich.

Sie sehnen sich danach, dass du wieder auf sie zugehst.

Darum habe ich auch deine Füße entfesselt.

 

Lazarus, hierher, raus!

Die Welt wartet auf dich.

Mit deinem Tod ist etwas von der Herrlichkeit Gottes aus ihr gegangen.

Sei ein Mensch des gelebten Lebens, denn so kehrt die Herrlichkeit Gottes in die Welt zurück.

Ich habe das Schweißtuch entfernen lassen. Du zeige dein Gesicht.

 

Lazarus, hierher, raus!

Ich wohne weder vor noch in Gräbern.

Ich besuche sie nur, um Leben herauszurufen.

Ich warte auf dich.

Ich habe nämlich vor deinem Grab um dich geweint.

Deine Lebendigkeit wird jetzt mein Trost sein.

  

ERIK RIECHERS SAC

Vallendar, den 29. März 2020

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»Wegführerinnen der Seele«

 

Die frühchristlichen Wüstenväter, die sich einzeln als Eremiten oder in kleinen Gruppen zu Gebet und Askese in die Wüsten Ägyptens und Syriens zurückgezogen hatten, waren aufgrund ihres unabgelenkten klaren Blicks in die Tiefe schon zu Lebzeiten gefragte, ja anziehende Ratgeber und viele ihrer Worte sind bis heute nicht nur bewahrt, sondern bedeutsam.

So ist von Abbas Poimen dieser Gedanke überliefert:

»Sich bewahren, auf sich achten und die Unterscheidungsgabe: Diese drei Tugenden sind die Wegführerinnen der Seele.«

Wie sehnen wir uns alle doch gerade derzeit danach, geführt zu werden durch all das, was auf unserem Weg auf uns einströmt.

Abbas Poimen nennt drei Wegführerinnen unserer Seele. »Sich bewahren« setzt voraus, dass ich mich, mein Inneres, überhaupt wahrnehme. Ganz bei mir zu sein und nicht dauernd im Äußerlichen – dahin lasse ich mich führen, um mich nicht zu verlieren, sondern zu bewahren.

»auf sich achten«, die zweite Wegführerin der Seele, will uns achtsam machen auf das, was sich in uns regt, nicht, um uns hin und her reißen zu lassen von Emotionen, sondern um sie wahrzunehmen, zu bedenken und zu deuten.

Die »Unterscheidungsgabe« schließlich hilft uns, Impulse, die uns zwar einiges versprechen mögen, aber nicht zu Heil und Leben führen, von jenen zu unterscheiden, die mehr Tiefe und lebendige Fülle bereithalten. Nur diese kommen von Gott.

Tugenden sind keine Billigware; sie wollen geübt werden – jeden Tag und gerade jetzt!

 

Rosemarie Monnerjahn, 28. März 2020

 

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Das Herz des Abenteurers II

 

Ich werde immer wieder gefragt, ob ich nicht eine Geschichte hätte für eine schwierige Situation. Und danach werde ich dann gefragt, warum die Geschichte nicht funktioniert hat. Selbstverständlich gehen die Menschen davon aus, dass das Problem bei der Geschichte liegt: sie ist zu schwierig, komplex oder unübersichtlich.

 

Dann muss ich eine Grundlehre der Auslegung aller Geschichten zitieren: der Text schweigt, bis der Leser erscheint.

 

Diese Regel gilt allerdings für alle Geschichten, denen wir Menschen begegnen, seien es die Geschichten, die wir lesen und hören oder die Geschichten, die wir leben und mitgestalten. Denn die Geschichten Gottes und die Geschichten des Lebens setzen etwas voraus: das Herz des Abenteurers muss erscheinen, um sie auszulegen und zu leben.

 

Und so kommen wir zum zweiten Merkmal, das einen Abenteurer von einem Tourist unterscheidet:

 

Das Herz des Abenteurers ist das Herz, das Wege durch das unbekannte Land sucht. Das Herz des Touristen ist das Herz, das vorgeschriebene, gewohnte  Wege geht.

 

Die gegenwärtige neue, ungewohnte und unerwartete Geschichte der Erkrankung, der Einschränkung und des chaotischen Wandels unseres Lebensstils prüft unsere Herzen. Wir können uns beschweren, dass sie schwierig, komplex, unübersichtlich ist, wie Studenten vor einer biblischen Erzählung: dann haben wir das Herz des Touristen. Wir wollen den vorgeschriebenen Weg gehen. Das bedeutet, wir wollen jemanden, der uns diesen Augenblick erklärt, ihn verständlich macht und alles kurz und bündig zusammenfasst. Wir können uns zurücklehnen und uns lediglich merken, was sie uns gesagt haben.

 

Alle Geschichten, auch unsere Corona-Geschichte, gehen nie davon aus, dass sie uns eine Erklärung schulden. Sie gehen immer davon aus, dass der Hörer, Leser oder Empfänger um Führung und Begleitung bittet. Darum setzen sie das Herz des Abenteuers voraus. Touristen kommen zu einer Geschichte lediglich für die Unterhaltung. Abenteurer kommen zu einer Geschichte, weil sie den Pfad zum Leben suchen.

 

Diese Geschichte von Corona, Quarantäne, Distanzierung und Angst, die wir gerade durchleben, hat eine tiefere Bedeutung, aber ihre Inhalte und Bedeutungen sind noch verborgen. Wie bei jeder biblischen Erzählung wird diese Geschichte erst anfangen, uns Orientierung zu schenken, wenn sie von uns Aufmerksamkeit gewidmet bekommt. Überall wird berichtet, welche Wirkung die Ausgangsbeschränkungen und gesellschaftlichen Einschränkungen auf die Menschen haben. Aber diese gegenwärtige Geschichte wird erst anfangen, eine Heilswirkung zu haben, wenn wir auslegen, was diese Wirkungen bedeuten. Deutung ist die ganze Kunst. Und Deutung ist die Kunst eines Abenteurers. Das Herz des Abenteurers ist das Herz, das Wege durch das unbekannte Land sucht. Der Tourist deutet nicht, sondern erwartet Lösungen und Erklärungen. Das Herz des Touristen ist das Herz, das vorgeschriebene, gewohnte  Wege geht.

 

Das Verhältnis zwischen der Corona-Geschichte und wie wir sie gestalten und erleben, ist keine einfache Beziehung. In der Realität spricht eine Geschichte nur, wenn ein Hörer dazu kommt. Eine Geschichte wird lebendig und fängt an zu reden nur von dem Augenblick an, wo wir bereit sind zuzuhören. Wieviel diese Corona-Geschichte erzählt, steht in direkter Proportion dazu, wie gut wir zuhören. Ich habe Studenten seit 30 Jahren gesagt, dass ihre Handlungen beim Lesen und Deuten wesentlich sind, wenn eine Geschichte ihre Wirkung entfallen soll. Wir müssen eine Geschichte wahrnehmen, aufnehmen, mitnehmen. Auch in dieser Stunde gilt die Regel. Wir müssen die Realitäten und Veränderungen wahrnehmen, sie deuten, um zu verstehen, was diese Stunde von uns verlangt, und Verbindungen knüpfen zu unserem Leben, unserem Verhalten und unseren Handlungen.

 

Aber die Deutung ist die ganze Kunst, und sie ist und bleibt die Kunst eines Abenteurers. Was wir gerade erleben und erleiden, ist keine unterhaltsame Geschichte, aber sie könnte uns neue ungesehene Horizonte, unbegangene Wege und unversuchte Möglichkeiten eröffnen. Dafür brauchen wir das Herz des Abenteurers, denn es sucht die Wege ins unentdeckte Land.

 

Erik Riechers SAC, 27. März 2020

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Im Vertrauen

 

Inzwischen läuten am Abend überall die Glocken und laden uns ein, eine brennende Kerze ins Fenster zu stellen und über konfessionelle Grenzen hinweg uns betend miteinander zu verbinden. Wer sich darauf einlässt, kann die Gemeinschaft der Betenden spüren in der gemeinsamen Verankerung in Gott, der alles trägt und hält und dessen Nähe wir uns anvertrauen können:

 

»Gott, du bist uns nah, jetzt, hier, in diesem Moment und zu aller Zeit.

Gott, mit dir wollen wir gehen, gib du uns den Impuls.

Bei dir wollen wir ruhen, gib du uns den Atem.

Bei dir ist Proviant, begleite uns.

Bleib uns vertraut, und werde uns neu.« *

 

Rosemarie Monnerjahn, 26. März 2020

           *Manfred Büsing aus: Lectio divina, Bd. 22, 2020

 

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Stille – nicht Fluch, sondern Segen

In diesen Tagen und Wochen des sehr zurückgenommenen Lebens, das wir alle führen, um einander zu schützen vor der weiteren Ausbreitung des Virus, halte ich immer wieder inne und nehme die Stille wahr. Der Luftraum ist ruhig, auf der Straße gibt es keinen Durchgangsverkehr zu Schule und Sportveranstaltungen. Nichts stört, wenn ich spazieren gehe. Diese Ruhe macht mich nicht unruhig oder nervös, nein, ich schätze sie als ein Geschenk und genieße sie sogar.

Und ich halte inne mit dem, was Roger Willemsen zur Ruhe schrieb:

»Wenn alle lärmenden Bewegungen, alle Überlagerungen von Empfindungen, Wahrnehmungen, Impulsen durch Geräusche zurückweichen, tritt die Ruhe der Betrachtung ein.

Die Natur wird häufig so erfahren, selten die Stadt. Die Waldesruhe, der Frieden über dem See, das Schweigen der Nacht, sie alle assoziieren Friede, den Fortfall des Hochtourigen, Geschäftigen, Flüchtigen, auch Belanglosen. Es tritt Kontemplation ein, reines Bei-sich-Sein. Auch im sozialen Leben aber ereignet sich Stille nicht nur, sie besetzt eigene Funktionen: In der »Schweigeminute«, der stillen Trauer, der Denkpause, in der Betrachtung des Firmaments, in den Schweigeräumen der Kirchen, Krypten, Tempel, im Schweigegelübde der Kartäuser, der Eremiten, der tibetanischen Schweigemönche, in der »stillen Zeit« zwischen Weihnachten und Silvester. Es gibt, wo Bescheidenheit oder selbst Demut einsetzen, ein Klein-Werden, das dem Leise-Werden entspricht und oft der Pietät, dem Glauben, der Selbstversenkung vorbehalten ist. Auch wohnt den stillen Augenblicken des alltäglichen Lebens oft eine eigene Magie inne, so der Stille vor dem Kuss, der Stille des Einvernehmens in einem Blick, der Stille des Gebets, . . .

Von den bleibenden Momenten eines Lebens wird oft gesagt, dass sie »atemlos« waren, dass alle Bewegung in ihnen zum Stillstand kam, dass sie sich in völligem Schweigen ereigneten.« *

 

Können wir schätzen und würdigen, was diese Zeit uns schenkt? Eine ungewohnte Ruhe, deren Lebendigkeit wir nun »auspacken« und entdecken können.                

 

Rosemarie Monnerjahn, 25. März 2020

*aus: Roger Willemsen, Musik! Über ein Lebensgefühl, 2018

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Das Herz des Abenteurers I

In Hamlet stellt William Shakespeare eine interessante Frage. Wer würde die Lasten des Lebens tragen, stöhnend und schwitzend, wenn sie nicht Angst hätten vor dem Tod und der Zukunft danach? Denn diese Zukunft, die noch in Gottes Hand liegt, ist das unentdeckte Land. Und das unentdeckte Land der Zukunft führt oft dazu, dass wir »die Übel, die wir haben, lieber ertragen, als zu unbekannten fliehn.«

 

Krisenzeiten wie diese prüfen unseren Charakter und unser Herz. Und was sich sehr schnell herausstellt ist, ob wir das Herz des Abenteurers oder das Herz des Touristen zum Projekt des Lebens mitbringen.

 

Diese zwei Lebenseinstellungen werden maßgeblich bestimmen, wie wir uns den Geschichten Gottes annähern. Sie sind zwei Weisen, wie wir das Evangelium hören können: als Abenteurer oder als Tourist.

Noch viel wichtiger, sie werden maßgeblich bestimmen, wie wir das Leben gestalten. Sie sind zwei Weisen, unser Leben zu gestalten: in der Spiritualität des Abenteurers oder des Touristen.

 

Heute schauen wir auf das erste von neun Kennzeichen, die Abenteurer von Touristen unterscheiden.

Das Herz des Abenteurers ist das Herz, das dort hingeht, wo Leben zu finden ist. Das Herz des Touristen ist das Herz, das dort bleibt, wo andere Leben gestaltet haben.

 

Wagen wir zwei biblische Erzählungen. Die erste Geschichte ist im Buch Numeri 13-14. Das Volk Israel steht vor der Grenze des Gelobten Landes und hört den Bericht der Kundschafter. Jetzt merken sie, dass es ihnen doch zu viel Mühe und Anstrengung ist, das Land zu betreten und es zu eigen zu machen. So kehren sie dem unentdeckten Land ihrer Zukunft ihren Rücken und gehen zurück zur Wüste, wo sie weitere 38 Jahre umherirren. Das Herz des Touristen ist das Herz, das dort bleibt, wo andere Leben gestaltet haben.

 

Die zweite Geschichte ist im Buch Josua 1. 38 Jahre später steht die Nachfolger-Generation vor der Grenze zum Gelobten Land. Sie wissen, dass es nicht leicht wird, werden immer wieder aufgerufen, mutig und standhaft zu sein. Aber diesmal betreten sie das Gelobte Land, das unentdeckte Land ihrer Zukunft. Dafür müssen sie kämpfen. Das Herz des Abenteurers ist das Herz, das dort hingeht, wo Leben zu finden ist.

 

Beide Gruppen müssen sich die Frage stellen, die wir uns jetzt stellen vor dem unentdeckten Land unserer Zukunft. Was ist uns eine Zukunft wert?

 

In beiden Geschichten muss das ganze Volk die Entscheidung mittragen und mitgestalten. Wie sie werden auch wir in den Tagen der Unsicherheit mit schweren Fragen konfrontiert.

 

Werden wir für eine verheißungsvolle Zukunft für uns alle arbeiten, auch wenn es uns einen deutlichen Preis abverlangt? Auch wenn sie Schwierigkeiten mit sich bringt? Auch wenn diese Zukunft Mühe, Ringen und Konflikt mit sich bringt? Das Herz des Abenteurers sagt ja dazu, denn das Herz des Abenteurers ist das Herz, das dort hingeht, wo Leben zu finden ist.

 

Oder sind wir nur bereit, von einer verheißungsvollen Zukunft zu sprechen, wenn der Weg für uns vorbereitet und geebnet wurde? Wenn die Probleme im Voraus gelöst sind? Wenn die Hindernisse und Barrieren weggeräumt worden sind? Das ist das Herz des Touristen. Das Herz des Touristen ist das Herz, das dort bleibt, wo andere Leben gestaltet haben.

 

Diese Pandemie hat uns an eine Grenze gebracht. Hier liegt die grundlegende Entscheidung derer, die an der Grenze des unentdeckten Landes der Zukunft stehen.

 

Wie viel ist uns ein authentisches Leben für alle wert? Wie viel Kraft ist es mir wert? Wie viel Mühe ist es mir wert? Wie viel Investition und Hingabe ist es mir wert?

 

Diese Krise ist eine Entscheidungsstunde und Entscheidungen sollten wir gestalten. Aber wenn aus dieser Zeit eine Zukunft für alle entstehen sollte, dann brauchen wir Abenteurer. Touristen sind hier nicht gefragt.

 

Erik Riechers SAC, 24. März 2020

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Üben, was wir noch nicht können

Ein Brief machte mir letzte Woche bewusst, was gerade für uns Christen die große Übung dieser Krise ist. Sie erfordert nämlich von uns ein Einlassen auf das »Exerzitium des Gottvertrauens«.

Üben ist angesagt, Vertrauen üben in unseren Gott!

Doch wir üben ja immer das, was wir schon können: wir müssen alles (richtig) machen, leisten, organisieren, Vorgaben erfüllen, planen und tragen, im Griff behalten, . . . alles hängt von uns ab!

Nun aber machen wir die Erfahrung, wie wenig wir tun können und im Griff haben. Das, was nun von uns gefordert wird, ist Zurückhaltung,  warten, zu Hause bleiben, Beziehungen eher zurückgenommen pflegen, Stille aushalten, zu lassen. Das müssen wir in der Tat richtig üben. Wir üben jedoch nicht im luftleeren Raum. Unser Blick wird frei und sieht den, der immer schon unser Leben trägt. Nie waren wir die Herren unseres Lebens – aber wir lebten so als ob!

Wenn wir uns nun in das »Exerzitium des Gottvertrauens« hineinbegeben, so üben wir bei allem, was wir in dieser Zeit gestalten können, das Leben Gott zu überlassen. Er vertraut uns und traut uns in jeder Lage zu, das Rechte zu tun – trauen wir ihm zu, dass er als der Gott, der seine Menschen liebt, unser Leben immer trägt! Natürlich haben wir das Unsere zu bedenken und zu tun, um Leben zu erhalten und zu schützen, aber wir haben das große Ganze nicht in der Hand.

Wir leben derzeit mehr oder weniger im Quarantäne-Modus. Der Begriff Quarantäne ist abgeleitet vom lateinischen quadraginta, die Zahl 40, im Italienischen heißt quaranta giorni  40 Tage. 

Liturgisch leben wir gerade in der Fastenzeit, ein altes Wort dafür ist Quadragesima. Sie steht seit alters her für 40 Tage Vorbereitungszeit, Umkehr, Verzicht und Üben.

In ein »Exerzitium des Gottvertrauens« einzusteigen heißt für mich, in meiner Verwobenheit mit allen in dieser Fastenzeit auch meine Beziehung zu Gott neu zu betrachten und zu pflegen. Ich kann mich in ihm neu verankern, aus dessen Hand nie jemand fällt. Ich übe das Hören, das betende Hören. Ich übe das Klagen und Aussprechen all dessen, was mich bedrückt. Ich übe das Sehen all dessen, was gut und lebendig ist. Ich übe das Danken.

»Sättige uns am Morgen mit deiner Huld! Dann wollen wir jubeln und uns freuen all unsre Tage.« betet der Psalmist (Ps 90). »Blinde führe ich auf Wegen, die sie nicht kennen, auf unbekannten Pfaden lasse ich sie wandern.« verkündet der Prophet (Jes 42, 16).

Wir sind nicht allein in dieser Exerzitienzeit. Üben wir mit denen, die vor uns waren und neben uns sind! Füllen wir die Quarantänezeit mit dem tiefen Sinn der Fastenzeit: uns tief zu verankern in der Liebe unseres Gottes!  

Rosemarie Monnerjahn, 23. März 2020

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Sehend sein ist nicht sehend leben

Ein sehr gefrusteter Mann sagte zu mir in diesen Tagen: »Durch diese Krise wird Gott uns noch allen die Augen öffnen!« Meine Frage an ihn war: »Und was dann?« Reicht es wirklich, wenn uns die Augen aufgehen? Denn nur weil wir die Probleme, die Möglichkeiten oder die Realitäten sehen, heißt es längst nicht, dass wir handeln werden, damit wir zum Leben kommen. Fragen wir nur den Mann am Straßenrand zwischen Jericho und Jerusalem. Zweimal wurde er in seiner Not gesehen, einmal von einem Priester und ein zweites Mal von einem Levit. Und zweimal lässt Lukas den erschütternden Satz erklingen: »er sah ihn und ging vorüber.«

 

Heute haben wir die Geschichte eines Menschen, der lernt, was er zu tun hat, nachdem Jesus ihm die Augen geöffnet hat. Und das Erste, was er lernen muss, ist  »Ich« zu sagen. Nicht in der selbstbezogenen Art des Egoisten, sondern als Ausdruck seiner menschlichen Würde. Ohne »Ich« sagen zu können, werden wir den Wert, die Würde und den Sinn unseres Lebens verleugnen, auch nachdem sie von Gott gewürdigt und wiederhergestellt werden.

 

Am Anfang der Geschichte unterhalten sich die Jünger mit Jesus darüber, wer die Schuld an der Blindheit dieses Mannes trägt. Während sie diese höchst persönliche Frage besprechen, reden die Jünger nur über den Blinden, und zwar während er vor ihnen sitzt. Aber sie reden nicht mit ihm, sie sprechen ihn nicht direkt an.

 

Nur Jesus tut das. Und erst dann wird der Blindgeborene heil, erst dann kann er sehen. Denn Jesus erkennt hier eine ewige Gefahr für seine Menschen, nämlich die Tendenz, über andere Menschen zu reden, aber nicht mit ihnen. Alle Heilung, alle Lösungen unserer Probleme und die Chance, wieder Durchblick und Weitblick zurückzugewinnen, fangen damit an, dass wir mit Menschen reden, sie ansprechen und einen Dialog anfangen. In der Anonymität wird keiner heil.

 

Redet miteinander! Das ist aber gar nicht so einfach, besonders  wenn wir es gewohnt sind, über die anderen zu reden. Johannes macht es klar in der nächsten Szene. Nachdem der Mann von seiner Blindheit geheilt ist, fangen die Nachbarn an, über ihn zu reden. Keiner kommt auf die Idee, mit ihm zu sprechen.

 

Das darauffolgende Gespräch bezieht sich dann auf den Urheber seiner Heilung und wo er zu finden sei, aber keiner geht auf den Mann und seine Erfahrung ein. Keiner fragt ihn, wie es ihm dabei geht, was er empfindet, was sich in ihm regt. Und keiner gratuliert ihm zur Heilung. Und das noch bei religiösen Menschen, wo Dankbarkeit für Leben und Heil vorprogrammiert ist. Auch gibt es keinen in Geschichte, der Gott lobt oder dankt für diese Heilung.

 

Während die Nachbarn intensiv über ihn diskutieren, muss er zum ersten Mal sich melden: Ich bin es! Zum ersten Mal muss er seine Stimme finden und erheben. Er muss sich zu Wort melden. Er muss seine Erfahrung selbst deuten und dazu stehen. Auch wir müssen  zu dem stehen, was wir erlebt haben, zu unserer Erfahrung und zu dem, was wir von Gott her sind, und das sehr oft vor der Oberflächlichkeit unserer Mitmenschen. Wenn die Augen uns aufgehen in dieser Zeit der Corona Krise, wird es uns nichts nutzen, wenn wir einfach Mitläufer der panischen Menge werden. Während andere panisch schwätzen, sind wir aufgerufen zu sagen, was wir erleben, erfahren, spüren und fühlen.

 

Dann bringen sie den Blinden zu den Pharisäern. Wieder merken wir dieselbe Tendenz: Sie reden entweder über ihn (»dieser Mensch«) oder über die Sache (die Heilung). Aber sie reden nicht zu und mit dem Mann, der vor ihnen steht. Die Gefahr ist klar: Über die Sache zu reden und es dabei lassen. Die Gefahr ist, dass wir nicht mit den Menschen, die von der Sache betroffen sind, sprechen. Wir reden im Augenblick über einen Virus, die Infektionsraten, die Kurve, Quarantäne, und Toilettenpapier. Aber wir hören wenige persönliche Geschichten von den Menschen, die betroffen sind hinter diesen anonymen Zahlen und Fakten. Von Krankenschwestern, die nach 48 Stunden Dienst kein Gemüse und Obst kaufen können, weil die Gesunden Hamsterkäufe machen. Von Menschen, die ihre verstorbenen Geliebten nicht beerdigen können und keine Orte haben, um zu trauern. Von all jenen Menschen, die von der erzwungenen Ruhe, über die wir uns beschweren, nur träumen können, weil sie ununterbrochen arbeiten müssen, um uns sicher, geschützt und versorgt zu halten.

 

Dann werden die Eltern gerufen. Sie weigern sich, über den blinden Sohn  zu reden. »Er ist alt genug, fragt doch ihn selbst.«  Sie sind zwar motiviert von Angst, aber sie haben ganz recht. Der Sohn muss erwachsen werden und dazu gehört, für sich selbst zu sprechen. Und das tut er auch, immer stärker, immer bewusster, bis er am Ende der Geschichte sagen kann. »Herr, ich glaube.« Es ist die Geschichte eines Mannes, der zu seiner eigene Stimme findet. Er hört auf, das Thema des Gespräches zu sein und wird zum Sprecher, der andere Menschen anspricht. Es ist seine Geschichte.

 

In einer weltweiten Krise der Pandemie fällt es immer häufiger auf, wie schnell verallgemeinernd und vereinnahmend gesprochen wird: was »die Menschen« denken oder fühlen. Unsere Aufgabe ist es, unsere eigene Stimme zu finden in dieser augeneröffnenden Zeit. Wir sind als befreite mündige Menschen in der Lage, selbst zu sprechen über das, was Gott, das Leben und die Krise in uns bewirkt haben. Meine ganz persönliche Geschichte besteht aus deutlich mehr als aus der Angst dieses Augenblickes: In mir sind Erzählungen Gottes und Erfahrungen des Glaubens. In mir sind Geschichten der Heilung und der Freiheit. Gemeinschaft und Sendung sind immer noch meine Geschichte in Zeiten der »social distancing«. Gabriel Garcia Márquez schrieb einen großartigen Roman mit dem Titel »Die Liebe in den Zeiten der Cholera«. Welche Geschichten werden wir erzählen nach unserer Zeit des Corona Virus?

 

Wie der geheilte Mann entdecken wir unsere wahre, tiefste Überzeugung in der Konfrontation. Erst wenn wir mit anderen Menschen, anderen Meinungen und anderen Überzeugungen konfrontiert sind, kommen die Fragen unserer Überzeugung hoch. Sage ich etwas? Was ist mir wichtig genug, ja heilig genug, dass ich meine Meinung sage, anstatt mich im Schweigen zu verstecken? Solche Begegnungen und Gespräche machen Augenblicke der Verwirrung und des Widerstandes durch, wenn ich entdecke, dass andere nicht mein Selbstbild oder meine Meinung teilen oder akzeptieren. Das, jedoch, ist die Aufgabe, wenn ich jemand werden will.

 

Jesus öffnet uns die Augen. Die Stimme müssen wir selbst finden und erheben. Aber es muss nicht so kommen. Hoffentlich wird nicht von uns nachher geschrieben werden: »sie sahen, und gingen vorüber«.

 

 ERIK RIECHERS SAC

Vallendar, den 22. März 2020, 4. Fastensonntag 2020

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Die Kunst des Gespräches - Jesus und die Frau am Brunnen

Die Geschichte der Samariterin am Brunnen ist unter anderem eine Erzählung über die hohe Kunst der Unterhaltung.

John O’Donohue schreibt:

»Du musst dich fragen, ‘Wann war das letzte Mal, dass du eine großartige Unterhaltung hattest? ‘ Eine Unterhaltung, die nicht nur zwei überkreuzende Monologe war, was in dieser Kultur oft schon als Unterhaltung gilt. Aber wann hattest du eine großartige Unterhaltung, in der du dich selbst dabei ertappt hast Dinge zu sagen, die du überhaupt nicht gewusst hast, dass du sie weißt? Wo du hörtest, wie du von einem Anderen Worte empfangen hast, die zwingend Orte in dir gefunden haben, die du als verloren schon abgeschrieben hattest? Eine Unterhaltung, die euch beiden auf eine andere Ebene gehoben hat und die danach wochenlang in deinen Gedanken sich singend fortgesetzt hat?«

 

I. Worüber will sich die Frau am Brunnen unterhalten? Worum bittet sie?

 

Grundsätzlich will sie über zu wenig sprechen und auch zu wenig erbitten. Sie erwartet zu wenig vom Gespräch, weil sie auch zu wenig vom Leben erwartet. Ihr geht es am Anfang mehr oder minder darum, dass Jesus sie einfach in Ruhe lässt. Das Letzte, was sie gerade gebrauchen kann, ist die lästige Störung dieses Mannes. Sie möchte ein ungestörtes Leben führen. Sie sucht Wasser, nicht eine Begegnung und sicherlich nicht eine Beziehung.

 

Und damit begegnen wir einem klassischen Problem aller Unterhaltung: Wie kommen wir miteinander ins Gespräch, wenn einer nicht mit uns reden möchte?

 

Worüber will die Frau am Brunnen sich unterhalten? Worum bittet sie?

 

Für sie dreht sich die Unterhaltung um sofortige und praktische Ergebnisse. »Herr, gib mir dieses Wasser, damit ich keinen Durst mehr habe und nicht mehr hierher kommen muss, um Wasser zu schöpfen.« Sie ist pragmatisch, will hier und jetzt die Lösung. Ihr geht es erstmals um sofortige Erleichterung, sofortige Befriedigung. Das große Bild hält erstmal keinen Reiz für sie. Die langfristige Perspektive interessiert sie nicht. Die Tatsache, dass der Messias mal kommen wird, ist für sie kein Problem. Das ist eher etwas für die ferne Zukunft und keine unmittelbare Sorge.

 

Auch hier begegnen wir einem klassischen Problem für eine gute Unterhaltung. Wenn es immer nur um sofortige, pragmatische Lösungsthemen geht, dann wird das Gespräch immer oberflächlich bleiben.

 

Im Grunde genommen dreht sich ihr ganzes Leben um die Füllung ihres Kruges. Sie will den Krug füllen und das ist ihre Besessenheit, ihre einzige Sorge, ihr einziges Ziel. Wenn sie diesen Krug füllen kann, mühelos und schnell, dann könnte sie nach Hause gehen und alles wäre gut. Es ist ihre tiefste Überzeugung, dass sie glücklich wäre, wenn der Krug voll wäre, aber die ganze Unterhaltung beweist ja, dass es  nicht stimmt. Sie wird mit einem vollen Krug zurückkehren zu einem Dorf, in dem sie ausgegrenzt und verschmäht wird, zu einer Reihe gescheiterter Beziehungen, die sie nicht erfüllen konnte.

 

Hier erleben wir das schmerzhafte Problem aller guten Unterhaltung, nämlich wenn ein Mensch sein Leben auf ein Thema reduziert, darauf sich fixiert und alles andere als unbedeutend wegfällt.

 

II. Worüber will Jesus sich unterhalten? Was bietet er an?

 

Mehr als die Frau am Jakobsbrunnen will. Für Jesus ist die Unterhaltung ein Angebot der Tiefenlotung.

 

Die Frau aus Samaria will in Ruhe gelassen werden, er bietet ihr eine Begegnung an. Und die Begegnung miteinander ist immer der Geburtsort der Unterhaltung.

 

Seine Gesprächspartnerin will Wasser, um ihren Krug zu füllen, damit sie mit ihrem Alltag weitermachen kann. Jesus aber bietet ihr eine Unterhaltung an, in der er ihr Wasser anbietet, das ihr ein authentisches Leben schenken könnte. Denn die Kunst der großartigen Unterhaltung ist es, auf das wahrhaft Authentische zu schauen und sich nicht mit der Oberfläche zufrieden zu geben.

 

Die Krug-Trägerin will pragmatische Ergebnisse für einen kurzfristigen Gewinn. Jesus bietet ihr eine Unterhaltung an, die ihr langfristigen Sinn anbieten kann. Denn die Kunst der großartigen Unterhaltung setzt auf die Langstrecke und nicht die Abkürzungen des Pragmatismus.

 

Die penetrante Fragestellerin bittet um Linderung eines Durstes, der die Zunge austrocknet und im Hals brennt. Jesus bietet ihr die Linderung eines Durstes, der an anderen Orten als im Mund wütet und der ein ausgedorrtes Herz zurück lässt und nicht nur rissige Lippen. Denn die Kunst der großartigen Unterhaltung möchte die tiefen Regionen berühren, wo Leben schlummert.

 

Die Brunnen-Besucherin  bittet um sofortige Befriedigung. Jesus bietet ihr eine Unterhaltung an, in der es um die Fülle des Lebens geht. Sie lebt auf der falschen Seite des Kommas: »Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben, und es in Fülle haben.« In ihren fünf Ehen suchte sie fünf Mal eine sofortige Befriedigung, und doch bleibt sie zutiefst rastlos, unerfüllt, unbefriedigt und, am Ende, immer wieder alleine zurück. Die Unterhaltung, die Jesus wagt, bietet ihr die Fülle des Lebens an und nicht nur Endergebnisse und fertige Produkte. Denn die Kunst der großartigen Unterhaltung besteht darin, die Sehnsucht eines Menschenherzens nicht mit Unzufriedenheit zu verwechseln.

 

Das Angebot Jesu ist das Angebot der großartigen Unterhaltung mit Gott, der uns eine ganze Welt anbietet über die engen Räume unserer Krüge. In ihrer zwanghaften Besessenheit, diesen Krug zu füllen, hat sie eine Fülle des Sinnvollen verpasst, die ein so kleiner Behälter gar nicht umfassen kann. Was sie und uns glücklich machen und erfüllen kann, passt nicht in die kleinen Krüge, die wir mitgebracht haben, und darum lässt Gott es nicht zu, dass die kleinen Krüge zum alleinigen Thema unserer Unterhaltung werden.

 

 

III. Das Land und seine Menschen sind in Krise. Wie die Frau am Brunnen versuchen wir, irgendwie im Alltag weiterzumachen, so gut es geht. Aber, wenn die Stunde des Brunnens kommt, und sie ist gerade da, worüber werden wir uns unterhalten?

 

Die Kunst der großartigen Unterhaltung mit Gott ist eine Hebammenkunst. Sie hilft uns Menschen, das zurückzuholen, was uns verloren gegangen ist. Sie weckt uns und begleitet uns nach Hause zu der grundlegenden Fülle und Tiefe, für die wir geschaffen worden sind. Die Idee ist es, nicht nur schnelle, oberflächliche Antworten anzubieten. Die Stunde der Krise verlangt mehr von uns als nur die Schifflein der Sehnsucht in einen sicheren, tristen, geschützten Hafen zu führen. Die Kunst der großartigen Unterhaltung mit Gott möchte uns die Tiefen der Möglichkeiten in unseren Herzen und Leben bewusst machen. Sie will die Barrieren abbauen, die uns davon abhalten, das zu sein, was wir von Gott her sind.

 

Worüber werden wir uns unterhalten?

 

Über lebendiges Wasser oder begnügen wir uns mit dem endlosen gesellschaftlichen Geschnatter über verwässertes Leben? 

 

Werden wir uns über die Fragen der Fülle und des Sinnvollen unterhalten oder uns abgeben mit dem panischen Geschwätz des Augenblickes?

 

Können wir uns unterhalten über die Herausforderungen der Stunde und was sie uns abverlangen:

Teilen statt horten.

Schutz für die Schwachen und Gefährdeten statt auf eigenen Rechten zu bestehen.

Eine Konzentration auf das Wesentliche statt das Festhalten von nebensächlichen Ablenkungen.

Solidarität statt Selbstbezogenheit.

Einschränkung anzunehmen, damit auch andere leben können.

Trost und Ermutigung zu vermitteln statt Panik zu schüren.

Hilfsbereitschaft statt Ausbeutung der Situation.

 

Nicht nur Jesus, auch die Frau aus Samaria lebte die Kunst der großartigen Unterhaltung. Sie geht auf jede angebotene Vertiefung ein. Sie verbindet das Neue des Gespräches immer mit ihrer Situation und existentiellen Not. Sie stellt sich, zeigt sich. Sie wagt die Unterhaltung und weicht nicht aus.

 

Möge Jesus so großartige Gesprächspartner in uns finden wie er sie gefunden hat in dieser außergewöhnlichen Frau aus Samaria.

 

Erik Riechers SAC

Vallendar, den 15. März 2020, 3. Fastensonntag 2020